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Gebote des Protests


Nach den offiziellen Vertretern des Staates hat der Vorsitzende der Abteilung für Auslandskirchenverbindungen der Russischen orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion (Alfejew), erklärt, dass eine Involvierung von Halbwüchsigen in Protestaktion unzulässig sei. Gleichzeitig konstatierte der Hierarch das Bestehen sozialer Probleme und von Korruption in den Machtorganen. Verurteilt die Kirche den Protest oder macht sie sich einfach Sorgen um die Kinder? In der gegenwärtigen politischen Situation ist die Position der Kleriker nicht so einfach, wie es scheint.

Die Mannigfaltigkeit der russischen Gesellschaft findet wie in einem Spiegel eine Reflexion im Kirchenmilieu. Die politischen Turbulenzen haben nicht nur die Fähigkeit einzelner christlicher Vertreter offenbart, frei und zu sprechen, sondern auch gezeigt, dass sich die religiöse Welt nicht weniger für eine Verteidigung und den Schutz demokratischer Werte engagiert. Und in dem einen oder anderen auch mutiger als die Gesellschaft insgesamt. Am auffälligsten und umfangreichsten haben auf die Proteste, die sich im Land ereigneten, orthodoxe Christen und Protestanten als die zahlenmäßig größten christlichen Konfessionen Russlands reagiert.

Vor den Augen der Russen gibt es Beispiele mehrerer Typen von Protest, die zu Revolutionen geführt haben (wie in der Ukraine und in Kirgisien, Georgien und Armenien), und einen Fall, als die Aktionen gegen die Herrschenden in der einen oder anderen Form niedergeschlagen wurden (Weißrussland). Es ist immer gut, wenn man mit etwas vergleichen und sich auf etwas stützen kann. An allen politischen Veränderungen im postsowjetischen Raum haben der Klerus und die Laien gerade unter religiösen Losungen aktiv teilgenommen. Weder der Kampf von Clans, der für Zentralasien charakteristisch ist, noch die ideologische Spaltung in der ukrainischen Gesellschaft haben nichts Analoges in Russland. Die Herrschaft einer orthodoxen Konfession mit starken Gruppen Andersgläubiger (von Protestanten und Katholiken) eint unser Land mit Weißrussland, wo der Katholizismus freilich einflussreicher als in Russland ist. Die Ähnlich der Situationen besteht darin, dass im russischen Kirchenmilieu die politischen Rollen der religiösen Vertreter genauso wie auch in Weißrussland aufgeteilt worden sind. Im Verlauf des Protests und dessen sanften oder harten Kupierens seitens der Strukturen der Rechtsschutzorgane wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, den man als „Revolution der Barmherzigkeit“ bezeichnen kann. Da kann nicht der Klerus nicht von einem Mitgefühl sprechen, doch jegliche Erklärung über Barmherzigkeit richtet sich gegen die herrschenden Offiziellen und diskreditiert sie. Der Unterschied der Situationen in beiden Ländern besteht im raffinierteren politischen Bewusstsein der russischen Kirchenvertreter und im starken Kontrast ihrer Position zur offiziellen Propaganda.

Zu einer Offenbarung wurde der Auftritt des Oberpriesters Maxim Koslow, des Leiters des Lehrkomitees der Russischen orthodoxen Kirche (wichtig ist, dass er nicht einfach ein Geistlicher ist, sondern einer der höchsten Funktionäre der Patriarchie), in einer Sendung des Fernsehkanals „Spas“ („Der Erlöser“) am 27. Januar mit einer Kritik an der politischen Situation im Land vor dem Hintergrund der nichtsanktionierten Aktionen (mit der Forderung nach einer Freilassung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny – Anmerkung der Redaktion). Koslow unterstrich, dass die russische Gesellschaft bei weitem nicht monolithisch sei, wie die Herrschenden denken würden, dass alle die alten Führer der Duma-Parteien satt hätten, dass die Menschen den Moment der Euphorie nach der Rückkehr der Krim (in den Schoß Russlands) hinter sich gelassen hätten. Doch es gebe bereits keine solche Empfindung von einer „großen Wahrheit“ mehr. Seinen Worten zufolge habe die Jugend keinerlei Projekt für die Zukunft, die offiziellen Massenmedien würden nichts lehren, die jungen Menschen, die Halbwüchsigen würden denken: „Und jetzt, alles wird genauso bis zum Jahr 2036 bleiben, weder vor noch zurück?“. Der Geistliche artikulierte klar den christlichen Standpunkt: Die Kirche, die aus Gemeinden aktiver Bürger besteht, ist für die Vertreter aller politischen Kräfte offen und weist keinen ab.

