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Kiew bereitet sich vor, den Donbass und das Gebiet von Saporoschje aufzugeben


Die Entscheidung Kiews über eine obligatorische Evakuierung der Einwohner des Donbass zeugt nicht nur von dessen humanitären, sondern auch militärischen Zielen. Die unbewohnten Städte und Ortschaften sind ausgezeichnete befestigte Gebiete, von wo aus die Verbände der ukrainischen Streitkräfte jegliche Waffen bedenkenlos gegen den Gegner einsetzen können. Gegen das dichtbesiedelte Donezk war am Vorabend ein Schlag unter Einsatz von Infanteriesprengminen PFM-1 „Blütenblatt“ noch aus sowjetischer Produktion geführt worden.

Die Vizeregierungschefin der Ukraine, Irina Werestschuk, teilte mit, dass geplant sei, aus dem Verwaltungsgebiet Donezk, das Kiew kontrolliert, „mindestens 200.000 Menschen zu evakuieren“. Laut ihren Aussagen sei die Evakuierung notwendig, da im von der Ukraine kontrollierten Teil der Region (die die von Moskau unterstützte Donezker Volksrepublik mit aller Macht komplett einnehmen will – Anmerkung der Redaktion) die Gasleitungen zerstört seien. Daher werde es dort im Winter keine Fernwärmeversorgung und Heizung geben. Die Vizeregierungschefin betonte, dass die Einwohner in schriftlicher Form eine Evakuierung ablehnen könnten, wobei sei bestätigen sollen, dass „sie alle Folgen begreifen und die persönliche Verantwortung für das eigene Leben tragen“.

„Das von den Offiziellen der Ukraine verkündete unbedingte Verlassen des Territoriums des Donbass ist faktisch eine Stalinsche Zwangsmaßnahme. Was bedeutet für sie die Forderung Kiews, „den Verzicht auf eine Evakuierung in schriftlicher Form zu erklären“? Dies bedeutet, dass die Menschen irgendetwas beweisen sollen, dass sie anderes leben wollen. Und für sie wird dies ein Dilemma sein – sich unterordnen oder ums Leben kommen“, meint der Militärexperte Oberst Nikolaj Schulgin. Schuldin ist sich sicher, dass solch ein Schicksal auch die Einwohner erwarten könne, die sich im Verwaltungsgebiet Saporoschje befinden, das die ukrainischen Streitkräfte nur noch teilweise kontrollieren. „Dort haben 65 Prozent der Bevölkerung keine Gasversorgung. Das Kiewer Regime hindert jetzt bereits nichts, um die Bevölkerung der Region in den Westen zu bringen, auf die andere Seite des Dneprs, und damit vollwertige menschenlose städtische Militärfestungen und befestige Gebiete für einen Widerstand gegen die russischen Truppen zu haben“, betont er.

Wie ein namentlich ungenannt bleibender Einwohner aus Donezk der „NG“ mitteilte, seien in der Nacht zum Sonntag „Blütenblatt“-Minen über den zentralen Straßen der Hauptstadt der Donezker Volksrepublik heruntergegangen, die mit Raketenwerfer-Systemen in Kassettenform abgefeuert worden waren. Minen aus Kassetten (und in jeder sind 64 Minen) sind selbst von abgeschossenen Raketen über der Stadt niedergegangen. Vertreter der Donezker Volksrepublik erklärten, dass die ukrainischen Streitkräfte die Schläge unter Einsatz von „Blütenblatt“-Minen geführt hätten. Die ganze Nacht seien Minenräumtrupps unterwegs gewesen, um Straßen von PFM-1-Minen zu säubern und nichtexplodierte unschädlich zu machen. Laut offiziellen ukrainischen Quellen gebe es rund vier Millionen solcher Minen in den Artillerie- und Pioniereinheiten, in Depots und Arsenalen der Ukraine. Entsprechend den Erfahrungen aus den Kampfhandlungen in Afghanistan, den Kriegen in Afrika und den Konflikten im Nahen Osten kann man sagen, dass der Einsatz solcher Minen dazu führt, dass beim Gegner viele Militärs zu Invaliden werden bzw. leichte Verwundungen erhalten, was die Effektivität der kämpfenden Einheiten wesentlich verringert, besonders bei einer Offensive. In Kiew behauptet man, dass die russische Armee in Donezk die PFM-1-Minen eingesetzt hätte.

