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Russland kann durch Corona-Pandemie über 600.000 Menschen verlieren


Die Übersterblichkeit wird in der Zeit der Pandemie die Bevölkerungszahl Russlands spürbar verringern. Allein bis zum Jahresende wird die Übersterblichkeit bzw. Exzess-Mortalität mehr als 300.000 Menschen ausmachen. Und unter Berücksichtigung der Verringerung der Geburtenrate wird der gesamte Rückgang der Bevölkerungszahl über 600.000 Menschen ausmachen, meinen Demografen. Zur ökonomischen Dimension der Exzess-Mortalität wird das Nachlassen der Binnennachfrage im Land.

Am Donnerstag teilte der Regierungsstab mit, dass in den letzten 24 Stunden im Land 23.610 neue Ansteckungsfälle registriert wurden. Im gleichen Zeitraum sind 463 Menschen gestorben, eine Rekordzahl seit Beginn der Pandemie. Im gesamten Verlauf der Corona-Pandemie sind 34.850 Menschen verstorben. Experten halten diese Zahlen für schrecklich „frisierte“, wobei sie vorschlagen, die offiziellen Zahlen mit dem Faktor 6 zu multiplizieren.

Rosstat hatte zuvor über eine Zunahme der Sterblichkeit aufgrund des Coronavirus berichtet. So erhöhte sich im September die Sterblichkeit aufgrund COVID-19 um 25 Prozent im Vergleich zum vorherigen Monat. Gemäß der veröffentlichten Statistik ist insgesamt bei 9798 Menschen das Coronavirus als Todesursache festgestellt worden. Und dies angesichts der Tatsache, dass im August die Todeszahl der Russen aufgrund des Coronavirus im Vergleich zum Juli um ein Drittel zurückgegangen war, teilte man im russischen Statistikamt mit. 

Russlands Staatsbeamte behaupten weiterhin, dass die Mortalität aufgrund des Coronavirus in Russland im Normbereich bleibe. Wie die Chefin von Rospotrebnadzor (Verbraucherschutzbehörde Russlands – Anmerkung der Redaktion), Anna Popowa, am Dienstag erklärte, mache die Sterblichkeit aufgrund des Coronavirus in Russland 1,7 Prozent aus. „In der Russischen Föderation sind dies 1,97 Millionen (Erkrankte – „NG“), fast 1,5 Millionen Genesene und eine Sterblichkeit, die 1,7 Prozent ausmacht. Hinsichtlich der Erkrankungsrate je 100.000 Einwohner belegt Russland den 62. Platz in der Welt, die 100. hinsichtlich der Sterblichkeit“, sagte sie, wobei die Sterblichkeit weltweit bei 3,4 Prozent liege. 

Einige Experten halten solch einen Vergleich für nicht ganz korrekt. „Bei uns ist in der letzten Zeit nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Zahl der Sterbenden jedes Jahr zurückgegangen. Sie hat sich bis hin zum Mai des Jahres 2020 verringert. In den meisten anderen entwickelten Ländern aber, insbesondere in Europa, hat sie dagegen ständig zugenommen“, erinnert der Demograf Alexej Rakscha, ein ehemaliger Rosstat-Mitarbeiter.

Außerdem ziehen die Experten die Berichte von Rosstat und des Operativen Stabs zur Bekämpfung des Coronavirus hinsichtlich der Mortalität in Zweifel. Wie Rakscha erklärte, sei der genaueste Parameter, dementsprechend man die reale Situation in Bezug auf die COVID-19-Pandemie beurteilen könne, die Übersterblichkeit. Unter diesem Begriff wird eine zeitweilige Zunahme der Sterberate in der Population im Vergleich zu den Erwartungswerten verstanden. 

Und die Übersterblichkeit im Land nimmt zu. Rosstat meldet, dass insgesamt entsprechend den Ergebnissen der ersten neun Monate dieses Jahres 1,45 Millionen Menschen im Land gestorben sind, was um 103.000 mehr als im Jahr zuvor ist. Dabei lag hinsichtlich der Septemberergebnisse die Exzess-Mortalität im Land über 31.000, während sie im August noch 13.000 ausgemacht hatte. Letztlich werden im Jahr 2020 mehr als 13 Todesfälle auf 1.000 Einwohner kommen, während im vergangenen Jahr dieser Wert bei 12 lag. Die aktuelle Sterberate von 13,3 je 1000 Menschen ist ein recht hoher Wert. In den letzten Jahren waren die Zahlen für diesen Parameter zurückgegangen. Und das letzte Mal wurde solch ein Wert nur im Jahr 2012 fixiert. Entsprechend den Ergebnissen der ersten neun Monate dieses Jahres hat die Sterberate – hochgerechnet auf das gesamte Jahr – um 8 Prozent zugenommen, während sie in den vergangenen Jahren schrittweise abgenommen hatte. 