Patriarch Kirill hatte darüber das letzte Mal Anfang des Jahres 2012 in einem großen Weihnachtsinterview gesprochen, noch vor den Tänzen von Pussy Riot in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale, nach denen sich die Patriarchie deutlich dem demokratischen Protest entgegenstellte. Nach dem Jahr 2014 begann sich diese Situation allmählich zu ändern. Die Russische orthodoxe Kirche beteiligte sich nicht an den Propaganda-Shows über die Ukraine. Im Jahr 2019 traten rund 200 Geistliche mit einem offenen Brief auf, in dem sie Gerechtigkeit für die Angeklagten des sogenannten „Moskauer Falls“ (Teilnehmer der Proteste nach den Wahlen zum Moskauer Stadtparlament) forderten. Und im vergangenen Jahr haben mehrere tausend Christen verschiedener Konfessionen einen Brief unterschrieben, um ihre Solidarität mit der weißrussischen Gesellschaft zu bekunden und in dem das Staatsoberhaupt, der brutale Methoden anwendet, als „König Herodes“ bezeichnet wurde. Ohne diese Etappen der Suche nach der „großen Wahrheit“ wäre die jetzige Situation unverständlich und überraschend.

Die Menschen mit demokratischen Anschauungen in der Russischen orthodoxen Kirche zeigen sich in einer recht verschiedenartigen Informationskampagne. Vor dem Hintergrund der Proteste kam es zu charakteristischen Diskussionen, die von einer Polarisierung der Gesellschaft zeugen. Der liberale Theologe Andrej Schischkow trat mit dem Geistlichen Georgij Kotschetkow, dem Seelsorger der mehrere Tausende Mitglieder zählenden Verklärungsbruderschaft, in ein Streitgespräch, nachdem er ihn aufgrund der Äußerung verurteilte, dass ein Christ nicht nur in Form von nichtsanktionierten Meetings gegen das Böse kämpfen könne. Schischkow selbst verglich Kotschetkow mit dem Archimandrit Sawwa Maschuko, einem populären Prediger aus Grodno, den man aufgrund der „Unterstützung der weißrussischen OMON“ verurteilte (tatsächlich hatte Maschuko gesagt, dass sowohl die Vertreter der bewaffneten Organe als auch die Protestierenden die Kinder von irgendwelchen Menschen seien und man sie nicht schlagen müsse).

Eine ganze Reihe von Vertretern des Klerus bekundete nicht mit den Anführern Solidarität, sondern mit dem Geist des Protests an sich. Beispielsweise hatte der Geistliche der Auferstehungskathedrale von Twer Georgij Belodurow in den sozialen Netzwerken betont, dass „Nawalny abscheulich ist. Aber ihm, dem Geistlichen, „sind die Herrschenden zuwider, die die Bürgerfreiheiten im Land vernichteten“. In diesem Sinn meldeten sich auch der Literaturwissenschaftler Iwan Jesaulow und der Historiker Felix Rasumowskij (seinen Worten zufolge seien wirre Zeiten eine chronische Krankheit der russischen Welt) zu Wort, die im christlichen Milieu großen Einfluss besitzen. Der Mönchspriester Feodorit Sentschukow stellte eine Frage hinsichtlich des Anführers des Protests: „(Jewno) Asef oder (Georgij) Gapon?“. Als ein bekannter Kritiker der Quarantänepolitik der Behörden unterstützte Sentschukow plötzlich den Schriftsteller Sachar Prilepin, der anmerkte, dass diejenigen, die gefordert hatten, die Kirchen aufgrund der Pandemie zu schließen, jetzt massenhaft ohne Schutzmasken auf die Straßen gekommen seien.

