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Pekings Dampfwalze rollt durch Tibet


Im Weißbuch über Tibet („Tibets friedliche Befreiung, Prosperität und Entwicklung“), das im Mai im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens zwischen Peking und Lhasa (17-Artikel-Abkommen vom 23. Mai 1951) veröffentlicht wurde, erklärt die Volksrepublik China, dass sie den Tibetern geholfen hätte, sich vom feudal-theokratischen System zu befreien und einen sozial-ökonomischen Fortschritt zu erreichen. Es heißt, dass die Religionsfreiheit bewahrt werde. Bei einem Teil der Bevölkerung in der Autonomen Region Tibet (TAR) sei das Lebensniveau angestiegen. Die Kommunistische Partei fordert aber, dass der Glaube mit dem Sozialismus kompatibel sei und der Losung nach einer chinesischen Prägung der Religion entspreche.

Wie der US-amerikanische Fernsehkanal CNN berichtete, habe Peking gewaltige Mittel aufgewandt, um eine Integration der TAR in die Wirtschaft des Landes zu erzielen. Dies förderte der Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnlinie, die das „Dach der Welt“ mit dem übrigen China verbindet. Es mussten über 120 Brücken errichtet und 47 Tunnel angelegt werden. Das Projekt kostete 5,6 Milliarden Dollar.

Eine Korrespondentin des „Wall Street Journals“, die in den chinesischen Nachbarregionen der TAR weilte, hat aber festgestellt, dass in Tibet eine geräuschlose Kampagne erfolge, die auf eine Assimilierung einer der weltweit bekanntesten Minderheiten abziele. In Lari, einem kleinen buddhistischen Kloster in der Provinz Qinghai drehen die Novizen unter den Objektiven von Videobeobachtungskameras die Gebetsmühlen. Über dem Saal hängt ein Porträt des Staatsoberhauptes der Volksrepublik China, Xi Jinping. Die Schulen stellen weniger Lehrer für die tibetische Sprache ein. Vorrang wird der Vermittlung des Chinesischen eingeräumt.

Xi hatte als nationale Priorität die Aufgabe proklamiert, im Namen der Einheit des Landes eine einheitliche chinesische Identität um die Bevölkerungsmehrheit – die Han – zu schmieden, wobei alle Nationalitäten gegenüber der Kommunistischen Partei loyal sein müssten. Im Westen ist die Kampagne zur Assimilierung der Uiguren und anderer moslemischer Völkerschaften in Xinjiang bekannter. Die Taktik, die man in Xinjiang anwandte, hat man auch im Tibet einzusetzen begonnen. In Tibet jedoch agieren die Behörden sanfter.

„Die Klöster in der TAR ähneln mehr Museen denn Schulen“, sagt Kanyang Tsering, ein Mönch, der in der Stadt Dharamsala in Indien lebt, wo sich ein erheblicher Teil der tibetischen Diaspora niedergelassen hat. Es wird angenommen, dass in China 6,3 Millionen Tibeter leben. Und in der TAR, wo sie die Mehrheit ausmachen, machen sie 3,1 Millionen aus.

Robert J. Barnett, Direktor und Gründer des Programms für moderne Tibet-Studien an der New Yorker Columbia University, sagt, dass die herrschende Partei Chinas die Auffassung vertrete, dass in Xinjiang die Lage einer ernsthaftere sei, da es dort früher Terrorakte gegeben hätte. Und die Kampagne Pekings in Tibet erinnert mehr an eine sich langsam vorwärtsbewegende Dampfwalze.

Die Kommunistische Partei erlangte 1951 die Kontrolle über Tibet. Wie der indische Think Tank Observer Research Foundation in seiner analytischen Übersicht betont, bedeutete das damals unterzeichnete Abkommen faktisch eine Kapitulation Tibets. 1959 flammte aber in Tibet ein Aufstand auf, der mit der Flucht des 14. Dalai Lama (Tenzin Gyatso) nach Indien endete. Indien gewährte auch tausenden seiner Anhänger Asyl. Der chinesische Staatschef Deng Xiaoping und der Generalsekretär der KP Chinas Hú Yàobāng wollten sich mit der tibetischen Exilregierung einigen. In den 1980er Jahren hatten zwischen ihren Vertretern und Peking Verhandlungen stattgefunden. Peking revidierte dann aber seinen Kurs. Das Scheitern der Kontakte hatten möglicherweise die indische Aufklärung und westliche Geheimdienste gefördert, die keine Aussöhnung zwischen China und den Tibetern wollten.

Im Jahr 2008 begannen in Tibet Proteste. Man hat sie aber niedergeschlagen. Danach folgten eine Reihe von Selbstverbrennungsakten durch buddhistische Mönche in der TAR und Nachbarprovinzen der Volksrepublik China. Peking meinte, dahinter die Hand des Dalai Lama auszumachen. Seitdem wurde dieser Friedensnobelpreisträger für Peking zu keinem geistlichen Führer der Tibeter, sondern zu einem Anführer von Separatisten.

Früher hatte man in China und besonders in Tibet Kinder, die das 6. Lebensjahr vollendet hatten, oft zum Studium in Klöster geschickt, damit sie danach zu Mönchen werden. In einem der Kreise der Provinz Qinghai, wo es viele Tibeter gibt, hat aber die hiesige Regierung erklärt, dass es ungesetzlich sei, Kinder auszubilden, damit sie Mönche oder Nonnen werden. Solche Regeln sind bisher zu keinen obligatorischen in allen Kreisen geworden. Aber gerade in den Schulen werde, wie das „Wall Street Journal“ schreibt, ein Kampf um die Hirne und Herzen der Tibeter entfaltet.

Der 14. Dalai Lama ist jetzt 86 Jahre alt. Wenn er das Zeitliche segnen wird, wird Peking seinen Nachfolger bestimmen. Und dieses Ereignis wird wahrscheinlich für alle Anhänger des tibetischen Zweiges des Buddhismus zu einer Erschütterung werden.