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Russland ist zum Regime des beschleunigten Aussterbens übergegangen


Der natürliche Bevölkerungsrückgang der Russischen Föderation hat in den letzten zwölf Monaten eine Million Menschen erreicht. Demografen bezeichnen dies als ein epochales Ereignis, da noch nie in Friedenszeiten die Sterberate die Geburtenrate um so eine gigantische Größe übertroffen hatte. Die Situation verschlechtert sich aber weiter. Und bis zum Beginn des neuen Jahres wird die Übersterblichkeit zu Zeiten der Pandemie gleichfalls eine Million Menschen übersteigen.

Die Coronavirus-Erkrankungen in Russland stellen weiter Rekorde auf. Innerhalb eines Tages ist die Anzahl der COVID-19-Fälle bis 28.600 Fälle angestiegen, teilte man am Sonntag im operativen Stab für den Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. (Am Montag sind 29.409 neue Erkrankungsfälle gemeldet worden. – Anmerkung der Redaktion) Außerdem sind am Sonntag 962 COVID-19-Todesfälle bestätigt worden (am Montag – 957). Am Samstag war ein neues Maximum fixiert worden – 968 Todesfälle. Die hohe Sterblichkeit aufgrund des Coronavirus in der Russischen Föderation ist die Hauptursache für den rasanten Bevölkerungsschwund im Land. Unabhängige Experten vermuten, dass die Russische Föderation seit Beginn der Coronavirus-Pandemie bis zu eine Million Menschen verliere. Die Staatsbeamten kommentieren die schrecklichen Zahlen vorsichtig, wobei sie es vorziehen zu erklären, dass sich die Situation mit dem Coronavirus in der Russischen Föderation weiter zuspitze.

Wie aus Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat folgt, die am Freitag veröffentlicht wurden, hat der natürliche Bevölkerungsschwund, das heißt ein Übersteigen der Zahl der Toten über die Zahl der Geborenen in Russland entsprechend den Ergebnissen der ersten acht Monate dieses Jahres um 71,6 Prozent auf das Jahr hochgerechnet zugenommen und machte fast 600.000 Menschen im Vergleich zu 346.900 im Jahr zuvor aus.

Derweil ist die Zahl der Neugeborenen im Zeitraum Januar – August 2021 um 1,1 Prozent bis auf 928.000 Kinder zurückgegangen (938.200 Kinder waren es noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres). Insgesamt wurden in zwölf Monaten 1,4 Millionen Kinder zur Welt gebracht, womit ein neues Minimum seit dem Jahr 2002 erreicht wurde.

Die Zahl der Verstorbenen nahm in der Russischen Föderation im untersuchten Zeitraum um 18,5 Prozent bis auf 1,52 Millionen zu. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl für den Vergleichszeitraum bei 1,28 Millionen. In den letzten zwölf Monaten, ab September 2020 bis einschließlich August 2021 erreichte die Sterberate in Russland 2,36 Millionen Menschen, womit der Rekord für die gesamte postsowjetische Zeit eingestellt wurde, der im Jahr 2003 aufgestellt worden war. Dabei kommen heute auf 1000 Menschen fast 16 Todesfälle, während es im Vorjahr 13 waren, folgt aus den Rosstat-Daten.

Übrigens, entsprechend den Ergebnissen des vergangenen Jahres nahm der natürliche Bevölkerungsschwund in der Russischen Föderation um mehr als das 2fache zu – bis auf 688.700 Menschen von 316.200 im Jahr 2019. Dieser Parameter erwies sich damit als ein maximaler seit dem Jahr 2005. Damals hatte der natürliche Bevölkerungsschwund 846.600 Menschen ausgemacht.

Die Hauptursache für die hohe Sterblichkeit heute sind COVID-19 und dessen Folgen. Dabei war die Anzahl der Toten aufgrund des Coronavirus im August im Vergleich zum Juli-Rekord etwas zurückgegangen – bis auf 49.400, folg aus den Rosstat-Daten. Zum Vergleich: Im Juli starben aufgrund COVID-19 über 51.000 Menschen, was zu einem Rekord für die gesamte Zeit der Pandemie geworden war. Seit Beginn des Jahres betrug die Gesamtsterblichkeit unter den Coronavirus-Infizierten mehr als 250.000 Menschen, und 100.000 von ihnen starben im Juli und im August. Dabei sind insgesamt im August in der Russischen Föderation über 208.000 Menschen verstorben.

Die Beamten kommentieren bisher schwach die sensationellen Rosstat-Zahlen über den Bevölkerungsschwund. Sie gestehen jedoch ein, dass die Hauptursache für die Sterblichkeit im Land die Pandemie sei. So kommentierte Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa die statistischen Angaben und teilte mit, dass die Sterberate in der Russischen Föderation im August um 32,5 Prozent im Vergleich zum August des Vorjahres angestiegen sei. Und auf das Coronavirus würden fast 82 Prozent der Gesamtzunahme der letalen Fälle entfallen.

