Das Weihnachtsinterview (entsprechend dem Julianischen Kalender – Anmerkung der Redaktion) des Patriarchen von Moskau und der Ganzen Rus, Kirill, für den staatlichen Fernsehkanal ROSSIA-1 hat große Resonanz ausgelöst. Leser haben die Meinung des Oberhaupts der Russischen orthodoxen Kirche, wonach in Russland ein Konsens um die Idee der Sicherheit des Landes notwendig sei, hervorgehoben. „Wenn aber irgendwer aus diesem Konsens herausfällt, so gibt es da solch eine Definition: „Vaterlandsverräter“ mit allen sich daraus ergebenden juristischen Konsequenzen“, warnte der Patriarch. Interessant ist, dass er in dem gleichen Interview an das Schicksal seines Vaters, eines Geistlichen, erinnerte, der „durch Gefängnisse und Lager gegangen war“. Denn der Klerus war aus dem damaligen Konsens herausgefallen.
Jedoch trennt der Patriarch die Situation der Sowjetzeit von unseren Tagen. „Sowohl unser Volk als auch die Regierung und die Staatsoberhäupter sowie die Öffentlichkeit haben begriffen, dass man wirklich die Menschenrechte achten muss, dass man die religiöse Freiheit respektieren muss“, sagte er. Für den Patriarchen sind die Menschenrechte vor allem die Möglichkeit, sich zu religiösen Überzeugungen zu bekennen und zu predigen. Als eine Bedrohung für diese gesellschaftlichen Werte sieht er den „militanten Säkularismus“, der auf der Tagesordnung die militante Gottlosigkeit der Sowjetzeit ersetzt habe. Diesen Säkularismus verkörpere die westliche Welt, der Russland mit seinem alternativem – einem geistig-moralischen – Entwicklungsweg trotze.
„Unser Land ist heute ein Verteidiger der traditionellen Werte, die die menschliche Persönlichkeit betreffen“, sagte der Patriarch. Und er habe festgestellt, dass für ihn keine für die gesamte Menschheit gemeinsame Konstante für diesen Begriff existiere. „Wir akzeptieren nicht das, was heute im Westen unter der Losung „Menschenrechte“ angenommen wurde, tatsächlich aber auf eine Zerstörung der menschlichen Moral ausgerichtet ist“. Einst hatte das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche die „Häresie der Menschenfeindlichkeit“ kritisiert, wobei er die westliche Menschenrechtskonzeption im Blick hatte. Jetzt jedoch bedient er sich scheinbar selbst des Begriffs, doch füllt er ihn mit seinem Inhalt aus. „Alle Rechte und Freiheiten anerkennend, eine Politik strikt im Rahmen der Forderungen der Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen verfolgend und nicht einen einzigen Schritt von diesem Kurs abweichend (im Unterschied zur Sowjetunion), wird Russland zu einem – ich möchte nicht sagen ideologischen, sondern eher zu einem geistigen – Gegner der westlichen Zivilisation“, erklärte das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche.
Allerdings hat der Patriarch den Kontext der letzten Zeit völlig außer Acht gelassen, der mit der Präsidentschaft von Donald Trump zusammenhängt. Das neue Staatsoberhaupt der USA und seine Gleichgesinnten realisieren gerade eine konservative Agenda. Derartige Tendenzen sind auch hier und da in Europa festzustellen.
Den Westen als einen Feind Russlands wahrnehmend, verweist der Patriarch darauf, dass es auch in der russischen Gesellschaft „unnötige“ Bürger gebe, die der gemeinsame Sache schaden würden. Einst hatte der Patriarch von der Notwendigkeit einer „Gesinnungsgleichheit“ gesprochen. Sagen wir einmal im Juni 2023, als über dem Land die Gefahr einer wirren Zeit schwebte. Da hatte er sich an die Mitbürger mit den Worten gewandt: „Angesichts einer generellen Bedrohung ist eine Gesinnungsgleichheit zu bewahren“.
Nunmehr aber versucht er zu überzeugen: „Aber dabei muss man ein sehr, sehr nüchtern Denkender sein und nicht nach einer vollkommenen Gesinnungsgleichheit hinsichtlich der meisten Fragen streben. Man darf nicht die erfolglosen Erfahrungen der Sowjetunion wiederholen, in der man versucht hatte, einen Konsens um die Ideen des Marxismus-Leninismus zu erreichen. Ein gewisser Teil der Gesellschaft hatte dem zugestimmt, ein anderer aber nicht. Und deshalb hatte es auch keinen wahren Konsens gegeben“.
