Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

banner ad

Kasachstan geht in die Vergangenheit


Vor noch nicht allzu langer Zeit existierten in der europäischen Zivilisation zwei Gesellschaftsmodelle – das romanisch-germanische und das angelsächsische. Hier ist jetzt kein Platz, um deren Unterschiede zu beschreiben. Man kann aber mit aller Offensichtlichkeit sagen, dass sowohl des Russische Reich als auch die UdSSR im Rahmen der Paradigmen des romanisch-germanischen Modells gelebt hatten. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR haben jedoch praktisch alle postsowjetischen Republiken nicht nur die gemeinsame politische und ideelle Grundlage verloren. Es erfolgte auch ein Untergang des ihnen gewohnten Modells der gesellschaftlichen Entwicklung. An die Stelle des romanisch-germanischen Paradigmas trat das angelsächsische. Ersetzt wurde nicht einfach das Modell. Unter Berücksichtigung des Zusammenbruchs des romanisch-germanischen Paradigmas des gesellschaftlichen Bewusstseins nicht nur auf dem postsowjetischen Territorium, sondern auch in Europa an sich kam das angelsächsische in den postsowjetischen Raum. Ja, und wohl auch nicht nur in den.

Bereits nicht das erste Jahr dauert in der kasachischen Gesellschaft die Diskussion über die Notwendigkeit einer Ersetzung der kyrillischen Schrift durch das lateinische Alphabet an. Diese Frage wird nach dem Jahr 2023 einen neuen Impuls erhalten, wenn entsprechend den Plänen des Bildungsministeriums von Kasachstan alle Schüler zur Ausbildung in der kasachischen Sprache übergehen werden. Zu dieser Zeit soll auch die Umstellung der kasachischen Schriftsprache auf das lateinische Alphabet abgeschlossen werden. Die Entscheidung über den Übergang zur lateinischen Schrift war durch die politische Elite Kasachstans im Jahr 2012 gefällt worden. Auf eine breite Unterstützung war sie in der Gesellschaft nicht gestoßen, hat aber auch keine direkten Proteste ausgelöst. Im Frühjahr des Jahres 2017 wurde durch Präsident Nursultan Nasarbajew die derzeitige Phase des Übergangs zum lateinischen Alphabet initiiert.

Die Aufgabe der kyrillischen Schrift wir eine erhebliche Anzahl von Schwierigkeiten und Widersprüchen nach sich ziehen. Man kann mit aller Offensichtlichkeit behaupten, dass dies zu einem katastrophalen Einbruch des allgemeinen Bildungsniveaus der Bürger und zu einem Bruch zwischen den Generationen — wobei sowohl zwischen mehreren Generationen gleichzeitig — als auch zwischen den ethnischen Gruppen führen wird. In letzteren kommt es nicht nur zu einer sprachlichen Differenz, sondern auch zu einer von den Alphabeten her, die dazu führt, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Bürger, die nicht zur Titelnation gehören, aber auf einem würdigen Niveau die kasachische Sprache beherrschen, das neue Alphabet weder lesen noch den Sinn der Texte begreifen können. Nicht alle Bürger Kasachstans beherrschen Fremdsprachen oder besitzen Erfahrungen aus einem „Kontakt“ bzw. „Umgang“ mit dem lateinischen Alphabet. Zur gleichen Zeit wird die neue Generation der Kinder bei allem Wunsche ihren alten Kameraden angesichts des objektiven Nichtverstehens von Texten in kyrillischer Schrift nicht helfen können, was zweifellos kein Faktor sein wird, der die sozialen Spannungen in der Gesellschaft nivelliert und die Nation in sich zusammenschweißt.

Hinzugefügt werden muss die Entfremdung der neuen Generation von dem gewaltigen Massiv des gedruckten Wortes. Ungeachtet dessen, dass die sowjetische Vergangenheit bereits nicht das erste Jahrzehnt angeschwärzt wird, ist die Tatsache eine unbestrittene, dass in den Jahren der Sowjetmacht eine unwahrscheinlich große Menge an Büchern und anderen Druckerzeugnissen herausgebracht wurde, darunter in den nationalen Sprachen. Unter den heutigen realen Bedingungen wird der Staat noch lange einfach keine Mittel haben, um dieses Massiv an Literatur aufs Neue herauszugeben. Und die Business-Strukturen werden einfach kein kommerzielles Interesse und keinen Vorteil darin sehen. Wobei die erforderliche Zeit (buchstäblich Jahrzehnte) für eine solche Arbeit nicht einmal ins Kalkül gezogen wird. Somit wird die neue Generation nicht bloß vom Literaturerbe entfremdet, sondern auch gezwungen sein, das zu lesen, was die Politiker entscheiden herauszugeben.