Die Autoren des Telegram-Kanals MMI verweisen darauf, dass im August in Russland insgesamt um 51.100 mehr Menschen verstorben seien als im Jahr 2020 und um 64.800 mehr als im Jahr 2019. Die Übersterblichkeit im Land nehme gleichfalls weiter zu.

Die MMI-Wirtschaftsfachleute betonen, dass es korrekter sei, diesen Parameter zumindest im Vergleich zu 2019 anzusehen. „Die Übersterblichkeit im August (64.800) kann man als einen Rekord seit Beginn des Jahres ansehen. Insgesamt machte die Übersterblichkeit aber in den ersten acht Monaten des Jahres 2021 310.000 aus“, schreiben sie.

Der Demograf Alexej Rakscha berechnete, dass der gesamte natürliche Bevölkerungsschwund seit Oktober 2020 bis einschließlich September 2021 auf einem Stand von 997.000 Menschen liegen werde und zum größten in Friedenszeiten werde. Nach Meinung des Experten sei der Hauptgrund für den Bevölkerungsschwund die hohe Sterblichkeit. „Fast die gesamte Zunahme der Sterberate erfolgte aufgrund von COVID-19-Ansteckungen und nicht aufgrund von Panik oder aufgrund der Ablehnungen planmäßiger medizinischer Behandlungen“, berichtet er.

Russland wird schlecht mit der Pandemie fertig. Und dies liege nicht so sehr an den Problemen des Gesundheitswesens, urteilt der Experte. „Nicht ein System des Gesundheitswesens ist imstande, mit solch einem Ansturm von Erkrankten fertig zu werden“, betont Alexej Rakscha. Aber der Preis des Coronavirus in der Russischen Föderation ist außerordentlich hoch.

Nach seiner Meinung verweise auf die Tatsache, dass die Zunahme der Sterblichkeit in der Russischen Föderation in erster Linie mit der Pandemie zusammenhänge, dies, dass sich die Sterberate beispielsweise aufgrund von Onkologie-Fällen oder Verkehrsunfällen in dieser Zeit wenige verändert hätte. „Zugenommen hat sie dort, wo dies mit dem Coronavirus zusammenhängen kann: die Atmungsorgane, der Blutkreislauf, Diabetes“, zählt der Demograf auf.

Und da beinahe die ganze Verschlechterung mit der Zunahme der Sterblichkeit zusammenhänge, komme dies auch in einer Verringerung der Lebenserwartung zum Ausdruck, fuhr Alexej Rakscha.

Der Experte schließt nicht aus, dass hinsichtlich der Oktoberergebnisse die Sterblichkeit in der Russischen Föderation 70.000 Fälle ausmachen werde. Und seit dem Moment des Beginns der Pandemie könne die Übersterblichkeit ganz und gar auch einen Wert von einer Million erreichen.

Wie sich unter den Bedingungen des umfassenden Aussterbens des Landes die Offiziellen verhalten werden, ist bisher nicht sehr klar. Direkt hat nur Tatjana Golikowa die Rosstat-Daten kommentiert. Und im Verlauf der vergangenen Woche bezeichnete die Leiterin der Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor Anna Popowa die Situation mit der Ausbreitung des Coronavirus im Land als eine „äußerst angespannte“. Der russische Regierungschef Michail Mischustin rief dazu auf, unter der Bevölkerung eine erläuternde Arbeit hinsichtlich der Vakzinierung vorzunehmen. Und Gesundheitsminister Michail Muraschko gestand am Freitag ein, dass die Situation mit der Verbreitung der Coronavirus-Infektion in Russland „vorerst eskaliert“.

Dabei finden Russlands Nachbarstaaten originelle Formen für einen Kampf gegen die traurige Sterblichkeitsstatistik. Beispielsweise hat man in Weißrussland einfach aufgehört, Angaben über die Sterblichkeit zu veröffentlichen. Das Statistikamt Belstat veröffentlicht sie seit Juni letzten Jahres nicht mehr. In den weißrussischen Medien hat man gleichfalls umfangreich die Publikation von Daten über die Sterblichkeit in den weißrussischen Krankenhäusern im Jahr 2020 durch das Gesundheitsministerium diskutiert. In einem Sammelband war ausgewiesen worden, dass die Sterberate in den weißrussischen Krankenhäusern im letzten Jahr mit fast 16.000 Todesfällen die des Jahres 2019 übertroffen hatte. Später sind jedoch diese Daten entfernt worden.