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Halblegale Schemas haben Russland nicht vor einem Rückgang der Importe bewahrt


Die Steuereinnahmen aus den Importen für den Staatshaushalt sind im Juli um 43,7 Prozent auf das Jahr hochgerechnet eingebrochen. Die Steuereinnahmen aus den Importen dümpeln vor sich hin und demonstrieren fast keine Wiederbelebung. Und dies ist ein mittelbares Signal dafür, dass die Probleme mit dem Import praktisch nicht gelöst werden, meinen Analytiker. Die Experten der „NG“ erläutern, dass der Rückgang der Haushaltseinnahmen aus dem Import nicht nur mit dem physischen Zusammenschrumpfen des Imports zusammenhänge, sondern auch mit dem Erstarken des Rubelkurses gegenüber dem Dollar und Euro. Sie prognostizieren, dass der Import weiterhin wiederhergestellt werde. Und das Problem des Rückgangs der Lager-Bestände werde bis zum Frühjahr kommenden Jahres gelöst werden.

Laut Angaben des russischen Finanzministeriums sind die Steuereinnahmen des föderalen Haushalts aus dem Import im Juli um 43,7 Prozent auf das Jahr hochgerechnet zurückgegangen. Und im Juni machte der Einbruch gar 45,3 Prozent aus. Die Steuereinnahmen werden nicht wiederhergestellt. Und dies sei ein mittelbares Signal dafür, dass die Probleme mit dem Import nicht gelöst werden, schreiben die Autoren des Telegram-Kanals Macro Markets Inside (MMI). „Dies ist eine sehr schlechte Nachricht, die von einer Zunahme der Risiken für die Wirtschaft zeugt. Nach der Verhängung der Sanktionen und dem Einbruch des Imports hatten im März viele Unternehmen davon gesprochen, dass sie mit Vorräten an Bauteilen im Durchschnitt für sechs bis neun Monate abgesichert seien. Gerade das Vorhandensein von Reserven dämpfte den Einbruch in der verarbeitenden Industrie, die von den Februar-Maximalwerte um etwa elf bis zwölf Prozent eingebrochen war. Die sackgassenartige Situation hinsichtlich der Lieferungen von Importwaren für zwischenzeitliche und Investitionszwecke kann die Welle des Rückgangs in der verarbeitenden Industrie und im Bausektor zum Jahresende hin verstärken“, schreiben sie.

Zuvor hatte man im von Anton Siluanow geleiteten Finanzministerium mitgeteilt, dass im Zeitraum Januar-Juli 2022 rund 3,9 Billionen Rubel vom Föderalen Zolldienst in den Staatshaushalt geflossen seien. Dies sind 62,2 Prozent von den Prognosewerten für die Einnahmen des föderalen Haushalts im gesamten Jahr 2022. Es sei daran erinnert, dass der Föderale Zolldienst seit April keine statistischen Angaben zum Im- und Export veröffentlicht.

Am Sonntag berichtete man über Probleme mit Lieferungen erforderlichen Ausrüstungen und Anlagen im russischen Show-Business. Der parallele Import von Ton- und Lichtanlagen ist zwei- bis dreimal teurer. Und mitunter könnten weder die einheimische Fertigung noch die Lieferungen aus den Ländern, die keine Handelseinschränkungen verkündeten, die Situation retten. Das Fehlen von Ersatzteilen und die Schwierigkeiten bei der Instandsetzung von Technik der Marken, die die Russische Föderation verlassen haben, behindern die Arbeit von Zirkussen und Theatern, erklärte unter anderem Sergej Beljakow, Generaldirektor von „Rosgoszirk“.

In der Russischen Vereinigung der Apotheken-Ketten dementiert man derweil das Bestehen eines massenhaften Apotheken-Tourismus, in dessen Rahmen Bürger Russlands einen individuellen Import von Medikamenten organisiert hätten, wie mehrere Medien und soziale Netzwerke berichtet hatten, unter anderem aus Kasachstan, der Türkei und anderen zugänglichen Ländern. In der Vereinigung versichert man, dass man derzeit alle Präparate in Russland kaufen könne.

