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Georgien ist ohne den „Vater des Volkes“ geblieben


In der Sioni-Kathedrale von Tbilissi ist am 22. März ein Mann, eine Epoche, der Katholikos-Patriarch von Ganz Georgien Ilia II. beigesetzt worden (der am 17. März im Alter von 93 Jahren verstorben war – Anmerkung der Redaktion). Hinter der Fassade der feierlichen Reden über den Beitrag des verstorbenen Patriarchen zur geistigen Wiedergeburt Georgiens verbarg sich eine schwierige kirchenpolitische Realität. Die Georgische orthodoxe Kirche (GOK) und zusammen mit ihr auch die ganze georgische Gesellschaft sind möglicherweise vor die möglicherweise schwierigste Entscheidung in der gesamten neuesten Geschichte des Landes gestellt worden.

Ich bin sicher, dass dies nicht nur eine Trauer um den Patriarchen gewesen war, sondern auch eine Trauer der zu Waisen gewordenen Menschen um sich selbst. Dies war ein Aufflammen von Emotionen“, sagt der Politologe und Professor der Grigol-Robakidze-Universität Paata Zakareishvili, der in der Vergangenheit auch ein Altardiener von Patriarch Ilia gewesen war. „Diese Menschen haben plötzlich verspürt, dass sie eine Stütze im Leben verloren haben, dass sie eine Perspektive verloren haben. Ja, in Georgien begreifen jetzt viele, dass eine Epoche zu Ende gegangen ist. Doch dabei beginnt keinerlei neue Epoche“. Nach Aussagen des Politologen sucht ein erheblicher Teil der georgischen Gesellschaft „pathologisch nach der Figur eines Vaters, eines Herrn“. „Daher haben die Menschen, die in den Warteschlangen vor der Sioni-Kathedrale gewartet hatten, in der man vom Patriarchen Abschied genommen hatte, vor allem dadurch gelitten, dass sie mit einem Schlage zu Waisen geworden sind. Unsere Naivität, unsere Infantilität, all dies ist mit einem Male an die Oberfläche gekommen“.

Das Problem Georgiens besteht darin, dass es in den letzten sechs, sieben Jahrhunderten stets irgendwelche Herren hatte, die Osmanen, die Perser, dann das Russische Reich, danach die UdSSR. Und als 1977 Ilia II. zum Patriarchen geworden war, akkumulierte er schrittweise die Hoffnung der Bürger Georgiens auf Freiheit. Und seit jener Zeit stützte sich auf ihn, wie auf einen stählernen Kern die ganze Idee von einem stabilen unabhängigen Land“, urteilt Zakareishvili. Zur gleichen Zeit hätte das Vorhandensein des „starken Patriarchen“ vor dem Hintergrund einer Abfolge endloser politischer Krisen und „schwacher Präsidenten“ nach Meinung des Experten die Georgier in dem Gedanken bestärkt, dass es unmöglich sei, eine freie Gesellschaft mit demokratischen Methoden zu errichten. „Die ganze postsowjetische Zeit haben wir ständig erfolglose Politiker gewählt. Da sich bei uns die Wahl der Menschen im Großen und Ganzen nicht gerechtfertigt hatte, blieb die ganze Hoffnung bei der Entscheidung Gottes“.

Die Liebe und Ehrfurcht vor dem Patriarchen seien möglicherweise unter dem Volke eine massenhafte gewesen, jedoch könne man nicht das Gleiche über die georgischen Politiker sagen, unterstreicht der Experte. „Er hatte viele gereizt und war für viele ein unverständlicher. Hinsichtlich der Politiker hatte er nur mit Swiad Gamsachurdia (Georgiens erster Präsident 1991-1992 — „NG“) eine offene öffentliche Konfrontation gehabt. Aber sowohl Schewardnadse als auch Saakashvili und Ivanishvili haben ihn insgeheim ebenfalls nicht gemocht. Sie alle sahen in ihm einen Konkurrenten. Auf jeden Politiker drückte das über 90 Prozent liegende Rating des Patriarchen, ein Rating, das nicht ein einziger von ihn unter welchen Umständen auch immer zu erreichen vermochte, selbst wenn er 40 Jahre regiert hätte“.

