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Präsident Putin hat grünes Licht zur weiteren Vernichtung von Lebensmitteln gegeben


Die Ernteerträge haben keine „normale“ saisonale Deflation beschert. Die Maßnahmen der Zentralbank und der Regierung haben gleichfalls die Tendenz zur Verteuerung der Lebensmittel nicht ändern können. Der Preisanstieg für Rind- und Schweinefleisch, Geflügel, Buchweizen, Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren und Weißkohl übersteigt um ein Mehrfaches die offizielle Inflationsrate. Vor einem möglichen Preissprung warnen die Hersteller von Teigwaren. Das Landwirtschaftsministerium ist gezwungen zu versichern, dass es keinen Mangel gebe. Dies erfolgt unter den Bedingungen des um ein Jahr verlängerten Lebensmittelembargos, in dessen bisherigen Verlauf die Kosten für viele Lebensmittel um das 1,5- bis 2fach angestiegen sind. Die russische Aufsichtsbehörde für den Landwirtschaftsbereich Rosselchosnadsor aktualisierte für die „NG“ die Daten: Seit 2015 sind bis Ende September dieses Jahres in der Russischen Föderation rund 39.000 Tonnen Lebensmittel vernichtet worden, die unter die russischen Sanktionen gegen die EU und andere Länder fallen.

Entgegen den Erwartungen hat sich die Inflationsrate weder im August noch Anfang September verringert, was selbst Präsident Wladimir Putin am Samstag eingestehen musste. Nach Auswertung der Staatsduma-Wahlen. Entgegen der „normalen“ Dynamik, die für diese Monate charakteristisch ist, hat es keine saisonale Deflation gegeben, teilten Spezialisten des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognostizierung mit. Laut ihrer Prognose könne das Land im September eine auf das Jahr hochgerechnete Inflationsrate von bereits mehr als sieben Prozent erreichen. Der Preisanstieg, der sowohl für eine Woche als auch für einen Monat fixiert wird, „vollzieht sich stabil hinsichtlich eines recht breiten Spektrums von Waren“, präzisierte das erwähnte Zentrum.

Das russische Statistikamt Rosstat veröffentlichte am Mittwoch neue Zahlen zum Anstieg der Verbraucherpreise mit Stand vom 20. September. In der Zeit ab Beginn des Jahresseien die Preise im Durchschnitt um beinahe fünf Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag dieser Wert bei rund drei Prozent. Der Preisanstieg für viele Nahrungsmittel hat aber in diesem Zeitraum den allgemeinen Wert für die Inflation um ein Mehrfaches übertroffen. Rindfleisch ist im Vergleich zum Jahresbeginn um etwa zehn Prozent teurer geworden, Schweinefleisch – um zwölf Prozent, Buchweizen – um elf Prozent, Hühnerfleisch – um 18 Prozent, Zwiebeln – um 22 Prozent, Kartoffeln – um 28 Prozent, Möhren – um 36 Prozent, Weißkohl – um 88 Prozent. Im September 2019 beispielsweise hatte es keine solchen Preissprünge, dass die Preise im Vergleich zum Jahresbeginn um zehn Prozent und mehr angestiegen waren, gegeben. Im September des vergangenen Jahres waren Preissprünge für Graupen und Zucker zu beobachten.

Derzeit sind im noch nicht zu Ende gegangenen September Schweinefleisch – um ein Prozent (bei einer Inflation von 0,2 Prozent in diesem Zeitraum), Milch – um 1,5 Prozent, Hühnerfleisch – um zwei Prozent, Rindfleisch – um 2,3 Prozent, Eier – um 2,5 Prozent sowie Gurken und Tomaten – um mehr als 13 Prozent – am spürbarsten teurer geworden.

Vor einigen Tagen musste das Landwirtschaftsministerium vor dem Hintergrund von Mitteilungen über das Erreichen eines Rekordniveaus der Preise für Buchweizen Stellung zur Situation nehmen. „Das Landwirtschaftsministerium bewertet die Buchweizen-Vorräte als ausreichende. Die Möglichkeit eines Mangels ist ausgeschlossen“, teilte das Ministerium von Dmitrij Patruschew mit.

Die Institution präzisierte, dass man in diesem Jahr die Anbauflächen für Buchweizen um zwölf Prozent erweitert hätte. Zuvor galt in Russland ein Exportverbot für Buchweizen bis zum Beginn der aktiven Erntephase. „Diese Maßnahme erlaubte, ausreichende Mengen von Rohmaterial und Fertigprodukten auf dem Binnenmarkt zu bewahren, aber auch heftige Preisschwankungen zu vermeiden“, versicherte man im Landwirtschaftsministerium.