Noch ein Problem ist mit dem Umstand verbunden, dass die Sprachen praktisch aller Völker und ethnischen Gruppen, die in den Weiten der einstigen UdSSR leben, eher einen Alltagscharakter tragen, und es ist unendlich schwierig, die nationale Wissenschaft zu entwickeln, ohne die russische Sprache zu beherrschen oder ohne sie auf dem erforderlichen Niveau verwenden zu können. Die Pandemie-Situation hat anschaulich den Stand der Wissenschaft und die Möglichkeiten der unabhängigen Republiken demonstriert, um gerade wissenschaftlich untermauert der konkreten Gefahr Paroli zu bieten. Und dies unter der Bedingung, dass die russische Sprache noch nicht verloren worden ist. Wie will man aber die Medizin, die Naturwissenschaften u. a. entwickeln, wenn die Republik zur nationalen Sprache übergeht, die nicht über den erforderlichen sprachwissenschaftlichen Apparat verfügt?

Berücksichtigt werden muss auch der Umstand, dass nach dem Verstreichen von weiteren rund zehn Jahren die Hochschulen Kasachstans die Ausbildung bereits mit Blick auf das reformierte Alphabet vornehmen müssen, was wiederum unweigerlich die Frage darüber aufwerfen wird, inwieweit die Lehrkräfte und die Möglichkeiten der Studenten diesem entsprechen… Und dieses Problem wird gleichfalls in die Schulen kommen.

Noch ein Unheil tauchte auf, das man nicht erwartet hatte: das Primitiver-Werden der Sprache und die Unterdrückung der nationalen Sprachen durch Anglizismen. Wir haben aufgehört, Briefe und Texte zugunsten kurzer Mitteilungen und einer primitiven Vermittlung von Gedanken zu schreiben. Dies hat alle Sprachen tangiert. Doch nach Kasachstan sind die sogenannten Oralmanen bzw. Kandassen (ethnische Kasachen, die aus dem Ausland in ihre historische Heimat Kasachstan zurückgekehrt sind – Anmerkung der Redaktion) zurückgekommen, deren Sprache sich etwas von der Sprache der Einwohner Kasachstans unterscheidet. Und nicht hinsichtlich der Tiefe und Schönheit. Das Fehlen einer erheblichen Anzahl von Schriftstellern und Dichtern vom Niveau eines Abai Kunanbajews, Dshambul Dshabajews, Abdulla Dshumagalijews, Saken Seifulins oder Olshas Suleimenows, von Aufklärern, solchen wie Tschokan Walikhanow, Ibrai Altynsarin u. a. verursacht ernsthafte Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer im Grunde genommenen nationalen Sprache. Der Übergang zur lateinischen Schrift wird für eine erheblich lange Zeit zu einem zusätzlichen Hemmfaktor für die Sprachentwicklung. Verschlimmert wird dies durch das Fehlen eines endgültigen klaren Begreifens dessen, welche Buchstaben das gesamte Klangspektrum der kasachischen Sprache wiedergeben werden. Und ohne die Schönheit und die Tiefe des Eindringens in die Sprache ist eine intellektuelle Entwicklung der Ethnie unmöglich.

Opponenten können einwenden, dass es in der Geschichte Kasachstans bereits das runische Alphabet als auch die arabische Schriftsprache sowie die lateinische Schrift (1929-1940) gegeben hat. Ich würde es jedoch vorziehen, sich Gedanken über die Anzahl der klugen Menschen und der Menschen zu machen, die in jeder der historischen Perioden nicht nur die Buchstaben kennen, sondern auch das gedruckte Wort brauchen.