Das Ableben des Patriarchen werde nach Aussagen von Zakareishvili wahrscheinlich eine drastische Umverteilung der politischen Kräfte im Land bedeuten: Die Partei „Georgischer Traum“ jubelt offenkundig. Verschieden ist der Hauptkonkurrent und der einzige Mensch, der sagen konnte, dass die Herrschenden etwas nicht richtig tun, und dem man Gehör geschenkt hätte. Dies ist eine Sternstunde für Ivanishvili. Heute ist er der einzige, der potenziell mit dem frei gewordenen Rating des Patriarchen rechnen kann. Und damit, dass er zu einem „Vater“ für die Gläubigen wird. Und bei den nächsten Wahlen wird er wahrscheinlich siegen, da er nicht auf das Patriarchat Rücksicht nehmen muss“. „Die Autorität der Georgischen orthodoxen Kirche stützte sich vor allem auf das Ansehen des Patriarchen. Daher erwarten uns jetzt eine drastische Abschwächung des Einflusses der Kirche in der Gesellschaft und eine Verstärkung der weltlichen Politiker“, vermutet der Politologe. Nach Meinung von Zakareishvili habe der Gründer der Partei „Georgischer Traum“, Bidzina Ivanishvili, bereits die Beisetzung von Ilia II. für eine Selbstbehauptung ausgenutzt: „Dass zur Totenmesse keine Oppositionspolitiker und sogar frühere Präsidenten zugelassen wurden, ist ein Zeichen. Patriarch Ilia hätte zu seinen Lebzeiten nie so etwas zugelassen. Er hätte sie nie vertrieben. Nun gut, sie hätten mit Kerzen in einer Ecke gestanden. Für wen wäre dies schlecht gewesen? Doch Ivanishvili hatte gespürt, dass ihn jetzt nichts zurückhält“.

Die Beisetzung des Patriarchen wurde zu einer politischen Inszenierung“, stimmte Zakareishvili der Direktor des Eurasien-Instituts in Tbilissi, Gulbaat Rzchiladse, zu. „Es ist traurig, dass die Landesführung diesen Tag für eine Eigenwerbung nutzte. Die Politiker waren vom Ambo aus mit solch einem Gesicht aufgetreten, als ob sie irgendwelche Verdienste gegenüber dem Patriarchen und der Kirche haben (mit Ausnahme von Ivanishvili, der auch wirklich die Errichtung der Dreifaltigkeitskirche finanziert hatte). Aber der Patriarch war in Georgien niemals so beschimpft und verleumdet worden wie unter den gegenwärtigen Herrschenden. Denn gerade unter der Herrschaft von „Georgischer Traum“ wurden gegen den Patriarchen die ungeheuerlichsten Anschuldigungen vorgebracht“.

Der Experte hat das Auftreten von Metropolit Peter (Tsaav) gegen Ilia im Jahr 2019 (im sogenannten Zyanid-Fall sowie Päderastie-Vorwürfe – Anmerkung der Redaktion) im Blick, das zahlreiche grobe Ausfälle persönlicher Art enthielt. „Selbst unter Saakashvili, als die Kirche von einem Netz einer Proregierungsagentur umgeben worden war, hatten sich die Offiziellen bemüht, Achtung gegenüber dem Patriarchen zu unterstreichen“, sagt er. „Aber Bidzina Ivanishvili war stets auf die Autorität des Patriarchen und dessen Ratings eifersüchtig. Dies ist für keinen in Georgien ein Geheimnis. Aus irgendeinem Grunde hat er den Patriarchen nicht unterstützt, als es für ihn schwer gewesen war, als man ihn angegriffen hatte. Heute aber will Ivanishvili dessen Ableben für seine Stärkung ausnutzen“.

Das Volk Georgiens sei nicht so sehr um den Tod des Patriarchen als vielmehr um das eigene Schicksal besorgt, meint der Experte. „Eine Trauer als solche gibt es in der Gesellschaft nicht, es gibt aber eine Gram aufgrund des Abschieds. Das Ableben des Patriarchen war erwartungsgemäß. Er war schon sehr lange krank. Die Ursache seines Todes ist eine natürlich. In der Gesellschaft existieren die Erwartungen, dass ihn die Kirche heiligspricht“. Zur gleichen Zeit aber geht das Verhalten der Vertreter des Georgischen Patriarchats und der Führung der Partei „Georgischer Traum“ während der Beisetzung über den Rahmen der Korrektheit hinaus, betont Rzchiladse. „Sie haben vorsätzlich den Besuch der Delegation der Russischen orthodoxen Kirche unter Leitung von Metropolit Benjamin (Tupieka, der Metropolit von Minsk und Saslawl, der Patriarchenexarch von ganz Weißrussland — „NG“) verschwiegen und an erste Stelle die Figur des Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus I. gerückt. Während der Fernsehübertragung der Trauerfeier kommentierte Vardosanidse (Sergo Vardosanidse – ein georgischer Geschichtswissenschaftler und Professor des Geistlichen Seminars und der Geistlichen Akademie von Tbilissi — „NG“) den Gottesdienst so, als ob bei ihm überhaupt keine Russen gewesen wären“.

