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Patriarch Kirill rechnete Kasachstan zur Rus


Die Ereignisse in Kasachstan sind auch durch die Führung der Russischen orthodoxen Kirche zur Kenntnis genommen worden. In seiner Ansprache nach dem festlichen Weihnachtsgottesdienst in der Nacht zum 7. Januar in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale wandte sich der Patriarch von Moskau und Ganz Russland Kirill an die Offiziellen und Bürger Kasachstans. Im Land selbst, wo die Protestaktionen andauerten und es zu einem Blutvergießen gekommen war, hatten Festgottesdienste nur am Tage in den Kirchen stattgefunden. Nachts wurde keine Liturgie aufgrund des von Präsident Kassym-Schomart Tokajew verhängten Ausnahmezustands zelebriert.

„Wir alle wissen, dass auf dem Territorium unseres einst gemeinsamen riesigen Landes überaus schwere Ereignisse passieren“, sagte Patriarch Kirill in seiner Ansprache. „Die Menschen sind in einem sehr schweren Bürgerkonflikt zusammengestoßen, es fließt real Blut. Und dies ist ganz nebenan. Dies ist auf dem Territorium der historischen Rus. Und deshalb können wir gegenüber diesem Vergießen von Blut, gegenüber diesen Auseinandersetzungen, gegenüber dieser menschlichen Unordnung keine gleichgültigen sein“.

Es ist schwer zu sagen, was der Patriarch meinte, als er Kasachstan zu den Gebieten der historischen Rus zählte. Die Unterwerfung der Gebiete, die heute zu diesem ausgedehnten zentralasiatischen Staat gehören, durch die Russen erfolgte zu Zeiten des Russischen Imperiums. Früher, im Fall mit der Ukraine, als das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche politische Prozesse und Konflikte kommentierte, hatte er eher die gemeinsamen Wurzeln der Alten Rus im Blick, die sogenannte Wiege der drei ostslawischen Völker, die noch im Bestand eines gemeinsamen Staates das Christentum angenommen hatten. Aber in jenen fernen Jahrhunderten wurden die Gebiete südlich und östlich von Kiew als Große Steppe bezeichnet, und bargen im Bewusstsein und in der Auffassung des altrussischen Menschen eher eine endlose Gefahr von Überfällen der Nomadenvölker denn Bündnisbeziehungen in sich.

Wenn von einer Einheit der Völker Russlands und Kasachstans gesprochen wird, so gilt dies mehr für die Sowjetzeit. Einen Verweis auf diese historische Ebene kann man auch in der Rede des Patriarchen vernehmen, wenn er von jener Vergangenheit spricht, die mit den neuen Märtyrern der Russischen Kirche zusammenhängt. „Geb’ Gott, dass auf dem Boden Kasachstans, der von den Heldentaten einer Vielzahl neuer Märtyrer und Beichtkinder unserer Kirche geprägt wurde, wahrer Frieden eine Heimstatt findet“, sprach das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche. Bekanntlich waren in den Jahren der Stalinschen Repressalien die kasachischen Steppen zum Inhaftierungs- und Verbannungsort für viele sowjetische Bürger und sogar für ganze Völker geworden.

Der Patriarch erklärte, dass er auf das Wohlwollen Gottes bei der Aussöhnung Kasachstans hoffe, rief aber auch die Bürger dieses Landes zur Mäßigung auf: „Die Menschen müssen ihrerseits Anstrengungen unternehmen, um diesem Wohlwollen würdig zu sein. Und daher verlangt die Herstellung von Frieden dort, wo es keinen Frieden gibt, gewaltige Anstrengungen, in erster Linie von jenen, die in einen Konflikt verwickelt sind. Sie erfordert eine gewisse Selbstbeschränkung in den eigenen Forderungen, in den eigenen Bestrebungen. Und wenn die gegnerischen Seiten in der Lage sind, Verpflichtungen zu solch einer Selbstbeschränkung zu übernehmen, kann Frieden erreicht werden. Andernfalls aber ist dies lediglich ein Tauziehen, (um zu ermitteln), wer stärker ist“.

Der Weihnachtsliturgie in der Christus-Erlöser-Kathedrale wohnte der römisch-katholische Erzbischof Paolo Pezzi bei. Patriarch Kirill lenkte die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf diese Tatsache und brachte sie mit den Gesprächen über ein (erneutes) Treffen der geistlichen Oberhäupter der Katholischen und der Russischen Kirche in einen Zusammenhang. Der Patriarch erwähnte, dass Pezzi ihm eine Botschaft von Papst Franziskus übergeben hätte. Ende Dezember war bekannt geworden, dass eine direkte Begegnung des Pontifex und Patriarchen, der zweiten nach dem Treffen im Flughafen von Havanna, vorbereitet werde. Dieses Mal – heißt es – sollen die geistlichen Spitzenvertreter in einer komfortableren Umgebung als in einer Lounge für Flugpassagiere zusammenkommen und miteinander sprechen. Die ganze Geschichte hatte Anfang Dezember vergangenen Jahres mit den Andeutungen des Papstes begonnen, dass er das Dritte Rom (Bezeichnung für Moskau, die im 16. Jahrhundert in drei Briefen des Philotheus, Starez des Pskower Eleazar-Klosters, an den Großfürsten Wassili III., an den Kirchenschreiber Misjur Munechin und an Iwan den Schrecklichen geprägt wurde – Anmerkung der Redaktion) besuchen möchte. Zum Ort der Begegnung beider Kirchenoberhäupter wird jedoch letztlich irgendein „neutrales“ Territorium werden.

Derweil sind in den Städten Kasachstans im Zusammenhang mit dem Ausnahmezustand alle Kultstätten für die Gläubigen geschlossen worden – nicht nur die orthodoxen Kirchen, sondern auch die Moscheen. Das geistliche Oberhaupt der Moslems des Landes Nauryzbai Taganuly Otpenow wandte sich am 6. Januar an die Bürger mit einem Versöhnungsaufruf: „Ein Staat ohne Ruhe ist buchstäblich ein Himmel ohne Sterne. Wenn es keine Ruhe und keinen Frieden im Land gibt, ist für alle klar, dass es dadurch keinen Nutzen geben wird. Allah spricht im heiligen Koran: „Rebelliert nicht, nach dem auf der Erde Ruhe Einzug gehalten hat“. Jetzt, liebe Brüder und Schwestern brauchen wir alle Einheit und Geschlossenheit“, sagte Obermufti Nauryzbai Taganuly.

Aus einigen Expertengemeinschaften Russlands werden bereits Stimmen laut, dass bei den Protestaktionen in Kasachstan islamistische Kämpfer, die angeblich gar in Afghanistan ausgebildet worden seien, agieren würden. Ungeachtet der recht bedingten Überzeugungskraft derartiger Behauptungen ist gerade die Terrorismusgefahr von außen her zur Grundlage für das Anrufen der Mitgliedsländer der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit geworden, erstmals in der Geschichte dieser Organisation deren Einheiten bei einer militärischen Polizeioperation einzusetzen. Auf dem Territorium des Landes handeln bereits Spezialeinheiten aus Russland, Weißrussland, Kirgisien und Armenien.