Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Metropolit Hilarion hat nicht die europäische Kurve bekommen


Der Metropolit der Russischen orthodoxen Kirche Hilarion (Grigorij Alfejew) wurde, wie am 25. Mai bekannt geworden ist, am Vorabend durch die Polizei in der tschechische Stadt Karlovy Vary (Karlsbad) an der Ausfahrt vom Territorium einer Kirche festgenommen (laut anderen Angaben auf der Autobahn nach Prag – Anmerkung der Redaktion). Hilarion hatte viele Jahre lang die Abteilung für auswärtige Kirchenverbindungen geleitet, leitete später die Eparchie (Diözese) der Russischen orthodoxen Kirche in Budapest. Und im jahr 2024 wurde er auf Beschluss der Heiligen Synode in den Ruhestand versetzt und in den tschechischen Kurort geschickt. Die Tätigkeit von Alfejew hatten früher Skandale krimineller Art begleitet. Und dieses Mal wirft man ihm die Aufbewahrung von Containern mit einer „Substanz weißer Farbe“ im Kofferraum seines PKW vor.

Die Mitteilung über die Festnahme des 59jährigen Bischofs tauchte am Montag in seinem Telegram-Kanal auf, jedoch handelt es sich bei dem Post nicht um einen Text des Metropoliten an sich, sondern um eine Beschreibung der Situation durch die Redaktion des Kanals. Hilarion „hat gegenwärtig keine Möglichkeit, sich persönlich an die Abonnenten des Kanals zu wenden“.

In dem Post gibt es dennoch aber ein direktes Zitat von Alfejew. „Ich habe und hatte niemals irgendetwas mit einem widerrechtlichen Drogenhandel zu tun. Für mich ist wie für einen Geistlichen selbst die Vermutung über derartiges unbedingt eine falsche. Ich bestehe auf eine vollständige, unabhängige und prozessual tadellose Überprüfung des Vorgefallenen“, zitiert der Kanal den Metropoliten.

Eine Schuld des Geistlichen bestreitet auch sein Anwalt, der sich über prozessuale Verstöße seitens der Rechtsschützer während des Stoppens und der Durchsuchung des Autos beklagt. „Die Polizeibeamten hatten sofort um die Dokumente nicht nur des Fahrers, sondern auch die von Metropolit Hilarion gebeten, obgleich keinerlei Beanstandungen im Zusammenhang mit einer Verletzung der Straßenverkehrsregeln erkläret worden waren“, heißt es in der Mitteilung. „Besondere Beunruhigung löst das aus, dass man Metropolit Hilarion nach Aussagen der Verteidigung in einen Tankstellen-Shop führten und man ihm keine Möglichkeit gab, die Durchsuchung des Fahrzeugs zu beobachten“.

Als Anwalt des Metropoliten ist Michal Pacovský ausgewiesen worden. Er ist in Tschechien ein bekannter Mann. Außer den Angaben, wonach er eine Anwaltsfirma leitet, kann man in den einheimischen Medien Erwähnungen über ihn als Präsident der tschechischen Zweigstelle des Jüdischen Nationalfonds finden. In dieser Eigenschaft trat er im Fernsehen im Oktober 2023 auf, als er den Überfall der terroristischen HAMAS-Bewegung auf Israel kommentierte.

Die Verteidigung von Hilarion ist der Auffassung, dass die jetzige Episode Teil einer zielgerichteten Kampagne sei, die die Offiziellen Tschechiens gegen den Metropoliten im Ruhestand entfalteten. Im Herbst vergangenen Jahres hatte sich Alfejew darüber beklagt, dass die Vertretung der Russischen orthodoxen Kirche in Karlovy Vary „in einer Atmosphäre einer ständigen Hetzkampagne lebt“. Damals hatte die tschechische Presse geschrieben, dass die Kirche „von russischen Agenten für geheime Treffen und Operationen für eine Beeinflussung, die auf eine Destabilisierung der EU ausgerichtet sind, genutzt wurde“. Hilarion erklärte, dass man gegen ihn Sanktionen verhängen wolle und dass es gelungen sei das Gotteshaus (gemeint ist die St. Peter und Paul-Kirche – Anmerkung der Redaktion) zu verteidigen, indem es nur in das Eigentum der Ungarischen Eparchie überführt wurde. Als in Ungarn Viktor Orbán an der Macht war, bewahrte er die Führung der Russischen orthodoxen Kirche, unter anderem auch Patriarch Kirill, vor Sanktionen der EU.

Die Festnahme solch einer Figur wie Metropolit Hilarion ist unabhängig vom Wesen der Anschuldigungen eine politische Aktion“, meinte der stellvertretende Direktor des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Roman Lunkin. „Für die Offiziellen eines jeglichen EU-Landes stellt er einen der Hauptfunktionäre der „russischen Struktur“ Russische orthodoxe Kirche dar. Zumal Hilarion nach den Ablösungen von seinen Ämtern in der Patriarchie ein amtierenden Geistlicher im Ausland geblieben ist“. „Hilarion hat sich offenkundig unter der Beobachtung der Geheimdienste sowohl in Ungarn als auch in Tschechien befunden“, sagte der Religionsexperte in einem Gespräch mit der „NG“. „Er hatte dies auch selbst erklärt, davon zeugt auch der Charakter der Skandale um ihn mit kompromittierenden Materialien in der Presse. Die Geheimdienste und die Polizei konnten Angaben über verbotene Stoffe, die nicht unbedingt dem Bischof an sich gehören, erhalten. Und möglicherweise ist dies eine vollkommen inszenierte Situation für eine Ausweisung des Metropoliten“. „In den Augen der tschechischen Offiziellen und der Geheimdienste, die Anlässe für solche spektakulären Aktionen suchen, ist er lediglich ein „Agent Moskaus“, der auch noch einen Schutzpatron in Gestalt von Viktor Orbán verloren hat“, resümierte der Experte.