Das heißt: Das Problem besteht darin, dass man versucht hatte, einen gesamtnationalen Konsens auf der Grundlage jener Ideologie zu schaffen, die der Patriarch für eine falsche hält. Im vergangenen November hatte er geradeheraus gesagt, dass Russland keine Ideologie brauche. „Ideologien können sich in Abhängigkeit von der politischen Situation verändern. Deshalb ist die Einheit auf solch einer Grundlage keine feste und unzuverlässig und kann unter ungünstigen Bedingungen zerfallen“, hatte der geistliche Führer betont. Schließlich hatte es in der ideologisierten UdSSR Verfolgungen aufgrund des Glaubens gegeben.
Dem Patriarchen hat ein anderes Wort gefallen, das durch den Interviewer (Andrej Kondraschow, der seit 2023 Generaldirektor der staatlichen Nachrichtenagentur TASS ist – Anmerkung der Redaktion) verwendet wurde — „Konsens“. „Es gibt Begriffe, die mit der Fähigkeit an sich und der Möglichkeit des Staates zu existieren zusammenhängen. Ja, und um diese Ideen, diese Begriffe muss es unbedingt einen gesellschaftlichen Konsens geben“, sagte er in dem am 7. Januar mehrfach ausgestrahlten Interview. Weiter folgte die bereits erwähnte Aussage zu den Verrätern. „Es muss einen Konsens um die wichtigsten Fragen unserer Sicherheit geben. Ich meine nicht nur die Sicherheit im Falle einer möglichen militärischen Aggression, sondern auch die geistig-moralische Sicherheit, d. h. die Bewahrung unserer Werte, die in erheblichem Maße durch die traditionellen Religionen Russlands geprägt worden sind. Und wenn es solch einen Konsens gibt, so sind wir ungeachtet der unterschiedlichen Religionen hinsichtlich des moralischen Paradigmas mehr oder weniger ein und dasselbe, obgleich es natürlich auch Unterschiede gibt“, betonte das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche.
Somit ist an die Stelle einer Ideologie sowjetischen Typs ein Konsens hinsichtlich der staatlichen Sicherheit geraten, deren Fundament auf religiösen Werten beruht. Dabei entspricht die Formulierung des Patriarchen jenen Tendenzen, an die sich die politische Administration hält. Gemäß diesen Vorstellungen sind die geistig-moralischen Werte das Ergebnis einer Kombination religiöser Grundsätze verschiedener Traditionen, ohne eine Unterteilung nach Konfessionen und mit einem Hinzufügen bürgerlicher Ideale, vor allem von Patriotismus als eine die ganze Konstruktion zementierende Idee.
Ende vergangenen Jahres hat man die Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation für Fragen des Monitorings und der Analyse sozialer Prozesse eine Konzeption für die Entwicklung Russlands ausgearbeitet (ausführlicher dazu in der „NG“-Ausgabe vom 19. Dezember 2025). Ein Beitrag zu diesem Thema wurde im Almanach „Notizblock der bürgerlichen Aufklärung“ für November-Dezember 2025 publiziert. Der Autor des Beitrags (Boris Rapoport aus der erwähnten Präsidialverwaltung – Anmerkung der Redaktion) berichtete, dass den Platz der christlich-orthodoxen Religion heutzutage „drei Glauben: der Glaube an das Land, der Glaube an jene, die um uns sind, und der Glaube an die Zukunft“ einnehmen würden. Der heutige Bürger Russlands teile „die üblichen menschlichen Werte“ im Unterschied zum Vorfahren, der „durch den orthodoxen Glauben gebunden ist“.
Die Überlegungen des Patriarchen im Weihnachtsinterview hinsichtlich eines Konsens um Werte kann man als eine delikate Korrektur der Konzeption der Staatsbeamten werten. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche, was für einen religiösen Funktionär natürlich ist, unterstreicht: Moralische Werte formulieren vor allem Religionen. Und die Russische orthodoxe Kirche sei der wichtigste Vermittler des höchsten Willen. So fügt der Patriarch geschickt die Interessen seiner religiösen Organisation in den staatlichen Kontext ein.