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Gerettet vor den Fluten des Uglitsch-Stausees


Das Dreifaltigkeitskloster des Makars aus Twer wurde 1434 gegründet und mit der Zeit zu einem der am meisten verehrten und reichsten in Russland. Die Dreifaltigkeitskathedrale errichtete man in den 1520er Jahren, doch ihre Fresken hatten 1610, in der Smuta, den Zeiten der Wirren, stark gelitten. 1654 schmückte man erneut die Kathedrale mit Wandmalereien. Dazu hatte man Maler des Zaren gesandt. Als man das Uglitscher Wolga-Wasserkraftwerk errichtete und den entsprechenden Stausee anlegte, zerstörte und flutete man 1940 das Dreifaltigkeitskloster des Makars aus Twer genauso wie das gegenüber Uglitsch stehende Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Mönchskloster des Paisius. Ein Großteil von Fragmenten der Wandmalereien, die Spezialisten im Winter 1939/1940 zu demontieren geschafft hatten, wurde an das Museum für Architektur in Moskau übergeben. Dies sind 117 von 126. Früher hatten verschiedene Museen fragmentarisch die Wandmalereien ausgestellt. Und die Ausstellung „Kaljasin. Fresken eines überfluteten Klosters“ mit 45 Fragmenten von Fresken, die inzwischen zur ständigen Exposition des Architekturmuseums gehört, ist deren umfassendste Schau. 

„Diese Malerei ist buchstäblich aus der Kunstgeschichte herausgefallen, obwohl noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Forscher von der Qualität dieser Fresken begeistert waren. Erwähnt hatte sie unter anderem Igor Grabar“, berichten die Kuratoren, der Kustos der Kaljasiner Fresken Soja Solotnizkaja und die wissenschaftliche Sekretärin des Museums Julia Ratomskaja. Die Wandmalereien waren lange einfach nicht zugänglich.

In diesen Raum des Erinnerns über das zerstörte Bauensemble gelangt der Betrachter durch einen langen dunklen Korridor, an dessen Decken leichte Wasserwellen projiziert werden. Entlang einer Wand stehen Baugerüste, in die Bildschirme mit dem Multimedia-Teil der Schau – eine auf Archivfotos beruhende Erzählung über das Kloster und über die aus 21 Personen bestehende Expedition der Architekturakademie – „verpackt“ worden sind. In der diesen Expeditionsteilnehmern eingeräumten kurzen Zeit vom Dezember 1939 bis Februar 1940 (zum Winterende war die Kathedrale gesprengt worden) und bei einer Temperatur, die bis auf minus 32 °C gesunken war, sollten sie die Fresken demontieren und untersuchen. Von den Wandmalereien, die eine Fläche von mehr als 1000 Quadratmeter eingenommen hatten, gelang es, unter diesen Bedingungen 150 Quadratmeter zu demontieren. Bereits im Sommer 1940 sollte sie einer Kommission übergeben werden. Damit sie die aber annahm, musste das eine oder andere abgetönt werden. Und dies zusätzlich zu den Farbschichten, die schon über den mehreren ursprünglichen Farbschichten existieren. Die Restaurierung, über deren Methoden in einer separaten Präsentation berichtet wird, erfolgte in mehreren Etappen – Ende der 1960er/Anfang der 1970er sowie Ende der 1980er Jahre. Und sie dauert nach wie vor an. Etwas ist buchstäblich gerade erst restauriert worden.

Neben dem Architekturmuseum werden Fragmente der Fresken im Kaljasiner Heimatkundemuseum (das 1920 gegründet wurde, im Jahr der Schließung des Makar-Klosters: die erste Anschrift des Museums war gerade dieses Kloster), im Andrej-Rubljow-Museum, in der Tretjakow-Galerie, im Russischen Museum in Sankt Petersburg, im Historischen Museum in Moskau sowie in der Stroganow-Kunsthochschule (seit 1988 und nach wie vor restauriert man dort Kaljasiner Fresken entsprechend einer Methode, die Wladimir Buryj entwickelte; ein Teil der Malereien in der nunmehrigen Schau stammt gerade aus dem Museum der Stroganow-Kunsthochschule) aufbewahrt.

