Am Montag beginnen US-Vizepräsident James David Vance und der stellvertretende Außenminister für Wirtschaftsfragen Jacob Helberg einen Armenien-Besuch und reisen am 10. Februar weiter nach Aserbaidschan. Die Reise soll die Friedensanstrengungen von Präsident Donald Trump fördern und das Projekt „Trump-Route für internationalen Frieden und Prosperität“ (TRIPP) voranbringen, erklärte man in Washington. Allerdings hofft die armenische Diaspora auf eine Erweiterung der Agenda und rechnet mit einer Hilfe der Amerikaner bei der Freilassung einstiger Spitzenvertreter von Bergkarabach.
Es sei daran erinnert, dass Donald Trump Ende Januar mitteilte, dass im Ergebnis der Gespräche Washington beabsichtige, mit Jerewan ein „ausgezeichnetes Abkommen“ über eine Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie abzuschließen. Der US-Präsident bezeichnet gleichfalls regelmäßig Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan und Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew als „wirklich gute Staatsmänner“, die er auszusöhnen vermocht habe.
Allerdings sind in Jerewan viele der Auffassung, dass es bisher verfrüht sei, von einer Beendigung des Konflikts zu sprechen. Unter anderem hoffen Vertreter der Zivilgesellschaft, dass die Amerikaner helfen werden, Baku zu überzeugen, Spitzenvertreter der selbst proklamierten Republik Bergkarabach, die vor rund drei Jahren sich selbst aufgelöst hat, freizulassen.
Unter anderem hat das Oberhaupt der Arzach-Diözese der Armenischen apostolischen Kirche, Bischof Vrtanes Abramjan, sich mit einem Schreiben an Vance gewandt, wobei er ihn aufrief, eine Freilassung der armenischen Gefangenen sowie eine Bewahrung der christlichen Kirchen und Denkmäler in Bergkarabach zu unterstützen. Nach seinen Worten drohe ihnen eine Vernichtung.
„Heute schreibe ich Ihnen nicht nur als eine religiösen Führungsfigur, sondern auch als Oberhaupt einer umgesiedelten Gemeinde, deren historischen Kirchen, religiösen Denkmäler und heiligen Stätten sich gegenwärtig in Gefahr befinden. In einem Gefängnis von Baku werden nach wie vor widerrechtlich unsere Landsleute festgehalten, die nach der offiziellen Feuereinstellung am 23. September 2023 und des von den Offiziellen von Bergkarabach und Aserbaidschans unterzeichneten Abkommens als Geiseln genommen wurden… Ich bitte mit aller Achtung die Offiziellen der Vereinigten Staaten, ihren Einfluss zu nutzen und die Führung Aserbaidschans aufzurufen, einen unverzüglichen und ungehinderten Zugang des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes und anderer Monitoring-Strukturen zu allen Personen, die in Haft gehalten werden, zu garantieren“, heißt es in dem Schreiben des Bischofs.
Abramjan ist der Auffassung, dass der Vance-Besuch eine außerordentliche Möglichkeit für eine Rettung der Gefangenen und Gotteshäuser sei. Im Zusammenhang damit möchte er sich persönlich mit dem US-Vizepräsidenten und anderen hochrangigen Vertreter der USA während ihres Aufenthalts in Jerewan treffen. Bemerkenswert ist, dass das Oberhaupt der Arzach-Diözese der Armenischen apostolischen Kirche einer der höchsten Kirchenhierarchen ist, die Paschinjan in seinem Konflikt mit Katholikos Garegin II. unterstützten.
Einen analogen Brief an Vance hat der Katholikos von Kilikien, Aram I., geschrieben. In seinem Pressedienst betonte man, dass der US-Vizepräsident die Botschaft bereits erhalten hätte.
Parallel dazu trafen sich Vertreter der amerikanischen katholischen Menschenrechtsorganisation Catholic Vote mit David Wardanjan – dem Sohn des Ex-Premierministers der Republik Bergkarabach und Mäzens Rubel Wardanjan. David rief gleichfalls Trump auf, Druck auf Baku zwecks Freilassung der Gefangenen auszuüben. Er unterstrich unter anderem, dass sein Vater einer von mindestens 23 Armenier sei, die Aserbaidschan widerrechtlich im Jahr 2023 verhaftete. „Er hatte beschlossen, sein ganzes Leben zu opfern und alles zu riskieren. Er hatte versucht, sie zu verteidigen, mit ihnen zu leben und mit ihnen die schwersten Minuten zu teilen. Und er zahlt für seinen Versuch, die kleine Bevölkerung, die Verfolgungen ausgesetzt wurde, mit friedlichen Mitteln zu schützen… Dies ist eine einmalige Möglichkeit, erneut der Welt zu demonstrieren, dass der Präsident und der Vizepräsident der USA zu ihrem Wort stehen. Der Schutz der Christen ist eine der Hauptprioritäten dieser Administration nicht nur in den USA, sondern auch in der ganzen Welt“, sagte David Wardanjan.
Es sei daran erinnert, dass im Vorfeld des Südkaukasus-Besuchs von Vance ein aserbaidschanisches Gericht fast gegen alle Spitzenvertreter der Republik Bergkarabach Urteile gesprochen hat. Unter anderem sind Ex-Präsident Araik Arutjunjan, der einstige Kommandierende der Verteidigungsarmee Levon Mnazakanjan und sein Stellvertreter David Manukjan, der Ex-Parlamentsvorsitzende David Ischchanjan und der frühere Außenminister David Babajan zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt worden. Die früheren Präsidenten Arkadij Gukasjan und Bako Saakjan erhielten 20 Jahre Gefängnis. Aber nur deshalb, weil man in Aserbaidschan gegen Personen über 65 Jahre keine lebenslänglichen Haftstrafen verhängt. Der Fall des Milliardärs und Ex-Regierungschefs Rubel Wardanjan wird separat verhandelt. Derweil haben sich die Offiziellen Armeniens von den Forderungen ihrer Landsleute distanziert. Der 15. Punkt des in Washington paraphierten Friedensvertrags zwischen Jerewan und Baku verbietet den Seiten direkt, einander sich etwas, das vor dem Abschluss des Abkommens begangen wurde, zu bezichtigen.
Wie der Leiter des in Aserbaidschan beheimateten Zentrums für Südkaukasus-Studien, Farchad Mamedow, der „NG“ berichtete, habe Baku solch eine Aktivität seitens der armenischen Öffentlichkeit erwartet. „Der Besuch der hochrangigen amerikanischen Delegation in Jerewan musste solch eine Aktivität in der armenischen Diaspora auslösen… Dennoch kann man mit Gewissheit sagen, dass jegliche Versuche, eine Freilassung dieser Personen weder jetzt noch in der überschaubaren Perspektive zu keinerlei Ergebnissen führen werden“, unterstrich Machmedow.