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Harte Fröste machen derzeit Russlands Bürgern das Leben schwer


Weite Teile Russlands befinden sich fest im Griff von strengen Frösten. Und dies nicht erst seit heute. Seit dem 1. Januar und sicherlich bis Mitte des Monats werden die Außentemperaturen deutlich unter den üblichen liegen. Meteorologen erklären, dass dies fast zehn Jahre lang nicht so gewesen sei. In Moskau und im Moskauer Gebiet wurden am 3. und 4. Januar beispielsweise Nachtfröste im Bereich von minus 23-24 Grad Celsius registriert. Tagsüber wird es mit um die minus 20 Grad Celsius nur wenig erträglicher. Im Norden Russlands, wo man Fröste gewohnt ist, sanken die Temperatur gar deutlich unter die minus 30 Grad Celsius. Im Verwaltungsgebiet Jaroslawl wurden stellenweise minus 30 Grad Celsius gemessen. Und die Liste der Orte und Regionen Russlands mit anormalen Minus-Temperaturen kann man noch lange fortsetzen.

All dies ist natürlich eine Herausforderung für die Strom- und Fernwärmeversorger, für die kommunalen Dienstleister – wie im jeden Jahr -, mit der diese jedoch nicht immer fertig werden. Im vergangenen Jahr berichteten die russischen Medien über 5.000 Havarien und Störfälle in den kommunalen Netzen im gesamten Land. Dies war 2mal mehr als im Jahr 2021. Es ist offensichtlich, dass die noch zu Zeiten von Leonid Breschnew geschaffenen Netze verschleißen. Jedoch gibt es heute keine objektive Bewertung dazu, wie groß deren Verschleiß tatsächlich ist. Konstantin Krochin, Vorsitzender des Wohnungsverbands und Mitglied des Ausschusses für kommunale Wohnungswirtschaft der russischen Industrie- und Handelskammer, erklärte: „Die reale Statistik wird dann auf den Tisch gelegt, wenn sich eine Perspektive für eine Finanzierung offenbart. Insgesamt erfolgt eine Verschleierung der Informationen. Und die Experteneinschätzungen gehen deutlich auseinander: Wenn die Tarife angehoben werden müssen, sagen das Bauministerium und andere Lobbyisten-Strukturen, dass der Verschleiß 70 Prozent ausmache. In bestimmten Regionen spricht man von 80 Prozent, was auch der Wahrheit entsprechen kann“.

Die nunmehrigen Fröste wurden für die kommunalen Netze zu einer Art Lackmustest. Denn da, wo es dünn ist, da reißt es auch. Sprich: kommt es zu massiven Störfällen, vor denen selbst die Hauptstadt Russlands nicht gefeit ist. So kam es am Donnerstag zu einem Trafo-Brand im Nordosten Moskaus, wodurch tausende Menschen stundenlang ohne Strom, Fernwärme und heißes Wasser auskommen mussten. Eine genaue Zahl der Betroffenen wurde durch das Bürgermeisteramt erst gar nicht genannt. Der Akzent wurde in den entsprechenden Meldungen der Bürgermeister Sergej Sobjanin nahestehenden Medien darauf gelegt, dass man operativ Reserveleitungen für die betroffenen Häuser nutzen konnte. Doch die Ursachen für die Havarien werden damit nicht behoben. Ilja Rybaltschenko, Experte für kommunale Wohnungswirtschaft, betonte diesbezüglich: „In Moskau, wenn ein großes Bauvorhaben realisiert wird, verlegt man parallel aufs Neue Rohrleitungen, klärt die Situation um die Gasleitungen und verlegt unterirdische Stromkabel. Dies macht man komplex. Dies ist ein Glück für die großen Städte. Wir müssen aber begreifen, dass eine Investitionskomponente in den Tarifen bereits viele Jahre lang vorgesehen ist. Und die muss für eine Erneuerung der kommunalen Struktur genutzt werden“.

Die Instandsetzung von Netzen erfolgt jedoch unterschiedlich. Mancherorts nimmt sie mehrere Stunden in Anspruch. Doch je weiter von Moskau entfernt, desto länger dauert sie. In der Stadt Borsja der Verwaltungsregion Transbaikalien leben vier Mehrfamilienhäuser seit November letzten Jahres ohne Wasserversorgung, berichten Telegram-Kanäle. In diesen Häusern wohnen Familien von Armeeangehörigen. Was sie nicht alles getan haben, an wen sie sich nicht alles gewandt haben! Selbst an das Untersuchungskomitee hat man sich gewandt. Aber auch dies erwies sich als nutzlos. 30.000 Menschen leben daher ohne Wasserversorgung und Heizung, während die Außentemperaturen bei minus 40 Grad Celsius liegen. In den Wohnungen an sich ist es nicht wärmer als zehn Grad Celsius.

In den russischen Regionen gibt es nicht nur kein Geld für eine Erneuerung der kommunalen Versorgungsnetze, doch auch bei Neubauten befasst sich keiner mit einer entsprechenden Planung, wenn dies nicht gerade Moskau oder eine andere Millionenstadt ist, konstatiert Konstantin Krochin.

Die starken Fröste und deren Folgen sind für die staatlichen Medien und selbst für die entsprechenden Nachrichtenagenturen selten ein Topthema. Schließlich finden Mitte März Wahlen statt, bei denen Kremlchef Wladimir Putin für eine fünfte Amtszeit bis zum Jahr 2030 grünes Licht erhalten wird. Meldungen wie über Flugverspätungen im Moskauer Airport Scheremetjewo aufgrund der Fröste oder über auf freier Strecke stehengebliebene Züge, da die Technik mit der arktischen Kälte nicht fertiggeworden ist, oder darüber, dass in Petersburg zahllose Stadtbezirke frieren (die Reparaturbrigaden sind auch aufgrund von Personalmangel physisch einfach nicht in der Lage, die aufgetretenen Havarien zügig zu beseitigen), sind rar.

In diesem Zusammenhang kommt so manch einem in den Sinn, mit welcher Schadenfreude die staatlichen Medien Russlands noch vor kurzem berichteten, dass die Europäer durch das Verschulden der Politiker im Winter frieren müssen. Ja, hätten die nicht entschieden, auf russisches Erdgas im Rahmen der Sanktionspolitik gegen Moskau aufgrund der sogenannten militärischen Sonderoperation zu verzichten, würden die Haushalte auch heute preiswertes Gas aus Russland bekommen und müssten nicht vor Kälte bibbern. Gegenwärtig sind solche Berichte aus dem EU-Bereich kaum in den russischen Medien anzutreffen. Dafür informierte beispielsweise die Moskauer Nachrichtenagentur Interfax am Donnerstag unter Berufung auf die Bundesnetzagentur, dass Deutschland im vergangenen Jahr fünf Prozent weniger Erdgas im Vergleich zum Jahr 2022 verbraucht und den Erdgas-Import gar um 33 Prozent reduziert hätte. Als Grund wird dabei angegeben, dass die Witterungsbedingungen dies bedingt hätten. Aber kein Wort darüber, dass die Bundesbürger und Unternehmen es verstanden haben, effektiv und sparsam mit den Energieressourcen umzugehen. Derweil machen sich viele Bürger Russlands trotz gestiegener und steigender Tarife für Strom, Gas und Fernwärme nach wie vor keine Gedanken darüber, die mit großen Anstrengungen und unter harten Bedingungen geförderten Energieressourcen sinnvoll zu nutzen. Undichte Fenster und unnötige Beleuchtungen sind nach wie vor eine Realität, von der man keinen Abschied nehmen will.

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