Die Dreifaltigkeitskathedrale hatten mehrere Meister des Zaren ausgemalt. Ihre Namen sind bekannt. Sie hatten auch im Moskauer Kreml gearbeitet. Und die Kuratoren der Ausstellung berichten, dass sich, da die zusätzlichen Farbschichten der Kaljasiner Fresken entfernt worden sind und eine Restaurierung der Mariä-Entschlafens-Kathedrale erfolgt, die Möglichkeit ergeben habe, diese Malerei zu vergleichen. Im Architekturmuseum sind an den Wänden in einem Abstand von buchstäblich einer Armlänge Fragmente der Malereien angebracht worden, große und kleine, von den ersten Tagen der Schöpfung bis zur Apokalypse. Im Multimedia-Teil gibt es Fotos von 1940 mit der Dreifaltigkeitskathedrale nach der Sprengung. An der Stelle des zentralen Tambours und der zentralen Kuppel klafft ein Loch. Und an den Wänden sind Resten von Fresken zu sehen, gerade aus dem Zyklus der Schöpfung und der Apokalypse. Über das architektonische Aussehen der Kathedrale und des Klosters kann man sich hier anhand von Fotos, Zeichnungen sowie eines Modells der Dreifaltigkeitskathedrale und des Klosterrefektoriums ein Urteil bilden (doch während der Expedition 1939/1940 schaffte man es, mehrere Architekturelemente zu demontieren. Das Portal der Dreifaltigkeitskathedrale wurde beispielsweise in eine Mauer des Donskoj-Klosters integriert, wo sich die ständige Ausstellung des Architekturmuseums befunden hatte). Einer der Schöpfer dieses Modells war der berühmte Architekt des Konstruktivismus Iwan Leonidow.   

Monarchen haben das Kloster verehrt und besuchten es. Dort weilte unter anderem der erste aus dem Geschlecht der Romanows, Zar Alexej Michailowitsch, und stellte Gelder bereit. Vermutlich ist er unter den betenden Gottesfürchtigen auf einem Fragment aus dem Apokalypse-Zyklus dargestellt. Im Museum werden eine Freske mit dem Turm von Babylon (Turm von Babel), „Die Vertreibung aus dem Paradies“ sowie Fresken aus dem Gottesmutter- und christologischen Zyklus demonstriert. Zu erkennen ist, dass sie sich stilistisch unterscheiden. Aber eine der aus der Sicht der Darstellungsmanier beeindruckendsten Szenen ist „Das fahle Pferd und das schwarze Pferd“ (die Pferde des vierten und dritten Apokalyptischen Reiters aus dem 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes – Anmerkung der Redaktion). Dieses weiße Pferd mit dem weißen Reiter der Apokalypse ist eine absolute Expression, wie sie das 20. Jahrhundert hätte sehen können. Da fällt einem auf einmal die im vergangenen Jahr in der Tretjakow-Galerie stattgefundene Ausstellung von Boris Golopolosow ein: Den Titel „Mit dem Kopf gegen die Wand“ hatte man ihr nach dem Bild „Ein Mann klopft an die Wand (Psychologisches Sujet)“ aus dem Jahre 1938 gegeben. Dieses verzweifelte Wesen hat eine gewisse spinnenartige Figur mit langen dünnen Extremitäten. Der Sinn der Bilder ist natürlich ein ganz anderer, doch die Formen sind konsonant.

Die Kaljasiner Fresken auszustellen, hatte man bereits 1940 beschlossen, vor ihrer Aufteilung auf unterschiedliche Museen. In einer Vitrine liegt das Protokoll einer Sitzung vom 23. August jenen Jahres, bei der Karo Halabian (ein armenisch-sowjetischer Architekt und Hochschullehrer, der zu jener Zeit Chefarchitekt Moskaus war – Anmerkung der Redaktion) den Vorsitz geführt hatte. Wie in einer der Ausgaben des „Direktoren-Blogs“ auf dem YouTube-Kanal des Architekturmuseums Jelisaweta Lichatschjowa erzählte, ist vorgesehen, in der gegenwärtigen Ausstellung Rotationen vorzunehmen, um so viel wie möglich Fresken zu zeigen. Außerdem hofft man, bis Mitte kommenden Jahres eine Monographie über das überflutete Kloster und dessen Wandmalereien herauszugeben. In ihr werden jene Eingang finden, die in andere Museen gelangten, aber auch während der Expedition von 1939-1940 gemachte Fotografien (darunter mit Fresken, die man nicht zu demontieren geschafft hatte). Das, was nicht in dem Bildband gelangt, soll in digitaler Form zugänglich gemacht werden. Möglicherweise wird es dann auch ein Schema der Wandmalereien geben. Dies ist wohl das Einzige, woran es in der Schau mangelt. Denn so könnte man in einigen Fällen Freskenfragmente mit ganzen Kompositionen in eine Verbindung bringen. 

Link zu einigen Bildern aus der rezensierten Ausstellung: http://museum.ru/N75310