Nach der Blitzoperation der Vereinigten Staaten am 3. Januar in Venezuela, in deren Verlauf Präsident Nicolás Maduro im Grunde genommen entführt wurde, rücken die Schuldenkrise, aber auch der Ölsektor dieses lateinamerikanischen Landes ins Rampenlicht. Dies gilt gleichfalls für Russland, wo Experten und Wirtschaftsvertreter bereits erste Prognosen zu diesen Themen abgeben. Dabei orientieren sich diese vor allem an den letzten Statements aus Washington, die jedoch wenig Optimismus aufkommen lassen.
US-Außenminister Marco Rubio war in den Tagen nach dem Maduro-Sturz in Sendungen mehrerer amerikanischer Fernsehsender zu erleben, in denen er betonte: Die USA würden Venezuela nicht regieren. Doch werde Washington mit Hilfe einer bereits bestehenden Ölblockade politische Veränderungen in Venezuela herbeiführen. „Sie können Venezuela nicht in ein Operationszentrum für den Iran, Russland, die „Hisbollah“, China oder kubanische Aufklärungsagenten verwandeln. So kann es nicht weitergehen“, erklärte Rubio in einem Interview für NBC News. Und im Sender CBS unterstrich er, dass die Blockade gegen die Öltanker, die mit Sanktionen belegt seien, fortgesetzt werde. Das sei „ein gewaltige Menge Druckmittel“. Doch zugleich betonte der 54jährige Außenminister: „Wir brauchen Venezuelas Öl nicht!“.
Offensichtlich ist jedoch, dass Washington bestrebt ist, es nicht zuzulassen, dass „sich die weltweit größten Vorräte an Erdöl unter der Kontrolle von Gegnern der Vereinigten Staaten befinden“. „Wozu braucht China venezolanisches Erdöl? Wozu braucht es Russland? Weshalb braucht es der Iran? Sie gehören nicht einmal zu diesem Kontinent“.
Laut OPEC-Angaben ist Venezuela tatsächlich die Nummer 1 hinsichtlich der globalen Ölreserven. Sie machen schätzungsweise 303 Milliarden Barrel (je 159 Liter) aus (in Russland — 95 Milliarden Barrel). Das sind etwa 17 Prozent der Ölreserven weltweit. „Wenn unsere amerikanischen „Partner“ an die Ölfelder Venezuelas kommen, wird mehr als die Hälfte der globalen Ölreserven unter ihrer Kontrolle sein“, warnte derweil der russische Milliardär und Chef des Aluminiumkonzerns „Rusal“, Oleg Deripaska (https://t.me/olegderipaska/1111). Und daraus zieht er die Schlussfolgerung, dass die USA planen würden, darauf zu achten, „dass der Preis für unser Erdöl nicht über 50 Dollar je Barrel steigt“.
Dieser Befürchtung hält Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität bei der russischen Regierung und der Stiftung für nationale Energiesicherheit, die Tatsache entgegen, dass die Ölindustrie Venezuelas schon mehr als zehn Jahre degradiere, d. h. seit den Zeiten von Hugo Chávez, dem Vorgänger von Nicolás Maduro. Im Ergebnis dessen liegt die Ölförderung dieses südamerikanischen Landes derzeit bei ca. einer Million Barrel täglich (wenn nicht gar nur im Bereich von 900.000 Barrel/Tag und damit insgesamt weniger als ein Prozent der globalen Nachfrage). Und von denen wurden 500.000 bis 600.000 Barrel/Tag exportiert. International gesehen also wenig relevant, wenn man auf OPEC-Zahlen des Jahres 2025 schaut: 2,8 Millionen Barrel/Tag brachten die Mitgliedsländer dieser Vereinigung auf den Weltmarkt. Die OPEC-Ölförderländer sehen derzeit keine Unruhe auf dem Markt. Überdies haben die acht OPEC+-Mitgliedsländer am Sonntag beschlossen, die Fördermengen im ersten Quartal stabil zu halten. Sie bestätigen damit eine Entscheidung vom November und planen nunmehr: Januar – 38,088 Millionen Barrel/Tag, Februar – 37,826 Millionen Barrel/Tag und März – 37,768 Millionen Barrel/Tag.
Juschkow räumt aber ein, dass die Preise für Erdöl in der kurzfristigen Perspektive auf dem Weltmarkt bis auf 65 bis 70 Dollar je Barrel ansteigen können, da erwartet wird, dass die USA die Kontrolle des Erdölexports aus Venezuela verschärfen würden. Diese Situation könne sich aber schnell ändern, wenn es gelingen würde, die Ölförderung nach dem Maduro-Sturz deutlich anzukurbeln. Kurzfristig bis auf vier Millionen Barrel ist wenig wahrscheinlich, doch bis zu 1,2 bis 1,3 Millionen Barrel am Tag seien möglich, wie der Experte konstatierte.
