Das in Davos zu Ende gegangene Weltwirtschaftsforum-2026 hat eine Reihe von Elementen der neuen politischen und ökonomischen Realität fixiert, die durch die Umsetzung der Losung und des Prinzips von Donald Trump „America First“ (deutsch „Amerika zuerst“) bedingt wird.
Es ist offensichtlich geworden, dass heute nicht nur das internationale Recht nicht im vollem Umfang funktioniert (zu dem Russland und China stehen), sondern auch die vom Westen geliebte „Ordnung, die auf Regeln basiert“. Anders gesagt: Direkt vor unseren Augen geht die Architektur der Weltordnung in die Brüche, die auf der Basis der Vereinbarungen von Jalta und Potsdam entsprechend den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs geschaffen worden war.
Donald Trump schwingt mit Vergnügen den Vorschlaghammer der US-amerikanischen Stärke und vernichtet alle tragenden Konstruktionen der alten Ordnung. Die Logik der sich vollziehenden Prozesse begreifend, hilft er sozusagen einer Beschleunigung ihrer endgültigen Zerstörung. Trump, der territoriale Ansprüche auf Grönland anmeldete, demonstrierte eine Aufgabe nicht nur des Prinzips der Unzerstörbarkeit bzw. Unantastbarkeit von Grenzen, sondern hat gleichzeitig die Nichtigkeit des Faktors der Block- und Bündnisbeziehungen mit Dänemark, einem Mitglied der NATO, deutlich gemacht. Ob Mitglied oder Nichtmitglied – dies bedeutet für ihn im Grunde genommen nichts. Das Kriterium für Beziehungen ist auf neuer Weise eines: Es muss für die USA von Vorteil sein.
Während sich die Europäer vor Davos davon zu überzeugen suchten, dass die USA ja in einer kritischen Situation im Rahmen des Artikels 5 des NATO-Vertrags unbedingt Hilfe leisten werden, so ist heute absolut allen klar geworden: Nein, sie werden nicht kommen. Und für viele ist es nicht nur klar, sondern auch erschreckend geworden. Trump hat ihnen erklärt: Die USA hätten im Alleingang 75 Jahre lang ihre Gelder für einen Schutz der Verbündeten ausgegeben, die aber hätten sich als undankbare erwiesen und wollen Grönland nicht einfach so hergeben.
Schließlich sie dies nur „ein Stück Eis“. Ja, und er ist sich überhaupt nicht gewiss, ob die Europäer den USA zu Hilfe eilen werden, wenn und falls es notwendig wird.
Vor einiger Zeit wurde eine „Formel zur Entschlüsselung der Botschaften des amerikanischen Präsidenten“ vorgeschlagen. Sie klingt so: Trump müsse man ernsthaft, aber nicht buchstäblich wahrnehmen. Nach Davos ist klar geworden, dass man sich gegenüber seinen Worten immer häufiger sowohl ernsthaft als auch buchstäblich verhalten muss.
Zu noch einem schockierenden Ziel des „Trump-Vorschlaghammers“ wurde die mitunter mit Elementen eines erniedrigenden Geplänkels und Hohns erfolgende vorsätzliche und öffentliche Zerstörung der persönlichen Beziehungen mit einer Reihe von Politikern des Westens. Beispielsweise traf dies Macron sowohl aufgrund eines Auftritts in einer Sonnenbrille als auch wegen einer Einladung nach Paris zu einem Abendessen für ein offenes Gespräch. Trump veröffentlichte nicht nur einen Screenshot des Schriftwechsels mit Macron, sondern kommentierte auch den Grund für die Ablehnung des Abendessens: Es habe keinen Sinn, mit einem Mann zu sprechen, der recht bald aufhöre, Präsident Frankreichs zu sein. Worüber mit so einem sprechen? Es ist noch gut, dass er ihn nicht als lahme Ente bezeichnete.
Bereits nach Davos zog Trump über die Rolle der NATO-Verbündeten während der Operationen in Afghanistan her. Die hätten sich ja als Statisten hinter dem Rücken der amerikanischen Soldaten verborgen. Da hat aber selbst der ewig kriecherische Premier Großbritanniens, Keir Starmer, nicht an sich halten können, der die Äußerung des Präsidenten der USA als beleidigende bezeichnete. Er erinnerte daran, dass Großbritannien in Afghanistan 457 Soldaten verloren hätte.
