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Kiew bereitet sich vor, unter Einsatz der westlichen Technik-Lieferungen Revanche zu nehmen


Die Streitkräfte der Ukraine leisten ungeachtet der erheblichen Vernichtung des militärischen Potenzials des Landes weiterhin hartnäckig Widerstand. Ihre Einheiten führen aktiv Schläge gegen den Donbass, darunter gegen dessen zivile Infrastruktur. In einer Reihe von entscheidenden Orten, besonders in den Richtungen Nikolajew-Kriwoi Rog und Sewerodonezk, gehen Einheiten und Verbände der ukrainischen Streitkräfte zu Gegenangriffen über, wobei sie lediglich Erfolge taktischer Art erzielen. Unabhängige Experten, darunter auch westliche, sind der Auffassung, dass die russische Armee und die Donbass-Bürgerwehr, die über größere Gefechtsmöglichkeiten verfügen, die Lage korrigieren könnten.

„Die relativen Erfolge der ukrainischen Streitkräfte bei Sewerodonezk sind dadurch bedingt worden, dass das Kiewer Kommando ausländische Söldner dorthin verlegte“, behauptet der Militärexperte und Oberst im Ruhestand Nikolaj Schulgin. Im Ergebnis der Gegenangriffe der ukrainischen Streitkräfte hätten sich die russischen Truppen und Bürgerwehrkräfte in den östlichen Teil der Stadt zurückgezogen, betont er. Zur gleichen Zeit „bleibt die Situation im Verwaltungsgebiet eine äußerst schwere“, wie der von Kiew eingesetzte Chef der Lugansker Gebietsverwaltung, Sergej Gaidai. „Gegenwärtig ist die Stadt (Sewerodonezk – „NG“) in zwei Hälfte geteilt“, und Reserven der Streitkräfte der Russischen Föderation sind entsandt worden, um Sewerodonezk und die Trasse Lissitschansk-Bachmut unter Kontrolle zu bekommen. Darüber informieren auch Medien der Donbass-Republiken DVR und LVR. Dabei sei daran erinnert, dass 95 Prozent des gesamten Lugansker Verwaltungsgebietes gegenwärtig durch Einheiten der russischen Streitkräfte und Bürgerwehrkräfte der Volksmiliz der LVR gehalten werden. Der Telegram-Kanal der Volksmiliz der DVR meldete am Sonntag, dass im Ergebnis eines Artilleriebeschusses durch die ukrainischen Streitkräfte die Tschejuskin-Gruppe zerstört worden sei. Laut offiziellen Angaben wurden am 4. Juni im Ergebnis von Schlägen der Streitkräfte der Ukraine gegen Ortschaft der DVR (vor allem gegen Donezk – „NG“) fünf Zivilisten getötet und zwanzig verletzt. Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung aus der Ukraine sind derweil kein Thema für die russischen Medien.

Die russische Armee und die ihr verbündeten Truppen der Volksmiliz der LVR und der DVR würden laut Informationen ukrainischer Quellen Angriffshandlungen in vielen Richtungen im Donbass und anderen Regionen der Ukraine. Laut Angaben des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte hätten in der Slawjansker Richtung die russischen Militärs eine Umgruppierung der Truppen abgeschlossen und würden eine Offensive in den Richtungen Dowgenkoje-Dolina und Braschkowka-Wernopolje vornehmen. In der Liman-Richtung würden die russischen Kräfte nach Swjatogorsk vorrücken, „wobei sie versuchen, die ukrainischen Truppen auf das rechte Ufer des Flusses Nördlicher Donez abzudrängen. In der Richtung Südliche Bug ist laut Angaben des Generalstabs der Ukraine „das Ufer des Flusses Ingulez vermint worden. Und in der Richtung Nikolajew wollen die russischen Militärs die verlorenen Positionen in der Richtung Suchoi Stawok – Losowoj wiederherstellen“.

Wie der ukrainische Verteidigungsminister Alexej Resnikow mitteilte, „organisiert die russische Armee im Verwaltungsgebiet Cherson eine tiefgestaffelte Verteidigung“. Nach seiner Meinung belege dies, dass sie sich auf mögliche Gegenangriffe seitens der ukrainischen Streitkräfte vorbereite. Dabei lehnt Kiew weiterhin Friedensverhandlungen mit der Russischen Föderation ab, wobei es die ultimativen Forderungen Moskaus verwirft und hofft, durch die Militärhilfe seitens der USA und der NATO eine Revanche zu nehmen und vollkommen die Kontrolle über die verlorenen Regionen zurückzuerlangen. Solch eine Position skizzierte Alexej Resnikow beim Forum GLOBSEC-2022 in Bratislava. „Unser Ziel ist, keine Realisierung russischer Szenarios zuzulassen und so schnell wie möglich unsere Territorien zu befreien“, sagte er. Für ein Erreichen dieses Ziels werden nach Meinung des Ministers „schwere Waffen gebraucht, in erster Linie Raketenwerfer-Systeme, aber auch andere Artillerie, Panzer, Schiffsabwehr- und Drohnen-Komplexe sowie Luftabwehrraketen und -mittel“.

