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Für ein Ignorieren der „Gespräche über Wichtiges“ wird man bestrafen


Das Thema der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine bleibe im Programm der Unterrichtsstunden „Gespräche über Wichtiges“, erklärte Bildungsminister Sergej Krawzow. Mit Beginn des neuen Schuljahres erfolgen in allen Schulen des Landes jeden Montag „Gespräche über Wichtiges“. Die Hauptthemen stehen mit Schlüsselaspekten des Lebens der Menschen im heutigen Russland zusammen.

Die „Gespräche über Wichtiges“ sind eine Initiative, über die man im April dieses Jahres zu reden begonnen hatte. Damals hatte der Bildungsminister der Russischen Föderation, Sergej Krawzow, erklärt, dass die „Geschichtsausbildung“ in den Schulen ab der ersten Klasse erfolgen werde. Später hat sich herausgestellt, dass man sich für die Erstklässler kein neues Unterrichtsfach ausdenken werde, aber Geschichte werde doch „im Rahmen der bestehenden Lehrpläne und der außerunterrichtlichen Tätigkeit“ studiert bzw. behandelt werden.

Und weiter folgten neue Erläuterungen: Außerunterrichtliche Stunden, die Russland, dessen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gewidmet sind, werden nicht nur in der Unterstufe (mit der Grundschule vergleichbar – Anmerkung der Redaktion) eingeführt, sondern generell in allen Klassen der russischen Schulen – ab der 1. bis 11. Sie werden zu einem Teil der Informations- und Erziehungsarbeit werden, die auf eine Entwicklung und Stärkung von Patriotismus ausgerichtet ist.

Bildungsminister Sergej Krawzow beschrieb in einem Interview der russischen staatlichen Nachrichtenagentur TASS mögliche Themen der „Gespräche über Wichtiges“ so: „Ereignisse, Menschen, deren Taten und Ideen – all dies kann zu einem Gegenstand der Unterhaltungen werden…“. Er unterstrich auch, dass das empfohlene Format der „Gespräche über Wichtiges“ keine Lektion sei, sondern eine Diskussion.

Eine gesonderte Arbeit wird mit den Klassenlehrern durchgeführt. Ihnen bringt man bei, wie man mit den Kindern den Dialog bei den „Gesprächen über Wichtiges“ zu führen hat. Für vieles ist es recht schwierig und ungewohnt, von der monologischen Form der Kommunikation mit den Schülern zu einer Dialog-Form überzugehen. Als ein Nebenergebnis werden bei dieser Unterrichtsstunde Fähigkeiten zum Sprechen, zum Anstellen von Überlegungen und Fällen von Urteilen sowie für eine logische Formulierung von Aussagen entwickelt. Den Kindern wird man Rhetorik und das Finden von Kompromissen in Streitfällen beibringen.

Für die „Gespräche über Wichtiges“ wird man den Schülern keine Bewertungen geben, jedoch ist ein Ignorieren dieser Unterrichtsstunden unzulässig. So wird ein unbegründetes Fernbleiben dem Schwänzen einer gewöhnlichen Unterrichtsstunde gleichgestellt. Die Sache ist die, wie man im Pressedienst des Bildungsministeriums erläuterte, dass „entsprechend dem Föderalen staatlichen Ausbildungsstandard die außerunterrichtliche Tätigkeit ein obligatorischer Teil des Ausbildungsprogramms ist“.

Der „NG“ präzsierte man im Pressedienst des Bildungsministeriums einige Aspekte des neuen Formats für die Kommunikation der Lehrer und Schüler. Entspricht unter anderem die Durchführung der „Gespräche über Wichtiges“ den Hygienenormen und -regeln (russisch: SanPiN)? „Ja, sie entspricht ihnen“, bekräftigte man im Pressedienst. „Die SanPiN sehen bis zu zehn Stunden für eine außerunterrichtliche Tätigkeit in der Woche vor. Empfohlen wird, die Unterrichtsstunden als erste Wochenstunde montags durchzuführen. Durch die methodischen Empfehlungen sind keine Hausaufgaben bei den „Gesprächen über Wichtiges“ vorgesehen“.

Wenn man sich diese methodischen Materialien zur Unterrichtsstunde „Gespräche über Wichtiges“ anschaut, so empfehlen sie die folgenden Themen für September und Oktober: „Tag des Wissens“ und „Der 165. Geburtstag von Ziolkowski“ (Konstantin Ziolkowski war der Begründer der modernen Kosmonautik und gilt als einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet. – Anmerkung der Redaktion). Unter denen, die noch nicht absolviert worden sind: „Tag der betagten Menschen“, „Tag des Lehrers“, „Tag des Vaters“. Ein Plan für die Themen ist bisher bis einschließlich November vorgelegt worden. In den Dokumenten ist nach wie vor ausgewiesen worden, dass dies ein Zyklus außerunterrichtlicher Lehrstunden sei. Und bisher wird über keinerlei anderen Status der „Gespräche über Wichtiges“ berichtet. Ja, und das Thema von der sogenannten militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine wird nicht nur bei diesen „außerunterrichtlichen Lehrstunden“ vorkommen, sondern auch bei den Einheitlichen staatlichen Prüfungen. Freilich wird diese Neuerung nur eingeführt werden, nachdem die entsprechenden neuen Geschichtslehrbücher vorliegen.