Aber zwei Tage später waren neue Erklärungen erforderlich geworden. Dieses Mal in Bezug auf Weizen. Wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete, hätten Makkaroni-Fabriken der Russischen Föderation einen Mangel an harten Weizensorten und einen starken Anstieg der Preise für Rohstoffe signalisiert. Dieses Problem wurde im Verlauf einer Rundtischdiskussion erörtert, die der Situation auf dem Markt gewidmet war.

Die Verteuerung des Weizens der harten Sorten löst bei den Herstellern von Eierteigwaren beinahe eine Panik aus. Derzeit nutzen sie alte Vorräte. Danach aber muss Weizen der neuen Ernte zu sehr hohen Preisen eingekauft werden. Dabei werden laut Angaben von Marktakteuren erhebliche Mengen an Getreide aus Regionen der Russischen Föderation nach Kasachstan geliefert, berichtete Interfax. Zu einem Problem wurde gleichfalls die Zunahme der Ausgaben für Materialien und Bauteile. All dies wird in der Zukunft zu einem Preisanstieg für Makkaronie-Erzeugnisse führen, sind sich die Hersteller sicher.

Im Endergebnis schlagen die Makkaroni-Hersteller vor, Sperrzölle für den Export harter Weizensorten einzuführen – einen entsprechenden Appell hatten sie zuvor an Premierminister Michail Mischustin gerichtet. Und bis Ende dieser Woche wollten sie sich auch an den Präsidenten wenden.

Dies ist aber nicht die einzige Initiative. Vorgeschlagen wurde ebenfalls, die Anbauflächen für harte Weizensorten zu erweitern. Dabei sind dafür aber die entsprechenden Mengen an Saatgut, Dünger und Agrar-Technologien erforderlich.

Im Landwirtschaftsministerium hatte man dazu am Mittwoch auch mitgeteilt, dass es keinen Mangel gebe. „Der Export an harten Weizensorten ist in diesem Jahr bei einer gleichzeitigen Zunahme des Imports zurückgegangen. Ab dem 1. Januar bis einschließlich 12. September lieferte Russland 62.600 Tonnen dieses Weizens ins Ausland (85.000 Tonnen im analogen Zeitraum des Jahres 2020) und importierte 96.300 Tonnen (65.400 Tonnen – 2020). Ein Mangel dieser Erzeugnisse ist auf dem Binnenmarkt nicht zu beobachten“, erklärte man im Ressortministerium.

Das Ministerium teilte gleichfalls mit, dass im vergangenen Jahr in Russland 740.000 Tonnen Weizen der harten Sorten eingebracht worden waren. Dies sei ausreichend für die Absicherung des Inlandsbedarfs gewesen. Dabei waren für die Ernte des Jahres 2021 die Anbauflächen für harte Weizensorten von 620.000 Hektar im vergangenen Jahr bis auf 680.000 Hektar erweitert worden. Mit Stand vom 20. September waren in den entscheidenden untersuchten Regionen 326.000 Tonnen Weizen der harten Sorten geerntet worden (gegenüber 262.900 Tonnen im letzten Jahr). Dabei sei dessen Qualität eine bessere als im Vorjahr, präzisierte man im Landwirtschaftsministerium.

Gegenwärtig erörtert das Ministerium für eine Steigerung der Produktionsumfänge die Frage einer Erweiterung der Maßnahmen zur staatlichen Unterstützung für die Agrarier im Rahmen kompensierender und stimulierender Subventionen.

Aber jeder neue drastische Anstieg der Preise – sowohl erfolgter als auch diskutierter – wird für die Verbraucher zu einen immer schmerzhafteren. Dies hängt damit zusammen, dass die Preise in der Russischen Föderation ohnehin bereits – allem nach zu urteilen – ein offenkundig unangenehmes Niveau erreicht haben.

Zu Beginn dieser Woche unterzeichnete Präsident Wladimir Putin einen Erlass über die Verlängerung der Wirkung einzelner spezieller Wirtschaftsmaßnahmen bis zum 31. Dezember 2022 gegen die Länder, die Sanktionen gegen die Russische Föderation verhängten (aufgrund der Krim-Ereignisse und der Situation im Osten der Ukraine – Anmerkung der Redaktion). Mit anderen Worten: über eine Verlängerung des Lebensmittelembargos seitens Russlands gegen die EU und andere Länder.

