Die junge Generation der Bürger Russlands besteht aus zwei sich prinzipiell unterscheidenden Gruppen. Diese Gruppen der jungen Menschen unterscheiden sich hinsichtlich der Werte, der Vorstellungen über eine richtige Entwicklung des Landes, aber auch in Bezug auf die Bewertungen des heutigen russischen Staates. Etwa jeder fünfte junge Bürger Russlands steht dem derzeitigen Entwicklungskurs des Landes negativ gegenüber. Der Unmut dieser Gruppe betrifft sowohl den Staat insgesamt als auch die Systeme des Bildungs- oder des Gesundheitswesens in unserem Land. Jedoch unterstützt die überwältigende Mehrheit der russischen Jugend den derzeitigen Kurs auf ein Anziehen der Daumenschrauben sowohl in der Wirtschaft als auch im öffentlichen Leben. Die starken Unterschieden in den Anschauungen der russischen Jugend haben Wissenschaftler aus dem Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften ausgemacht.
Die Jugend des Landes schaue ungeachtet der schweren Zeiten mit Optimismus in die Zukunft. Etwa 80 Prozent der jungen Bürger Russlands würden die Auffassung vertreten, dass der derzeitige Entwicklungskurs Russlands in der Zukunft zu positiven Ergebnissen führe, erklärt Ilja Dudin aus dem Akademie-Institut für Soziologie. In seinen Schlussfolgerungen stützt er sich auf eine repräsentative gesamtrussische Untersuchung des Instituts für Soziologie aus dem Jahr 2024, in der die Unterschiede der Ansichten der heutigen russischen Jugendlichen im Alter von 18 bis 35 Jahren beurteilt wurden.
Die wesentlichen Unterschiede in den Bewertungen der jungen Menschen zum Zustand unseres Landes verknüpfen die Soziologen mit den Vorstellungen über den Platz Russlands in der Welt. Gerade diese Vorstellung teilt die russische Jugend in zwei „Lager“ mit prinzipiell unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich einer ganzen Reihe von Fragen. Für das angenommen liberale Lager ist ein großes Festhalten an Normen und Werten charakteristisch, die den Instituten der westlichen, der liberal orientierten Gesellschaften zugrunde liegen. Für das staatstreue Lager ist das Dominieren von Normen und Werten charakteristisch, die eine Legitimierung des Instituts der Staatsgewalt insgesamt gewährleisten, das für die Länder des angenommenen Ostens typisch ist. Und dies mit einem Dominieren der Interessen des Staates und mit einen Festhalten an einem etatistischen Modell der Gesellschaft (stellt den Staat in den Mittelpunkt und befürwortet eine starke staatliche Lenkung, Kontrolle oder Einmischung in Wirtschaft und Gesellschaft – Anmerkung der Redaktion).
Russlands Bürger sind insgesamt der Auffassung, dass sich unser Land hinsichtlich der Kultur, Wirtschaft und des nationalen Charakters irgendwo zwischen den Ländern des liberal orientierten Westens (solchen wie die USA, Frankreich, Deutschland u. a.) und dem etatistischen Osten (China, Japan, Indien) befinde, obgleich Russland nach ihrer Auffassung dennoch Westeuropa etwas näher sei, erläutert der 27jährige Soziologe.
Beide verschiedenen Gruppen der russischen jungen Menschen orientieren sich an Vorstellungen darüber, wie die entscheidenden gesellschaftspolitischen und sozialen Institute „aussehen müssen“. Diese Vorstellungen darüber, „wie es sein muss“, sind jedoch völlig verschiedene. So sind die Anhänger der für Russlands Bürger typischen „etatistischen“ Normen und Werte nicht einfach der Auffassung, dass das Land in der richtigen Richtung gehen, sondern rechtfertigen auch massenhaft das breite Spektrum der Rechte der Institute der Staatsgewalt – von einer Einschränkung der Freiheit der Massenmedien und Blogger bis zu dem Recht, Unternehmen zu nationalisieren, die den Interessen des Staats Schaden zufügen, und die Rechtsprechung zu beeinflussen.
Die Vertreter der liberalen Gruppen halten jedoch den derzeitigen Entwicklungsweg Russlands für einen sackgassenartigen, da sie das optimale Modell der Institute der Staatsmacht prinzipiell anders sehen. Den normativen und Werte-Systemen der liberalen Gruppe der jungen Menschen liegt vor allem der Gedanke von den Menschenrechten zugrunde, die für sie wichtiger als die Interessen des Staates sind, erläutert Ilja Dudin.
