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Patriarch Kirill ist über die Einmütigkeit in der Staatsduma zufrieden


Am vergangenen Dienstag ist Patriarch Kirill vor den Abgeordneten der Staatsduma und Mitgliedern des Föderationsrates aufgetreten, wobei er ihnen den Unterschied zwischen den hohen nationalen Zielen und zweitrangigen Parteiinteressen erläuterte. Das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche besucht das Parlament jedes Jahr im Rahmen internationaler Bildungslesungen. Während am Montag die Gäste der Eröffnungszeremonie dieser Lesungen auf einem Großbildschirm eine Videoansprache des Kirchenoberhauptes verfolgten, erschien der Patriarch im Unterhaus persönlich. Und untermauerte den persönlichen Besuch durch eine Kritik der Digitalisierung.

„Ich möchte daran erinnern, dass die Kirche die staatliche Verwaltung als einen Bereich von Beziehungen zwischen den Menschen betrachtet, in denen eine Technologie nicht den Menschen, der mit Macht ausgestattet ist, ersetzen kann“, sagte Patriarch Kirill. Nach seiner Meinung sei es besser, wenn Entscheidungen nicht durch eine seelenlose Maschine, sondern bei einer aufrichtigen Anteilnahme des Beamten gegenüber dem Bittsteller getroffen werden würden. „Man muss die Rechte jener unserer Mitbürger berücksichtigen, die sich weigern, jegliche elektronische Systeme zu nutzen. Solcher Menschen gibt es in unserem Land recht viele“, erklärte der geistliche Spitzenvertreter. Er tangierte auch das Thema des Coronavirus, aber in einer überraschenden Form: „Ich muss eine gewisse ethische Fehlerhaftigkeit des Vorgehens ansprechen: Während wir um die Opfer der Krankheit trauern, verhalten wir uns indifferent gegenüber den Aborten, die während der Pandemie überhaupt nicht aufgehört haben“.

Danach wurde dem Leiter der KPRF-Fraktion Gennadij Sjuganow das Wort gewährt. Er rief dazu auf, die sowjetische Periode der Geschichte zu schätzen. „In der Welt gibt es nur fünf Länder, die in ihrer Geschichte die höchsten Ideale und die größten ideologischen und künstlerischen Werke geschaffen haben“, teilte er den Kollegen mit. „Wir gehören zu solch einem Land. Und die Jugend muss dies aus erster Hand erfahren.“ „Heute werden den Werten die Wurzeln genommen, heute haben Händler erneut Oberwasser bekommen, heute hat man eine Geschichte von der anderen losgerissen“, kritisierte der Chef der Kommunistischen Partei die Gegenwart.

Der Vorsitzende der LDPR Wladimir Schirinowskij begann erwartungsgemäß eine Polemik mit dem Hauptkommunisten. „Alexander Newski hatte vor der Schlacht auf dem Eise (auch: Schlacht auf dem Peipussee am 5. April 1242 – Anmerkung der Redaktion) und in anderen Fällen aufgerufen: „Erhebt euch, ihr Russen, zum ruhmreichen Todeskampf!“, begann Schirinowskij. „Er begann nicht zu sagen: „Das Sowjetvolk erhob sich zur Verteidigung seines Vaterlands“. Sondern eben Russen. Und auch nicht einmal strenggläubige“. „Wir haben zuerst die Kirche zerschlagen. Aber jetzt kommen sie, treten auf, und alle klatschen. Gibt es aber einen rückwirkenden Beitrag?“, wechselte der LDPR-Chef das Thema und ging zum aktuellen Geschehen über.

Nach einiger Zeit, als von der Duma-Tribüne die Wortmeldungen anderer Parlamentarier erklungen waren, die – dies muss gesagt werden – keine so schmissigen waren, meldete sich Schirinowskij noch einmal von seinem Platz im Präsidium zu Wort: „Müssen wir irgendwo freiwillig die Haltung zur Religion ausweisen? Da, in Fragebögen, wenn man zu Wahlen antritt… Ob man getauft ist, getraut…“, äußerte er die Vermutung, wobei er sich zum Patriarchen hinwandte. „Freiwillig! Wenn er möchte, dass die Wähler wissen, wer diese Leute sind“.

Der Staatsduma-Vorsitzende Wjatscheslaw Wolodin kommentierte mit einem Lächeln, dass das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche die Möglichkeit habe, die Tendenzen der bevorstehenden Wahlkampagne zu spüren. „Wir erinnern uns doch an den Krieg, wir erinnern uns an die Revolution“, parierte der Führer der Liberaldemokraten von seinem Platz aus. „Unser Krieg wird am 21. September stattfinden. Wenn die Kirche eine richtige Position einnimmt“. „Die Kirche steht außerhalb der Politik, Wladimir Wolfowitsch“, reagierte der Patriarch.

Danach lenkte Wolodin das Augenmerk der Zuhörer wieder dem Thema zu, dem die nunmehrigen „Parlamentarischen Begegnungen“ gewidmet waren – dem 800. Geburtstag des Großfürsten Alexander Newski. Der Chef des Unterhauses betonte, dass seit den Zeiten des Bezwingers der Schweden und teutonischen Ritter „die Feinde nicht weniger geworden sind“. „Die Feinde sind aber andere“, erklärte Wolodin streng. „Sie kommen nicht mit dem Schwert, sondern dringen in die Seele ein, in die Hirne. Deshalb erfolgte unser heutiges Gespräch mit dem Patriarchen“.

Abschließend erläuterte Patriarch Kirill seine Parlamentarismus-Auffassung. „Jeder Mensch hat das Recht auf eine Wahl, eine Entscheidung“, sagte er. „Wenn aber Menschen unterschiedlicher historischer Schicksale … im Interesse einer großen Idee zusammenkommen…, müssen alle menschlichen Differenzen zurückweichen. Nicht im Namen eines künstlichen Konsensus, sondern als das Ergebnis einer Entscheidung der Abgeordneten selbst zugunsten jener Zukunft Russlands, die die unabhängige, souveräne sowie geistig und materiell starke Entwicklung des Landes bestimmen wird“.

„Ich weiß nicht, in welchem anderen freien Land es solch eine Einmütigkeit gibt!“, rief der Patriarch aus. „Wir sind ein wirklich freies Land. Und keiner zieht uns gewaltsam zu irgendetwas heran. Aber die Tatsache, dass es einen breiteten Konsens in der Staatsduma um die fundamentalsten und wichtigsten Ideen gibt, ist von großer Bedeutung. Ich würde alle aufrufen, alles Wichtige, alles Wesentliche, das uns alle unabhängig von den Parteien, Fraktionen und Nationalitäten vereint, von weniger Wichtigem, vom Zweitrangigen zu trennen, das aber auch mit den Schicksalen des Volkes zu tun hat, wo jeder, sich auf seine politischen Anschauungen und Partei-Vorgaben stützend in der Duma arbeitet“. „Geb‘ Gott, dass die Einheit beim Wichtigsten volle Freiheit beim Zweitrangigen gewährt!“, erklärte das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche. Und er korrigierte sich leicht mit den Worten „beim bedingt Zweitrangigen“. „Die Einheit beim Hauptsächlichen und die Freiheit bei allem anderen!“ wiederholte der Patriarch. Und er versprach, für die Abgeordneten zu beten und sie zu lieben.