Präsidentschaftswahlen in der Ukraine sollten laut Verfassung am letzten März-Sonntag des Jahres 2024 stattfinden. Jedoch hatte sich zu dieser Zeit das Land bereits mehr als zwei Jahre im Kriegszustand befunden, und die Wahlen wurden verschoben. Vergangen sind derzeit weitere mehr als zwei Jahre. Und die Notwendigkeit eines demokratischen Wahlprozesses bewegt immer mehr ukrainische Bürger.
Laut Anfang August veröffentlichten Ergebnissen einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) sind 15 Prozent der Beauftragten der Auffassung, dass man schon jetzt Wahlen abhalten müsse, ohne eine Beendigung der Kampfhandlungen abzuwarten. Und fast jeder vierte (23 Prozent) denkt, dass die Abhaltung von Wahlen sofort nach einer Feuereinstellung und des Erhalts von Sicherheitsgarantien für die Ukraine organisiert werden müsse.
Insgesamt bestehen rund 38 Prozent der Ukrainer auf der Notwendigkeit eines Resettings und einer Erneuerung der Präsidentenmacht im Land. Obgleich diese Zahl noch im März 2026 ganze 25 Prozent ausmachten und im März 2025 19 Prozent. Wie zu sehen ist, plädieren mit jedem neuen Monat der Führung der Kampfhandlungen immer mehr Bürger der Ukraine für die Abhaltung von Wahlen.
Zur gleichen Zeit meinen die meisten Ukrainer, dass die Wahlen bis zu einer endgültigen Regelung des militärischen Konflikts und der Unterzeichnung eines Friedensabkommens mit Russland abwarten könnten. Und dies selbst unter Berücksichtigung dessen, dass sich ihre Anzahl von 78 Prozent im März vergangenen Jahres bis auf 69 Prozent im März dieses Jahres verringerte und weiter bis auf 57 Prozent Anfang August gefallen ist.
Bezeichnend ist, dass die Herangehensweise der Befragten an die Notwendigkeit der Abhaltung von Präsidentschaftswahlen vom Grad ihres Vertrauens gegenüber Präsident Wladimir Selenskij abhängt. In der Gruppe jener, die dem Staatsoberhaupt „vollkommen vertrauen“ wollen praktisch alle (85 Prozent) die Wahlen bis zum Beginn einer Friedensperiode aufschieben. Sie vertrauen auch so ihrem Staatschef und wollen keinen Machtantritt eines anderen Politikers.
Unter jenen, die dem ukrainischen Präsidenten „überhaupt nicht vertrauen“, ist nur jeder fünfte (21 Prozent) mit einer Verschiebung der Wahlen bis in die Nachkriegszeit einverstanden. 73 Prozent der Befragten wollen absolut nicht, dass der Wahlprozess für unbestimmte Zeit auf die lange Bank geschoben wird. Dabei besteht beinahe jeder zweite dieser Gruppe (44 Prozent) auf eine unverzügliche Abhaltung von Präsidentschaftswahlen, wenn auch unter Kriegsbedingungen.
Insgesamt bedürfen alle gewählten Machtorgane in der Ukraine einer Abhaltung der vertagten Wahlen. Zur gleichen Zeit halten die Bürger laut den Daten des KIIS die Abhaltung gerade von Präsidentschaftswahlen für eine erstrangige (44 Prozent der Befragten). Als zweite notwendige Wahlen werden die für die Werchowna Rada (das Landesparlament der Ukraine) angesehen (32 Prozent). An dritter Stelle rangieren die Wahlen zur den örtlichen Machtorganen (elf Prozent).
Unter den potenziellen Kandidaten für eine Teilnahme an Präsidentschaftswahlen befindet sich eine ganze Reihe ukrainischer Politiker. Einige von ihnen haben bereits ihre Ambitionen signalisiert. Andere haben dies mit ihren Handlungen zu verstehen gegeben.
