Der Optimismus von Politikern der Europäischen Union hinsichtlich eines baldigen Verzichts auf russisches Erdgas wird allmählich durch einen begründeten Zweifel abgelöst. Darüber sprechen und schreiben bereits offen Massenmedien. Europa riskiert, mit den seit den letzten 15 Jahren geringsten Gasvorräten in den Speichern in die kommende Heizsaison zu kommen. Dies könne zu einem Ansteigen der Preise für die Unternehmen und Haushalte im Winter führen, meinen Analytiker des Unternehmens Wood Mackenzie.
Laut deren Prognosen würden bis zum Ende der Saison des Auffüllens der Gasreserven, die vom April bis einschließlich Oktober andauert, die Speicher der EU nur zu 76 Prozent aufgefüllt werden. Dies ist der geringste Wert seit 2011. Eine der Hauptursachen für den Mangel des Rohstoffs ist der Konflikt zwischen den USA und dem Iran, der die Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (LNG) durch die Straße von Hormus unterbrach, aber auch der Rückgang der Förderung in Qatar und den VAE. Die Situation verschlimmert auch das ab 1. Januar 2027 geplante vollständige Verbot der EU für den Import russischen LNG, auf das derzeit 14 Prozent der Lieferungen für Europa fallen.
Das Blatt „Financial Times“ zitierte die Meinung des Direktors des spanischen Hafens Bilbao Ivan Jiménez Aira. Er ist der Auffassung, dass die EU die Einführung des Verbots für den Import von LNG aus Russlands verschieben müsse, da ein Risiko hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Lieferungen und eines zu starken Abhängig-Werdens von amerikanischem LNG bestehe. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres hat der Anteil russischen LNG an den Lieferungen zum Hafen Bilbao bis auf 59 Prozent zugenommen, und der Anteil des amerikanischen verringerte sich bis auf 40 Prozent. Jiménez betonte, dass LNG aus Russland üblicherweise billiger als das aus den USA sei.
Beunruhigung zeigt sich in Reden europäischer Politiker. Unter anderem erklärte die deutsche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche, dass ab Beginn des Jahres 2027 ein Erwerb von Erdgas für die nationale strategische Reserve beginnen werde, die 24 Terawattstunden (2,3 Milliarden Kubikmeter) oder 9,6 Prozent des Gesamtumfangs der Kapazitäten der deutschen Untergrundgasspeicher (UGS) ausmacht. Die dafür erforderlichen Gesetze sollen bis zum Jahresende verabschiedet werden.
Der Zusammenschluss von Betreibern deutscher Gas- und Wasserstoffspeicher INES (Initiative Energien Speichern) begrüßte die Entscheidung der Bundesregierung über das Anlegen einer strategischen Gasreserve, empfahl aber, dass sie 78 Terawattstunden (7,38 Milliarden Kubikmeter) ausmachen sollte. Solch eine Menge könne nach INES-Schätzungen helfen, mit den erheblichen Störungen bei den Lieferungen und die Spitzenverbrauchszeiten im Winter fertig zu werden.
Die Besorgnis der deutschen Politiker ist durchaus begründet. Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist bei Weitem nicht in der besten Form. Im ersten Halbjahr 2026 mussten in Deutschland 12.700 Unternehmen das Handtuch werfen, wurden insolvent. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat die Zahl der Insolvenzen um 7,8 Prozent zugenommen und markierte seit 2013 einen neuen Rekord. Nach Schätzungen der Unternehmensgruppe Creditreform, die als eine Wirtschaftsauskunftei agiert, haben die Verluste aufgrund der Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 28,5 Milliarden Euro ausgemacht. In Gefahr geraten sind 165.000 Arbeitsplätze.
Charakteristisch ist, dass die Gaslieferanten die europäische Energie-Politik kritisieren. Der Generalsekretär des Forums der Gas-Exportländer (Gas Exporting Countries Forum — GECF) Philip Mshelbila (aus Nigeria – Anmerkung der Redaktion) betonte, dass, obgleich der Umweltschutz eine der Prioritäten sei, die EU keine Regeln für die ganze Welt einführen und die Exporteure aufgrund der Methan-Emissionen bestrafen könne, denn die Schaffung einer „eigenen Klima-Blase“ sei eine unrealistische Idee. Nach Meinung des GECF-Vorsitzenden müssten die Einführung der neuen Regeln verschoben und realistische Kriterien für die Bewertung der Emissionen festgelegt werden.