Ist dennoch eine Ölschwemme zu erwarten, die von US-Präsident Donald Trump angestrebt wird? Mittelfristig kann der Samstag-Angriff der Vereinigten Staaten auf das Land für den Markt relevant werden, wenn Washington nämlich wie angekündigt Milliarden in den Wiederaufbau der Förderung investiert und sich eine Kontrolle über die Ölfelder verschafft. Das wiederum könnte den Abwärtstrend in den Preisen noch verstärken. Es droht ohnehin 2026 eher ein Überangebot.
Schon jetzt wird Russland mit der Tatsache konfrontiert, dass die Einnahmen aus den Ölexporten sinken. Im November lag der mittlere Exportpreis bei rund 45 Dollar je Barrel. Im Dezember fiel er bis auf 34 Dollar. Bis zum für das Jahr 2030 geplanten Exportpreis von 69 Dollar laut Regierungsprognosen ist es also noch sehr, sehr weit, zumal unklar ist, welcher Preisdeckel für russische Erdölexporte im Rahmen der westlichen Sanktionen gelten wird. Und dies hat scheinbar Oleg Deripaska auf Telegram schon jetzt zu der Annahme veranlasst, dass es „für unseren heiligen Staatskapitalismus schwer werden wird, alles zu belassen, wie es ist: die Unkosten nicht zu reduzieren, sich nicht von den Vermögenswerten zu trennen, die nicht zum Profil gehören, sowie sich weiter mit grandiosen Projekten ohne das Vorhandensein von Kompetenzen und ohne eine Beteiligung des privaten Business zwecks Entwicklung des Wettbewerbs zu befassen“.
Ein negatives Szenario für Russlands Wirtschaftsentwicklung vor dem Hintergrund der fallenden Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten könne bereits im ersten Quartal dieses Jahres wahr werden, meint der Wirtschaftsexperte Kirill Rodionow. Ein größeres Haushaltsloch ist scheinbar unvermeidlich. Daher resümierte die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrem Newsletter vom Sonntag im Zusammenhang mit dem voraussichtlichen starken amerikanische Engagement in der venezolanischen Ölindustrie und den Konsequenzen für den globalen Ölmarkt, dass dies für Russland schlecht sei. „Für Russland finanzieren Öleinnahmen weiterhin die Kriegswirtschaft und den Staatshaushalt. Wenn die Preise weiter sinken, kommt Putin finanziell in Bedrängnis.“
Der Maduro-Sturz beschert Moskau Kopfschmerzen und sicherlich spürbare finanzielle Verluste, denn Russland ist einer der Staaten, die Venezuela Geld geliehen haben. Die Nachrichtenagentur Reuters hat ermittelt, dass der Kreml von 2006 bis 2017 insgesamt 17 Milliarden Doller der venezolanischen Regierung und dem staatlichen Ölkonzern PDVSA bereitstellte. 2,2 Milliarden Dollar für den Kauf russischer Militärtechnik – T-72-Panzer und S-300-Raketenkomplexe – auf der Grundlage eines im Jahr 2009 mit Hugo Chávez abgeschlossenen Vertrages. 2017 stand Caracas bereits mit 3,5 Milliarden Dollar bei Moskau in der Kreide, die konnten aufgrund der Wirtschaftskrise und Sanktionen nicht zurückgezahlt werden. Ende des gleichen Jahres wurde das südamerikanische Land zahlungsunfähig. Dies hinderte aber Wladimir Putin und Nicolás Maduro nicht daran, einen Zahlungsaufschub von zehn Jahren mit Zahlung der Hauptsumme in den Jahren 2024-2027 zu vereinbaren. Schließlich ist Venezuela „unser politischer Verbündeter“, wie Igor Juschkow betonte.
Ende der 2010er Jahre wurde „Rosneft“ zu einem Gläubiger Maduros. Der staatliche russische Ölkonzern erhielt im Gegenzug Anteile an großen Ölfördervorhaben Venezuelas (u. a. mit Blick auf die Förderung und Verarbeitung von schwerem Erdöl, das für Diesel-Treibstoff, Asphalt und Brennstoffe für schweres Gerät benötigt wird). Die russischen Gelder nutzte Maduro, um einen Default in Bezug auf die Schulden zu umgehen, wobei dem Kreml mit Erdöl bezahlt wurde, das „Rosneft“ auf dem Weltmarkt weiter verkaufte. Und nachdem Sanktionen gegen PDVSA verhängt wurden, trennte sich der russische Ölkonzern im Jahr 2020 von allen Vermögenswerten in dem südamerikanischen Land.
Wie die Schuldenkrise Venezuelas gelöst werden kann, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine offene Frage. Überdies wird eine Umschuldung extrem kompliziert sein und Jahre dauern, zumal es an notwendigen Regeln fehlt. Experten gehen gleichfalls davon aus, dass die Gläubiger auf mindestens die Hälfte ihrer Forderungen verzichten müssen. Ein „Schuldenschnitt“ von 50 Prozent, den Moskau eventuell auch hinnehmen muss.