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Mit Stalingrad ins neue Jahr 2024


Russlands Präsidenten werden die Wolgograder im März kommenden Jahres möglicherweise bereits als Stalingrader wählen. Die Anhänger einer Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad rechnen damit, dieses Vorhaben bis Ende Dezember dieses Jahres erfolgreich abzuschließen. Vorgesehen ist, dass an dem Referendum über den Namen der Heldenstadt an der Wolga nicht nur Stadtbewohner teilnehmen werden, sondern auch die Einwohner des gesamten Verwaltungsgebietes Wolgograd.

In Wolgograd sind die Treffen mit Vertretern der Öffentlichkeit abgeschlossen worden, in deren Rahmen die Führungskräfte von Veteranenorganisationen der Stadt und des Verwaltungsgebietes, die vor einigen Monaten als Initiatoren für eine Rückgabe des Namens Stalingrad an die Stadt an der Wolga aufgetreten waren, Untersuchungen der öffentlichen Meinung vorgenommen haben. Augenzeugen dieser Begegnungen betonen, dass sich die als Öffentlichkeit aufgetretenen Lehrer und Beschäftigten von aus dem Staatshaushalt finanzierten Organisationen und Einrichtungen in der Regel stumm die Argumente der Vertreter der Veteranen-Nomenklatura angehört hätten. Und die sprachen von angeblichen Vorzügen solch einer Umbenennung. Freilich, Hurra-Rufe und andere aktive Bekundungen für eine Unterstützung der „Stalingrad-Initiative“ wurden nicht registriert.

Allerdings wäre es merkwürdig gewesen, anderes zu erwarten. Im Wolgograder Informationsraum wird keinerlei reale und argumentierte Agitationsarbeit für Stalingrad vorgenommen. Im Ergebnis dessen plädieren – wie unterschiedlichste Umfragen belegen – rund 70 Prozent der Bewohner des Verwaltungszentrums nach wie vor für eine Bewahrung des Namens Wolgograd auf der Landkarte Russlands. Die Nomenklatura-Veteranen-Spitzenvertreter, die sich als die Hauptkämpfer für den Namen Stalingrad positionieren, sind keine Spitzenreiter der öffentlichen Meinung in der Stadt und in der Region. Selbst in der Veteranen-Community an sich herrscht gelinde gesagt eine zwiespältige Haltung ihnen gegenüber. Im Endergebnis lösen die revolutionären Aufrufe „Stalingrad zurückzuholen“, die aus dem Munde betagter Männer erklingen, die ihre Zeit in irgendwelchen Präsidien verbringen, bei den Zuhörern keine positiven Emotionen aus. Überhaupt erscheint die Übermacht von Bürgern der Alterskategorie 65+ in der Initiativgruppe der Verfechter einer Umbenennung als eines der stärksten Argumente gegen das „Stalingrad-Projekt“. Wie zynisch in privaten Gesprächen mehrere junge Wolgograder anmerken, „rufen uns heute die Menschen auf, in Stalingrad zu leben, denen im Großen und Ganzen nicht mehr viel Zeit zum Leben geblieben ist“.

Daher kommt bei vielen Beobachter nicht zufällig immer häufiger die Empfindung auf, dass die praktische Realisierung der Initiative zur Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad in ihrer heutigen Form nur zu einem Flopp führen könne. Jedoch macht es dennoch keinen Sinn, sich mit solchen Schlussfolgerungen zu beeilen.

Erstens, ungeachtet des vollkommenen Ausbleibens einer Informations- und propagandistischen Tätigkeit für „Stalingrad“ unterstützen mindestens 20 Prozent der Wolgograder aktiv die Idee einer Umbenennung. Dies ist ein sehr wichtiger Wert, der das „Stalingrad“-Kernelektorat kennzeichnet, das unabhängig von der politischen Mode und von Informationsaktionen existiert.

Zweitens, die 70 Prozent der Wolgograder, die für Wolgograd eintreten, bleiben nach wie vor eine unerforschte soziale Gruppe. Und es bestehen gewichtige Gründe, ihre Geschlossenheit und Motivationshomogenität anzuzweifeln. Wie kategorisch sind die Stalingrad-Gegner in ihrer Position? Unter welchen Bedingungen und was für ein Teil der „Wolgograder“ ist bereit, seine Meinung zu ändern? Bisher gibt es keine Antworten auf solche und andere derartige Fragen. Dies kann aber eine sehr wichtige Bedeutung aus der Sicht der Vorbereitung eines Referendums zum Thema der Umbenennung besitzen. Mehrere einheimische Experten sind der Annahme, dass bei einer punktuellen und effizienten Informationsarbeit bis zu 20 Prozent der „Wolgograder“ eine Umbenennung der Stadt in Stalingrad unterstützen könnten.

