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Kontschalowskij lässt beängstigende Parallelen ziehen


Bei den 77. Internationalen Filmfestspielen von Venedig Vertreten Russland gleich mehrere Filme: „Die Konferenz“ von Iwan I. Twerdowskij und „Der Walfänger“ des Debütanten Filipp Jurjew nahmen am Programm „Tage Venedigs“ teil, bei dem der Streifen von Jurjew letztlich auch gewann. „Liebe Genossen!“, der neue Film von Andrej Kontschalowskij wurde im Rahmen des Hauptbewerbs gezeigt und mit einem Spezialpreis der Jury gewürdigt. Alle drei kamen von der Insel Lido direkt nach Sotschi, wo am Freitag das 31. offene russische Festival „Kinotawr“ nach acht Tagen endete. Die beiden ersten Filme wurden dort auch mit Preisen geehrt. Und die „Genossen“ wurden zum Abschlussfilm des Festivals. Ungeachtet dessen, dass auf der Leinwand Ereignisse von 1962 gezeigt werden – das mit Toten und Todesurteilen zu Ende gegangene Auseinandertreiben einer friedlichen Demonstration von Arbeitern in Nowotscherkassk -, kann man sich leider schwer einen aktuelleren für ein Statement im Jahr 2020 vorstellen. Das Land ist ein anderes, die Methoden sind ähnliche. In der Hauptrolle – Julia Wyssozkaja.  

Ihre Heldin Ludmilla Sjomina arbeitet im Partei-Stadtkomitee, lebt mit ihrem betagten Vater und ihrer Tochter, einer Studentin, deren Vater an der Front fiel, zusammen und schläft mit dem Chef. Nachdem die Frau mit dem Liebhaber eine Preiserhöhung für Lebensmittel diskutierte, über die alle nur reden („Bei Stalin hatte es so etwas nicht gegeben!“), eilt sie in den Lebensmittelladen, um unter Umgehung der Warteschlange von einer bekannten Verkäuferin ein Lebensmittelpaket zu bekommen. Die Preise einmal außer Acht gelassen, doch was soll da für eine Hungersnot sein? Das ist doch die Sowjetunion! Nachdem die Familie verpflegt wurde, hastet sie zur Arbeit, wo die Kollegen auf einer Versammlung über die mit der Bevölkerung geleistete Arbeit Rechenschaft ablegen. In den Betrieben steht eine Verringerung der Löhne bevor. Und man muss den Menschen noch verständlicher erklären, dass all diese Maßnahmen zum Wohle sind. Als die morgendliche Stille zuerst eine Sirene und dann ein Anruf von oben zerreißen, wird klar, dass man etwas falsch gemacht hat.

Vom Stadtrand bewegen sich bereits Werkarbeiter mit Lenin-Porträts und den Plakaten „Macht Chrustschow zu Wurst“ ins Stadtzentrum. Der Streik erfasst die ganze Stadt. Die Betriebe stehen still. Die Stadtverwaltung ist abgeriegelt worden. Die Menschenmenge fordert ein Gespräch. Und die aus Moskau eingetroffenen Politbüromitglieder Koslow und Mikojan – entschiedene Maßnahmen. Bei der Vollversammlung, wo alle sitzen und in der Erwartung verstummt sind, wenn den „Köpfe rollen“, ruft die überzeugte Stalinistin Ludmilla als erste „Erschießen!“. Der Befehl lässt nicht auf sich warten. Der General, der kleinlaut zu erklären versuchte, dass die Armee nicht gegen die Bevölkerung schieße, erfüllt dennoch die Anweisung, Gefechtspatronen auszugeben. Das Krachen der Kugeln und die Schreie der verängstigten Bürger verstummen, von den Straßen sammelt man die Leichen ein und beseitigt die Blutspuren. Und man zwingt, für lange Zeit den Zwischenfall zu vergessen. Die Heldin von Julia Wyssozkaja schafft es bis nach Hause und stellt fest, dass die Tochter verschwunden ist.