Übrigens, die Internetunternehmen Skillbox und VK haben Eltern befragt, welche zusätzlichen Lehrfächer sie gern in der Schule für ihre Kinder sehen möchten. Unter den vorrangigen sind Finanzkenntnisse, Programmieren und Psychologie. Und 73 Prozent der Befragten sind sich sicher, dass die heutige Schule eine Berufsorientierung vermitteln müsse.

Derweil hat die Staatsduma, das Unterhaus des russischen Parlaments, in zweiter und gleich auch in dritter (und damit abschließender) Lesung Änderungen am Bildungsgesetz verabschiedet, die im ganzen Land einheitliche Ausbildungsprogramm einführen. Ab 1. September 2023 werden sie in allen Schulen des Landes implementiert – darunter auch in privaten. Für die Umsetzung dieses Gesetzes werden im Rahmen eines staatlichen Auftrags neue Lehrbücher, darunter auch zur Geschichte verfasst.

Allem nach zu urteilen, wird „Geschichte“ zur Grundlage der patriotischen Erziehung. Heute hat man begonnen, auf dieses Unterrichtsfach anders zu sehen, gestehen selbst Lehrer ein. Während früher die Geschichtsunterrichtsstunden wichtige Faktoren für eine allgemeine kulturelle Entwicklung der Schüler waren, so sind sie jetzt auch in der Erziehungsarbeit ein bedeutsames Element. Zur gleichen Zeit wird es bereits unmöglich sein, sich den Erziehungsprozess in der Schule ohne eine Arbeit mit historischen Fakten vorzustellen. Zumindest gerade zu solch einer Interpretation ruft man die Lehrer auf.

Vorgenommen werden auch Änderungen an der Ausbildung der Geschichtslehrer. In den neuen Studienplänen der Hochschulen wird die Konzeption vom „Kern der pädagogischen Ausbildung“ realisiert. Solch eine Konzeption erlaubt, eine „einheitliche Herangehensweise an den Inhalt der praktischen, methodischen, psychologisch-pädagogischen und fachlichen Ausbildung eines Pädagogen in allen Hochschulen des Landes“ zu sichern.

In den Schulen werden ebenfalls ein für eine Umsetzung obligatorisches föderales Arbeitsprogramm für die Erziehung und ein föderaler Kalenderplan für die Erziehungsarbeit eingeführt. Und alle für die Schulen bestimmten Lehrbücher und Unterrichtshilfen werden nunmehr über einen staatlichen Auftrag ausgearbeitet. Den löst das Bildungsministerium aus. Und dies bestätigt auch die Autorenteams für die Lehrbücher. Und die ausschließlichen Rechte für sie werden der Russischen Föderation gehören.

Ein Austausch der alten Lehrbücher gegen neue wird schrittweise erfolgen. Laut einer Erklärung des Bildungsministeriums wird man die Lehrbücher, die mit Stand vom 31. Dezember 2022 zum föderalen Verzeichnis gehören, noch weitere fünf Jahre nutzen können. So lange gelten die Expertengutachten für sie.

 

Post Scriptum

Im Zusammenhang mit den „Gesprächen über Wichtiges“ ist in den letzten Tagen vermehrt die Befürchtung zu hören, dass diese Unterrichtsstunden auch für mögliche Denunziationen genutzt werden könnten. Befeuert wurden diese Ängste durch den Vorschlag von Maria Butina, die für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Staatsduma als Abgeordnete sitzt, ein Profiling in den Schulen einzuführen. Dabei sollten die Schüler und deren Äußerungen genauer unter die Lupe genommen, die andere Positionen als die offiziellen einnehmen. Dass man dabei letztlich aber gerade deren Eltern ins Visier nehmen will, liegt auf der Hand. Die in den USA als „ausländische Agentin“ entlarvte (sie hatte dort ihren Status nicht deutlich gemacht bzw. offiziell registrieren lassen) und zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilte 33jährige Butina dementierte vehement die Vorwürfe, dass ihr Vorschlag gerade Denunziationen seitens der Lehrer stimulieren solle. Es gehe ihr lediglich darum, rechtzeitig terroristische Gefahren zu erkennen.