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„Nord Stream 2“ bekam heimliche Helfer


Für den Abschluss des Baus von „Nord Stream 2“ sind faktisch nur noch wenige Kilometer verblieben, jedoch treten weiterhin Hindernisse auf dem Weg der Verwirklichung dieses „Gazprom“-Projekts auf. Die USA hatten früher bereits Sanktionen gegen die Gaspipeline verhängt, was einen Ausstieg ausländischer Beteiligter aus dem Vorhaben nach sich zog. Jetzt überschreibt „Gazprom“ eiligst, um nicht unter neue amerikanische Sanktionen zu geraten, Rohrverlege-Schiffe auf andere Unternehmen. Und zur Stelle für das Verlegen der letzten Rohre in der Ostsee treffen immer neue Schiffe ein. 

Die Situation um den Bau von „Nord Stream 2“ ist weit von einer Lösung entfernt. Die Vereinigten Staaten verstärken den Druck auf das Projekt. Es sei daran erinnert, dass früher gegen die Gaspipeline Sanktionen verhängt wurden, die einen Ausstieg des Schiffsreeders „Allseas“ aus dem Vorhaben nach sich zog, das wiederum auch all seine Rohrverlege-Schiffe abgezogen hat. Jetzt unternimmt Russland den Versuch, die verbliebenen knapp einhundert Kilometer mit eigenen Kräften zu bauen. 

Anfangs war mitgeteilt worden, dass die Arbeiten zum Verlegen der Rohre das russische Schiff „Akademik Tscherskij“ fortsetzen werde. Nun werde ihm bei dieser Arbeit offensichtlich das geheimnisvolle Schiff „Rossini“ helfen, schreibt die deutsche Presse. Unter anderem liege, wie das deutsche Magazin „Focus“ und die „Ostsee-Zeitung“ schreiben, das geheimnisvolle Schiff „Rossini“ bereits seit Juni im Sassnitzer Hafen auf der Insel Rügen vor Anker. Es sei daran erinnert, dass im Nachbarhafen Mukran das russische Schiff „Akademik Tscherskij“ ankert. 

Die deutsche Presse schreibt dem neuen rätselhaften Schiff die Rolle eines Helfers beim Verlegen der Gaspipeline auf dem Ostsee-Meeresgrund zu. Laut Medienberichten würden auf dem neuen Schiff rund 140 Arbeiter beherbergt werden, unter denen sowohl Russen als auch Engländer, Ukrainer und Italiener seien. Mit Bussen würden sie in den benachbarten Fährhafen gebracht, wo die „Akademik Tscherskij“ liegt. Dabei haben weder Vertreter beider Häfen noch der Nord Stream AG und selbst der Bürgermeister den Medien Kommentare hinsichtlich des Geschehens gegeben. In der Nord Stream AG unterstrich man lediglich, dass man mit dem geheimnisvollen Schiff in keiner Weise etwas zu tun habe. 

Selbst die deutschen Massenmedien vermuten, dass solch eine Geheimhaltung mit der Befürchtung der Beteiligten, unter die Sanktionen der USA zu geraten, zusammenhängt. „Gegenwärtig drohen sie praktisch allen Beteiligten des Nord-Stream-2-Projekts: Bauunternehmen, Lieferanten, Finanziers, Versicherern, Häfen. Und selbst Bürgermeister (Frank) Kracht ist ins Visier der Amerikaner geraten“, schreibt Focus-Online. 

Wie mitgeteilt wird, haben Meldungen aus Washington eine neue Runde der Spannungen ausgelöst. Die US-amerikanischen Offiziellen planen, den Druck auf die deutschen und europäischen Firmen zu verstärken, die am Bau der Erdgasleitung „Nord Stream 2“ teilnehmen. Wie die deutsche Zeitung „Die Welt“ schreibt, haben USA-Vertreter vor einigen Tagen Video-Konferenzen mit Vertretern der Auftragnehmer des Projekts durchgeführt und sie auf „weit reichende Konsequenzen ihrer Arbeit an dem Vorhaben“ hingewiesen. Sie „haben in freundlichen Ton zu verstehen gegeben, dass sie beabsichtigen, einen Abschluss des Baus der Gaspipeline nicht zuzulassen“, zitiert das Blatt einen der Teilnehmer bei den Gesprächen. „Ich denke, dass die Androhung eine sehr, sehr ernsthafte ist.“

Übrigens, Außenminister Michael Pompeo gab in der vergangenen Woche bekannt, dass die Gaspipeline jetzt unter das Gesetz falle, das unter anderem erlaubt, Sanktionen auch gegen die Unternehmen zu verhängen, die Geschäftsbeziehungen mit Russland oder solchen Staaten wie den Iran und Nordkorea unterhalten. 

Außerdem verabschiedeten im Juni das Repräsentantenhaus und der Senat der USA ihre Versionen des Verteidigungshaushaltes für das kommende Finanzjahr. Und in beiden Dokumenten kamen Änderungen an den Sanktionen gegen Versicherer der Rohrverlege-Schiffe von „Nord Stream 2“ und die Lieferanten von Ausrüstungen für diese vor. In welcher Fassung die neuen Sanktionen gegen die Pipeline verabschiedet werden, wird bis Ende September klar, wenn die endgültige Variante des Verteidigungshaushaltes bestätigt wird. 