Allerdings sei nach Aussagen von Rzchiladse auch die Russische orthodoxe Kirche selbst teilweise schuld daran gewesen. „Im Wortlaut des Beileidsschreibens im Namen von Patriarch Kirill im Zusammenhang mit dem Ableben von Patriarch Ilia war nicht der vollständige Titel des Oberhaupts unserer Kirche erwähnt worden. Insbesondere die Formulierung „Metropolit von Bitschwinta (Pizunda — „NG“) und Suchumi-Abchasien“. Natürlich wird dies nicht sehr gut in der Georgischen orthodoxen Kirche und in der georgischen Gesellschaft insgesamt zur Kenntnis genommen. Die Politik der Abteilung für auswärtigen Kirchenbeziehungen der Russischen orthodoxen Kirche bewertet der Direktor des Eurasien-Instituts in diesem Fall kritisch: „Sie denken, dass sie so entsprechend dem Prinzip „sowohl unseren als auch Ihren“ handeln – als hätte man sowohl die Georgier geachtet als auch die Abchasier nicht gekränkt und so etwas Mittleres herausgekommen sei. Tatsächlich funktioniert dies nicht so. Und sie hatten ein weiteres Mal sowohl jene als auch diese gekränkt“. Das Ergebnis solch eines Fehlers der russischen Kirchenbürokratie richtete sich, meint der Experte, gegen Moskau: „Die Tatsache ist die, dass letztlich Bartholomäus dominierte, und aus Russland hatten die wichtigsten georgischen Massenmedien niemanden gezeigt. Aber dies ist ein anderes Extrem. Und es kann nicht nur allein mit der Nichterwähnung des vollständigen Titels von Ilia II. erklärt werden. Dies ist bereits ein Fehler sowohl der georgischen Kirchenvertreter als auch der georgischen Politiker“.

Es sei daran erinnert, dass die Russische orthodoxe Kirche formal nach wie vor Abchasien als einen Teil des kanonischen Territoriums der Georgischen orthodoxen Kirche anerkennt, de facto jedoch Geistliche des Moskauer Patriarchats seit dem Zeitpunkt des Endes der Kampfhandlungen von 1992-1993 in dem Land dienen.

Für Patriarch Ilia und für das georgische Volk war die Anerkennung der Herrschaft der Georgischen Kirche über die Territorien von Abchasien und Südossetien stets unbestritten gewesen“, erklärt der georgische Politologe und Gründer des Forschungsinstituts SIKHA Foundation Archil Sikharulidze. „In diesem Sinne ist die Georgische orthodoxe Kirche ein nationalistisches Institut, das behauptet, dass man die Frage der territorialen Integrität Georgiens vom Prinzip her in keiner Weise diskutieren könne“. Zur gleichen Zeit müsse die russische Seite nach Meinung des Experten berücksichtigen, dass die Georgische orthodoxe Kirche in Georgien gleichfalls einem starken Druck seitens der einheimischen liberalen Öffentlichkeit ausgesetzt wird, für die sie im Gegenteil eine „prorussische“ Kraft sei, denn sie fordere nicht, die Vertreter der Russischen orthodoxen Kirche aus Abchasien und Südossetien zu vertreiben, und wenig für eine „Rückkehr der Territorien“ tue. „Dies ist keine große Gruppe unserer Gesellschaft. Sie macht nicht mehr als 20 Prozent aus. Dies ist aber eine sehr aktive Minderheit. Und deren Position wird spendabel aus dem Westen finanziert“.

Nach Meinung von Sikharulidze habe die russische Seite, indem sie in der Abchasien- und Südossetien-Frage Unachtsamkeit an den Tag legte, der Opposition einen zusätzlichen Trumpf gegeben, die auch so beabsichtigen würde, die Beisetzung des Patriarchen dafür zu nutzen, „die Karten neu zu mischen“. „Viele von jenen Menschen, die früher den Patriarchen angegriffen hatten, äußern sich jetzt aktiv in der Presse dazu, dass er die größte historische Figur Georgiens gewesen sei. Unter anderem hat heute Salome Zurabishvili, die in früheren Jahre sagte, dass sie hoffe, dass der nächste Patriarch ein proeuropäischer sein werde, begonnen, ihn als einen Vereiniger Georgiens zu preisen“.