Nach dem Rückgang des Imports in die Russische Föderation um die Hälfte auf das Jahr hochgerechnet habe die Wiederherstellung der bisherigen Umfänge bereits im Mai begonnen, wie Analytiker der Firma BCS GM betonten. Sie sei und bleibe aber eine sehr ungleichmäßige. Es führe der Konsumsektor. Und da ist es wie mit den Medikamenten. Bekleidung gibt es scheinbar. Und das Business stellt die Verkaufszahlen der Marken der weggegangenen Unternehmen wieder her. So ist der Unternehmer Alexander Gorbunow aus Krasnojarsk vorgegangen, der der Londoner Zeitung „The Guardian“ berichtete, dass er auf Anraten seiner Frau, einer großen Liebhaberin der spanischen Marke ZARA, Lieferungen dieser Bekleidung aus Kasachstan organisiert habe.

Solche Import-Schemen funktionieren jedoch bei weitem nicht hinsichtlich aller Warengruppen. Bei den Lieferungen von Auto-Ersatzteilen zum Beispiel funktioniert der parallele Import fast gar nicht, meint der stellvertretende Chef des Unternehmens „Evroavto“, Ilja Plisow. Nach seinen Worten sei das Hauptproblem, weshalb solch ein Einfuhrschema nicht funktioniere, die russische Gesetzgebung. Der Experte betonte insbesondere das unvollständige Verzeichnis der Marken und Codes für die Waren-Nomenklatur der Außenwirtschaftstätigkeit, aber auch das Fehlen rechtlicher Grundlagen für einen Inlandsverkehr der Erzeugnisse. Die Zollinspektoren würden keine Zertifikate vom Eigentümer akzeptieren.

In der Zentralbank ist man der Auffassung, dass nach einem signifikanten Rückgang im Jahr 2022 der Wertumfang des Imports schrittweise wiederhergestellt werde. „Das Tempo dieses Wiederherstellens wird durch das Auftauchen neuer Mechanismen für eine Finanzierung und Versicherung, durch die Gestaltung neuer logistischer Routen und die Entwicklung neuer Handelskontakte bestimmt werden. Eine Zunahme des Imports wird auch der Ende März gestartete Mechanismus für einen parallelen Import fördern“, heißt es im Entwurf für einen Bericht der Zentralbank über die Hauptrichtungen der Geld- und Kreditpolitik für die Jahre 2023-2025, der am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde.

Die Dynamik des Imports werde wiederhergestellt und entspreche insgesamt den Erwartungen der Bank Russlands. Was jedoch den Import von Investitionsgütern angeht, so gebe es bisher keine offensichtlichen Anzeichen für eine Wiederbelebung, sagte Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina Ende Juli. Sie hatte gleichfalls betont, dass vor allem der Konsumgüterimport dank dem Anbahnen neuer Lieferrouten zunehme. „Hinsichtlich des zwischenzeitlichen Imports und des Imports von Investitionsgütern sind vorerst keine deutlichen Anzeichen für eine Wiederherstellung auszumachen“, erklärte Nabiullina. Nach ihren Worten sei das „Anpassen“ des Business an die sich verändernden Bedingungen inhomogen hinsichtlich der Branchen und Regionen. Sie betonte, dass es vielen Unternehmen gelungen sei, ein schnelles Erschöpfen der Reserven zu vermeiden, was zu einer Unterbrechung der Produktionsketten hätte führen können.

Laut einer Prognose der Zentralbank werde der Import in die Russische Föderation in diesem Jahr 316 Milliarden Dollar ausmachen (dies bedeutet einen Rückgang um 27,5 bis 31,5 Prozent), im Jahr 2023 – 338 Milliarden (von einem Rückgang um 1,5 Prozent bis zu einem Wachstum um 2,5 Prozent). Im Jahr 2024 erwartet die Zentralbank die Einfuhr von Erzeugnissen im Wert von 359 Milliarden (eine Zunahme um 2,5 bis 4,5 Prozent).

Laut Umfrageergebnissen des Instituts für Wirtschaftspolitik sei in der russischen Industrie im Juli dieses Jahres der Versorgungsgrad mit einheimischen Rohstoffen, Materialien und Bauteilen bis auf 79 Prozent angestiegen, was dem Durchschnittsniveau der vorangegangenen Jahre entspreche. Derweil sei der Versorgungsgrad mit Importrohstoffen und Bauteilen zurückgegangen und belief sich derzeit auf 20 Prozent nach 31 Prozent im Juni.

