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In Russland gibt es keinen massenhaften Bedarf an Isolationismus


Eine Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts VTsIOM, die den Beziehungen Russlands und des Westens galt, hat einerseits keine sensationellen Ergebnisse gebracht. Man konnte vermuten, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten in der einen oder anderen Weise dem zustimmen wird, dass die Europäische Union die Russische Föderation aufgrund politischer Erwägungen diskriminiere (64 Prozent), dass unser Land nicht danach streben müsse, der EU beizutreten (57 Prozent), und dass es nicht in den russischen Interessen wäre, eine Zusammenarbeit mit der NATO anzubahnen (dafür hatte sich nur ganze neun Prozent ausgesprochen). Andererseits verschleiert jegliche sozial-politische Evidenz das, was nicht auf der Hand liegt. Und die Umfrage von VTsIOM demonstriert dies.

Häufig scheint es, dass die antiwestliche, in Vielem isolationistische Politik der russischen Offiziellen der letzten Jahre eine massenhafte Unterstützung erhält, sie darauf setzt und Potenzial für eine Konsolidierung des Elektorats besitzt. Dabei haben lediglich 19 Prozent, das heißt eine offenkundige Minderheit, bei der Beantwortung der Frage der VTsIOM-Mitarbeiter, ob Russland die gegenseitig vorteilhaften Kontakte mit den Ländern des Westens verstärken oder im Gegenteil sich von ihnen distanzieren solle, die zweite Variante gewählt. Dabei unterstützt die ältere Generation – ab 60 Jahre – solch eine generelle Variante des Isolationismus weniger als die Jugendlichen (elf Prozent gegenüber zwanzig Prozent).

Erklären kann man dies auf unterschiedliche Weise – sowohl mit dem Fehlen von Konkretheit in der Frage als auch mit dem Unwillen, im Gespräch mit den Soziologen aggressive Ansichten und eine entsprechende Rhetorik wiederzugeben (zumal, wer vertraut in Russland noch staatlichen Meinungsforschern – Anmerkung der Redaktion) und mit jeglichem anderen Lärm im Kanal. Wie dem jedoch auch immer sein mag: Die Untersuchung des Allrussischen Meinungsforschungszentrums VTsIOM zeigt, dass es in Russland keinen massenhaften Bedarf an Isolationismus gibt. Die Herrschenden können eine Politik des Distanzierens verfolgen, in konkreten Fällen eine Unterstützung der Bürger erhalten. Sie haben aber kein Mandat von unten her, sich gerade so strategisch zu verhalten, erhalten. Die Basis scheint weitaus offener und liberaler als die Oberen zu sein.

Wenn die Soziologen das Thema der Beziehungen mit dem Westen konkretisieren, mit den Bürgern über die NATO und die EU sprechen, so entspricht die altersmäßige Aufteilung den Erwartungen. Beispielsweise unterstützen die Bildung eines Verteidigungsbündnisses mit früheren sozialistischen Ländern als Gegengewicht zur NATO 33 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 24 Jahren und 43 Prozent – im Alter von 60 und älter. 27 Prozent der jungen Befragten lassen einen künftigen Beitritt Russlands zum Nordatlantikpakt zu. Unter der älteren Generation machen solche Enthusiasten nur fünf Prozent aus. Es versteht sich, unter den Jugendlichen gibt es auch mehr derjenigen, die gern einen Beitritt zur Europäischen Union hätten (39 Prozent). Nur fünf Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 24 Jahren sind damit einverstanden, dass die EU Russland aufgrund politischer Erwägungen diskriminiere. Dies ist der geringste Wert unter allen Altersgruppen. Je älter der Befragte desto größer ist seine Skepsis – sowohl hinsichtlich der NATO als auch im Bezug auf das vereinigte Europa.

Und dies ist ebenfalls eine „nicht auszumachende Evidenz“. Das gesamte bewusste Leben der jungen Russen verlief unter Wladimir Putin. Sie haben die 90er Jahre nicht erlebt. Der dominierende politische Diskurs in Russland war in den letzten beiden Jahrzehnten die Ausgerichtetheit gegen den Westen. Und da ergibt sich, dass die bei solchen Herrschenden und solch einem Diskurs großgewordene Generation ganz und gar keine Fortsetzung eben jener Politik fordert. Sie ist offene Grenzen gewohnt, hat sich an einen freien Meinungsaustausch gewöhnt. Sie ist bereit, einzelnen Postulaten der Offiziellen bezüglich einer Bedrängung und Erniedrigung zuzustimmen, aber würde wohl kaum ein Rollback zu den Realitäten des Kalten Kriegs unterstützen.

Während die Herrschenden den Geist des Isolationismus aus der Flasche herauslassen, reagieren sie nicht auf die Stimmungen in der Gesellschaft. Sie schaffen eher selbst diese Stimmungen, indem sie die Ressentiments der älteren Generation als eine Ressource der Unterstützung ausnutzen. Dabei ergibt sich, dass die Offiziellen jene Orientierungspunkte ignorieren, die die jungen Menschen vorgeben, und in die Vergangenheit als eine Inspirationsquelle schauen. So werden ganz und gar kein moderner, sondern ein traditionalistischer Staat und eine dementsprechende Gesellschaft errichtet, in denen man annimmt, dass sich die Jugend „austobt“, mit der Zeit konservativer wird sowie die Werte und Grundsätze jener, die älter sind, darunter das Basis- bzw. grundlegende Misstrauen gegenüber dem Westen sowie all seinen Strukturen und Instituten, akzeptieren.