Der Astana-Besuch von Israels Außenminister Gideon Sa’ar am 27. Januar markierte eine neue Etappe in den Beziehungen der beiden Staaten nach dem Beitritt Kasachstans zu den Abraham-Abkommen. Die Gespräche des israelischen Ministers mit Präsident Qassym-Schomart Tokajew und Kasachstans Außenminister Jermek Koscherbajew offenbarte eine Gemeinsamkeit von Interessen – angefangen bei Hochtechnologien bis hin zu Fragen der regionalen Sicherheit. Das ökonomische Fundament des Besuchs untermauerte ein kasachisch-israelisches Business-Forum, das Vertreter von rund 100 führenden Unternehmen vereinte. Am Vorabend hatte Gideon Sa’ar Aserbaidschan besucht.
Es ist symbolisch, dass der Aserbaidschan- und der Kasachstan-Besuch des israelischen Ministers mit dem Gedenktag für die Holocaust-Opfer zusammenfiel. Kasachstans Staatsoberhaupt hatte aus Anlass des Gedenktages dem israelischen Amtskollegen Izchak Herzog ein Telegramm gesandt, in dem er die feste Position seines Landes gegen jegliche Form von Xenophobie zum Ausdruck brachte. Tokajew erinnerte an die tiefen historischen Verbindungen: „Kasachstan wurde zu einem Haus für viele Juden, die in den Jahren des Holocausts evakuiert wurden, und heute ist die jüdische Gemeinde Kasachstans ein untrennbarer Bestandteil unserer Gesellschaft“.
Im Verlauf der erfolgten Gespräche unterstrich Qassym-Schomart Tokajew, dass der Besuch des Chefs der israelischen Diplomatie als eine überzeugende Bestätigung des Strebens von Jerusalem nach einer Vertiefung des allseitigen Dialogs mit Kasachstan diene. Ein besonderer Akzent wurde auf eine qualitative Aktivierung der Handels- und Wirtschafts- sowie der wissenschaftlich-technischen Partnerschaft gelegt. Tokajew und Sa’ar steckten konkrete Vektoren für die Realisierung ambitiöser Projekte in den perspektivreichsten Bereichen ab – von einer Implementierung von Systemen der künstlichen Intelligenz und von Innovationen in der Landwirtschaft bis zu Spitzentechnologien für eine Verwaltung der Wasserressourcen.
Vor dem Hintergrund der sich bereits herausgebildeten stabilen Allianz mit Baku bleibt die Kasachstan-Richtung für Israel eine Zone für ein perspektivreiches Wachstum. Beide Länder besitzen erhebliche Möglichkeiten für eine Entwicklung der ökonomischen Partnerschaft. Ihr Erfolg kann als ein Präzedenzfall für die anderen zentralasiatischen Staaten dienen, die diplomatische Beziehungen mit Israel unterhalten. Zu einem Schlüsselfaktor wurde Astanas Beitritt zu den Abraham-Abkommen (eine Reihe historischer Normalisierungsabkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten, die 2020 unter Vermittlung der USA geschlossen wurden – Anmerkung der Redaktion).
Auf einer Pressekonferenz in Astana würdigte Israels Außenminister besonders die Rolle Kasachstans: Die Republik sei zum ersten Staat Zentralasiens geworden, die sich den Abraham-Abkommen angeschlossen habe. Dieser Schritt diene nach Meinung des Ministers als ein klares Signal für die gesamte Region: Die Türen für einen Dialog und eine umfangreiche Zusammenarbeit seien offen.
Der Pragmatismus der Begegnungen wird durch ambitionierte Pläne untermauert. „Wasser, Innovationen und die Lebensmittelsicherheit – eben dies sind die drei Grundpfeiler, auf denen wir unsere erweiterte Partnerschaft gestalten werden“, unterstrich der israelische Außenminister. Zur wohl am längsten erwarteten Nachricht für die Bürger wurde die Unterzeichnung eines Memorandums über die Absichten, das Visa-Regime aufzuheben, was Israel für die Bürger Kasachstans noch näher bringen wird.
Das ökonomische Fundament der Beziehungen sieht schon heute solide aus: Innerhalb von zwei Jahrzehnten hätten die israelischen Investitionen in Kasachstan 1,5 Milliarden Dollar erreicht, teilte Kasachstans Außenminister Jermek Koscherbajew mit. Nach seinen Worten habe der Warenaustausch entsprechend den Ergebnissen von 2025 162 Millionen Dollar erreicht. Jedoch seien die Seiten nicht gewillt, es damit zu belassen. „Wir haben die Möglichkeit, dieses Potenzial zu erhöhen“, unterstrich der Außenamtschef Kasachstans. Er fügte hinzu, dass in den Mauern des kasachischen Außenministeriums parallel ein Geschäftsforum erfolge, das auf die Gewinnung von Investitionen und die Organisierung gemeinsamer Maßnahmen abziele. Zusammen mit Sa‘ar war eine Gruppe von Geschäftsleuten aus den Bereichen Cybersicherheit, Medizin und Agrartechnik nach Astana gekommen.
