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Russland ist an keiner „grünen“ Zukunft interessiert


In der russischen Energiewirtschaft werden die Kohledioxid-Emissionen langsamer verringert als bei den wichtigsten Handelspartnern des Landes, wird in einem neuen Report von Standard & Poor’s (S&P) betont. Die Russische Föderation sei bisher nicht besonders an einem Übergang zu erneuerbaren Energiequellen oder an einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen interessiert. Für Russland sei die preisliche Zugänglichkeit der Energie weitaus wichtiger als etwaige abstrakte ökologische Ziele. Die Erweiterung der Pläne zur Gasifizierung würden die Dekarbonisierung der Russischen Föderation aufhalten, meinen die Experten.

Formal unterstützen die russischen Staatsbeamten den Übergang zu einer lichten „grünen“ Zukunft, betont man bei S&P. So verabschiedete die Staatsduma (das Unterhaus des russischen Parlaments – Anmerkung der Redaktion) im Juni einen Gesetzentwurf über die Reduzierung der Emissionen an Treibhausgasen, die Einführung „grüner“ Zertifikate und Klima-Projekte. Das Dokument sieht unter anderem eine Berichterstattung der Großunternehmen über die Emissionen vor und führt aber auch Begriffe der Klima-Projekte und Kohlenstoffeinheiten ein. Zur gleichen Zeit wird aber in der Energiestrategie Russlands der Hauptakzent auf eine Reduzierung der Emissionen durch eine Erhöhung der Effektivität (die Erhöhung des Koeffizienten für den Brennstoffeinsatz, die Reduzierung der Verluste in den elektrischen Netzen, eine Erhöhung der Energieeffizienz der Gebäude) und nicht auf die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen gesetzt.

Ungeachtet der Deklarationen ändert sich die Struktur der Energiebilanz im Land tatsächlich wenig, und die Experten sehen keine Voraussetzungen für deren Veränderung in der Zukunft. „Die starken Positionen der Energieerzeugung auf der Basis von Erdgas und der minimale Einsatz erneuerbarer Energiequellen verlangsamen die Dekarbonisierung der russischen Energiewirtschaft“, sind sie sich sicher.

Die russischen Offiziellen betrachten die Zunahme der Gasifizierung der Wirtschaft als ein effektives Mittel zur Verringerung der Abhängigkeit der Energiewirtschaft von Dieselbrennstoff und Erdöl-Energieträger, meint man bei S&P.

Die Inlandsnachfrage nach Gasbrenn- und -kraftstoff wird zunehmen. So haben gegenwärtig 62 Prozent der Landbevölkerung Zugang zu Gas. Der Grad der Gasifizierung in den Städten liegt bei 73 Prozent. Und durchschnittlich im Land – bei rund 70 Prozent. Laut Prognosen von Platts Analytics werde bis Ende 2025 die Nachfrage der Bevölkerung nach Gas in Russland um 0,7 Prozent im Jahr zunehmen. Jedoch werde bereits ab 2025 und bis Ende 2050 der Umfang des Gasverbrauchs der Bevölkerung um 0,6 Prozent im Jahr vor dem Hintergrund des Rückgangs der Bevölkerungszahl und der Erhöhung der Energieeffizienz sinken. Die Inlandsnachfrage nach Gas in Russland werde im Jahr 2027 einen maximalen Stand erreichen, meint man bei S&P.

Somit wird die Russische Föderation auch weiterhin auf die traditionelle Energiewirtschaft setzen. Insgesamt werden unter Einsatz von Kohle, Erdöl und Erdgas als Energiequellen etwa 665 Terrawatt-Stunden vom Gesamtumfang der Elektroenergie in der Russischen Föderation erzeugt. Dies ist um ein Mehrfaches mehr als durch den Einsatz erneuerbarer Energiequellen.

Die weitere Zunahme des Einsatzes traditioneller Brennstoffarten vor dem Hintergrund des unzureichenden Einsatzes von Elektroenergie führe nach Meinung der Experten dazu, dass der Umfang der CO2-Emissionen in Russland ein stabiler bleibe. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 machte der Umfang der Emissionen beim Verbrennen fossiler Brennstoffe 1,65 Gigatonnen aus, was 67 Prozent des Umfangs der Emissionen 1990 entspricht. Dabei prognostiziert man im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung, dass bis zum Jahr 2050 der Umfang der Emissionen 65 Prozent vom Umfang des Jahres 1990 ausmachen werde.

Der Anteil der erneuerbaren Energiequellen beläuft sich auf etwa ein Prozent der installierten Kapazitäten und auf ganze 0,3 Prozent des Gesamtumfangs der erzeugten Elektroenergie. Die Analytiker sind sich aber sicher, dass dieser Anteil zunehmen werde. Der Anteil der Solar- und Wind-Stromerzeugung in der Russischen Föderation werde jedoch den analogen Werten der EU und der Weltwirtschaft hinterherhinken.