Eine wichtige Rolle in der Frage nach der Sicht auf die Zukunft Russlands und der Bewertungen für den gegenwärtigen Kurs besitzen auch die persönlichen Erfahrungen der jungen Bürger Russlands. Darunter die persönliche Wahrnehmung der Veränderungen in den Bereichen Bildungswesen, Wirtschaft und internationale Spannungen.
Eine kritische Haltung zur Zukunft des Landes, das den gegenwärtigen Entwicklungsweg fortsetzt ist für jene Vertreter der Jugend typischer, die mit der Gegenwart unzufrieden sind. So sprachen von den jungen Bürgern Russlands, die ihr aktuelles Leben als ein schlechtes charakterisieren, mehr als 66 Prozent von einem sackgassenartigen Charakter des Entwicklungsweges des heutigen Russlands. Unter den jungen Bürgern Russlands, die ihr Leben als ein schlechtes bezeichneten, erklärten über 58 Prozent, dass sie sich nicht mit den Anhängern der militärischen Sonderoperation identifizieren würden.
Große Bedeutung für die Formierung einer Meinung über einen aussichtsreichen Charakter oder den Charakter einer Sackgasse des Entwicklungsweges von Russland haben auch die persönliche Wahrnehmung der Veränderungen in ihrer Region, das Verspüren einer ausreichenden oder unzureichenden Hilfe seitens des Staates, aber auch die Bewertungen für das eigene Leben, die materielle Lage und Ernährung. Gerade diese Wertungen spielen die bedeutsamste Rolle für die polaren Gruppen der russischen Jugend.
Unter jenem Teil der jungen Menschen, die meinen, dass der Entwicklungsweg des Landes in eine Sackgasse führe, haben über 70 Prozent erklärt, dass Russland Veränderungen brauche. Über 62 Prozent erklärten, dass die heutigen Herrschenden um jeden Preis ersetzbare sein müssten, zählt der junge Soziologe auf. Dabei haben sich beinahe 46 Prozent jenes Teils der jungen Menschen, die den derzeitigen Weg Russlands für einen sackgassenartigen halten, nicht als Anhänger der militärischen Sonderoperation in der Ukraine selbst in einem geringen Maße angesehen. Und über 42 Prozent der Befragten nannten den Widerspruch zwischen den Herrschenden und dem Volk unter den drei akutesten Widersprüchen für die russische Gesellschaft.
In der alternativen Gruppe, die den heutigen Entwicklungsvektor Russlands für einen aussichtsreichen halten, waren die entsprechenden Werte erheblich geringere. Rund 28 Prozent in dieser Gruppe junger Menschen waren der Auffassung, dass Veränderungen wichtiger als Stabilität seien. Weniger als neun Prozent erklärten, dass die heutigen Herrschenden ersetzt werden müssten. Lediglich knapp 16 Prozent identifizierten sich nicht mit Anhängern der militärischen Sonderoperation. Und nur 15 Prozent der Befragten nannten den Widerspruch zwischen den Herrschenden und dem Volk unter den Top-3 der akutesten Widersprüche der russischen Gesellschaft, betonte der Soziologe Dudin.
Laut den Befragungsergebnissen sind die Normen und Werte die in den ideologischen Anschauungen der Vertreter aller Generationen dominierenden, die für Gesellschaften des etatistischen Typ charakteristisch sind. Daher werde eine Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten der Entwicklungsvektor mit einer verstärkten Rolle der staatlichen Regulierung erhalten, die die Russische Föderation mit solchen asiatischen Ländern-Zivilisationen wie beispielsweise China annähern wird, sagen die Soziologen voraus.
Insgesamt sind für die russischen Jugendlichen optimistischere Zukunftserwartungen und Wahrnehmung der Gegenwart charakteristisch. Diesen Optimismus kann man unter anderem in Umfragen der kremlnahen Stiftung „Öffentliche Meinung“ über die sozialen Stimmungen ausmachen. Auf die Frage „Wie wird sich in einem halben Jahr bzw. in einem Jahr Ihr Leben verändern, das Leben Ihrer Familie?“ antworten lediglich zehn Prozent der jungen Bürger Russlands im Alter von 18 bis 30 Jahren, dass ihr Leben schlechter werde. Im Vergleich dazu erwarten in der Gruppe der Bürger Russlands im Alter von 46 bis 60 Jahren bereits 16 Prozent in der nächsten Zeit eine Verschlechterung des Lebens.