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Lukaschenko schnappte sich Regime-Gegner im Himmel


Die Boeing-Maschine des Ryanair-Fluges FR 4978 Athen-Vilnius musste am Sonntag im Minsker Flughafen aufgrund einer Meldung über eine angebliche Mine an Bord landen. Im Ergebnis dieser Operation wurde der Bürger Weißrusslands, der Journalist Roman Protasewitsch, der einen Telegram-Kanal geleitet hatte, der im vergangenen Jahr die Aktionen der Protestierenden koordiniert hatte, festgenommen. In Weißrussland wurde der 26jährige als Terrorist anerkannt.

Am Sonntag tauchten in Telegram-Kanälen Informationen über eine merkwürdige Lebhaftigkeit im nationalen Flughafen von Minsk auf. Mindestens zehn Teams des Katastrophenschutzministeriums waren dorthin gefahren.

Später tauchte die offizielle Information auf, dass ein Flugzeug der Airline Ryanair, das auf dem Weg von Athen nach Vilnius war, im Zusammenhang mit Mitteilungen über eine Mine an Bord, um eine Landeerlaubnis gebeten hätte. „Eingegangen sind Informationen über eine Verminung des Flugzeuges. Und obgleich entsprechend dem Screenshot der Flugroute zu sehen war, dass das Flugzeug fast über der Grenze (zu Litauen – „NG“) war, wandte man sich an Minsk, dass man das Flugzeug landen lässt“, teilte der Telegram-Kanal des Pressedienstes von Alexander Lukaschenko mit. „Der Präsident wurde sofort über die Situation informiert. Lukaschenko erteilte den bedingungslosen Befehl: Das Flugzeug ist umzukehren und landen zu lassen. In dieser Situation sind das Wichtigste die Sicherheit und die Menschenleben“, meldete der Pressedienst. Mehr noch, laut seinen Informationen hätte Lukaschenko den Auftrag erteilt, „ein Jagdflugzeug aufsteigen zu lassen“ – für eine weitere Begleitung des Passagierflugzeuges. „Das Flugzeug landete aufgrund der Mitteilung über eine Verminung. Die Piloten hatte um eine Landeerlaubnis im Nationalen Flughafen von Minsk gebeten. Die Landung erfolgte erfolgreich. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat sich die Mitteilung über die Verminung bisher nicht bestätigt“.

Die Ursache wurde klar, als in den sozialen Netzwerken die Informationen auftauchten, dass im Minsker Flughafen der Journalist Roman Protasewitsch festgenommen wurde. Er war Chefredakteur des Telegram-Kanals NEXTA, der in Weißrussland als ein extremistischer aufgrund dessen eingestuft worden war, dass er im vergangenen Jahr nicht nur aktiv die Proteste gecovert, sondern auch die Aktionen der Protestierenden koordiniert hatte – er hatte über Sammlungsorte informiert, vor Orten von Razzien durch Vertreter der Rechtsschutzorgane gewarnt usw. Später verließ Protasewitsch dieses Projekt. In Weißrussland ist er in die Liste von Extremisten aufgenommen worden, und ihm droht die Todesstrafe. Freunde von Protasewitsch berichteten in den sozialen Netzwerken, dass er vor dem Abflug aus Athen mitgeteilt hätte, dass er im Flughafen der griechischen Hauptstadt eine Beschattung bemerkt hätte. Doch keinem konnte in den Sinn kommen, dass die Offizielle Weißrusslands ein Flugzeug in ihrem Luftraum kapern werden.

Das Geschehene hat die weißrussische Öffentlichkeit schockiert. Zum Zeitpunkt der Vorbereitung des vorliegenden Beitrages hatte es keine Informationen darüber gegeben, wer über eine angebliche Mine an Bord informiert sowie wer und warum die Entscheidung über die Landung in Minsk getroffen hatte. In den sozialen Netzwerken wurde jedoch mitgeteilt, dass sich an Bord des Flugzeuges ein gewisser Konflikt zwischen der Crew und einem Passagier ereignet hätte. Gleichfalls hatten einige Teilnehmer der Diskussion die Vermutung geäußert, dass das erwähnte Jagdflugzeug nicht gestartet war, nachdem die Boeing 737-800 Minsk verlassen hatte, sondern dafür, dass sie gerade in der weißrussischen Hauptstadt landet.

„Ein Jagdflugzeug der Luftstreitkräfte von Belarus einem ausländischen Passagierflugzeug, das sich auf einem Transitflug befindet, zwecks Festnahme eines weißrussischen Bloggers hinterherzujagen, selbst wenn er auch durch das KGB von Belarus auf die Liste der Organisationen und natürlichen Personen gesetzt wurde, die an einer terroristischen Tätigkeit beteiligt waren, so etwas hat es noch nicht gegeben“, schrieb der Medienexperte Pawljuk Bykowskij auf seiner Internetseite.

„Belarus verwandelt sich in einen großen Donbass, ist eine schwarze Zone für das internationale Recht und die Sicherheit. Um die Feinde zu bekämpfen, ist Lukaschenko schon bereit, Flugzeuge abzuschießen. Die Zwangslandung eines Passagierflugzeuges in Minsk, um Roman Protasewitsch festzunehmen, ist eine erneute Herausforderung für die ganze Welt“, reagierte der Politologe Pawel Usow auf den Vorfall. „Lukaschenko hat einen Akt internationalen Terrorismus begangen. Ein Flugzeug ist gekapert worden. Ich bin der Auffassung, dass die EU-Länder unverzüglich zu einem außerordentlichen Gipfeltreffen zusammenkommen müssen. Die europäischen Fluggesellschaften müssen unverzüglich alle Flüge über Belarus einstellen. Die EU muss die Flüge von „Belavia“ über ihrem Territorium verbieten“, schrieb der Politologe Dmitrij Bolkunez auf seinem Telegram-Kanal.

