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Plácido Domingo und das Bolschoi: Der Beginn eines Romans


Im Bolschoi-Theater ist ein Projekt realisiert worden, das in den gegenwärtigen zu Recht als ein beispielloses gilt: Plácido Domingo hat hier mehrere Tage verbracht – als Dirigent, Solist und als eine Art Magnet für Kollegen. Der legendäre Sänger dirigierte die Oper „Manon Lescaut“, und ein paar Tage später trat er zusammen mit den berühmtesten Sängern der Welt im Galakonzert „Das Bolschoi und Plácido Domingo: Ein Leben in der Oper“ auf. 

Im Grunde genommen beginnt das Projekt „Domingo und das Bolschoi“ erst. Im Unterschied zum Petersburger Mariinskij-Theater, wo der Sänger recht oft weilt, fand sein einziger Auftritt auf der Hauptbühne der damaligen UdSSR vor mehr als vier Jahrzehnten – 1974 – statt. Während eines Moskau-Gastspiels des Theaters „La Scala“ sang Domingo die Partei des Mario Cavaradossi in Puccinis „Tosca“. Aber das nunmehrige Kommen des Sängers bildete den Beginn einer Zusammenarbeit mit dem Bolschoi: Im Verlauf der gegenwärtigen Konzertsaison wird Domingo bei uns als Dirigent („La Bohème“ im kommenden Februar) und Sänger (Rodrigo in der Oper „Don Carlos“ und Giorgio Germont in „La traviata“) auftreten. Und für den März ist noch ein internationales Galakonzert geplant. Bleibt, die Daumen zu drücken, dass die Pandemie diese Pläne nicht zunichtemacht.

Dieses Mal hatte Domingo Sänger des Opern-Olymps und jene, die offensichtlich den Stars auf den Fersen sind – Gewinner des Wettbewerbs „Operalia“ der letzten Jahre, eingeladen, mit ihm zusammen zu singen. Nach Moskau waren Anna Netrebko, Ildar Abdrazakov, Piotr Beczała, Pretty Yende, Yusif Eyvazov und Michael Volle gekommen (ihre Namen bedürfen keiner gesonderten Vorstellung). Aber die Karriere des Tenors Xabier Anduaga und der Sopranistin Christina Nilsson steht gerade am Anfang, und das Konzert im Bolschoi wird in ihrer Vita sicherlich gesondert ausgewiesen werden. Anduaga verfügt über eine phänomenale Stimme und solide Technik. Die berühmte Arie des Tonio aus der „Regimentstochter“ von Donizetti, die als die „Arie der neun Hohe C`s“ bezeichnet wird, wurde blendend gesungen: Nicht ein Hohes C war verlorengegangen (und auch nicht einmal verwischt). Überdies nimmt sie der Sänger mit voller Stimme und nicht mittels Falsetts. Von daher scheint es, dass er auch dem D gewachsen ist. Nebenbei gesagt, einst begann man gerade wegen dieser Partie, Luciano Pavarotti als „König des Hohen C“ zu bezeichnen. Freilich, was den jungen „Operalia“-Gewinner angeht, so übertrifft bisher seine Virtuosität die Musikalität. Das Gefühl für den Text und die Nuancierung bleiben vorerst noch zurück. Nilsson aber (dritter Preis des Wettbewerbs) zeigte sich als Sängerin eines schwierigen Repertoires: Die Arie der Elisabeth aus „Tannhäuser“ und das 15-minütige Duett aus dem „Fliegenden Holländer“ – zusammen mit dem König der Wagnerschen Partien Michael Volle (der Holländer ist eine seiner Paradepartien) – offenbarten sowohl die Ausdauer der Sängerin als auch das schöne lyrische Timbre ihrer Stimme. Michael Volle, der vor ganz kurzer Zeit in der Rolle des Boris Godunow in der Züricher Oper debütierte, hatte für den Soloauftritt in Moskau aus dem Verdi-Repertoire ausgewählt – die dramatische Todesszene Rodrigos aus „Don Carlos“, die er mit einer maximalen künstlerischen Ausdruckskraft interpretierte. Und russische Musik hatte Ildar Abdrazakov ausgewählt. Die Arie von Fürst Igor aus der Oper Borodins, mit der der zweite Teil des Konzerts begann, löste eine Beifallsflut aus, nachdem übrigens die Reaktion des Publikums, die im ersten Teil eine recht vorsichtige gewesen war, immer lebhafter wurde – bis zu stehendem Applaus für Domingo nach seinem berühmten „Granada“-Lied. 

Es muss gesagt werden, dass sich Domingo, auch wenn er ins Bariton-Repertoire wechselte, in einer ausgezeichneten Form befindet. Seine Leidenschaftlichkeit zusammen mit der Meisterschaft, darunter auch der Meisterschaft der Stimmbeherrschung, verschaffen dem 79-jährigen Sänger die Möglichkeit, kompromisslos auf der Bühne zu halten. 

Domingo schenkte uns die seltene Möglichkeit, Piotr Beczała zu hören. Die Koryphäe der internationalen Opernszene ist in Moskau ein seltener Gast. Zehn Jahre lang war er nicht hier gewesen. Aber Pretty Yende, der gerade Moskau den Weg auf die große Bühne bahnte – hier hatte im Jahr 2011 der „Operalia“-Wettbewerb stattgefunden, zu dessen Gewinnerin sie geworden war -, kehrte als Star nach Russland zurück. Zusammen mit der Cavatine der Rosina, in der die Sopranistin ihre Technik in den improvisierten Koloraturen demonstriert, präsentierte sie die Soloszene aus „La traviata“ – der Partie, mit der die Sängerin vor einem Jahr triumphal in der Pariser Oper debütierte. Anna Netrebko – mit Aida und Leonora (im Duett mit Domingo), die mit der für die Sängerin charakteristischen Leidenschaft interpretiert wurden – trat am Ende beider Teile auf, was nur ihren Status als eine unübertroffene Opern-Primadonna unterstrich.