Nach Meinung von Spezialisten würde Russland heute ernsthaft die Sterblichkeitszahlen untertreiben, und in erster Linie die, die mit COVID-19 verbunden sind. Nach Aussagen von Alexej Rakscha würden die russischen Regionen 70 bis 80 Prozent der mit dem Coronavirus zusammenhängenden Todesfälle nicht melden. Seinen Prognosen zufolge werde Russland im besten Falle entsprechend den Jahresergebnissen eine Übersterblichkeit von 250.000 bis 260.000 Todesfällen haben. Dabei schließt der Experte auch eine Zunahme von bis zu 300.000 Fällen in diesem Jahr nicht aus. „Die Anzahl der im Oktober 2020 in Russland Verstorbenen wird wahrscheinlich um 48.000 oder um 31 Prozent im Vergleich zum Oktober des Jahres 2019 ansteigen. Insgesamt kann die Übersterblichkeit für den Zeitraum April-Oktober rund 165.000 Menschen ausmachen. Im November wird die Situation wahrscheinlich noch schlechter sein, und wir werden die Marke von 220.000 überzähligen Todesfällen übertreffen“, erzählte er. 

Somit können wir in diesem Jahr einen natürlichen Bevölkerungsrückgang (die Differenz zwischen der Zahl der Geburten und der Todesfälle) von rund 600.000 bis 650.000 und eine Übersterblichkeit von etwa 250.000 bis 330.000 für das gesamte Jahr im Vergleich zum vergangenen erreichen. Zum Vergleich: In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat der natürliche Bevölkerungsrückgang in Russland bereits 387.000 Menschen ausgemacht, wie aus Rosstat-Angaben folgt.

Bei solch einer Dynamik könne Russland nach Meinung des Demografen zu den weltweit führenden Nationen bezüglich der Exzess-Mortalität aufschließen, die bei uns schneller als in anderen Ländern zunehme. „Gegenwärtig haben wir bereits die USA, Italien, Frankreich, Belgien und möglicherweise Großbritannien überholt. Als nächstes Land steht Spanien an, in dem es eine sehr starke erste Welle gegeben hatte. In der schlimmsten Variante werden wir es ebenfalls hinsichtlich der Übersterblichkeit überholen“, denkt Rakscha. 

Nach Auffassung des Experten bestehe das Hauptproblem in den nichtkorrekten Angaben über die Mortalität, die von den Diensten und Institutionen vorgelegt werden. „Beinahe die Hälfte der Todesfälle aufgrund von COVID-19 wird in den Dokumenten bereits in der ersten Etappe – in den Krankenhäusern – auf andere Nosologien übertragen. Und der zweite Filter ist die Internetseite „Stopcoronavirus.rf“ (https://стопкоронавирус.рф/). Im Ergebnis dessen sehen wir diese zurechtgestutzten Zahlen: Zum Beispiel stirbt im Kirower oder Lipezker Gebiet oder in Baschkortostan im Verlauf vieler (bis zu 21) Tage nur jeweils ein Mensch am Tag, was absoluter Unsinn ist. Rosstat hat bereits im April aufgehört, Informationen über andere Todesursachen zu veröffentlichen. Die Angaben darüber, wie viele Menschen aufgrund von COVID-19, mit COVID-19 oder aufgrund einer Pneumonie gestorben sind. Schon mehr als ein Dutzend Standesämter im Land haben aufgehört, eine Statistik zur Mortalität zu veröffentlichen, als sich die Situation zu verschlechtern begann“, beklagt sich Alexej Rakscha.

