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Kirgisien macht türkischen Interessen in Zentralasien den Weg frei


Kirgisiens Präsident Sadyr Dschaparow wird in der kommenden Woche Istanbul besuchen, wo er am 8. Gipfeltreffen des Kooperationsrates der turksprachigen Staaten (CCTS) teilnehmen und bilaterale Gespräche mit dem türkischen Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan führen wird. Bischkek ist an einer Erweiterung der Handels- und militärischen Zusammenarbeit mit Ankara und an türkischen Investitionen interessiert.

Sadyr Dschaparow besucht, nachdem er Präsident geworden ist, bereits das zweite Mal die Türkei. Die anstehende Visite werde nach Meinung des Politologen Mars Sarijew ein sehr wichtiger sein, da der CCTS in die Turkische Union umgewandelt werde. Und dies bedeute eine qualitative Veränderung der Beziehungen und eine Annäherung der ihr angehörenden Länder. „In Zentralasien hat die Türkei die nächsten Beziehungen mit Kirgisien. Die Annäherung erfolgte während des Konflikts an der kirgisisch-tadschikischen Grenze. Die Türkei hatte als einer der ersten die Bereitschaft erklärt, Kirgisien Hilfe zu leisten, und unterstützte Bischkek auf politischer Ebene. Heute wird Kirgisien zu einem Wegbereiter für die Türkei in Zentralasien“, sagte Sarijew der „NG“.

Während des ersten Ankara-Besuchs von Dschaparow im Juni dieses Jahres war das Thema einer Forcierung der Handels- und Wirtschafts- sowie militärischen Zusammenarbeit zu einem der wichtigsten bei den Gesprächen mit Erdogan geworden. Die Seiten erörtern schon lange die Möglichkeit, den jährlichen Handelsumsatz bis auf eine Milliarde Dollar zu bringen. Jedoch gelingt es bisher nicht, dies zu erreichen. Nach Meinung von Mars Sarijew verstehe es Ankara, sich wirkungsvoll zu präsentieren, doch die wirtschaftlichen Ressourcen der Türkei seien unzureichend.

Der Präsident der Union der Kammern und Börsen der Türkei, Mustafa Rifat Hisarcıklıoğlu, äußerte bei einem jüngst erfolgten Treffen mit Sadyr Dschaparow großes Interesse der türkischen Investoren an einer Zusammenarbeit und die Bereitschaft zur Realisierung von Projekten in Kirgisien. Bischkek ist seinerseits bereit, den türkischen Investoren Vergünstigungen einzuräumen und Bedingungen für das Engagement des türkischen Business zu schaffen. Wie Sadyr Dschaparow bei der Begegnung mit Hisarcıklıoğlu unterstrich, „ist die Türkei für Kirgisien nicht nur ein strategischer Partner, sondern auch ein Bruderland“. Er bekundete die Hoffnung, dass die kirgisisch-türkische Zusammenarbeit im politischen, Handels- und Wirtschaftsbereich- sowie im Investitionsbereich ein neues Niveau erreichen werde.

„Eine Wende vollzog sich nach dem Bergkarabach-Krieg. Und auf der Welle dieses Erfolgs wird der türkische Vektor aktiv nach Zentralasien ausgerichtet. Usbekistan und Kasachstan sind in den Beziehungen mit der Türkei vorsichtiger als Kirgisien. Allerdings können sich solche kleinen Länder wie Kirgisien eine engere Zusammenarbeit mit der Türkei erlauben. Und diese Zusammenarbeit wird nur verstärkt werden, darunter im militärischen Bereich“, unterstrich Sarijew.

Es sei daran erinnert, dass Kirgisien von der Türkei „Bayraktar“-Drohnen erwirbt. (Siehe auch https://ngdeutschland.de/turkische-drohnen-werden-russischen-luftwaffenstutzpunkt-in-kant-kontrollieren/) Dies bedeutet jedoch überhaupt nicht, dass sich Kirgisien auf einen Krieg vorbereitet. Das negative Szenario steht mit Afghanistan in einem Zusammenhang. „Wenn sich dort die chaotische Entwicklung fortsetzt, ist ein Zerfall des Landes unvermeidlich. Und die Existenz unterschiedlicher terroristischer Gruppierungen auf dem Territorium Afghanistans verstärkt nur die Risiken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die gegenwärtige afghanische Administration aufgrund der harten Haltung von Tadschikistans Präsident Emomali Rachmon gegenüber der „Taliban“-Bewegung (die in der Russischen Föderation verboten ist) und der Unterstützung für die jungen Führungskräfte des Pandschirs die Radikalen nicht aufhalten wird, die versuchen, ins Fergana-Tal vorzudringen. Daher ist der Erwerb der türkischen „Bayraktar“- und der russischen „Orlan-10Je“-Drohnen die Vorbereitung auf ein mögliches negatives Szenario, das bereits im kommenden Sommer realisiert werden kann, wenn es die Taliban nicht verstehen können, bis zu dieser Zeit stabile Machtinstitute zu etablieren. Die drohende Hungersnot und die Machtlosigkeit werden Afghanistan in eine neue Runde des Chaos stürzen. Der Schlag wird in erster Linie Tadschikistan treffen und als Folge das gesamte Mittelasien betreffen. Kirgisien besitzt die traurigen Erfahrungen aus den „Batken-Ereignissen“, als die Kämpfer der radikalen Islamischen Bewegung Usbekistans (die in der Russischen Föderation verboten ist) versuchten, aus Afghanistan über Tadschikistan und Kirgisien ins Fergana-Teil Usbekistans zu gelangen“, erläuterte der Experte.

Andererseits balanciert der Kauf von Waffen aus der Türkei und aus Russland die Situation aus. „Russland ist aber solch eine Annäherung Kirgisiens mit der Türkei nicht recht. Zumal eine engere Integration im Rahmen der Turkischen Union erwartet wird. Meiner Ansicht nach ist dies aber eine systembedingte Pleite Russlands in Zentralasien und insgesamt im postsowjetischen Raum“, meint Mars Sarijew. Nach seiner Auffassung gebe es keine Hebel und Instrumente, mit deren Hilfe Moskau seine Interessen durchsetze. Rossotrudnitschestwo (eine dem russischen Außenministerium unterstellte föderale Agentur für Angelegenheiten der GUS, für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit – Anmerkung der Redaktion) führe formale Kulturveranstaltungen durch, doch keinerlei bahnbrechende und innovativen Ideen seien auszumachen. Russland ziehe sich wie Chagrinleder zusammen. Zur gleichen Zeit seien die Türkei, China und die Länder des Westens kreativ, plastisch und konsequent. Und diese Tendenz werde anhalten.