Als eine Sonderoperation der Geheimdienste bezeichnete die Anführerin der weißrussischen Protestierenden Swetlana Tichanowskaja das Geschehene. „Es ist absolut offensichtlich, dass dies eine Operation der Geheimdienste zum Kapern eines Flugzeuges ist, um den Aktivisten und Blogger Roman Protasewitsch festzunehmen“, meinte sie am Sonntag. „Das Regime hat die Sicherheit der Passagiere an Bord und der gesamten zivilen Luftfahrt im Interesse der Abrechnung mit einem Menschen, der Redakteur größter weißrussischer unabhängiger Telegram-Kanäle war, in Gefahr gebracht. Nur deshalb hat man ihn als einen Terroristen anerkannt. Und nur dafür kann Roman in Belarus die Todesstrafe drohen“, konstatierte sie in ihrem Telegram-Kanal. Laut Informationen von Swetlana Tichanowskaja wisse man bereits von dem Zwischenfall sowohl in der Führung von Ryanair als auch in der ICAO, der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation. Der Tichanowskaja-Stab forderte, eine Untersuchung des Vorfalls zu beginnen und Maßnahmen bis hin zu einem Ausschluss von Belarus aus der ICAO zu ergreifen. „Ab dem heutigen Tag kann nicht ein Mensch, der einen Flug über Belarus unternimmt, sich seiner Sicherheit gewiss sein. Denn das Regime missbraucht die Luftfahrt-Regeln, um Nichteinverstandenen habhaft zu werden“, erklärte die Anführerin der weißrussischen Proteste.

Der Politologe Valerij Karbalewitsch, an den sich die „NG“ zwecks eines Kommentars wandte, war nicht so kategorisch gewesen. Er tat sich schwer, eine eindeutige Wertung dem Vorfall vor Auftauchen offizieller Informationen zu geben. „Es ist eine Sache, wenn die Piloten selbst um eine Landeerlaubnis gebeten haben und die weißrussischen Behörden dem zugestimmt haben. In diesem Fall haben sie edel gehandelt, indem sie Menschen gerettet und en passant Protasewitsch festgenommen haben. Eine andere Sache ist, wenn dies eine gewaltsame Landung gewesen ist. Dies sind unterschiedliche Sujets und verschiedene internationale Konsequenzen“, sagte der Experte. „Wenn es sich um eine gewaltsame Handlung handelt, so ist dies eine ernsthafte Verletzung internationaler Standards und Normen. Dann wird dies irgendwelche internationale Folgen haben. In diesem Fall gibt es einen Anlass für eine Erörterung dieses Themas im UN-Sicherheitsrat. Irgendwelche internationale Sanktionen können auch gegen die Fluggesellschaft „Belavia“ verhängt werden“, vermutete Valerij Karbalewitsch. „Da gibt es auch noch eine Variante – die Version an sich, dass die Bombe im Flugzeug eine inszenierte gewesen sein könnte“, betonte der Experte. In dieser Situation hätten die Piloten natürlich auch selbst um eine Landeerlaubnis bitten können. Freilich erscheint auch Valerij Karbalewitsch der Umstand als ein merkwürdiger, dass das Flugzeug, das fast in Vilnius gewesen war, nach Minsk umkehrte.

P.S. der Redaktion „NG Deutschland“

Bereits nach Redaktionsschluss des Beitrages von Anton Chodasewitsch und am Montag ist der Zwischenfall um den Ryanair-Flug FR 4978 das Topthema für die Medien Russlands gewesen, zumal immer mehr Details bekannt wurden. Und diese scheinen auf eine von Minsk organisierte Aktion hinzuweisen. Ryanair-Chef Michael O’Leary sprach von einer „staatlich gesponsorten Flugzeugentführung“ („state sponsored hijacking“). Das offizielle Moskau hielt sich zurück und betonte, dass die offiziellen Vertreter Weißrusslands ja zu einer gemeinsamen Aufklärung des Vorfalls mit der ICAO und IATA bereit seien. Man vergaß natürlich auch nicht, an ähnliche Fälle zu erinnern, bei denen die westlichen Länder keinen solchen Wirbel gemacht hätten. Zum Beispiel um die erzwungene Landung eines Flugzeuges in Wien, in dem im Juli des Jahres 2013 der bolivianische Präsident Evo Morales nach seinem Moskau-Besuch auf dem Rückflug in die Heimat gewesen war. Einige befragte Experten in den staatlichen Medien verurteilten die Reaktionen des Westens und rechtfertigten gar die Aktion der weißrussischen Behörden, denn Roman Protasewitsch sei ja als ein Extremist und Terrorist in Weißrussland anerkannt worden. Da wundert letztlich nicht, dass der Staatsduma-Abgeordnete Wjatscheslaw Lysakow von der Kremlpartei „Einiges Russland“ von einer „glänzenden Operation“ der weißrussischen Geheimdienste sprach (https://t.me/dumayem/4734).