Dabei wird unterstrichen, dass die amerikanischen Sanktionen vermutlich überhaupt nicht den Bau der Gaspipeline aus Russland nach Deutschland stören werden. In der Nord Stream AG teilte man unter anderem mit, dass die Anlandestation in Lubmin (bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern) betriebsbereit sei. Derweil dauern die Arbeiten am Anschlusspunkt in Russland an. Abgeschlossen sind aber die Arbeiten in den küstennahen Bereichen, wobei es sich beispielsweise um solche wie das Anlegen punktueller Steindämme handelte. 

Dennoch ist die Gefahr von Sanktionen mehr als spürbar. Wie sonst ist beispielsweise das plötzliche Verschwinden des Schiffs „Akademik Tscherskij“ aus den „Gazprom“-Anlagebeständen zu erklären? Wie früher mitgeteilt wurde, gehört der Rohrverleger „Akademik Tscherskij“, der einzige in der Russischen Föderation, der über ein modernes System zur dynamischen (ankerfreien) Positionierung verfügt, nicht mehr der „Gazprom“-Gruppe. So wurde Anfang Juni gemeldet, dass das Schiff, das zum Unternehmen „Gazprom Flotte“ gehörte, sich im Besitz des Samara-Wärmeenergie- und Investitionsfonds befinde. Und während noch Ende März der Fonds an sich zur „Gazprom“-Gruppe gehörte, so war dies bereits Ende Juni schon nicht mehr der Fall, schrieben einige Medien. Mehrere andere Versorgungsschiffe, die früher auch zum Bestand von „Gazprom Flotte“ gehörten, haben ebenfalls später auf einmal die Besitzer gewechselt. 

Ungeachtet der Sanktionen genehmigte die dänische Energieagentur (Energistyrelsen) Nord Stream, die Röhren unter Einsatz von Schiffen mit einem gewöhnlichen (Anker-) Positionierungssystem zu verlegen. Früher waren die Arbeiten nur für Schiffe mit einem dynamischen System genehmigt worden. Angenommen wurde unter anderem, dass diese Genehmigung erlauben werde, das Rohrverlegeschiff „Fortuna“ zwecks Hilfe für die „Akademik Tscherschkij“ hinzuziehen. Die Firma „Meshregiontruboprovodstroy“ (MRTS), die dieses Schiff nutzt, hat dessen mögliche Beteiligung an dem Projekt dementiert. „Die Aktiengesellschaft „Meshregiontruboprovodstroy“ nimmt nicht teil und beabsichtigt nicht, an der Realisierung von Arbeiten zum Verlegen der Gaspipeline „Nord Stream 2“ in der Ostsee unter Einsatz des Rohrverlegeschiffs „Fortuna“ oder auf andere Art und Weise teilzunehmen“, erklärte man im Unternehmen. In MRTS präzisierte man gleichfalls, dass das Unternehmen nie der Eigner des Schiffs „Fortuna“ gewesen sei, sondern es miete. Und all dies unter Berücksichtigung dessen, dass das Schiff noch bis vor kurzem auch unweit der „Akademik Tscherskij“ ankerte. Neben der „Akademik Tscherskij“, die auf einmal aus „Gazprom Flotte“ herausgefallen ist, dem Schiff „Fortuna“, das „bestimmt nicht an dem Projekt teilnehmen wird“, und dem rätselhaften Wohnschiff „Rossini“ berichten die Medien auch über andere mögliche Schiffe, die bei der Fertigstellung der leidgeprüften „Nord Stream 2“-Pipeline helfen könnten. Wie die Internetzeitung EAdaily schreibt, nähere sich noch ein russisches Schiff Kaliningrad, das theoretisch in der Lage sei, bei der Fertigstellung von „Nord Stream 2“ zu helfen. So ist laut Angaben des Navigationsportals Marinetraffic aus Noworossijsk das Versorgungsschiff „Baltijskij Issledowatel“ („Ostseeforscher“) nach Kaliningrad gekommen. Laut Medienberichten sei es schon früher bei Arbeiten zum Bau von „Turk Stream“ und von „Nord Stream 2“ eingesetzt worden. Wie berichtet wird, könne „Baltijskij Issledowatel“ das Monitoring des Verlegens der Gaspipeline gewährleisten, womit sich früher auch ausländische Unternehmen befasst hatten.   

Dennoch zeuge die Tatsache, dass sowohl „Fortuna“ als auch „Akademik Tscherskij“ recht lange in Mukran und jetzt in Rostock vor Anker lagen, davon, so die Experten, dass beabsichtigt wurde, sie gemeinsam einzusetzen. „Auf der „Fortuna“ gibt es Schweißanlagen, die bereits für „Nord Stream 2“ eingerichtet worden sind, da das Schiff am russischen (Pipeline-) Abschnitt Arbeiten ausgeführt hatte. Für die „Akademik Tscherskij“ ist es aber einfacher, Röhren in der Tiefe zu verlegen“, zitiert die Nachrichtenagentur PRIME Igor Juschkow, leitender Analytiker der Stiftung für nationale Energiesicherheit. 

