In Armenien war im September eine Serie von offiziellen Erklärungen über eine Diversifizierung des Imports von Energieressourcen zu vernehmen. In erster Linie von Erdgas. Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan: Armenien werde nach Alternativen zum russischen Gas unabhängig davon suchen, ob es gelingen werde, dabei die aktuellen Preise zu bewahren. „Wenn die Möglichkeit besteht, Gas von einer zweiten, dritten oder vierten Quelle zu erhalten, werden wir diesen Weg bestreiten“, gibt sich Paschinjan zuversichtlich.
Der Sekretär des Sicherheitsrates der Republik und ehemalige Parlamentschef Alen Simonjan hat sich umsichtiger geäußert: „Wir haben nicht vor, die Abhängigkeit von einem Land durch die Abhängigkeit von einem anderen zu ersetzen. Wir planen, Gas von überall her, von wo dies möglich ist, zu kaufen. Wenn Russland uns weiter Gas liefern wird, werden wir es auch bei ihm kaufen“.
Aus klassischen Werken der Filmkunst erinnern wir uns, wie wichtig es ist, dass sich unsere Wünsche mit unseren Möglichkeiten decken. Und die Möglichkeiten auf diesem Gebiet werden vor allem durch das Vorhandensein von Pipelines und Rohstoffquellen bestimmt.
Derzeit hat Armenien zwei Lieferanten über zwei Ferngasleitungen.
1. Russisches Erdgas fließt seit 1988 durch die Ferngasleitung Nordkaukasus – Transkaukasien per Transit über das Territorium Georgiens. Über diesen Weg gelangen bis zu 85 Prozent des gesamten von Armenien verbrauchten Gases in die Republik – rund 2,2 bis 2,7 Milliarden Kubikmeter im Jahr. Die Lieferungen erfolgen entsprechend einem vergünstigten Regime (gemäß einem Abkommen von 2013). Ohne Exportzölle, zum fixierten Preis von 177,50 Dollar pro 1000 Kubikmeter. Doch das Abkommen läuft Ende dieses Jahres aus. Es muss verlängert oder neu ausgehandelt werden.
2. Iranisches Gas wird seit 2007 über die Ferngasleitung Iran-Armenien im Umfang von etwa 400 bis 480 Millionen Kubikmeter im Jahr geliefert (bei einer Leistung der Pipeline von 1,1 Milliarden Kubikmeter im Jahr). Der Grund für die Minderauslastung der Pipeline ist die Nutzung eines Barter-Regimes für die Zahlungen „Gas für Elektroenergie“. Armenien nutzt das iranische Gas für die Stromerzeugung im Wärmekraftwerk Hrazdan in der Provinz Kotajk und liefert den in den Iran entsprechend der Formel drei Kilowattstunden Strom für einen Kubikmeter Gas. Das Abkommen darüber ist bis zum Jahr 2030 verlängert worden.
Derzeit tritt als monopolistischer Gasverkäufer auf dem Binnenmarkt Armeniens die ZAO „Gazprom Armenien“ auf, die zu 100 Prozent dem russischen „Gazprom“-Konzern gehört. Diese Geschlossene Aktiengesellschaft verwaltet auch das Gastransportnetz der Republik. Der Iran kann theoretisch die Lieferungen aufstocken, hat aber keine Stimuli. Und im Winter keine freien Mengen.
Wie zu sehen ist, dominiert das russische Unternehmen „Gazprom“ vorerst vollkommen auf dem Markt Armeniens. Während dies früher beiden Seiten recht gewesen war, möchte Jerewan jetzt eine Freiheit der Wahl. Existiert aber eine Auswahl?
An alternativen Lieferanten gibt es ganze zwei, doch sie reißen sich ganz und gar nicht um eine Konkurrenz mit Moskau.
Turkmenistan und Kasachstan stellen bisher eine sackgassenartige Variante dar. Es müssten Gaspipelines durch das Kaspische Meer verlegt werden. Dies erfordert aber eine Zustimmung Russlands und des Irans aufgrund des Status des Kaspischen Meeres. Aber auch mehrjährige Investitionen, umfangreiche und riskante.