Der Mönchspriester Dmitrij (Perschin) hatte ebenfalls aktiv für einen Schutz der bei den Aktionen verprügelten Menschen geschrieben, wobei er betonte, dass in Russland „das weißrussische Szenario der gewaltsamen Grobheit nicht funktionierte“. Er wurde im Jahr 2020 aus Moskau nach Kasachstan geschickt, um dort zu wirken, wahrscheinlich aufgrund der zu aktiven und emotionalen Unterstützung der entsprechend dem „Moskauer Fall“ Verurteilten und anderer Dissidenten (er hatte Gerichtsprozessen beigewohnt). Zur gleichen Zeit hat der Vorsteher der Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Chochly (in Moskau), der Oberpriester Alexij Uminskij, der ebenfalls seine Gemeindemitglieder – Teilnehmer nichtsanktionierter Aktionen – im Gericht unterstützt und eine Reihe politischer Appelle (zum Beispiel an das Volk von Weißrussland) unterzeichnet hatte, in keiner Weise gelitten. Es macht Sinn, eine für die Mehrheit der Intellektuellen und Massenmedien nicht offensichtliche These hervorzuheben, wonach es in der Russischen orthodoxen Kirche keine politischen Repressalien geben würde. Es stellte sich heraus, dass hunderte Geistliche, die die Herrschenden kritisieren, nichts riskieren. Und Metropolit Hilarion (Alfejew) hatte bereits im Jahr 2019 erklärt, dass der Klerus ein Recht auf politische Äußerungen habe.

Als ein markantes Beispiel, das einen Trend des politischen Verhaltens der Kleriker zeigt, dienen die Aktivitäten des Oberpriesters Andrej Winarskij, des Leiters des Diözesengerichts der Birobidschaner Diözese der Russischen orthodoxen Kirche und eines Bloggers (hat Streams auf Instagram). Beginnend seit vergangenem Jahr führt Winarskij Mahnwachen an Gerichten und Polizeistationen durch, kommt auf die Straßen von Chabarowsk, verfolgt, wen man von den Festgenommen weiter einsitzen lässt und wohin brachte und unterstützt sie moralisch. Offene und direkte politische Aufrufe seitens des Geistlichen gibt es nicht, doch man hat ihn bereits 10mal wegen der Teilnahme an unerlaubten Aktionen bestraft. Und er selbst läuft mit einer Mütze mit der Aufschrift „Ich/Wir sind Sergej Furgal“ herum.

Die Reaktion des konservativen Teils der christlich-orthodoxen Öffentlichkeit wird durch Publikationen auf dem Internetportal „Russische Volkslinie“ deutlich, doch auch hier kritisieren die Autoren sowohl den Protest an sich, der „durch den Westen und die Liberalen inspiriert wurde“, als auch die russischen Herrschenden. Bemerkenswert ist, dass vor dem Hintergrund der Vielfalt der Meinungen des Klerus über eine offene Unterstützung der Offiziellen ganz und gar kein Geistlicher sprach, sondern der offizielle Publizist der Patriarchie, der Laie Sergej Chudijew. In seinen Artikeln kommt er der staatlichen propagandistischen Auslegung der Proteste und des Antlitzes ihrer Anführer am nächsten.

Das Schweigen von Patriarch Kirill (man begann, ihn in den sozialen Netzwerken als „Opa aus Peredelkino“ zu bezeichnen) gewährte Raum für eine politische Selbstbestimmung der Geistlichkeit.