Mehrere Branchen haben sich rasch an die neue Situation angepasst. In der Lebensmittelindustrie ist beispielsweise der Mangel an Importen von 79 bis auf 48 Prozent zurückgegangen. Die Chemieindustrie meldete eine geringe Zunahme des unzureichenden Versorgungsgrades mit Importrohstoffen (um fünf Prozentpunkte von 63 Prozent im Juni bis auf 68 Prozent im Juli). Mit einer spürbaren Verschlechterung der Situation ist man im Bauwesen konfrontiert worden. Dort hat der Mangel an Importen von 58 bis auf 71 Prozent zugenommen.

Im Bauministerium Russlands versichert man aber, dass die Materialien für den Massensektor des Bauwesens vor allem in Russland für den einheimischen Markt hergestellt werden würden. Vom Import würde jedoch ein erheblicher Teil der ingenieurtechnischen Systeme abhängen. Dies gilt für Klimaanlagen, die Belüftung, Pumpanlagen, Brandschutzsysteme, Melde- und Alarmsysteme, Absperr- und Regulierungsarmaturen für Sanitärtechnik sowie automatische Steuerungssysteme.

Aber die größte Zunahme eines unzureichenden Versorgungsgrades durch Importe (von 38 bis auf 60 Prozent) registrierte das Institut für Wirtschaftspolitik in der Forstwirtschaft und Holzverarbeitung sowie in der Zellulose- und Papierbranche, die ohne Importchemikalien, Lacke, Farben und Beschläge sowie Zubehör nicht auskommen können.

„Der Rückgang der Haushaltseinnahmen aus dem Import hängt nicht nur mit der physischen Verringerung des Imports zusammen, sondern auch mit der Stärkung des Rubelkurses gegenüber dem Dollar und Euro“, sagte der „NG“ Artjom Schachurin, Experte des Unternehmens „IVA Partners“. „Auch hat sich teilweise der Import in den ersten Monaten nach Beginn der militärischen Sonderoperation nicht aufgrund der direkten Lieferverbote verringert, sondern aufgrund der Störungen in der Logistik und der Notwendigkeit, die finanziellen Abrechnungen über andere Kanäle abzuwickeln, die früher über Banken vorgenommen wurden, die nun unter Sanktionen geraten sind, sowie aufgrund der Einschränkungen für die Überweisung von Devisen ins Ausland“.

Ihre Rolle spielte auch die Unbestimmtheit, betonte der Experte, die mit politischen Risiken und dem kurzzeitigen Verfall des Rubelkurses verbunden war. „Jetzt werden die Kontakte schrittweise wiederhergestellt. Die russischen Hersteller suchen nach einem Ersatz für die Lieferanten aus den unfreundlichen Ländern oder nach Möglichkeiten für einen parallelen Import der notwendigen Materialien und Komponenten“, sagte Schachurin. „In einzelnen Fällen, wie beispielsweise im Automobilbau, erfolgt ein Übergang zu Erzeugnissen, die nicht so sehr von Importkomponenten abhängig sind. Wir erwarten, dass sich der Import weiterhin wiederherstellt. Und das Problem der Erschöpfung der Lagerbestände wird so oder so gelöst werden, obgleich sich der Prozess bis zum Frühjahr kommenden Jahres hinziehen kann“.

  1. S.

Oft steht die Frage im Raum, welche Umfänge erreichte denn bisher der russische parallele Import seit dessen Beginn Anfang Mai dieses Jahres. Das Industrie- und Handelsministerium veröffentlichte am Montag neue Zahlen. Bisher erreichte er einen Umfang von fast 6,5 Milliarden Dollar. Vizepremier sowie Industrie- und Handelsminister Denis Manturow betonte dabei, dass es schwierig sei, genaue Prognosen für die Zeit bis zum Jahresende zu machen. Mit Blick auf die gegenwärtige Statistik schloss er etwa 16 Milliarden Dollar nicht aus.