Das Programm des Baku-Besuchs von Gideon Sa‘ar war nicht weniger inhaltsreich und ein strategisch bedeutsames. Im Verlauf eines aserbaidschanisch-israelischen Business-Forums unterstrich der Außenminister Israels die Entschlossenheit beider Staaten, die bilaterale Partnerschaft auf ein qualitativ neues Niveau zu heben.
„Unsere Priorität ist nicht nur eine Weiterentwicklung der direkten Investitionen, sondern auch eine Vertiefung der direkten Kontakte zwischen den Menschen. Ich bin mir ganz gewiss, dass wir erfolgreich dieses Potenzial realisieren“, erklärte der Minister. In seiner Ansprache hob Gideon Sa‘ar besonders hervor, dass Israel und Aserbaidschan als fundamentale Stützen für die Stabilität in ihren Regionen agieren würden, wobei sie sich auf die dynamisch entwickelnden nationalen Wirtschaften stützen würden.
Zu einem gesonderten Punkt der Analytik wurde die beeindruckende Dynamik der Handelsbeziehungen. Nach Aussagen des Ministers habe sich im vergangenen Jahr der Umfang des Warenaustauschs zwischen den Ländern um etwa 50 Prozent erhöht, wobei die 360-Millionen-Dollar-Marke überwunden wurde. „Ich bin davon überzeugt, dass diese Parameter in der kurz- und in der langfristigen Perspektive recht beeindruckend aussehen werden“, resümierte der Außenminister. Er fügte gleichfalls hinzu, dass die außerordentliche Rolle Aserbaidschans in der Region durch dessen einmalige und strategisch wichtige geografische Lage bestimmt werde.
Israel erweitert planmäßig seine diplomatische Präsenz in Zentralasien und in der Kaspi-Region, was Angaben des analytischen Zentrums The Begin-Sadat Center for Strategic Studies (BESA) belegen. Laut den Schlussfolgerungen der Forscher öffne die jüngste Entscheidung Kasachstans, den Abraham-Abkommen beizutreten, für Tel Aviv ein „erhebliches Fenster an Möglichkeiten für eine Verstärkung der diplomatischen und Wirtschaftsbeziehungen außerhalb des Nahost-Areals“.
Zu einem der grundlegenden Vektoren für ein Zusammenwirken werde die Vertiefung des Dialogs im Sicherheitsbereich vor dem Hintergrund der Zuspitzung der globalen Widersprüche. Die Experten aus dem BESA unterstreichen: „Für Kasachstan ist es kritisch wichtig, die möglichen negativen Folgen der äußeren Konflikte inklusive der Risiken, die mit einer potenziellen Eskalation um den Iran zusammenhängen, zu nivellieren“.
Parallel zu diesem Vektor zementiere Israel weiter die strategische Partnerschaft mit Aserbaidschan. In einem Report verweist das BESA darauf, dass Baku über eine ausschließliche geopolitische Bedeutsamkeit für den jüdischen Staat verfüge, indem es die Rolle eines überaus wichtigen Transitkorridors nach Zentralasien wahrnehme und als ein natürlicher Faktor für eine Aufrechterhaltung des Kräftegleichgewichts in den Beziehungen mit dem Iran agiere. „Aserbaidschan hat sich im Status eines regionalen Schlüsselplayers bestätigt, wobei es virtuos die Wirtschaftsdynamik mit einer erprobten Militär- und Aufklärungsstrategie verbindet“, konstatieren die Analytiker.
Die Synergie des Zusammenwirkens mit Kasachstan und mit Aserbaidschan formieren einen einmaligen „Korridor für eine Einflussnahme“ Israels, der sich von den Steppen Zentralasiens bis zum Kaspi-Becken erstreckt. In diesem Zusammenhang schlägt das BESA vor, diese Regionen als einen monolithischen Raum für die Realisierung diplomatischer Initiativen zu betrachten. Eine der vielversprechendsten Ideen ist die Institutionalisierung des Formats einer „zentralasiatischen 6er-Gruppe (die fünf Länder der Region plus Aserbaidschan) als Konsultationsplattform für eine systematische Zusammenarbeit mit Israel. Der zu Ende gegangene Aserbaidschan-Besuch und der Kasachstan-Besuch von Israels Außenminister Gideon Sa‘ar demonstrieren anschaulich die Entschlossenheit von Tel Aviv, in vollem Maße das sich geöffnete Fenster der Möglichkeiten für eine Erweiterung seines Einflusses in der neuen strategischen Richtung zu nutzen.