Patriarch Ilia verfolgte hinsichtlich der Russischen orthodoxen Kirche eine recht zurückhaltende Politik“, unterstreicht Sikharulidze. „Für ihn war es lebenswichtig gewesen, der russischen Seite nicht zu erlauben, die Abchasische Kirche anzuerkennen. Und er nutzte dafür all seine Verbindungen mit der Russischen orthodoxen Kirche. Im Interesse Abchasiens hatte sich die Georgische orthodoxe Kirche vom Wesen her mit Patriarch Bartholomäus zerstritten und die OKU nicht anerkannt“. Der Experte spricht von der Orthodoxen Kirche der Ukraine, die 2018 unter der Ägide von Konstantinopel gebildet worden war.

Für die Georgische Kirche ist das Wichtigste ihr Dominieren auf dem Territorium Georgiens inklusive Abchasien und der Region Zchinwali (in Georgien übliche Bezeichnung des Territoriums der Republik Südossetien — „NG“). Für sie hatte es bis zur Ukraine Abchasien gegeben. Daher war, als Patriarch Kirill nicht den vollständigen Titel unseres Patriarchen nannte, dies sehr empfindlich gewesen“, sagt Sikharulidze. „Die Ukraine ist für Georgien sehr weit. Abchasien aber ist sehr nah“. Nach Meinung des Experten könnten die Anerkennung der OKU seitens der Georgischen orthodoxen Kirche und ein nachfolgender Abbruch der eucharistischen Kommunikation zwischen Moskau und Tbilissi unter dem neuen georgischen Patriarchen durchaus zu einer Realität werden, denn die Frage nach der „Rückgabe der Territorien“ sei für den georgischen Klerus wichtiger als die diffiziellen Fragen des kanonischen Rechts und der „Reinheit der „Priesterweihen“ in der OKU. „Die russische Agenda auf die georgische anzuwenden, ist absolut falsch. Möglicherweise ist für die Russische orthodoxe Kirche, die in der christlich-orthodoxen Welt global dominiert, die Frage nach der Jurisdiktion über die Ukraine prinzipiell wichtig. Aber für die Georgische Kirche ist die Abchasien-Frage weitaus wichtiger als die Frage danach, ob Epiphanius (das Oberhaupt der OKU – Metropolit Epiphanius (Dumenko) — „NG“) ein Spalter ist oder nicht und ob man mit ihm beten könne“.

Patriarch Ilia hatte als Erbe eine sehr kleine Kirche erhalten, in der es um die 40 Geistliche gegeben hatte und deren vorrangigen Gemeindemitglieder, was soll man da verheimlichen, russische Omas gewesen waren. Aber er hat uns 49 Eparchien (Diözesen) hinterlassen, hunderte Kirchen und zehntausende aktive gläubige Georgier“, urteilt der Politologe Dmitrij Lortkipanidze, Direktor des georgisch-russischen gesellschaftlichen Jewgenij-Primakow-Zentrums. „Patriarch Ilia war für Georgien zu einem „neuen Moses“ geworden. Er führte unser Land aus dem Atheismus“. Nach Aussagen des Experten sei eines der Ergebnis der Herrschaft von Ilia in der Georgischen orthodoxen Kirche das Erlernen der Fähigkeit eines Gehorsams durch das georgische Volk. „Diese Fähigkeit hatte das georgische Volks am Ende der Sowjetmacht nicht besessen. Als am 9. April 1989 der Patriarch das Volk aufgerufen hatte, den Platz zu verlassen und mit ihm in die Kirche zum Heiligen Giorgi zum Beten zu gehen (gemeint sind die Ereignisse auf dem Rustaweli-Prospekt in Tbilissi, als Truppen des Innenministeriums der UdSSR den Aufstand für die Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion — „NG“), hatten ihm doch die Menschen kein Gehör geschenkt. Aber in den Jahren seiner Herrschaft hat der Patriarch bei uns das Kirchenverständnis dieser Frage ausgeprägt: Wenn dein geistiger Mentor dich für etwas segnet, so hörst du ihm unterwürfig“. „Damals hatten die Menschen dem Patriarchen nicht gehorcht. Sie waren der Annahme gewesen, dass das Wichtigste sei, seine Prinzipien zu verteidigen. Wenn aber der Patriarch jetzt etwas Derartiges gesagt hätte, wäre die Reaktion eine gänzlich andere gewesen“, nimmt Lortikipanidze an. „In unseren Tagen hätten die Menschen ganz bestimmt dem Patriarchen gehorcht“.