Der kanadische Regierungschef Mark Carney war in Davos einen Tag vor Trump mit einer konzeptionellen Rede aufgetreten, die Standing Ovations ausgelöst hatte. Sechs europäische Staats- und Regierungschefs veröffentlichten in ihren Accounts sozialer Netzwerke preisende Kommentare.
Carney hatte die „Middle States“ (deutsch: oft Mittlere Staaten bzw. Mittelmächte), solche wie Kanada (mit keiner sehr großen Bevölkerungszahl und Volkswirtschaft), aufgerufen, sich für einen Widerstand gegen die „Hegemonen“ und „Rowdys, die die schwächeren kränken“, zu vereinen. Ohne irgendwen beim Namen zu nennen, war er außerordentlich wortgewandt und bescherte dem Publikum, das ausgezeichnet verstand, um wem es geht, Freude und einen Anlass zum Jubeln. Und seine Aussage „Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition“ (deutsch: Lassen Sie mich frank und frei sein. Wir befinden uns in einem Bruch, nicht im Übergang.) begann man, als eine Diagnose für den heutigen Zustand der Angelegenheiten im Westen aufzufassen. Trump hatte sich im Übrigen den Auftritt des kanadischen Premiers angesehen und danach wegen Undankbarkeit beschämt. Kanada würde ja nur dank den USA existieren. Sowohl die Wirtschaft als auch die Verteidigung würden vollkommen von der amerikanischen Großzügigkeit abhängen. Und da solch eine Undankbarkeit! … Daher zog Trump seine Einladung für Kanada für eine Teilnahme am Board of Peace zurück. Überdies kritisierte er die Abkommen Kanadas mit China, da die Chinesen ja innerhalb eines Jahres die kanadische Wirtschaft verschlingen würden. Und nicht daran ersticken würden.
Und am vergangenen Samstag informierte Trump, dass er Zölle für alle Waren aus Kanada in einer Höhe von 100 Prozent einführen werde, wenn es ein formelles Handlungsabkommen mit China abschließt. Dies droht, dass Handelsabkommen zwischen Mexiko, den USA und Kanada zu kippen. Premier Carney ist unter einen beispiellosen Druck seitens des größten Handelspartners geraten. So sieht das heutige Diktat des Hegemonen aus…
US-Handelsminister Howard Lutnick trat in Davos mit einer der konkretesten und spektakulärsten Erklärungen auf. Er rief auf, das Scheitern der Globalisierung und den Flop des Westens und der USA bei der Realisierung dieser „fehlerhaften Politik“ der letzten Jahrzehnte anzuerkennen. Das klassische Modell der Globalisierung hätte die Industrie der westlichen Länder geschwächt, die Abhängigkeit von auswärtigen Lieferungen verstärkt und die Volkswirtschaften zu gegenüber geopolitischen und kettenartigen Schocks anfälligen gemacht. Das Modell der billigen Arbeitskräfte im Ausland, des Outsourcings, Offshorings und auf ein exportorientiertes Wachstum habe nach Aussagen von Lutnick die nationale Industrie zerstört und die Arbeiterklasse getroffen. Er erklärte eine Pleite der Industriestrategie von Unternehmen und Konzernen in Bezug auf die Suche nach Standorten in der Welt für die Schaffung von Produktionsstätten mit den geringsten Kosten sowie hinsichtlich der Schaffung von Offshore-Zonen und der Gestaltung von globalen Ketten für eine Wertschöpfung. Solche Vorgehensweisen hätten der Wirtschaft der Vereinigten Staaten geschadet. Das America-First-Modell verteidige die Strategie für einen Neustart der industriellen Basis der USA über eine Reindustrialisierung, ein Zurückholen von Fertigungen (reshoring), die Priorität der nationalen Branchen und die Stabilität der Lieferketten vor einer abstrakten Effektivität der globalen Märkte. Lutnick unterstrich, dass er und seine Kollegen aus der amerikanischen Delegation abgestimmt gegen die Ideologie des Weltwirtschaftsforums in Davos auftreten würden.
Die Länder dürften keine strategisch wichtigen Branchen – die Herstellung von Medikamenten, Halbleitern, entscheidende Bereiche des Maschinenbaus und die Rüstungsindustrie – ins Ausland verlegen. In den lebenswichtigen Bereichen könne man nur von den „besten Verbündeten“ und nicht von geopolitischen Konkurrenten abhängen. Dabei war für alle Zuhörer Lutnicks offensichtlich, dass heute nicht ein einziger das Prädikat eines „besten Verbündeten“ besitzt.