Unter merkwürdigen Umständen hat in Ungarn Mitte Mai die Polizei den Fall des ehemaligen Gehilfen von Alfejew aus den Zeiten dessen Dienstes als Metropolit in Budapest eingestellt. Im Jahr 2024 bezichtigte Hilarion seinen Hypodiakon (Subdiakon) Georgij Suzuki des Diebstahls großer Geldsummen und wertvoller Uhren. Suzuki seinerseits, der aus Ungarn nach Japan geflohen ist, hatte eine Serie von Enthüllungen um den Metropoliten gestartet, wobei er seinen Chef sexueller Übergriffe und einer Einmischung in die europäische Politik bezichtigt hatte. Alfejew bezeichnete die von seinem Ex-Gehilfen vorgelegten Beweise als eine Fälschung. Jetzt sind nach dem Machtwechsel in Ungarn die Anschuldigungen gegen Suzuki fallen gelassen worden.

Zur gleichen Zeit hatte es auch seitens des Moskauer Patriarchats Beanstandungen in Bezug auf Metropolit Hilarion gegeben. In den letzten Tagen des Jahres 2024 entzog die Synode der Russischen orthodoxen Kirche Alfejew das Amt in Budapest und entsandte ihn als einen in den Ruhestand versetzten nach Karlovy Vary. Die Entscheidung über das Schicksal von Hilarion hatte des führende Kirchenorgan mit der „Nichtübereinstimmung des Charakters seiner Beziehungen mit der nächsten Umgebung und seines Lebensstils mit dem Bild eines Mönchs und Geistlichen“ erklärt.

Nach Ungarn war Alfejew im Sommer des Jahres 2022 gekommen, als er des Amts des Vorsitzenden der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen, das heißt, als er aufhörte, der Chefdiplomat des Moskauer Patriarchats zu sein (im Übrigen als Nachfolger des heutigen Patriarchen Kirill – Anmerkung der Redaktion), und einer Reihe anderer leitender Kirchenfunktionen enthoben wurde. „Sie können die Auffassung vertreten, dass die Straße eine sehr scharfe Kurve genommen hatte. Ich habe sie nicht bekommen und landete am Straßenrand. Dies ist aber besser als wenn ich in den Straßengraben gefahren wäre, mein Auto sich überschlagen hätte und explodiert wäre“, so hatte damals der Metropolit die Absetzung erklärt, als er sich von den Gemeindemitgliedern seiner Moskauer Kirche (die Kirche der Ikone der Gottesmutter „Freude aller Betrübten“ — Anmerkung der Redaktion) verabschiedete. Die Leitung der Abteilung für auswärtige Kirchenbeziehungen hatte er im Jahr 2009 übernommen. Und dies war eine der ersten Ernennungen, die Patriarch Kirill nach seinem Amtsantritt vorgenommen hatte.

P. S.

Die Festnahme von Metropolit Hilarion hatte in Moskau natürlich eine heftige Reaktion ausgelöst. Am Montag bezeichnete Außenamtssprecherin Maria Sacharowa die Vorwürfe gegen den prominenten Geistlichen als „fabrizierte“ und forderte eine unverzügliche Freilassung. Dies wurde am Dienstag auch dem Vertreter der tschechischen Botschaft in Moskau, Jan Ondřejka, deutlich gemacht. Ihm wurde nicht nur ein entschiedener Protest erklärt, sondern es wurde auch „auf die Absurdität und absolute Haltlosigkeit der Vorwürde hinsichtlich der „Herstellung und des Handels von Drogen“ hingewiesen, wie in einer entsprechenden Pressemitteilung des russischen Außenministeriums erklärt wurde.

Die Festnahme erfolgte, wie die Sprecherin der tschechischen Nationalen Drogenzentrale, Lucie Smoldasova, mitteilte, aufgrund eines anonymen Hinweises. Details nannte sie jedoch keine. Die folgten auch nicht nach der Freilassung von Hilarion am Dienstag. Aus Prag wurde jedoch bekannt, dass die gefundene Substanz laut einer vorgenommenen Untersuchung sich als eine verbotene erwiesen hat. Eine Anklage ist aber dennoch nicht gegen den Geistlichen erhoben worden, teilte dessen Telegram-Kanal mit. „Sie (Hilarion und der Fahrer – Anmerkung der Redaktion) sind ohne irgendwelche zusätzlichen Restriktionen freigelassen worden – ohne eine Kaution, eine Verpflichtungserklärung, ohne ein Ausreiseverbot oder andere prozessuale Pflichten“.

Die Untersuchung des Falls werde laut Informationen der tschechischen Seite fortgesetzt. Seitens des Metropoliten wird unterstrichen: Die Tatsache des Auffinden einer verbotenen Substanz an sich beantwortet nicht die Hauptfrage: Wie sind diese Gegenstände in das Auto gekommen? Entscheidend für die Verteidigung bleiben gleichfalls die Umstände des anonymen Hinweises, auf dessen Grundlage das Auto gestoppt worden war, die Herkunft der gefundenen Gegenstände, der Zugang zum Auto vor dem Losfahren, die Modalitäten der Durchsuchung, Einziehung und des Umgangs mit den angenommenen Beweismitteln.