Nicht weniger stürmisch als bei den orthodoxen Christen ist die politische Belebung im Protestanten-Milieu. Der Unterschied besteht darin, dass sich die evangelischen Führer klarer nach Liberalen und Loyalisten aufgeteilt haben. Eine kritische Haltung gegenüber den Herrschenden artikulieren der Pastor aus Kemerowo und Vertreter der Pfingstbewegung Andrej Matjuschow (ihn bestrafte man für die Aufrufe, zur Unterstützung von Furgal auf die Straßen zu gehen, und für eine Predigt, in der er die Herrschenden der Korruption bezichtigt hatte), der Baptistenpastor Jurij Sipko (er liebt treffende und scharfe Worte: „Es ist offensichtlich, dass die Sache nicht sauber ist. Wenn sie eine reine wäre, so würde man auf solch einen Palast stolz sein, wie Nebukadnezar stolz war“) und der Jekaterinburger Pastor aus der Pfingstbewegung Viktor Sudakow. Der Pastor der Pfingstbewegung und Blogger Albert Ratkin aus Kaluga interviewte den Politologen Valerij Solowjej und das Mitglied des Menschenrechtszentrums von Petersburg, Grigorij Michnow-Woitenko, einen Teilnehmer der Proteste. Der Sohn von Pastor Ratkin – David – wurde zu zehn Tagen Haft wegen der Teilnahme an den Kalugaer Protestaktionen im Januar verurteilt. Der Baptistenpastor Sergej Stepanow aus Tambow wurde zu einem der Autoren eines Appells an die Herrschenden zum Schutz und zur Verteidigung politischer Häftlinge. Zu Stepanow wie auch zu Matjuschow in Kemerowo kamen Polizeibeamte und warnten vor strafrechtlichen Konsequenzen aufgrund der Teilnahme an Protestaktionen.

Eine loyale Position repräsentiert Pastor Konstantin Subbotin, der Vorsteher der Gemeinde der Evangelisch-lutherischen Kirche von Ingermanland in Tscheboksary. In den sozialen Netzwerken betonte er, dass die Kirche in ihrem Predigen des Evangeliums weitaus revolutionärer sei. Ihr „Schweigen kommt einem Schrei gleich“. Der Pastor der Pfingstbewegung Andrej Dirijenko aus Jaroslawl, der Leiter der Tausende Mitglieder zählenden Kirche Gottes und einer der Führer der großen Pfingstbewegung, lehnte seine Teilnahme an der Organisierung von Protesten ab und skizzierte das Ziel seiner Gemeinde als ein „Beten für die Herrschenden, um ein stilles und sorgloses Leben zu führen“.

Die Tendenz der letzten Jahre zeigt, dass sich die Protestanten – insbesondere ihre offiziellen Strukturen – als weitaus loyaler gegenüber den Herrschenden als die orthodoxen Kleriker erwiesen haben. Dies offenbarte sich auch in der Unterstützung des „Krim-Frühlings“ durch die Vertreter der evangelischen Kirche und bei der Verurteilung des Euro-Maidans, was in der offiziellen Rhetorik der Russischen orthodoxen Kirche nicht zu vernehmen war.

Die Ursachen für das politische Erwachen der religiösen Gemeinschaft hängen teilweise damit zusammen, dass es zu einer generationsbedingten Verschiebung bzw. zu einem entsprechenden Umbruch gekommen ist. Es sind junge Geistliche und Gemeindemitglieder mit ihren Interessen und Hoffnungen in den Vordergrund getreten. Das Gemeindeleben umfasst eine aktive staatsbürgerliche Haltung und ein Sich-stützen auf demokratische Regeln für die Gestaltung der Gemeinde und der Gesellschaft insgesamt – unabhängig davon, was diesbezüglich die Führung denkt. Davon hängt der Erfolg der Mission ab. Schließlich können die Gläubigen nicht ohne ihr „Projekt für die Zukunft“ leben.