Zum Vergleich: China hat im vergangenen Jahr allein im Rahmen der Initiative „Ein Gürtel – ein Weg“ in die „grüne“ Energiewirtschaft elf Milliarden Dollar investiert. In Russland aber verringert sich die staatliche Unterstützung für die erneuerbaren Energiequellen. Im Jahr 2019 waren für die Unterstützung der Branche 400 Milliarden Rubel bereitgestellt worden. In den Jahren 2025-2035 werden über 300 Milliarden Rubel zur Verfügung gestellt.

Die Hauptursachen für das fehlende Interesse an den erneuerbaren Energiequellen liegen, wie man bei S&P meint, in den klimatischen und demografischen Besonderheiten des Landes. „In den bevölkerungsreichsten russischen Regionen (Moskau, Sankt Petersburg und die umliegenden Gebiete) gibt es keine ausreichenden Solar- und Windressourcen. Und die windigsten Gebiete Russlands an der arktischen Küste sind dünnbesiedelte. Die Anlagen und Ausrüstungen für die Erzeugung von Windstrom muss aber der komplizierten Logistik der Region (eine fehlende entwickelte Transportinfrastruktur) und deren rauen Klimabedingungen (Wind, geringe Temperaturen) entsprechen“, folgt aus dem Report der Wirtschaftsexperten. Nach ihrer Meinung könne man aus der Sicht der erneuerbaren Energiequellen in erster Linie die südlichen Landesregionen als die perspektivreichsten bezeichnen.

Hinter den Ländern Europas, aber auch hinter den USA und China zurückbleiben wird Russland nicht nur bezüglich des Tempos des Übergangs zu erneuerbaren Energiequellen, sondern auch hinsichtlich der Parameter für die Reduzierung der Kohledioxid-Emissionen in der Energiewirtschaft. Und in erster Linie, weil, wie man bei S&P betont, für Russland die Gewährleistung einer zuverlässigen Versorgung mit Elektroenergie und deren preisliche Zugänglichkeit traditionell von höherer Priorität als die ökologischen Ziele seien. „Mehr noch, die kolossalen Kohlenwasserstoffvorräte des Landes gewährleisten die Stabilität und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Stromerzeugung auf der Basis von Gas“, unterstreichen die Experten.

Dennoch wird der Druck seitens der internationalen Initiativen zum Umweltschutz zunehmen. Beispielsweise ist der neue CO2-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) ein Teil des europäischen Green Deals und sieht die Einführung einer Zahlung für den Import von Erzeugnissen mit einem hohen Anteil von eingesetztem Kohlenstoff bei deren Herstellung bzw. Gewinnung. Die Details des Mechanismus sind noch nicht bestimmt worden. Seine Einführung kann jedoch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der russischen Exporteure negativ beeinflussen. Und dies dabei, dass die Europäische Union der größte Handelspartner Russlands ist, auf den im vergangenen Jahr 37,5 Prozent des gesamten russischen Exports entfielen.

Dabei betonen selbst die Experten, dass, selbst wenn die Russische Föderation nichts hinsichtlich einer Reduzierung der Emissionen unternimmt, sie gewinnen werde. So machte der Gesamtumfang der CO2-Emissionen in Russland im Jahr 2019 rund 1,7 Milliarden Tonnen gegenüber den 2,9 Milliarden Tonnen in der EU aus. „Daher muss Russland nicht unbedingt einen Nullwert hinsichtlich der Emissionen bis zum Jahr 2050 erreichen. Im Gegenteil, der Umfang der Emissionen kann ein stabiler bleiben, in Abhängigkeit von der Dynamik der Dekarbonisierung in der EU und der Methodologie zur Berechnung des Umfangs der Emissionen. Zum Beispiel kann Russland theoretisch unter Berücksichtigung der Verweildauer der Treibhausgase in der Atmosphäre und der Veränderungen bei der Bodennutzung das langfristige Ziel auch ohne eine wesentliche Veränderung des Umfangs der Treibhausgasemissionen erreichen, wenn bis zum Jahr 2050 der Reduzierung der Emissionen in der EU nur 50 Prozent vom aktuellen Stand betragen wird“, nimmt man bei S&P an. Die Experten denken jedoch, wenn die EU eine wesentlichere Reduzierung der Emissionen erzielen kann, wird es für Russland weitaus schwieriger, sie einzuholen.

Wenn man die Länder global vergleicht, ist das Tempo des Herankommens an die Nullwerte der Emissionen direkt proportional dem Preis für die Elektroenergie im Land, aber auch dem Preis und dem Umfang des Kapitals, betonen Experten der „NG“. „Russland muss von der aktuellen Situation mit einer vergleichsweise kostengünstigen Elektroenergie, mit der Unmöglichkeit, die Preise für sie durch eine Regulierung und Einschränkungen für die Umfänge der staatlichen Subventionierung der Programme zur Erhöhung der Energieeffizienz drastisch anzuheben“, sagt Dmitrij Alexandrow, Leiter der Direktion für analytische Untersuchungen des Unternehmens „Univer“.

Es sei natürlich, dass es für Russland, dass über riesige Vorräte an Kohlenwasserstoff-Ressourcen verfügt, weitaus einfacher sei, sich weiter an die für uns traditionellen Brennstoffarten zu halten, stimmte Pjotr Puschkarjow, Chefanalytiker der Investitionsfirma „TeleTrade“, zu.