Und diese Hilfe kommt massenhaft von den USA und der NATO. Allein die Vereinigten Staaten haben in diesem Jahr für eine Unterstützung der Verteidigung der Ukraine 4,6 Milliarden Dollar bereitgestellt. Das letzte 700-Millionen-Dollar-Paket, das am 1. Juni US-Präsident Joseph Biden bestätigte, umfasst die Bereitstellung von vier bodengestützten Raketenkomplexen des Typs M142 HIMARS (High Mobility Artillery Rocket System) mit hochpräzisen GMLRS-Raketen, was die ukrainische Seite schon lange zu erreichen suchte. Außerdem werden die ukrainischen Streitkräfte fünf Funkortungsstationen zur Aufklärung von Artilleriestellungen, zwei Funkortungsstationen für das Erfassung von Luftzielen, aber auch eine erhebliche Anzahl von Panzerabwehrwaffen (rund 12.000 Stück – gemeint sind Panzerfäuste), Artilleriegeschosse (etwa 15.000 Stück) und vier Mi-17-Militärtransporthubschrauber erhalten.

Außer den schweren amerikanischen Waffen wird Belgien 64 selbstfahrende Artilleriegeschütze vom Typ M109 (dies sind drei Divisionen, das heißt eine ganzes mobiles Artillerieregiment) an die Ukraine liefern. Und 17 Schiffsabwehrkomplexe vom Typ RBS-17 und 1500 AT4-Panzerabwehrwaffen wird Schweden an die ukrainischen Streitkräfte übergeben. Das griechischen Nachrichtenportal www.pronews.gr schreibt, dass Griechenlands Regierung eine „unglaubliche Menge“ von Waffen und Munition an Kiew übergebe oder sich anschicke zu übergeben. Auf der Liste stehen Schuss- und Panzerabwehrwaffen, mobile Luftabwehrkomplexe FIM-92 Stinger, aber auch 122 gepanzerte Infanteriefahrzeuge BMP-1. Die letzten hatte Griechenland von der Armee der einstigen DDR nach der Wiedervereinigung Deutschlands erhalten. Dies sind relativ alte, aber recht gefährliche Gefechtsfahrzeuge, die in der Lage sind, gepanzerte Ziele und Menschen des Gegners in einer Entfernung von bis zu 1,3 km zu vernichten. Diese BMP, wenn sie das Territorium der Ukraine erreichen, reichen für die Aufstellung einer ganzen mechanisierten Brigade.

Derweil urteilt man in der Experten-Community bei der Erstellung von Prognosen über den Ausgang der Kampfhandlungen in der Ukraine nicht anhand des Umfangs der Militärhilfe, sondern entsprechend den Erfolgen an den Fronten. Amerikanische Medien berichtet, dass der frühere stellvertretende Chef des europäischen Kommandos der Streitkräfte der USA, Generalleutnant Stephen M. Twitty, die Seiten aufgerufen hätte, so schnell wie möglich Verhandlungen zu beginnen. Er ist der Auffassung, dass in den Händen der russischen Streitkräfte derzeit eine „teuflisch große Kampfkraft“ konzentriert sei, welche Kiew nicht habe. „Je länger der Konflikt andauern wird, umso schwächer wird die Position der Ukraine bei künftigen Verhandlungen. Wenn sie nichts vorzuschlagen hat, kann sie im Endergebnis weitaus mehr verlieren…“

Der Experte für internationale Beziehungen der amerikanischen Zeitung „The Washington Post“, David Ignatius, ist der Auffassung, dass „die russische Armee erhebliche Erfolge im Donbass erzielt“. In der „Washington Post“ äußerte er die Meinung von der Notwendigkeit von Verhandlungen über einen Waffenstillstand und der Annehmbarkeit einer „koreanischen Variante“ für die Ukraine. Das heißt: eine Aufteilung des Landes in zwei Teile. Er denkt, dass Biden mit der Ukraine so handeln können wie die USA seinerzeit mit Korea. Die Feuereinstellung 1953 erschien als eine Niederlage für die USA. Heute aber ist Südkorea eine der Wirtschaftsperlen der Welt. „Dies kann eine Perspektive für die Nachkriegsukraine sein“, meint der US-amerikanische Experte.

  1. S.

Klartext sprach am Montag noch einmal Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Offensichtlich darüber verbittert, dass seine Belgrad-Reise aufgrund einer Luftraumblockade für seinen Flieger durch Nordmazedonien, Montenegro und Bulgarien platzte und die sogenannte militärische Sonderoperation in der Ukraine bereits ihren 103. Tag erlebt, kommentierte er scharf und unverblümt die möglichen Konsequenzen der Lieferungen von Raketenwerfer-Komplexen durch die USA und Großbritannien. „Je größer die Reichweite von Waffen ist, die Sie liefern, desto weiter weg wird die Linie geschoben, von der aus die ukrainischen Neonazis die Russische Föderation bedrohen könnten“, sagte Lawrow bei einer Online-Pressekonferenz. Womit freilich klar wird, dass auch weiterhin nicht nur militärische Objekte von russischen Angriffen betroffen sein werden, sondern auch Menschen und zivile Infrastrukturobjekte in der Ukraine.