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Russland etabliert ein globales „Sputnik V“-Netz


Der Export des russischen Vakzins gegen COVID-19 hat eine Milliarde Dollar erreicht. Zu diesem Schluss kann man anhand von Daten der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RFDI) gelangen. Dies ist jedoch lediglich ein geringer Teil dessen, was Russland wirklich mit der Versorgung anderer Länder mit „Sputnik V“ zu verdienen imstande ist. Schließlich wird der Löwenanteil der Lieferungen für das Ausland nicht in der Russischen Föderation hergestellt, sondern auf der Basis spezieller Abkommen bereits in 14 anderen Ländern. Und unter ihnen sind unter anderem China und Indien, deren Gesamtanteil an der globalen Herstellung von Anti-COVID-Vakzinen einer der größten ist. Im Endergebnis kann sich der Vorteil für die Russische Föderation aus der globalen Ausdehnung des Netzes zur Herstellung von „Sputnik V“ vermutlich als ein weitaus größerer erweisen.

Russland hat für den Inlandsbedarf und für Auslandslieferungen insgesamt bereits rund 233 Millionen Impfstoff-Einheiten gegen COVID-19 produziert. Davon wurden etwa 93 Millionen Einheiten gerade für den Export hergestellt. Dies folgt aus Angaben eines speziellen Systems für eine Nachverfolgung des Handels mit Anti-COVID-Vakzinen, das Spezialisten der WTO und des IWF gestartet haben.

Die statistischen Angaben werden mit Stand vom 30. November ausgewiesen. Den Erläuterungen auf dem entsprechenden Internetportal nach zu urteilen, wird in diesem System unter einer Einheit (Dosis) ein Impfstoff-Injektion verstanden. Dies kann man unter anderem durch ein Heranziehen offizieller Angaben entsprechend der Anzahl der Bürger Russlands, die eine komplette Vakzinierung (zwei Injektionen) absolviert haben, überprüfen. Gegenwärtig liegt sie bei mehr als 73 Millionen Menschen, was sich mit den im System der WTO und des IWF ausgewiesenen 140 Millionen Einheiten, die in der Russischen Föderation für den Inlandsbedarf hergestellt wurden, deckt.

In Materialien des RFDI wurde mitgeteilt, dass „Sputnik V“ in 71 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von mehr als vier Milliarden Menschen registriert wurde, wobei der Preis dieses Impfstoffs weniger als zehn Dollar für eine Injektion ausmacht, was wiederum diesen für die ganze Welt zu einem erschwinglichen macht. Wenn man diese Zahl in Bezug auf die Daten der WTO und des IWF extrapoliert, ergibt sich, dass der Export des russischen Vakzins bereits fast eine Milliarde Dollar erreicht hat.

Wie man der „NG“ im Föderalen Zolldienst erläuterte, seien in der Warennomenklatur für die Außenwirtschaftstätigkeit der Eurasischen Wirtschaftsunion „keine einzelnen Codes zur Klassifizierung von Vakzinen für Menschen entsprechend ihren Bezeichnungen ausgewiesen worden“. „Somit ist es nicht möglich, wertmäßig den Export des russischen Vakzins gegen die neue Coronavirus-Infektion zu bewerten“, teilte man in der Institution mit.

Kirill Dmitrijew, Chef des RFDI, hatte Anfang Dezember in einem Interview für die Moskauer Tageszeitung „Kommersant“ erklärt: „Unsere „Sputnik“-Verkäufe für den Export sind jetzt schon um mehr als das 2fache größer als der gesamte Jahresexport aller russischen Medikamente“. Zum Vergleich: Wie zuvor in der Nationalen Ratingagentur mitgeteilt wurde, machte der Umfang des Exports russischer Heilmittel entsprechend den Ergebnissen des Jahres 2019 524 Millionen Dollar aus. Und entsprechend den Ergebnissen für 2020 ist er durch die Agentur auf etwa 600 Millionen Dollar geschätzt worden.

Experten halten die Bewertung des russischen Exports des Impfstoffs gegen COVID-19 im Umfang von einer Milliarde Dollar für glaubhaft, obgleich sie auch einige Vorbehalte bekunden. „Wenn hinsichtlich irgendwelcher Vertragsabschlüsse besondere Konditionen angewendet wurden (und sie sind wahrscheinlich doch zur Anwendung gekommen), so kann es ja irgendwo um solch eine Summe gehen“, betonte Viktor Schachurin, Generaldirektor des Unternehmens „Univer Ersparnisse“.

„Bisher kann die spezifische Masse des Exporterlöses aus den Vakzine-Lieferungen selbst ungeachtet des überaus hohen Zuwachstempos mit dem Export von Elektroenergie, unbearbeitetem Schnittholz, Zellulose und Eisenlegierungen konkurrieren, potenziell kann er aber die Exportmengen von Benzin und Kalidünger übertreffen“, meinte Olga Lebedinskaja, Dozentin am Statistik-Lehrstuhl der Russischen G.-V.-Plechanow-Wirtschaftsuniversität.

Das heißt: Bis zu solchen Exportposten wie Erdöl und Erdgas, Getreide oder Waffen haben es die Vakzine bei der oben beschriebenen Schätzung des Wertes noch weit, betonte auch Schachurin. „Natürlich ist das Vakzin bisher im Ausland nicht so gefragt wie die Öl- und Gasbranche. Man kann aber im Weiteren eine Zunahme seines Exports erwarten“, präzisierte Pawel Sigal, 1. Vizepräsident der Unternehmervereinigung „Stütze Russlands“.