Aserbaidschan hat die „theoretische“ Bereitschaft bekundet, Gas nach Armenien zu liefern. Dafür ist aber der Bau einer Gaspipeline (mit einer Länge von etwa 240 km) im Rahmen des TRIPP-Projekts (der Trump-Route) durch den südlichen Teil Armeniens nach Nachitschewan und bis zur Türkei erforderlich. Die Sache ist technisch umsetzbar, aber keine rasche und vorerst zweifelhafte. Im TRIPP-Projekt stehen an erster Stelle eine Straßen- und eine Bahnverbindung, Energiefernleitungen sowie Glasfasernetze. An all dem ist Baku interessiert und leistet bereits seinen Teil der Arbeiten.
Ja, aber an einer Gaspipeline durch Armenien ist Baku nicht so sehr interessiert. Aserbaidschan hat bereits eine entwickelte Infrastruktur für den Export seines Gases von den Kaspi-Feldern über Georgien und die Türkei in die Europäische Union (den „Südlichen Gaskorridor“). Da gibt es keine freien Mengen. Und einen Teil des Gases von der europäischen lukrativen Richtung umzuleiten? Wie soll man da aber mit „Gazprom“ konkurrieren, dessen vergünstigter Preis derzeit gerade einmal 20 Prozent und gar weniger vom europäischen ausmacht? Und neue Rohstoffquellen aus Turkmenistan oder Kasachstan anzuzapfen ist, wie bereits gesagt wurde, nicht real.
Eine der Hoffnungen Jerewans besteht darin, die atomare Stromerzeugung zu erhöhen, wobei die auf der Grundlage von Gas verringert wird. Derzeit sichert das AKW Metsamor – das einzige AKW im Südkaukasus – bis zu 40 Prozent der Stromerzeugung Armeniens ab. Der russische Staatskonzern Rosatom arbeitet an einer Verlängerung der Einsatzdauer von Metsamor bis zum Jahr 2036. Die Europäische Union fordert jedoch eine Stilllegung des Kraftwerks und dessen Ersetzung durch neue Kapazitäten.
Bis Ende des Jahres 2027 muss Armeniens Regierung scheinbar eine Technologie für das neue Kernkraftwerk auswählen. Andernfalls wird der Termin für den Beginn der Bauarbeiten verpasst. Der Plan von Rosatom liegt schon seit langem auf dem Tisch. Die einzige alternative Offerte, hinter der es auch eine Finanzierung gibt, kommt von den USA. Sie sieht aber wie der Versuch eines Projekts und möglicherweise gar auch wie eine technologische Profanation aus.
Untersetzte Arbeitsalternativen zum russischen Erdgas und zu einer russischen Beteiligung an der Atomenergiewirtschaft hat Armenien derzeit keine. Und die Regierung von Nikol Paschinjan muss auf jeden Fall mit dieser Realität leben.
P. S.
Vom 15. bis 25. September wurde kein russisches Erdgas über die Pipeline Nordkaukasus – Transkaukasien geliefert, da laut offiziellen Angaben planmäßige Instandsetzungsarbeiten vorgenommen wurden. Vor diesem Hintergrund wurden Sorgen in der Republik laut, dass Moskau die Lieferungen gänzlich stoppen könne, um Jerewan gefügig zu machen. Bekanntlich sind die Bestrebungen der Paschinjan-Regierung hinsichtlich der Annäherung zur EU für Moskau ein Dorn im Auge. Experten erklärten, dass bei einem Lieferstopp die Gasspeicher der Republik innerhalb von sieben bis zehn Tagen erschöpft seien. Und nicht nach einem Monat, wie oft behauptet wird. Und die Pläne Jerewans, eine strategische Reserve von 107 Millionen Kubikmeter Gas anzulegen, stehen nach wie vor nur auf dem Papier und haben bisher keine Realisierung erfahren. Gegenwärtig fließt also russisches Erdgas. Die armenische Zeitung „Graparak“ meldete jedoch in der vergangenen Woche, dass der 1. November zu einem Stichtag werden könne. Das Blatt informiert unter Berufung auf seine Quellen, dass unter fadenscheinigen Gründen Russland an dem ausgewiesenen Tag die Lieferungen gänzlich stoppen könne. Es ist eine Zitterpartie, in der eventuell der anstehende Moskau-Besuch von Nikol Paschinjan Klarheit schaffen könnte.