Nach Aussagen des Experten könnte die anstehende Wahl des neuen, des 142. Patriarchen die Geschichte Georgiens wenden: „Materielle Schwierigkeiten werden nie zu einem Anlass für Proteste. Uns interessieren stets am meisten nur jene Fragen, die unsere Staatlichkeit, unsere Unabhängigkeit betreffen“. Am 9. November 2023 veröffentlichte das Patriarchat eine offizielle Erklärung, der gemäß die Georgische orthodoxe Kirche den Kurs des Landes auf eine Euro-Integration unterstütze. Nach Meinung von Lortikipanidze müsse der Kurs Georgiens auf einen EU-Beitritt unter dem neuen Patriarchen verworfen werde, andernfalls erwarte das Land eine Zeit von Instabilität. „Heute die Europäische Union, morgen Eurasien? Heute die NATO und morgen BRICS und die Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit? Warum sollen wir uns aber die Hände binden? Wir warten auf den Moment, auf unsere Sternstunde, in der Georgien lautstark erklären wird, dass es seine eigenen Ziele hat und sie nur mit dem Bedienen seiner Interessen befassen wird“. „Die Kirche in Georgien hat heute ernsthafte Hebel für eine Beeinflussung der Situation“, meint Lortikipandze. „Im Unterschied zu Russland sind in Georgien der Staat und die Kirche durch ein Konkordat verbunden“. Zwischen der Georgischen orthodoxen Kirche und der Regierung Georgiens war am 14. Oktober 2002 in der Swetizchoweli-Kathedrale von Mzcheta ein Verfassungsabkommen abgeschlossen worden, das durch Georgiens Präsidenten Eduard Schewardnadse und Patriarch Ilia II. unterzeichnet wurde.

Nach Aussagen des Experten stehe die Georgische orthodoxe Kirche vor einer Hauptentscheidung, die daran bestehe, welcher Kandidat bei der Wahl des neuen Patriarchen gewinnen wird – ein Anhänger des europäischen Kurses oder ein „wahrer Patriot Georgiens“. Im ersten Fall würde die Kirche eine Spaltung erwarten, im zweiten bestehe die Möglichkeit, die Einheit und kanonischen Verbindungen mit der Russischen orthodoxen Kirche zu bewahren. Die Kandidatur des Stellvertreters des Patriarchen, des Metropoliten Shio (Mujiri), sei, vermutet er, sowohl im Klerus als auch in der Gesellschaft äußerst unpopulär. Und dies ungeachtet dessen, dass ihn der Patriarch persönlich ernannt hatte. Da gemäß dem Statut der Georgischen orthodoxen Kirche die Synode vor den Wahlen eine Liste aus drei Kandidaten erstellen muss, und einer von ihnen wird wahrscheinlich Shio sein, wird die Hauptauseinandersetzung um die übrigen zwei erfolgen. „Gegenwärtig sind die 40 Tage ab dem Zeitpunkt des Todes des Patriarchen eine Zeit der Stille. Weiter haben wir maximal 20 Tage, um die Situation zu beeinflussen. Es ist unsere Hauptaufgabe keine Aufsplittung der Stimmen der Erzbischöfe, die die Positionen des Volks zum Ausdruck bringen, zwischen Shio und dem zweiten Kandidaten zuzulassen. Es ist notwendig, dass sie sich einigen und irgendeinen einzigen nominieren“. Nach Meinung des Experten widerspiegele heute das Kräfteverhältnis in der Synode der Georgischen orthodoxen Kirche das reale Kräfteverhältnis in der georgischen Politik. „Zwei Drittel der patriotischen Öffentlichkeit gegen ein Drittel, das die Positionen des „kollektiven Saakashvili“ teilt“.

Jedoch bestehe das Hauptproblem der Georgischen orthodoxen Kirche darin, dass der neue georgische Patriarch nicht über jene Autorität verfügen werde, die Ilia II. besessen hatte: „Patriarch Ilia war ein Vater für alle Mitglieder unserer Synode. Aber es ist natürlich sehr schwer, sich irgendwen von ihnen in der Rolle eines Vaters vorzustellen“.