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In Russland registrierte man fast 20 Millionen Arme


Die Zahl der Armen in Russland ist dicht an die 20 Millionen Menschen herangerückt. Die Anzahl der Bürger mit Einkommen unterhalb des Existenzminimums lag das letzte Mal über 20 Millionen nur im Jahr 2006. Die Regierung der Russischen Föderation verspricht, dass ein Anstieg der Einkommen der Bevölkerung bereits im nächsten Jahr beginnen werde. Die Minister erwarten eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit und einen Anstieg der Löhne und Gehälter. Experten halten derartige Prognosen für nicht sehr überzeugende unter den Bedingungen der zunehmenden Unbestimmtheit. 

Das Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen werde sich im kommenden Jahr um 2500 Rubel im Monat (umgerechnet knapp 28 Euro) erhöhen. Und der nominelle Lohn werde im Land um 3.000 Rubel ansteigen. Dabei werde sich die Arbeitslosigkeit im Jahr 2021 im Durchschnitt um 300.000 Menschen verringern. Solch eine optimistische Prognose stellte Ende vergangener Woche das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung vor. Dabei wurde das offizielle Hauptszenario ohne zahlreiche Varianten – optimistische und pessimistische Szenario – präsentiert.   

Vorerst aber werden in Russland direkt entgegengesetzte Prozesse beobachtet: Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Konsumtion verringert sich, und die Einkommen gehen zurück.

„Die Arbeitslosenrate erreichte entsprechend der Methodologie der Internationalen Arbeitsorganisation im Juli 6,3 Prozent. Zum gegenwärtigen Moment sind 3,7 Millionen Menschen offiziell arbeitslose. Dabei verringert sich das Tempo der Zunahme der Arbeitslosigkeit. Während im Mai der Anstieg im Durchschnitt 30.000 Menschen am Tag ausmachte, im August – 13.000, so betrug die Zunahme in den letzten Wochen etwas mehr als 3.000, was im Großen und Ganzen von einer Stabilisierung der Situation zeugt“, betont Maxim Reschetnikow, der Chef des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung. Im nächsten Jahr werde sich die Situation verbessern. Im Durchschnitt werde die Arbeitslosenrate im Jahr 5,2 Prozent ausmachen, und zum Jahresende werde sie etwas unter die 5 Prozent abrutschen. Das heißt, faktisch werde ein gewisses „natürliches“ Niveau zurückkehren, verspricht der Minister.

Wenn Millionen Menschen den Job und Einkommen verlieren, wird im Land natürlich die Armut zunehmen, das heißt die Zahl der Bürger Russlands mit Einkommen unterhalb des Existenzminimums.

Im zweiten Quartal des Jahres 2020 verfügten 19,9 Millionen Menschen oder 13,5 Prozent von der Gesamtbevölkerung des Landes über Einkommen unterhalb des Existenzminimums, meldete Rosstat. Als Wert für das Existenzminimum nahmen die Beamten den offiziell fixierten Wert von 11.468 Rubel im Monat (umgerechnet weniger als 128 Euro). Dabei wurde das Existenzminimum an sich im Vergleich zum ersten Quartal um 5,8 Prozent angehoben, was über der Inflationsrate lag. Und diese Tatsache solle entsprechend den Gedankengängen der Beamten eine Objektivität ihrer Berechnungen belegen.

Der Anteil der Bevölkerung, die nicht einmal das Existenzminimum besaß, erhöhte sich im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum analogen Zeitraum des Vorjahres um 1,3 Millionen Menschen.

Es sei angemerkt, dass sich die Armutsrate den gegenwärtigen Parametern in den letzten Jahren zweimal genähert hatte – in den Jahren 2015 und 2008. Nach dem Einbrechen der Erdölpreise und dem Beginn der Ukraine-Krise von 2014 erlebte die russische Wirtschaft einen spürbaren Schock. Die Zahl der Armen kletterte im Jahr 2015 um 2,7 Millionen Menschen in die Höhe, was 13,4 Prozent der Landesbevölkerung ausmachte. Im Krisenjahr 2008 lagen die Armutszahlen nahe bei den derzeitigen: rund 19 Millionen Menschen mit Einkünften unterhalb des Existenzminimums oder eben jene 13,4 Prozent der Bevölkerung. 

„Die Schätzung für die Zahl der minderbemittelten Bevölkerung kann entsprechend den Jahresergebnissen nach Erhalt der Daten über alle saisonalen und Jahresauszahlungen, aber auch über die anderen Formen von Einkünften präzisiert werden“, teilte Rosstat mit. Im Amt von Pawel Malkow (Leiter des staatlichen Statistikamtes in Russland – Anmerkung der Redaktion) informierte man, dass bei der Berechnung der gegenwärtigen Armutszahlen jene 359,4 Milliarden Rubel berücksichtigt worden seien, die durch die Regierung der Russischen Föderation als zusätzliche Unterstützung für Arbeitslose und Familien mit Kindern bereitgestellt worden waren.

Derweil verweisen die Auditoren des Rechnungshofs darauf, dass die derzeitige Zunahme der Armut in keiner Weise den Ergebnissen der nationalen Ziele zu deren Verringerung entspreche. „Die Risiken eines Nichterreichens des nationalen Ziels sind selbst unter Berücksichtigung der ergriffenen Maßnahmen zur Unterstützung der Familien mit Kindern und der bereits Arbeitslosen reale große. Dies erfordert eine Überprüfung und Ausarbeitung neuer Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und eine Aufstockung der finanziellen Ressourcen in dieser Richtung“, betont man im Amt von Alexej Kudrin (Leiter des russischen Rechnungshofs – Anmerkung der Redaktion). 

Dabei erklärt man in der russischen Regierung, dass sich das Thema einer Verringerung der Armut beim Präsidenten der Russischen Föderation unter einer besonderen Kontrolle befinde. Die Armutsbekämpfung sei eine erstrangige Aufgabe der russischen Regierung ungeachtet der Risiken, die sich für die Wirtschaft des Landes vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen ergeben haben, erklärte der Premierminister der Russischen Föderation, Michail Mischustin, beim letzten Report im Parlament. Und Maxim Oreschkin, der gegenwärtige Wirtschaftsberater des Präsidenten, versicherte Anfang Januar, dass die Armut in der Russischen Föderation bereits bis zum Ende des Jahres 2020 um mehr als 10 Prozent zurückgehen würde.

Die Zahl der in Armut lebenden Bürger könnte man mittels zielgerichteter Zahlungen verringern. Die russische Bürokratie hat aber in den letzten Jahrzehnten kein System zur individuellen Erfassung der real Bedürftigen geschaffen. Daher werden auch keine zweckgebundenen Zahlungen aus dem Haushalt vorgenommen, da der Staatsapparat die Bürger mit nichterfassten Einkünften und die real in Armut lebende Bevölkerung nicht unterscheidet.

Die Situation verschlimmert auch die Tatsache, dass die Corona-Krise zu einer Zunahme der Armut in der ganzen Welt führte. Eine Ausnahme bildete da wohl nur China, das die COVID-19-Epidemie bei sich recht operativ unterdrückte. In der Welt aber ist die Anzahl der Menschen, die in äußerster Armut leben, während der Pandemie um 7 Prozent angestiegen, heißt es im großen Jahresbericht der Stiftung von Bill und Melinda Gates (Bill & Melinda Gates Foundation).