Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Präsident Selenskij erklärte 16. Februar zum Tag der Ukraine


Kurz nach seinem Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz und deren gemeinsamen Pressekonferenz, hat sich der ukrainische Präsident Vladimir Selenskij an das Volk des Landes gewandt. Innerhalb weniger Woche erneut, dieses Mal aber auch vor dem Hintergrund, dass angeblich in dieser Woche ein „Einmarsch russischer Truppen“ in die Ukraine erfolgen werde. Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersetzung der Ansprache Selenskijs vom 14. Februar.

„Ein großes Volk eines großen Landes!

Ich wende mich in dieser angespannten Zeit an Sie.

Vor unserem Staat haben sich ernsthafte äußere und innere Herausforderungen ergeben, die von mir und jedem von uns Verantwortung, Zuversicht und konkrete Handlungen erfordern.

Man macht uns mit einem großen Krieg Angst, und erneut nennt man ein Datum für einen militärischen Überfall. Dies ist bereits nicht das erste Mal.

Gegen uns führt man systematisch einen Krieg an allen Fronten. An der militärischen stockt man das Kontingent rund um die Grenzen auf. An der diplomatischen Front versucht man, uns das Recht zu nehmen, eigenständig den außenpolitischen Kurs zu bestimmen. An der Energie- (Front – „NG“) grenzt man die Lieferungen von Gas, Elektroenergie und Kohle ein. An der Informationsfront ist man bestrebt, Panik unter den Bürgern und Investoren über die Massenmedien zu säen.

Aber unser Staat ist heute stark wie nie zuvor.

Dies ist nicht die erste Bedrohung, mit der das starke ukrainische Volk konfrontiert wurde. Vor zwei Jahren haben wir, wie auch die ganze Welt, mit Verstörtheit in die Augen der (COVID-19-) Pandemie geschaut. Wir haben uns aber vereint und sie mit klaren systematischen Schritten praktisch besiegt. In dieser schwierigen Zeit hat das starke ukrainische Volk seine besten Eigenschaften demonstriert – Geschlossenheit und Siegeswillen.

Im Unterschied zur Pandemie vor zwei Jahren begreifen wir heute klar alle Herausforderungen, die vor uns stehen, und was mit ihnen zu tun ist. Wir sind uns sicher, aber nicht eingebildet. Wir begreifen alle Risiken. Wir verfolgen ständig die Situation, spielen unterschiedliche Szenarios durch, bereiten würdige Antworten auf alle möglichen aggressiven Handlungen vor.

Wir wissen genau, wo sich neben unseren Grenzen eine fremde Armee befindet. Wir wissen um ihre Anzahl, ihre Standorte, ihre Ausrüstung und ihre Pläne.

Wir haben etwas, um dem Paroli zu bieten. Wir haben eine ausgezeichnete Armee. Unsere Jungs besitzen einmalige Gefechtserfahrungen und moderne Waffen. Dies ist bereits eine um ein Mehrfaches stärkere Armee als vor acht Jahren.

Zusammen mit der Armee befindet sich an der vordersten Linie zur Verteidigung unserer Interessen auch unsere ukrainische Diplomatie. Es ist uns gelungen, diplomatische Unterstützung seitens praktisch aller Staats- und Regierungschefs der zivilisierten Welt zu erreichen. Die meisten von ihnen haben entweder bereits die Ukraine besucht und unterstützt oder werden dies in der nächsten Zeit tun. Heute erkennen alle an, dass von der Ukraine und ihrer Armee die Sicherheit Europas und des gesamten Kontinents abhängt.

Wir streben nach Frieden, und wir wollen alle Fragen ausschließlich auf dem Wege von Verhandlungen lösen. Sowohl der Donbass als auch die Krim werden zur Ukraine zurückkehren. Ausschließlich auf diplomatischem Wege. Wir tasten nichts Fremdes an, doch auch das Unsrige werden wir nicht hergeben.

Wir sind uns unserer Streitkräfte gewiss. Aber unsere Militärs müssen auch unsere Unterstützung spüren, unsere Geschlossenheit und unsere Einheit. Die Grundlage unserer Armee sind die Zuversicht des eigenen Volkes und eine starke Wirtschaft.