Seiner Meinung entfallen auf das Coronavirus als Sterbeursache mindestens 80 Prozent aller Todesfälle. Und die offiziellen Angaben über die COVID-19-Sterblichkeit könne man kühn mit dem Faktor 6 multiplizieren. „Wenn es offiziell innerhalb einer Woche im Durchschnitt 396 (Todesfälle – „NG“) waren, bedeutet dies, dass es real rund 2.400 sind“, erläuterte er gegenüber der „NG“. Der Wissenschaftler führte als Beispiel Polen an, wo bereits eine Verdopplung der gesamten Sterblichkeit innerhalb einer Woche zu beobachten sei. „Bei uns aber dauert die Epidemie weitaus länger als in Polen an. Und es sind bereits 200.000 übermäßige Todesfälle zusammengekommen, was viel und nahe dem 1. Rang unter allen entwickelten Ländern ist“, erklärte Alexej Rakscha. 

Rakscha ist nicht der einzige, der über eine Verschlechterung der demografischen Situation im Land spricht. Die Übersterblichkeit könne bis Mai kommenden Jahres rund 200.000 Menschen ausmachen, schätzte der ehemalige Präsidentenberater Andrej Illarionow. „200.000 Menschen, dies ist die Bevölkerung einer großen russischen Stadt, solch einer wie beispielsweise Pskow, Jushno-Sachalinsk oder Armawir. Ein anderer Vergleich: 200.000 Menschen, das sind mehr als die, die bei beiden Atombombenabwürfen über Japan ums Leben gekommen sind (durch die USA am 6. und 9. August 1945 – Anmerkung der Redaktion)“, konstatierte er. 

Nach Meinung der Experten der „NG“ werden sich derartige demografische Verluste möglicherweise überhaupt gar nicht auf die Wirtschaft der Russischen Föderation auswirken. „Unter Berücksichtigung der Struktur der Einnahmen und Ausgaben des russischen Haushalts wird gerade die Übersterblichkeit in keiner Weise die Wirtschaft beeinflussen. Die einfache Tatsache, dass im Öl- und Gassektor 1,5 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung tätig sind und die Branche bis zu 40 Prozent der Haushaltseinnahmen stellt, macht alle demografischen Probleme zu nichtigen“, betont Jaroslaw Kabakow, Strategie-Direktor der Firma „Finam“. Dabei schließt er in der Zukunft eine weitere Reduzierung der Ausgaben für die Medizin nicht aus. „Nach Überwindung der Coronavirus-Pandemie wird die Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes signifikant zurückgehen. Und das bedeutet: Der gesamte soziale Block wird einsparen“, sagte der Experte.       

Es ist schwierig, von einem „Gewinn“ des Rentenfonds der Russischen Föderation aufgrund der Pandemie zu sprechen. „Im Jahr 2019 wurden für die Rentenversorgung der Bürger 10,8 Milliarden Rubel bereitgestellt, im Jahr 2018 – 7,1 Milliarden Rubel. Die Ausgaben für die Rentenzahlungen sind um 52,1 Prozent angestiegen. Die Gesamtzahl der vom April bis einschließlich September mit COVID-19 Verstorbenen belief sich auf 55.600 Menschen. Laut anderen Quellen variieren die Zahlen. Gemäß den vorliegenden Daten waren 46 Prozent der Verstorbenen betagte Menschen (im Alter von 60 bis 74 Jahren), weitere 31 Prozent – im hohen Alter (ab 75 Jahre). Und 22 Prozent – Menschen im arbeitsfähigen Alter“, erzählt Olga Lebedinskaja, Dozentin an der Russischen G.-V.-Plechanow-Wirtschaftsuniversität, wobei sie unterstreicht, dass für den Rentenfonds Russland in gleicher Weise auch das wichtig sei, wie viele Mittel nicht in den Fonds fließen würden. 

„Das Rentensystem wird im Endergebnis weniger soziale Abführungen von den Arbeitgebern für Millionen lebender und durchaus gesunder Arbeitnehmer erhalten. Vielen hat man die Löhne und Gehälter beschnitten, oder man hat sie in einen unbezahlten Urlaub geschickt“, meint der Chefanalytiker des Unternehmens „TeleTrade“, Pjotr Puschkarjow. Der Experte erinnert an die Rolle der Renten-„Ausgaben“ des Staates. „Das sind Gelder (Renten), die die Rentner danach in die Läden bringen, womit sie ihren Beitrag zur Verbrauchernachfrage leisten“, erinnert der Wirtschaftsexperte, wobei er unterstreicht, dass die Übersterblichkeit diese Wirtschaftsketten abreißen lasse und einen mehrfach größeren Verlust im Vergleich zu der „Einsparung“ des Rentenfonds Russlands verursache.