Zweifellos befindet sich in dieser Liste Wladimir Selenskij (48 Jahre). Ungeachtet seiner anfänglichen Absichten, nur für eine Amtszeit anzutreten, weisen alle Faktoren darauf hin, dass er beabsichtigt, erneut bei Präsidentschaftswahlen zu kandidieren. Aber in dem Fall, dass sie in den nächsten Monaten abgehalten werden.
Die Soziologen aus dem KIIS unterstreichen, dass der Grad des Vertrauens gegenüber dem Präsidenten der Ukraine Anfang August 55 Prozent ausmachte. Zur gleichen Zeit befindet sich sein Anti-Rating auf einem Stand von 40 Prozent. Analoge Werte (53 Prozent gegenüber 41 Prozent= wurden lediglich im Februar dieses Jahres beobachtet, als das Land aus dem schweren Winter herauskam.
Eine andere ukrainische Soziologie-Agentur — „Rating“ — führte Ende Juli dieses Jahres eine Untersuchung des Vertrauensgrades gegenüber Politikern durch. Laut den gewonnenen Daten sprachen 59 Prozent der Befragten davon, dass sie dem ukrainischen Präsidenten „vollkommen“ oder „eher vertrauen“. Dies liegt etwas höher als beim KIIS. Doch mit diesem Wert lag der Präsident lediglich auf dem vierten Platz der Liste. Überdies erklärte 39 Prozent der Bürger ihr Misstrauen gegenüber Selenskij.
Das Rating der ukrainischen Politiker und potenziellen Präsidentschaftskandidaten führt seit vielen Monaten der ehemalige Oberkommandierende der Streitkräfte der Ukraine und nunmehrige Botschafter in Großbritannien (seit 2024) Valerij Saluschnij (53 Jahre) an. Der Grad des Vertrauens ihm gegenüber schwankt um die 70 Prozent. Und das Antirating macht nur ganze 20 Prozent aus. In den letzten zwei Jahren hat es keiner unter den ukrainischen Politikern auch nur andeutungsweise vermocht, ihm den ersten Platz streitig zu machen.
Ende Juni hatte Saluschnij das Angebot ausgeschlagen, das Amt des Premiers einzunehmen, und erklärt, dass er unbedingt ein Kandidat bei Präsidentschaftswahlen sein werde. Zu jener Zeit hatte das Office des ukrainischen Präsidenten die Möglichkeit der Organisation von Wahlen bis Ende Herbst in Erwägung gezogen. Aber die Absicht von Saluschnij, an ihnen teilzunehmen, hat deren Abhaltung auf unbestimmte Zeit vertagt.
Rang 2 unter den ukrainischen Politikern nimmt der ehemalige Verteidigungsminister Michail Fjodorow (35 Jahre) ein. Mitte Juli wurde er während des Regierungswechsels als Minister entlassen. Eine Umfrage von „Rating“ wies eine Vertrauensrate ihm gegenüber von 65 Prozent bei einem rekordverdächtig geringen Antirating von elf Prozent aus. Außerdem hatten 72 Prozent der Befragten seine Entlassung aus dem Verteidigungsministerium nicht unterstützt.
Es kann angenommen werden, dass die Entlassung von Michail Fjodorow in erheblichem Maße mit seinem schnell ansteigenden Rating zu erklären ist. Innerhalb von nur einem halben Jahr Arbeit als Verteidigungsminister hatte er den zweiten Platz im Politiker-Rating errungen.
Bereits mehrere Wochen finden in Städten der Ukraine sogenannte „Karton-Maidans“ statt, Kundgebungen, deren Teilnehmer auf Kartonpappe die Forderungen schreiben, den jungen Ex-Verteidigungsminister zurückzuholen. Diese Bewegung konnten die Umgebung von Selenskij und dieser selbst nicht ignorieren und führte zu einer Ablösung des Oberkommandierenden der Streitkräfte der Ukraine Alexander Syrskij durch Michail Drapatyj, der als dem früheren Minister nahestehend gilt.