Wir haben ausreichende Reserven gebildet, um Angriffe gegen den Griwna-Kurs und unser Finanzsystem abzuwehren. Wir werden nicht einen Sektor unbeachtet lassen, der staatlicher Unterstützung bedarf. Wie dies dieser Tage mit den Fluggesellschaften geschehen ist. Und ein Beweis dafür sind der stabile Kurs der nationalen Währung und der offene Luftraum.

Eine wichtige Verteidigungsfront ist eine objektive Berichterstattung über die Situation durch die einheimischen Massenmedien. Und jetzt möchte ich mich an unsere ukrainischen Journalisten wenden. Einige von Ihnen müssen mitunter die Aufgaben der Inhaber der Medien erfüllen. Die meisten von ihnen sind bereits aus dem eigenen Staat geflohen.

Arbeiten Sie für die Ukraine und nicht für jene, die geflohen sind! Von Ihrer ehrlichen Position hängt heute das Schicksal des Landes ab.

Und jetzt möchte ich mich nicht an jene wende, die mit der Ukraine und in der Ukraine geblieben sind, sondern an diejenigen, die sie im verantwortungsvollsten Moment verlassen haben. Ihre Stärke liegt nicht in Ihrem Geld und Ihren Flugzeugen, sondern in einer staatsbürgerlichen Haltung, die Sie an den Tag legen können. Kehren Sie in Ihr Land und zu seinen Menschen zurück, dank denen Sie Ihre Betriebe und Ihren Besitz erhalten haben. Heute absolviert jeder einen Test als ein Bürger der Ukraine. Absolvieren Sie ihn würdig! Mögen alle begreifen, für wen die Ukraine wirklich die Heimat ist. Und für wen sie einfach ein kleiner Standort für Geld ist.

Gesondert wende ich mich an alle Vertreter des Staates, an die Staatsbeamten und an die vom Volk Gewählten aller Ebenen, die das Land verlassen haben oder planen, dies zu tun. Ihnen hat das Volk anvertraut, nicht nur den Staat zu führen, sondern ihn auch zu verteidigen. Dies ist Ihre direkte Pflicht in solch einer Situation – zusammen mit uns, mit dem ukrainischen Volk zu sein. Ich schlage Ihnen jetzt vor, innerhalb von 24 Stunden in die Heimat zurückzukehren und einen Schulterschluss mit der ukrainischen Armee, der Diplomatie und dem Volk herzustellen!

Man sagt uns, dass der 16. Februar zum Tag des Überfalls werde. Wir werden ihn zum Tag der Einheit machen. Ein entsprechender Erlass habe ich bereits unterzeichnet. An diesem Tag werden wir die Nationalflagge hissen und aufhängen, werden wir blau-gelbe Bänder anstecken und der ganzen Welt unsere Einheit demonstrieren.

Wir haben ein großes europäisches Bestreben. Wir wollen Freiheit und sind bereit, für sie zu kämpfen. Auf uns, aus dem Himmel schauen 14.000 Verteidiger und friedliche Bürger, die in diesem Krieg ums Leben gekommen sind. Und wir werden sie nicht dem Vergessen preisgeben.

Wir alle wollen glücklich leben, doch Glück liebt die Starken. Wir haben es nie verstanden, uns zu ergeben, und haben nicht vor, dies zu erlernen.

Heute ist nicht bloß der Tag der Verliebten. Das ist ein Tag der in die Ukraine Verliebten. Wir glauben an unsere Kräfte und gestalten weiterhin zusammen unsere Zukunft, denn uns vereint die Liebe zur Ukraine, der einzigen und einmaligen. Und die Liebe wird triumphieren. Ja, möglicherweise scheint es Ihnen derzeit, dass ringsherum Finsternis herrscht. Morgen aber wird die Sonne wieder über unserem friedlichen Himmel aufsteigen.

Lieben Sie die Ukraine!

Wir sind ruhig! Wir sind stark! Wir sind zusammen!

Ein großes Volk eines großen Landes!“