Derweil setzen die russische Armee, aber auch die Kräfte der Donbass-Republiken LVR und DVR die langsame Offensive in der Donezk-Saporoschje-Richtung fort. Und bei Charkow und im Süden führen sie eine aktive Verteidigung und Positionsgefechte durch, wobei sie Reserven akkumulieren. Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) informierte in seinem Sonntagreport über ein Vorrücken der russischen Armee im Donbass in Richtung Bachmut (Artjomowsk). Die ISW-Analytiker konstatieren, dass die russischen Truppen ebenfalls „erfolgreiche Attacken in Richtung Borstschewaja (eines Dorfs südlich der Ortschaft Liptsy) durchgeführt haben“. Dies ist die Charkow-Richtung. Hinter Borstschewaja befinden sich Tischki, weiter Tsirkuny und dann im Grunde genommen Charkow an sich.

Der Militärexperte Boris Roschin charakterisierte die Lage in der Nikolajew-Richtung und teilte mit, dass die ukrainischen Militärs nach mehrwöchigen Erklärungen über ihre „Offensive gegen Cherson“ nunmehr von einer „Offensive der Russischen Föderation gegen Nikolajew“ berichten würden. Er unterstrich die Serie erfolgloser Versuche einer Offensive durch Einheiten der ukrainischen Streitkräfte gegen russische Positionen in dieser Region. Nunmehr sei der Akzent auf Schläge gegen Dnepr-Brücken und Munitionslager der Streitkräfte der Russischen Föderation, aber auch auf die Organisation von Diversionsakten auf den Territorien der Ukraine, die Russland unter seine Kontrolle genommen hat, gelegt worden. „Die Streitkräfte der Russischen Föderation stehen in der Nikolajew-, Kriwoi-Rog- und Nikopol-Richtung vorerst in der Verteidigung. Festgestellt werden eine Forcierung von Kräften der Gruppierung und ein zunehmender Systemcharakter der Schläge gegen Nikolajew. Am gefährlichsten ist für die Streitkräfte der Russischen Föderation die Richtung Kriwoi Rog (die Geburtsstadt des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij – Anmerkung der Redaktion). Eine Offensive der ukrainischen Streitkräfte von Seiten Nikolajews scheint wenig wahrscheinlich zu sein“, sagte der Experte.

Von einer Verstärkung der Gruppierung im Süden durch Russland wird sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in einer Reihe von Telegram-Kanälen von Vertretern der beiden Seiten des Konflikts berichtet. Man zitiert den proukrainischen einstigen Bürgermeister von Melitopol, Iwan Fjodorow, der in den Medien darüber berichtete, dass „vom Donbass aus durch Melitopol täglich drei, vier Konvois russischer Gefechtstechnik in Richtung Cherson und Krim rollen. Die Russen fahren sowohl durch das Stadtzentrum als auch durch die Viertel am Stadtrand. In jedem Konvoi sind 20 bis 30 Fahrzeuge. Dies sind unterschiedliche Waffen – von Panzern bis Luftlandegefechtsfahrzeuge sowie Infanterie-Gefechtsfahrzeuge. Gleichfalls rollen einfach gepanzerte Waffensysteme und Infanterietruppen“. Nach seinen Worten würden die gesamte Technik und die Militärs in Richtung Cherson und Krim aus dem Donbass, aus Mariupol und Berdjansk unterwegs sein.

Eine Reihe westlicher Medien meldeten unter Berufung auf Angaben des ukrainischen operativen Kommandos „Süden“, dass „Russland die Schiffsgruppe im Schwarzen Meer vergrößerte. Entlang der Krim-Küste manövrieren 14 Kampfschiffe in Richtung Anapa. Dienst tun vier Raketen- und vier Anlandungsschiffe, die bereitstehen. 32 „Kaliber“-Raketen sind als Raketenbedrohung vom Meer aus vorbereitet“, heißt es in einer Meldung. „Augenscheinlich für die Abwehr einer militärischen Offensive der Russischen Föderation in der südlichen Richtung hatte die Artillerie der ukrainischen Streitkräfte mit Mehrfachraketenwerfer-Systemen in den letzten Wochen auch versucht, Brücken und Überfahrten, die über den Dnepr nach Cherson und Nowaja Kachowka führen, unbrauchbar zu machen. Ein Teil von ihnen ist beschädigt worden. Doch dies stört nicht die Organisierung einer großangelegten Offensive gegen Nikolajew und Odessa durch die russische Armee, die hocheffektive Pionier- und Minenräum-Einheiten in ihrem Bestand hat. Zuverlässig funktionieren die Fährverbindungen und Ponton-Brücken“, meint der Militärexperte und Generalleutnant Jurij Netkatschjow.