Das künftige Rating von Fjodorow wird davon abhängen, ob es ihm gelingen wird, erneut das Verteidigungsministerium zu leiten. Präsident Selenskij hatte ihm ein ganzes Spektrum hochrangiger Ämter angeboten – vom Amt eines Vizepremiers für neue Militärtechnologien bis hin zu einer Tätigkeit im Rahmen des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine. Fjodorow besteht aber weiter öffentlich auf seine Wiedereinsetzung als Verteidigungsminister. Und die ihn unterstützenden „Karton-Maidans“ sind Anfang August in Protestmärsche übergegangen.
Am 8. August stellte der ukrainische Ex-Verteidigungsminister Michail Fjodorow (auch: Mychajlo Fedorow) Wladimir Selenskij ein Ultimatum mit der Forderung, ihn innerhalb von zwölf Tagen in sein bisheriges Amt zurückzuholen. In einem Interview für seinen früheren Stellvertreter Sergej Sternenko versprach Fjodorow seinen Plan nach dem 18. August, wenn die Werchowna Rada aus dem Urlaub zurückkehrt, offen zu legen. Nach Aussagen des Politikers habe er einen Reserveplan für den Fall einer Ablehnung Selenskij, ihn ins Amt zurückzuholen, oder in dem Fall, dass das ukrainische Parlament diese Frage in die Länge zieht.
Den dritten Platz in der „Rating“-Befragung nimmt der Leiter des Präsidenten-Offices (seit Januar 2026) und ehemalige Chef der Hauptverwaltung für Aufklärung der ukrainischen Armee Kirill Budanow (auch Kyrylo Budanow, 40 Jahre, ist in Russland auf die Liste von Terroristen und Extremisten gesetzt worden) ein. Der Grad der Unterstützung für ihn liegt bei 62 Prozent, sein Antirating – bei 23 Prozent.
Bereits zu Beginn dieses Jahres hatte Kirill Budanow den zweiten Rang unter allen ukrainischen Politikern eingenommen, was wahrscheinlich auch zum Grund seiner Ernennung zum Leiter des Präsidentenoffices wurde. Die Ablösung von einer direkten Leitung des Geheimdienstes hat widersprüchlich sein Rating beeinflusst. Einerseits werden die von der Hauptverwaltung für Aufklärung durchgeführten Militäroperationen nicht mehr mit ihm assoziiert, was ihm nicht erlaub, politisches Kapital zu akkumulieren. Andererseits kann die Beteiligung eines Mitarbeiters dieses Geheimdienstes an dem Anschlag gegen einen ukrainischen Oligarchen in Monaco eine negative Auswirkung auf das Budanow-Rating haben (der Anschlag erfolgte Ende Juni gegen den ukrainischen Immobilienunternehmer Wadim Jermolajew – Anmerkung der Redaktion).
Sucht man nach gemeinsamen Wesenszügen unter der ersten Troika der Kandidaten für das Präsidentenamt, so sind dies Politiker, die früher eine ukrainische militärische Struktur angeführt haben (die Streitkräfte der Ukraine, das Verteidigungsministerium, den militärischen Geheimdienst). Es gibt aber Altersunterschiede. An der Spitze des Ratings befindet sich ein erfahrener Militär im Alter von 53 Jahren, der zu Zeiten der UdSSR aufgewachsen ist, als Russland und die Ukraine Teile eines gemeinsamen Staates waren. Die Weltanschauung der beiden anderen Politiker (35 und 40 Jahre) ist bereits in der Zeit der ukrainischen Unabhängigkeit ausgeprägt worden. Für sie war Moskau nie die Hauptstadt des Heimatlandes gewesen.
Wann in der Ukraine Präsidentschaftswahlen stattfinden werden, ist bisher unbekannt. Wenn aber Wladimir Selenskij ein zweites Mal kandidieren wird, so wird er mit großer Wahrscheinlichkeit jedem der drei anderen Kandidaten unterliegen können.