Die maximal filmische schwarz-weiße Leinwand in quadratischer Form verwandelt die Darstellung gleichzeitig sowohl in eine Retrostilisierung als auch in fast dokumentarische Aufnahmen. Letzteres kommt einem durch ein schreckliches Begreifen in den Sinn, wobei es sich mit jüngsten Videoaufnahmen vermischt — aus Minsk, den USA, Chabarowsk, Moskau… Das Jahr 2020 wird in der Geschichte als ein Jahr nicht nur der Coronavirus-Pandemie bleiben, sondern auch einer Protestbewegung, die die Welt und sogar unser Land, wo es zu schweigen üblich ist, erfasste. Man möchte gern daran glauben, das es auch noch in den Erinnerungen bleiben wird, die man nicht wie die Erinnerungen an das in Nowotscherkassk 1962 Geschehene schwärzen wird. Beängstigende Parallelen zur veränderten, aber permanenten Hymne (Sergej) Michalkows (Co-Autor der Hymne der Sowjetunion und Autor der Hymne der Russischen Föderation – Anmerkung der Redaktion): unterdrücken, zum Schweigen bringen, einsperren… Stalin steht nicht über uns, schon mehr als ein halbes Jahrhundert, doch das Menschenleben ist hier nicht wertvoller geworden. Und wenn man kommt, um einen Nachbarn abzuholen, scheint es, dass dem so auch sein müsse. Was aber, wenn man an deiner Tür klingelt?

Die Erschießung von Nowotscherkassk wird zu einem Hintergrund für die persönliche Geschichte Ludmillas, in der es noch mehr Tragischeres, noch Tiefgründigeres und nicht so Offenkundiges gibt. Ihre Überzeugungen werden mit der Realität konfrontiert, in der sie bis zu diesem Moment in einer privilegierten Lage existierte. Und da auf einmal ergeht es ihr wie allen. Nicht gebraucht, ungeschützt, durch die unheimlich leer gewordene Stadt auf der Suche nach dem Kind hetzend, das nicht da ist, selbst wenn es ums Leben gekommen ist – umso mehr, wenn es ums Leben gekommen ist. Denn es hatte nichts gegeben – weder eine Demonstration noch deren Zusammenschießen und ums Leben Gekommene. Zu ihrem einzigen Verbündeten wird ein guter Mitarbeiter des KGB (der für den Film wichtigste Oxymoron), der gerade in der Menschenmenge auf der Suche nach den Anstiftern herumtigerte und da eine edle Mission auf sich genommen hat. Ohne sein Wort und seine Protektion öffnet sich nicht eine Tür, wird nicht ein Tor in der durch Panzer konservierten Stadt aufgemacht und fängt nicht ein eingeschüchterter kleiner Mann zu reden an, der namenlose Leichen auf einem freien Feld verscharrt hatte und für immer, wie man befohlen hatte, zu schweigen begann. Man muss erflehen, sich erniedrigen und jenen zu Füßen fallen, die die Macht haben nicht einfach über Schicksale, sondern Leben zu verfügen.

Julia Wyssozkaja spielt in „Liebe Genossen!“ beinahe die beste Rolle in ihrer Karriere. Allein in ihr – sowohl in der hochzugeknöpften sowjetischen Beamtin, die auf der Parteiversammlung auswendig gelernte Phrasen wiederholt, als auch in der müde gewordenen Frau, die den Krieg durchgemacht hat und allein die Familie durchbringt, aber auch in der zerzausten Geliebten des Sekretärs des Stadtparteikomitees, die vor der Arbeit in den Lebensmittelladen eilt und in der verweinten Mutter, die ihr Kind sucht – ist der Nerv der Zeit konzentriert, genauer gesagt: der sich dahinziehenden Zeitlosigkeit, die die Menschen veranlasst, an sich gegenseitig ausschließende Begriffe inbrünstig zu glauben. Der Film Kontschalowskijs, der am 12. November in Russland in die Kinos kommen soll, handelt nicht von einer Revolution, denn im Finale beklagt sich Ludmilla dennoch: „Unter Stalin aber hat es so etwas nicht gegeben!“. Dies ist auch kein antisowjetisches Manifest, denn die Sache liegt nicht an einem konkreten Regime, andernfalls würde sich „Liebe Genossen!“ nicht so aktuell aussehen. Dies ist ein Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, was wir nicht so getan haben und nicht tun und wohin wir gehen – erneut vorwärts, in eine lichte Zukunft?