Ende Juni warnten die USA und Qatar die EU erneut vor einer möglichen Unterbrechung der Gaslieferungen für den europäischen Markt aufgrund des Inkrafttretens neuer Regeln zur Regulierung der Methan-Emissionen ab 2027. In ihnen ist die Forderung an die ausländischen Lieferanten von Erdgas an die EU formuliert worden, die Methan-Emissionen zu verringern und diese Verringerung zu verifizieren. Die Energieminister der USA, von Qatar, Algerien und Nigeria sandte einen Brief nach Brüssel, in dem sie das Nichtbestehen einer realen Möglichkeit, den neuen Regeln zu entsprechen, betonten. Daher würden die Unternehmen keine Verträge abschließen, da sie von vornherein begreifen, dass sie damit gegen die EU-Gesetzgebung verstoßen. US-Energieminister Chris Wright erklärte: „Ohne eine signifikante Reform des Gesetzes wird dies Europa einen ernsthaften Schmerz zufügen, den es nicht braucht. Dies ist kein Schüren des Konflikts. Unsere Energie wird weiter kommen. Sie wird einfach noch irgendwohin gehen“.
Die Offiziellen Deutschlands haben sich den Kritikern des neuen EU-Gesetzes über eine Regulierung der Methan-Emissionen angeschlossen, wobei sie betonten, dass es die Lieferungen von LNG und Erdölprodukten nach Europa negativ beeinflussen könne. Die deutsche zuständige Bundesministerin Katherina Reiche signalisierte die Notwendigkeit, zumindest die Inkraftsetzung solch einer Regulierung zu verschieben oder auszusetzen.
Zur gleichen Zeit hat die enorme Hitzewelle in Europa zu einer Verringerung der Stromerzeugung durch die Kernkraftwerke geführt. Denn sie brauchen Wasser für eine Kühlung der Reaktoren. Die Zunahme der Wassertemperatur in den Flüsse behindert dies aber. Die Stromerzeugung durch Windkraftanlagen in Europa bleibt gleichfalls auf einem geringen Stand. Laut Angaben des Services WindEurope entfielen am 29. Juni 2026 auf den Anteil des durch Windkraftanlagen erzeugten Stroms ganze 10,3 Prozent der Nachfrage in Europa. Anfang Juli deckten sie laut Informationen des gleichen Services im Durchschnitt 16 Prozent des Bedarfs, was immerhin doch mehr ist als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres (etwa 12 Prozent). Aufgrund der Hitze ist im Juni auch die Stromerzeugung durch die europäischen Wasserkraftwerke um 13 Prozent im Vergleich zum Wert des vergangenen Jahres zurückgegangen.
Vor diesem Hintergrund hat der norwegische Konzern Equinor das Ziel einer Erweiterung seines Portfolios für die Stromerzeugung auf der Basis erneuerbarer Energiequellen bis auf 10-12 Gigawatt bis zum Jahr 2030 aufgegeben und die Pläne für Investitionen in die kohlenstoffarme Energie (Low-Carbon Power) und Stromerzeugung um 50 Prozent zurückgeschraubt. Im Zeitraum bis 2030 plant Equinor Kapitalaufwendungen im Umfang von 11 bis 13 Milliarden Dollar im Jahr. Aus dieser Summe werden 60 Prozent für die Förderung von Öl und Gas auf dem norwegischen Kontinentalschelf eingesetzt, 30 Prozent für Projekte zur Erkundung und Förderung von Kohlenwasserstoffen im Ausland und zehn Prozent für die Stromerzeugung.
Seinerseits erhöht China unablässig den Erwerb russischen Gases. Laut Angaben der Zollhauptverwaltung der Volksrepublik China ist im Zeitraum Januar-Mai der Import von russischem LNG um 27,96 Prozent bis auf 2,737 Millionen Tonnen angestiegen. Dabei ist die Gasförderung in China im Mai um 2,2 Prozent im Vergleich des Vorjahres zurückgegangen und machte 21,7 Milliarden Kubikmeter aus. Dies ist der erste Rückgang der Monatsgasförderung in der Volksrepublik China seit März 2018.
Es kann erwartet werden, dass immer mehr europäische Politiker ihre Haltung zu Gaslieferungen aus Russland ändern werden. Andernfalls werden sie einfach die Macht verlieren. In der Bundesrepublik Deutschland nimmt unablässig die Popularität der Partei „Alternative für Deutschland“ zu, deren Spitzenkräfte für eine Wiederaufnahme des Kaufs russischer Energieressourcen plädieren. Laut aktuellsten Umfragezahlen hat die AfD in allen Bundesländern zugelegt. Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, käme die Partei auf 29 Prozent. Sie legt damit gegenüber der Vorwoche um einen Prozentpunkt zu, weist die aktuelle Insa-Sonntagsfrage für „Bild am Sonntag“ aus. Derweil rutschen die regierenden Christdemokraten weiter ab und erreichten mit 21 Prozent einen neuen Minus-Rekord seit den letzten vier Jahren.