Zum Jahrestag des Falls der Republik Bergkarabach und des Exodus der dortigen Bevölkerung gewährte Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan dem Fernsehsender „Boon TV“ ein Interview. Die Moderatoren begannen, ihm Fragen über die Beziehungen mit Aserbaidschan zu stellen, wobei sie die Stabilität des sich herausgebildeten Friedens in Zweifel zogen. Doch der Regierungschef versicherte ihnen, dass alles gut sei, und lenkte das Gespräch auf die Entwicklung der Beziehungen mit Russland um. Allerdings hat er in ihnen auch nichts Schlimmes ausgemacht.
Nach Aussagen von Nikol Paschinjan würden sich die Beziehungen Jerewans mit Moskau unweigerlich verändern. Und dies hänge nicht mit konkreten Persönlichkeiten zusammen. „Damit sie die früheren bleiben, muss Armenien erneut in einen Konflikt involviert werden… Denn eine Sache sind die armenisch-russischen Beziehungen unter den Bedingungen eines Konflikts. Und eine andere Sache – die armenisch-russischen Beziehungen unter Bedingungen eines Friedens“, erläuterte der armenischen Kabinettschef.
Nach seinen Worten müsse eine gegenseitige Adaptierung an die neuen Bedingungen erfolgen. Dabei strebe Armenien nicht nach einem Abbruch der Beziehungen mit Russland, sondern nach deren Vertiefung, versicherte Paschinjan. „Unsere Strategie in den Beziehungen mit Russland ist folgende: Wir haben nicht vor, einen Konflikt zu beginnen, und wir haben nicht vor, mit ihm zu streiten. Wir werden konsequent, ruhig und beständig unsere Positionen vertreten, die, wie ich bereits sagte, legitime sein müssen“, unterstrich der Premier.
Er betonte, dass die Frage nach der Eisenbahn eine der wichtigsten sei. Die letzten 30 Jahre habe sich Armenien in einer vollständige Blockade befunden. Doch der Frieden mit Aserbaidschan und die „Trump-Route“ hätten ihm die Chance gegeben, sich in das internationale Transportnetz zu integrieren, betonte Paschinjan.
„Aber aufgrund der Tatsache, dass sich die Eisenbahn Armeniens unter der Verwaltung Russlands befindet, und die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sehr angespannt sind, sehen wir Prozesse, die dazu führen, dass man Armenien dieses Mal erneut umgeht. Das heißt, die Eisenbahnlinie kommt nach Armenien von Nrnadzor her und verlässt es über Agarak. Und die hauptsächlichen internationalen Ströme verlaufen nicht durch Armenien in die Türkei, sondern direkt in die Türkei. Und jetzt wird sehr intensiv die Bahnstrecke Kars-Dilicu gebaut. Diese Bahnstrecke wird so oder so gebaut werden. Wir können nicht und wir haben nicht die Legitimität, mittels irgendwelcher Methoden den Bau dieser Bahnlinie zu verhindern. Wir müssen aber das Recht haben, mit dieser Bahnstrecke zu konkurrieren“, erläuterte der Premier.
Paschinjan sagte, dass es für ihn nicht prinzipiell sei, wer die armenische Eisenbahn besitzt. Wenn Moskau so handele, dass sich sein Konflikt mit dem Westen nicht auf die armenischen Interessen auswirke, verliere die Frage nach der Konzession ihre Aktualität. „Aufgrund der Spannungen in den Beziehungen zwischen dem Westen und Russland riskiert Armenien erneut, außerhalb des Projekts zu bleiben, das es selbst auch initiiert hatte. Und gerade darum bitten wir unsere russischen Partner. Diese Frage zu klären“, erklärte Paschinjan.
Mehr noch, Armeniens Regierung möchte, dass Moskau hilft, die Metro in Jerewan zu entwickeln. „In der Frage der Errichtung der Metrostation „Atschapnjak“ analysieren wir die Situation und sind der Auffassung, dass unser bester Parter Russland sein kann. Unter Berücksichtigung jener Parameter, denen entsprechend wir projektieren und denen gemäß die Metro früher gebaut wurde, brauchen wir die Unterstützung Russlands. Zumindest wird man mit Russland das Projekt mit geringsten Schwierigkeiten realisieren können“, sagte Armeniens Kabinettschef.
Es sei daran erinnert, dass am Rande des Gipfeltreffens der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek Russlands Präsident und Armeniens Regierungschef Gespräche führten, entsprechend deren Ergebnissen Kremlchef Wladimir Putin Paschinjan nach Moskau eingeladen hat. Sie vereinbarten unter anderem, die Erörterung der Integration Jerewans in die EU bei Wahrung dessen Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion fortzusetzen. Das Datum für den Besuch ist bisher unbekannt, doch der Pressesekretär des russischen Präsidenten Dmitrij Peskow sagte, dass er in der nächsten Zeit stattfinden werde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Thesen, die Paschinjan im Verlauf des Interviews formulierte, von ihm im Verlauf der anstehenden Gespräche genutzt werden.
Paschinjan vergaß auch nicht die Armenische apostolische Kirche in dem Interview für „Boon TV“. Er verwies darauf, dass die Offiziellen Gesetze verabschieden würden, dank denen die Gemeindemitglieder das Wirken der Kirche beeinflussen werden können. „Die Kirche, dies ist nicht der Katholikos, die Kirche ist eine gläubige Gemeinde, die überdies auch an der Leitung der Kirche entsprechend den Traditionen unserer Kirche teilnimmt“, sagte Paschinjan.
Zur gleichen Zeit haben die Herrschenden beschlossen, die Zahlungen an Familien für die Beisetzung von Verwandten abzuschaffen. Bisher hatten die Bürger der Republik für diese Zwecke 200.000 Dram (umgerechnet etwa 480 Euro) erhalten. Jetzt aber werden diese Gelder nur für sozial schwache Bürger bereitgestellt. Paschinjan tröstete aber damit, dass die freigesetzten Mittel von der Regierung unter anderem für eine Anhebung der Renten eingesetzt werden würden.
„Man kann nicht sagen, dass Paschinjan versuchte, irgendwie die Ecken und Kanten in den Beziehungen mit Russland zu überwinden. Im Gegenteil, er wiederholte seine These, wonach Moskau Jerewan störe, jenes Programm zu realisieren, dass es hinsichtlich der Eisenbahn geplant hat… Die neuen Attacken gegen die Kirche haben sozusagen seine Entschlossenheit bekräftigt, nicht vom abgesteckten Kurs abzuweichen“, meint der politische Analytiker Tigran Kotscharjan.