Es gibt da noch eine interessante Nuance. In der Nachbarschaft zu Kasachstan, in der Mongolei, lebt eine erhebliche Anzahl ethnischer Kasachen. Doch was für ein Alphabet gibt es in der Mongolei? Das kyrillische. Und erneut sehen wir eine Tendenz zu einem Abbruch, und erneut zu einem innerethnischen Abbruch. Die in der Türkei lebenden Kasachen, befinden sich natürlich in der Zone des lateinischen Alphabetes. Ja aber die Kasachen, die im Iran leben, befinden sich augenscheinlich nicht in ihr. Und nun vergleichen wir die Zahlen. Laut Angaben einer zwischenzeitlichen Bevölkerungszählung haben im Jahr 2015 in der Mongolei fast 118.000 Kasachen gelebt. In der Russischen Föderation waren es laut Angaben der Bevölkerungszählung von 2010 647.000. Heute hat sich diese Zahl erheblich erhöht. Laut offiziellen Angaben haben im Jahr 2017 in Usbekistan 803.400 Kasachen gelebt. In der Türkei leben derzeit rund 10.000, von denen viele Emigranten sind. Im Iran – rund 5.000, in den USA und in Kanada – rund 3.000 bzw. 7.000 (praktisch alles Emigranten). Die Zahlen sprechen für sich selbst.

Das Argument, wonach die Annahme der lateinischen Schrift die turksprachigen Völker näherbringen werde, kann man wohl kaum als ein ausschlaggebendes positives gegenüber jenen möglichen negativen Folgen für die kasachische Ethnie ansehen, die sich mit aller Offensichtlichkeit am Horizont abzeichnen. Man muss berücksichtigen, dass Kasachstans Übergang zur lateinischen Schrift jenen Umstand als eine Konsequenz haben wird, dass es im Land Bürger geben wird, die im tagtäglichen Leben unterschiedliche Alphabete nutzen werden. Es ist zweifelhaft, dass dies der Gesellschaft spürbare Vorteile bringen wird.

Dazu sei auch jene Tatsache hinzugefügt, dass bei den gegenwärtigen Tendenzen das Jahrhundert der Kohlenwasserstoffe nicht lang sein wird. Ja, und danach wird sich die Frage nach der Entwicklung und dem Funktionieren des Staates und der Gesellschaft unter neuen Bedingungen stellen. Und darauf muss man sich schon jetzt vorbereiten. Wie werden die Perspektiven der Gesellschaft aussehen, die die Sprache und das Schrifttum für eine interethnische Kommunikation mit ihren größten und nächsten Nachbarn, die hinsichtlich der Kultur, Geschichte und Weltanschauung nahestehen, verloren hat?

Bei allem äußeren Wohlergehen und einer wohlgemeinten Politik der Regierung Kasachstans hinsichtlich der russischen Sprache ist schon heute in den Dörfern und Kreisstädten, aber auch in einer Reihe von Verwaltungsgebietszentren ein Mangel an Muttersprachlern offensichtlich, der sowohl die Möglichkeiten für ein Erlernen der russischen Sprache als auch den Grad ihrer Beherrschung drastisch verringert, was sich unweigerlich schon jetzt auf die Bürger Kasachstans auswirkt. Bei Anhalten der aktuellen Tendenzen werden die Probleme im Weiteren nur zunehmen und die Kommunikationsmöglichkeiten der Jugend im postsowjetischen Raum abnehmen. Und dies wird unweigerlich eine Verstärkung des objektiven Auseinanderdriftens bzw. Distanzierens zwischen den einstigen Bruderrepubliken nach sich ziehen. Und die Gemeinsamkeit des historischen Schicksals wird durch die kommende Generation in Frage gestellt. Genauer aber: unter das über ihr (die Gemeinsamkeit – „NG“) schwebende Damoklesschwert gelegt. Parallel dazu wird der Übergang Kasachstans zum lateinischen Alphabet von einigen Kräften als ein ernsthafter außenpolitischer Erfolg der Türkei angesehen, die von der Schaffung eines Großen Turans, vom Wesen her aber von einer Wiedergeburt des Osmanischen Reichs im Rahmen der neuen historischen Realitäten träumt.

Wem also gereicht dies zum Nutzen? Unter den Bedingungen der angelsächsischen Periode müssen alle Ethnien auf maximale Weise untereinander getrennt sein und nach Möglichkeit ethnisch aufgespalten sein. Dies verschafft eine vollständige und bedingungslose Kontrolle über die bezwungenen und unterworfenen Völker. In den letzten dreißig Jahren, die seit der Zeit des Zusammenbruchs der UdSSR vergangen sind, hat nicht ein Land, dass die kyrillische Schrift durch die lateinische ersetzte, besser zu leben begonnen.