Jedoch ist dies nicht der gesamte Vorteil, denn Russland wirklich durch die Versorgung anderer Länder mit seinem Impfstoff erhalten konnte und in der nächsten Zukunft kann. Denn jetzt ist der RFDI bereit, seinen Partnern den Ein-Komponenten-Impfstoff „Sputnik Light“ und das Präparat „Sputnik M“ (für Minderjährige) und nicht nur „Sputnik V“ zur Verfügung zu stellen. Dies bedeutet, dass es noch mehr Aufträge geben wird.

Auf die Aufträge bzw. Bestellungen sei detaillierter eingegangen. Ende des Jahres 2020 hatte Kirill Dmitrijew mitgeteilt, dass, wenn man von der weltweiten Nachfrage spreche, der Umfang der Aufträge für den russischen Impfstoff gegen das Coronavirus bereits 1,2 Milliarden Einheiten ausmache. Anforderungen sind von mehr als 50 Ländern eingegangen. Wie man früher im Pressedienst des Fonds mitteilte, gehe es in diesem Fall um Einheiten, die für die Vakzinierung von 1,2 Milliarden Menschen erforderlich seien, das heißt um 2,4 Milliarden Injektionen (siehe russischsprachige Printausgabe der „NG“ vom 26.01.2021, https://www.ng.ru/economics/2021-01-26/1_8066_export.html). Bei einer Berichterstattung beim Präsidenten im Frühjahr letzten Jahres betonte Dmitrijew gleichfalls, dass der RFDI bis zum Jahresende hoffe, mindestens 700 Millionen Impfstoff-Dosen zu produzieren.

Und das wichtigste Detail ist: Der Hauptumfang des Vakzins werde nicht aus Russland exportiert, hatte man im RFDI mitgeteilt. Und ergo wird es auch nicht in der russischen Zollstatistik auftauchen.

Übrigens, den Erläuterungen nach zu urteilen, die die Spezialisten der WTO und des IWF hinsichtlich ihres Trackers für den Handel mit Anti-COVID-Vakzinen abgeben, berücksichtigen sie faktisch das Passieren der Grenzen bei den Lieferungen von Vakzinen. Und die Fälle, in denen sich die Produktionskapazitäten zur Herstellung von Vakzinen bereits in den Bestimmungsländern befinden, werden bei ihnen zur Kategorie der „Inlandslieferungen“ und nicht des Exports gerechnet. Im Ergebnis dessen sind laut Angaben dieses Trackers gegenwärtig in der Welt rund zehn Milliarden Impfstoff-Einheiten hergestellt worden. Doch von ihnen sind lediglich 3,7 Milliarden Einheiten aus einem Land in ein anderes geliefert worden.

In den Unterlagen des RFDI wurde mitgeteilt, dass der Fonds bereits mit mehr als 20 führenden Herstellern in 14 Ländern Abkommen über die Fertigung von „Sputnik V“ abgeschlossen habe. Unter ihnen sind größte Unternehmen Indiens, Chinas, Südkoreas, Argentiniens, Mexicos und einer Reihe anderer Länder (unter anderem GUS-Länder).

Laut Angaben des Trackers der WTO und des IWF entfallen beispielsweise auf China und Indien zusammen fast 61 Prozent der gesamten Herstellung von Anti-COVID-Vakzinen in der Welt: auf die Volksrepublik China – 45 Prozent (4,5 Milliarden Einheiten), auf Indien – rund 16 Prozent (1,6 Milliarden Impfstoffeinheiten). Auf diese beiden Länder entfallen auch insgesamt fast 43 Prozent des weltweiten Exports von Anti-COVID-Vakzinen: auf die Volksrepublik China – etwa 41 Prozent (1,5 Milliarden Einheiten), auf Indien – ca. zwei Prozent (73 Millionen Einheiten).

Und obgleich dem Tracker nach zu urteilen der Anteil allein nur von Russland an der weltweiten Herstellung und am globalen Export von Anti-COVID-Vakzinen 2,3 bzw. 2,6 Prozent ausmacht, müssten jedoch gemäß von Abkommen mit der Russischen Föderation in den führenden Ländern hunderte Millionen Einheiten von „Sputnik V“ produziert werden.

Wie unter anderem der RFDI mitteilte, sei Indien „der führende Produktionshub für das russische Vakzin“. Der Fonds hat mit den größten Pharmaka-Herstellern Indiens Abkommen „für die Herstellung von über 850 Millionen Einheiten des Präparats „Sputnik V“ im Jahr“ abgeschlossen. Der Fonds informierte gleichfalls über ein Abkommen über die Herstellung in China mit einer Reihe von Unternehmen. Geplant ist ein Umfang von fast 300 Millionen Einheiten von „Sputnik V“ im Jahr.

Damit gibt es neben dem Export auch einen anderen Einnahmeposten – die „Weitergabe von Technologien zur Herstellung des Vakzins, die Organisierung der Fertigung in anderen Ländern“, sagte Lebedinskaja. Und dies sind wahrscheinlich auch keine geringen Einnahmen. Die durch andere Länder georderten 2,4 Milliarden Injektionen kann man sehr grob mit 24 Milliarden Dollar veranschlagen. Dies ist nicht der reale Wert der abgeschlossenen Verträge, sondern eine sehr hypothetische Schätzung, die vorgenommen wurde, um die Dimension des möglichen Vorteils zu demonstrieren. Tatsächlich gibt es in offenen Quellen keine Informationen über die konkreten Bedingungen der Abkommen und darüber, was für eine Summe die Länder für das Recht, für sich und für den weiteren Export „Sputnik V“ herzustellen, abführen (und ob sie abgeführt wird).