Drittens, als einen Anhänger einer Rückkehr des Stadtnamens Stalingrad hält man den Gouverneur der Region, Andrej Botscharow (Kremlpartei „Einiges Russland“), dem man gar die Autorenschaft der Initiative zur Umbenennung zuschreibt. Wenn dem so ist, so hat Botscharow, urteilt man daran, dass ihre praktische, wenn auch recht unbeholfene Realisierung begonnen hat, seitens des Alten Platzes (in Moskau Sitz der Präsidialadministration – Anmerkung der Redaktion) den Segen bekommen. Folglich wird die Ressource des Gouverneurseinflusses, des persönlichen Ansehens von Botscharow, der laut Angaben unterschiedlicher soziologischer Untersuchungen der populärste Regionalpolitiker ist, früher oder später einbezogen werden. Und dies kann noch mindestens weitere 20 Prozent für Stalingrad bescheren.

Viertens, die Verfechter der „Stalingrad“-Initiative haben immer noch die Möglichkeit, ihr Image radikal zu korrigieren, indem sie die Nomenklatura-Veteranen-Spitzenvertreter aus den Präsidien durch Verfechter für ein Stalingrad aus den Reihen der aktiven Jugend und der Menschen mittleren Alters ersetzen. Und die gibt es. Und es sind nicht wenige. Es ist offensichtlich, dass für ein Leben in Stalingrad vor allem jene agitieren müssen, die die Zukunft der Heimatstadt und nicht deren Vergangenheit symbolisieren.

Und schließlich fünftens. Die Verfechter einer Umbenennung haben einen wichtigen technologischen Trumpf hinsichtlich des Formats für die Abhaltung eines örtlichen Referendums in der Hinterhand. Wie die „NG“ erfuhr, beabsichtigen die Autoren der „Stalingrad“-Initiative, die Organisierung nicht eines städtischen, sondern eines regionalen Plebiszits zu erreichen, bei dem seine Teilnehmer auch entscheiden sollen, wie die Heldenstadt an der Wolga künftig genannt wird. Eine Involvierung von Dorfbewohnern in den Prozess der Umbenennung wird laut einigen Schätzungen auf entschiedenste Art und Weise die Positionen der „Stalingrader“ verstärken – und nicht nur durch die administrative Ressource. Traditionell ist die öffentliche Meinung auf dem Land konservativer und freundlicher gegenüber Initiativen der Offiziellen. Daher würde es beispielsweise reichen, wenn nur der Gouverneur Andrej Botscharow seine Position zur Frage nach einer Umbenennung bekundet. Und man braucht nicht zu zweifeln: Eine erhebliche Anzahl von Einwohnern der ländlichen Gebiete wird sich ihr anschließen.

Übrigens, was das Referendum angeht. Laut vorliegenden Informationen ist geplant, wenn doch eine entsprechende politische Entscheidung getroffen wird, das Plebiszit im Zeitraum Oktober-Dezember dieses Jahres abzuhalten. Das Referendum wird eindeutig nicht mit dem Einheitswahltag im September dieses Jahres und umso mehr mit den Präsidentschaftswahlen im kommenden März gekoppelt werden, berichtete der „NG“ Quellen, die mit der Situation vertraut sind.

Summiert man die Faktoren und Möglichkeiten, die die Verfechter des „Stalingrad-Projekts“ zum Einsatz bringen können, kann zur Unterstützung einer Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad bei einem entsprechenden Referendum durchaus ein Ergebnis von mindestens 70 Prozent erreicht werden. Und dann würden die Bewohner der Heldenstadt an der Wolga Silvester bereits als Stalingrader feiern.

Bemerkenswert ist, dass weder die Befürworter noch die Gegner einer Umbenennung von Wolgograd keinerlei Protestaktionen zu den Ergebnissen des voraussagbaren Plebiszits erwarten. Nach Meinung einiger einheimischer Beobachter würden sich alle mit dem Ergebnis abfinden. Und nach ein paar Monaten würde man auch ganz und gar vergessen, wer dafür und wer dagegen ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dem auch so sein wird.