„Diese Körperbewegungen sind offenkundig begonnen worden, um nicht auf die Sanktionslisten der USA zu geraten, wie man dies bereits mit der „(Akademik) Tscherskij“ zu tun versucht, indem man sie auf einen Fonds in Samara umschreibt. Derartige Fonds fürchten keine Sanktionen. Es ist nicht sicher, dass sie Eigentum haben, das man in den USA beschlagnahmen kann, und Operationen in Dollar abwickeln“, fährt der Experte fort.  

Die Übergabe des Eigentumsrechts hinsichtlich des Schiffs ist ein logischer Schritt, der die Risiken für „Gazprom“ als Schiffseigner aufhebt. Doch sie verringert nicht die Risiken für das Schiff an sich, konstatiert Alexej Antonow, Chefanalytiker der Firma „Alor“. „Da aber das Schiff die Arbeit zur Verlegung eines Abschnitts von „Nord Stream 2“ nicht begonnen hat, gibt es formal einfach keine Grundlagen für eine Verhängung von Sanktionen gegen dieses. Wenn aber die „(Akademik) Tscherskij“ unter die Sanktionen gerät, wird ihre Arbeit verschoben. Daher ist es logisch, mindestens ein und mehrere Schiffe zu haben, die das durch sie Begonnene zu vollenden, und auf deren Auftauchen man in den USA nicht vorbereitet sein wird“, urteilt der Experte. 

Rein technische kann man mit einem Schiff die Pipeline nicht fertigbauen, pflichtet der Leiter des analytischen Departments von AMarkets, Artjom Dejew, bei. „Die „Akademik Tscherskij“ ist für einen Einsatz an tiefen Meeresabschnitten bestimmt. Und die „Fortuna“ kann in Flachwassergebieten arbeiten. Oder eine andere Variante: Die Röhren für die Gaspipeline werden auf der „Fortuna“ zu einem Strang verschweißt, und die „(Akademik) Tscherskij“ verlegt sie. Gebraucht werden auch Versorgungsschiffe, die die Röhren für das Verlegen bringen müssen. Jetzt müssten die „Ostap Scheremet“ und die „Iwan Sidorenko“ schon an der Stelle der Bauarbeiten eintreffen“, berichtet er.  

Jedoch bleiben immer noch technologische Fragen, so weiter die Experten, die dazu angetan sind, die Fristen für die Bauarbeiten zu beeinflussen. „Erstens ist die „Akademik Tscherskij“ nicht für das Verschweißen von Röhren mit einem Durchmesser von 48 Zoll ausgerüstet, wie dies für „Nord Stream 2“ erforderlich ist. Zweitens, alle Schiffe, die beim Verlegen der Pipeline zum Einsatz kommen, müssen Arbeitsgenehmigungen erhalten und versichert sein. Ohne dem kann man die Arbeiten auf See nicht beginnen. Außerdem muss die Nord Stream AG der dänischen Energieagentur einen neuen Zeitplan für die Arbeiten vorlegen, darunter auch die voraussichtlichen Zeitpläne für das eigentliche Verlegen der Pipelinestränge. Bisher aber hat die Agentur diesen Zeitplan nicht erhalten“, sagt Dejew. Seinen Worten zufolge könnte das Verlegen der Pipeline, wenn die Arbeiten schon angefangen hätten, in drei Monaten abgeschlossen werden. Und noch genau so viele könnten die Arbeiten zur Einrichtung und Inbetriebnahme in Anspruch nehmen. „Dann werden die Termine für die Übergabe von „Nord Stream 2“ durchaus dem früher skizzierten Zeitraum – Anfang 2021 – entsprechen. Gegenwärtig ist bisher unklar, wie sich die Ereignisse entwickeln werden“, resümiert er.    

Wenn die Arbeiten nicht in den nächsten Tagen aufgenommen werden, wird es wenig Chancen für einen Abschluss der Bauarbeiten bis zum Jahresende geben, meint der „Finam“-Analytiker Alexej Kalatschjow. „Ich habe zwei Versionen für das Geschehen. Die erste ist: Es gibt keine technische Möglichkeit, um „Nord Stream 2“ mit eigenen Kräften zu Ende zu bauen, doch keine hat es riskiert, dies dem Präsidenten direkt zu sagen. Von daher auch das ganze Theater mit den Gerichten. Die zweite Version besteht darin, dass die Streitereien um „Nord Stream 2“ eine Spaltung zwischen den USA und Deutschland sowie zwischen Deutschland und Polen auslösen und damit die Einheit des Westens in Bezug auf Russland untergraben. Nach Beendigung der Bauarbeiten hört dieses Thema auf, ein aktuelles zu sein. Daher könnten sich die Offiziellen der Russischen Föderation auch selbst auf eine Verschleppung bei der Realisierung des Projekts eingelassen haben“, schließt der Analytiker nicht aus.