Laut Angaben von Rosstat hat sich im Verlauf des Wirkens des Embargos der Anteil der importierten Lebensmittelwaren im russischen Einzelhandel um etwa ein Drittel verringert. Im zweiten Quartal dieses Jahres machte er 24 Prozent aus — gegenüber etwa 34 Prozent im Jahr 2014 oder, wenn wir einmal das Jahr 2013 nehmen, 36 Prozent.

Der erbitterte Kampf der russischen Offiziellen gegen Sanktionsprodukte dauert an. Wie der „NG“ im Pressedienst von Rosselchosnadsor mitgeteilt wurde, sind im Zeitraum ab 2015 bis Ende September dieses Jahres im Land etwa 37.300 Tonnen Produkte des Pflanzenanbaus und rund 1.300 Tonnen Erzeugnisse der Viehwirtschaft festgestellt und vernichtet worden. (Was in der russischen Bevölkerung nicht einmütig unterstützt wird, wie Meinungsumfragen belegen. – Anmerkung der Redaktion)

Und gleichzeitig damit sind viele Nahrungsmittel im Land im Verlauf des Wirkens des Lebensmittelembargos um das 1,5- bis 2fache teurer geworden, vor allem im Zusammenhang mit dem schwächelnden Rubelkurs.

„Hinsichtlich einer Reihe von Positionen vermochte Russland sehr schnell die westlichen Lieferungen ersetzen. Dennoch ist bezüglich einer Reihe von Positionen ein spürbarer Anstieg der Preise zu beobachten. Teilweise hängt er wirklich mit dem Lebensmittelembargo zusammen, andererseits aber ist der Preisanstieg auch durchaus objektive Gründe ausgelöst worden: Die Zunahme der Produktionskosten verursachte eine Beschleunigung der Inflation praktisch in der ganzen Welt“, betonte der Analytiker Alexej Korenjew vom Finanzunternehmen „Finam“.

„Der russische Markt für die Herstellung von Nahrungsmitteln war bis zur Verhängung des Lebensmittelembargos nicht auf eine vollkommene Befriedigung des Inlandsbedarfs ausgerichtet. Dies ist für einen Staat normal, in dem die Importmöglichkeiten offen sind“, erinnert Anna Bodrowa, Senior Analytikerin des Zentrums „Alpari“. „Einzelne Sparten – der Gemüseanbau in Gewächshäusern, die Geflügelzucht, die Milchindustrie und viele andere – mussten kurzfristig die Produktionsumfänge erhöhen, in Kapazitäten investieren, Ausgangsmaterialien und Rohstoffe sowie Technologien suchen, die erlauben, die Produktion ohne einen drastischen Qualitätsverlust zu erhöhen“.

Es seien aber auch viele „Neben“-Produkte aufgetaucht. Als Beispiel führt die Expertin die Verbreitung von „käseähnlichen Produkten“ vor dem Hintergrund der nachlassenden Zahlungsfähigkeit der Bevölkerung an. Eine zusätzliche Belastung für die Preise ergab sich von außen, fügte die Expertin an: So hat der generelle Preisanstieg für Getreide zum Beispiel die Kosten für Fleisch in die Höhe gehen lassen.

„Im Preisanstieg im Jahr 2021 gibt es keinerlei Anomalien. Dies ist eine durchaus logische Entwicklung der Ereignisse, die sich aus erklärbaren Momenten ergibt: der Preisanstieg für die Ausgangsrohstoffe, die hohe Kreditbelastung der Wirtschaft, die sich einen Teil der früher entgangenen Gewinne zurückholen will, die allgegenwärtige Verteuerung der Verpackung, Logistik und die für Devisen zu erwerbenden Bauteile“, zählte Bodrowa auf. Und nach ihren Worten hat auch der Einzelhandel seins hinzugefügt.

Auch wenn es derzeit preisliche Anomalien gebe, so würden sie mit den Folgen der Corona-Pandemie zusammenhängen, mit den Störungen in den Logistik-Ketten, die einen Mangel ausgelöst hätten. Zusätzlich hätten den Preisanstieg die stimulierenden Handlungen der Zentralbanken gefördert, fügte Sergej Kutschin, Abteilungsleiter in der Investitionsfirma „BKS – Welt der Investitionen“, hinzu. Die Kartell-Aufsichten würden, wie er betonte, aufmerksam die Preise in den Lebensmittelregalen verfolgen und helfen, die Lieferanten „nüchtern zu machen“.