Washington behält sich das Recht vor, hohe Zölle und die Industriepolitik für einen Schutz der amerikanischen Arbeitnehmer und eine Wiederherstellung der Produktion einzusetzen.
Lutnick kritisierte die europäische Klima-Agenda und die Energiewende, wenn sie die Abhängigkeit von China in Bezug auf Batterien und „grünen“ Technologien verstärken. Entsprechend seiner Logik sei eine Energiewende ohne eine eigene Industrie ein Austauschen einer Abhängigkeit (von Kohlenwasserstoffen) gegen eine andere (von chinesischen Lieferketten). Er verspottete die Verpflichtungen der EU, bis zum Jahr 2030 zu „grünen§ Standards überzugehen, ohne eine eigene leistungsstarke Fertigung von Elektrobatterien zu besitzen. Die EU werde alle Batterien in China einkaufen. Dabei bezeichnete er die Politik Chinas zur Entwicklung einer Solar- und windgestützten Energiewirtschaft als eine vernünftige und pragmatische, da China kein eigenes Erdöl und eigenes Erdgas habe.
Die Statements von Lutnick fügten sich in den gesamten Kontext der Démarche der USA gegen die traditionelle globalistische Agenda von Davos ein und folgten der hart extremistischen Rede von Präsident Trump über Zölle, die Souveränität und eine Revision der Handelsabkommen.
Bei Abendessen und Diskussionsrunden hinter verschlossenen Türen löste die antieuropäische und protektionistische Rhetorik der Amerikaner eine spürbare Gereiztheit bei einem Teil der Eliten inklusive des Zwischenfalls mit dem demonstrativen Abgang der Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, aus.
Lagarde weilte bei einem VIP-Abendessen des Weltwirtschaftsforums, das der Chef der US-amerikanischen Investmentgesellschaft BlackRock, Larry Fink, für Top-Teilnehmer, Staats- und Regierungschefs sowie andere hochrangige Gäste organisiert hatte. Lutnick trat als letzter auf. Und seine Rede wurde zum am meisten konfrontativen Teil des Abends. Da das Abendessen ein geschlossenes war und nicht übertragen wurde, kamen alle Informationen zu ihm in Privatgesprächen von Gästen dieser Veranstaltung.
Laut Mitteilungen mehrerer Quellen hätte sich Lutnick scharf über die „Nichtkonkurrenzfähigkeit“ Europas geäußert, die Wirtschaft der USA gepriesen und geringschätzige Anmerkungen an die Adresse der europäischen Länder kundgetan. Zu irgendeinem Zeitpunkt, als sich die Kritik verstärkt hatte und im Saal missbilligende Pfiffe und Rufe lautzuwerden begannen, sei Lagarde aufgestanden und habe den Saal demonstrativ verlassen.
Augenzeugen betonten, dass ein Teil des Publikums Lutnick weiter ausgepfiffen hätte. Unter jenen, die gepfiffen hätten, wird beispielsweise der einstige US-Vizepräsident Albert Gore erwähnt. Die Atmosphäre hätte sich so sehr hochgeschaukelt, dass der Organisator – Larry Fink – das Abendessen vorzeitig beendet hätte, noch vor dem Servieren der Desserts.
Die Europäische Zentralbank hat die Gründe für das Verlassen von Chr. Lagarde kommentiert, doch in allen Beschreibungen des Zwischenfalls wird darauf verwiesen, dass ihr Verlassen des Saals gerade mit dem Ton und dem Inhalt der antieuropäischen Rede Lutnicks zusammenhingen.
Man kann konstatieren, dass der Skandal bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr, als US-Vizepräsident JD Vance den Werte-Bruch zwischen der wiedergewählten US-Administration und den europäischen politischen Eliten umriss, kein Zufall war. In diesem Jahr haben die Amerikaner unter Führung von Trump in Davos bestätigt, dass sie mit den veralteten Dogmen Europas – in der Ideologie und im Business – nichts zu tun haben wollen.
Die Europäer suchen nunmehr krampfhaft nach einem Modell sowohl für ein Wirtschaftswachstum als auch für die Verteidigung. Aber nicht kollektiv, sondern einzeln, jeder für sich selbst. Denn über gemeinsame Vorgehensweisen kann man sich nur dann einigen, wenn eine Aufgabe nationaler Interessen erfolgt. Heute ist dies nicht zeitgemäß. Denn es ist nicht pragmatisch. Pragmatismus und nationaler Egoismus – dies ist der neue Mainstream der Weltpolitik und -wirtschaft.