Spezialisten der russischen Hygiene- und Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor haben schockierende Daten über die Situation hinsichtlich der Verbreitung des humanen Immundefizienz-Viruses (HIV) in Russland vorgelegt. Ein generalisiertes Stadium einer HIV-Epidemie sei bereits in fast drei Dutzend russischer Regionen zu beobachten. Die Anzahl der Träger des Virus im Land werde immer größer, obgleich sich die Anzahl der neu ermittelten Fälle in den letzten Jahre verringert. Heute ist HIV nicht so sehr in kleinen Gruppen mit ungewöhnlichen Neigungen oder mit schädlichen Angewohnheiten verbreitet, sondern vor allem unter den gewöhnlichsten Bürgern mit dem traditionellsten Verhalten. Unter den Männern Russlands im Alter von 40 bis 50 Jahren sind bereits mehr als drei Prozent mit dem Immundefizienz-Virus befallen. Erstmals seit den letzten Jahren wird auch ein Rekord bei der Übertragung von Infektionen in medizinischen Einrichtungen registriert. Im Entwurf für den Haushalt des Jahres 2027 ist eine zusätzliche Medikamentenversorgung für 30.000 neue HIV-Patienten vorgesehen worden. Dies ist jedoch weniger als jährlich in Bezug auf neue Träger des Virus festgestellt wird.
„Wir beobachten eine Verringerung der Erkrankungsrate, eine stabile Verringerung, doch die Belastung durch HIV-Infektionen verringert sich nicht“, sagen Spezialisten von Rospotrebnadzor. Laut ihren Angaben machen die gesamten mit einer HIV-Infektionen verbundenen Verluste für die Wirtschaft rund 280 Milliarden Rubel aus und nehmen weiter zu.
Etwa genau solch eine Summe gibt der Staatshaushalt für den Erwerb von Medikamenten aus. Das Volumen der Ausgaben für einen zentralisierten Einkauf von Heilpräparaten werde im kommenden Jahr 285,2 Milliarden Rubel ausmachen, teilte Gesundheitsminister Michail Muraschko mit.
„Dank der gemeinsamen Arbeit mit dem Finanzministerium erstreckten sich die Haushaltseinschränkungen nicht auf Medikamente. Das Finanzministerium hat alles bestätigt… Die ausgewiesenen Mittel haben unter Berücksichtigung der vorgenommenen Arbeit zur Implementierung neuer Behandlungsschemas und einheimischer Präparate erlaubt, eine größere Anzahl von Patienten zu versorgen. So werden beispielsweise in Bezug auf 14 in der Heilbehandlung sehr aufwendigen Erkrankungen im nächsten Jahr um 81.000 Patienten mehr als im Jahr 2026 durch eine staatliche Medikamenten-Versorgung erfasst werden. Und hinsichtlich einer HIV-Infektionen um 30.000 Menschen mehr“, kündigte Muraschko an.
Jedoch bleibt das gesamte Niveau der Erfassung für eine Heilbehandlung eine geringe. Nur die Hälfte der Menschen, die mit HIV in Russland leben, hatten eine unterdrückte Viruslast, teilte bei der Konferenz „Epidemiologische Aufsicht über die HIV-Infektion“ Natalia Ladnaja, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für AIDS-Prophylaxe und -Bekämpfung im Zentralen Forschungsinstitut für Epidemiologie von Rospotrebnadzor, mit, berichtete die Zeitschrift „Medvestnik“ (deutsch: „Medizinischer Bote“). Solch eine geringe Erfassung bedeute, dass „mindestens 600.000 HIV-Quellen weiter aktiv an einer Übertragung des Virus teilnehmen“, was eine Grundlage für negative Prognosen ist.
Eine Unterdrückung der Viruslast erfolgte im vergangenen Jahr bei fast 78 Prozent der HIV-Infizierten, die eine antiretrovirale Therapie (ART) erhielten. „Der Parameter befindet sich nach wie vor auf einem Stand von 77 bis 78 Prozent. Bisher gelingt es nicht, ihn zu überwinden“, sagt die Expertin von Rospotrebnadzor. Dabei ist man in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Auffassung, dass man für eine Kontrolle der Epidemie den sogenannten Orientierungswert „95-95-95“ erreichen müsse, bei dem 95 Prozent der Menschen mit HIV um ihren Status wissen, 95 Prozent von ihnen eine ART erhalten und 95 Prozent mit dieser Therapie eine Virussuppression erreichen, bei der fast keine Übertragung des Virus erfolgt.
Im vergangenen Jahr wurden in Russland 45.000 neue Fälle einer HIV-Infektion ermittelt. Der Wert ist damit um 13,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2024 und um 40 Prozent im Vergleich zu den langjährigen Werten zurückgegangen, teilte der Direktor des Zentralen Forschungsinstituts für Epidemiologie von Rospotrebnadzor, Akademiemitglied Wassilij Akimkin, mit. In den letzten Jahren liege die Anzahl der letalen HIV-Fälle in der Russischen Föderation im Bereich von 30.000 bis 34.000 Fällen im Jahr. Dies sei ein außerordentlich hoher Wert. Dennoch aber komme auf einen Todesfall aufgrund HIV 1,5 neue Fälle einer Ansteckung, sagen Experten.
„Die höchsten Werte für eine HIV-Erkrankung auf 100.000 Einwohner in der europäischen Region liegen in der Russischen Föderation, in der Ukraine und in Nord-Mazedonien vor“, teilte Akademiemitglied Akimkin mit. Nach seinen Worten werden ein generalisiertes Stadium einer HIV-Epidemie in 27 russischen Regionen beobachtet. In diesen Subjekten der Russischen Föderation werde das Virus bei mehr als einem Prozent der Schwangeren diagnostiziert. Das generalisierte Stadium bedeutet, dass die Epidemie über den Rahmen einzelner Risikogruppen hinausgegangen und auf die ganze Bevölkerung insgesamt übergegangen ist.
Unter Männern im Alter von 40 bis 49 Jahren seien mehr als drei Prozent durch das Virus infiziert, meint Natalia Ladnaja. Laut ihren Angaben habe sich das Durchschnittsalter der in Russland Infizierten in den letzten 15 Jahren von 32 bis auf 44 Jahre erhöht. Laut Angaben von Medizinern würden zwei Drittel der neuen Fälle einer HIV-Übertragung auf heterosexuelle Kontakte entfallen. Und solch eine weite Verbreitung von HIV tangiert auch medizinische Einrichtungen, die erneut zu Kanälen für eine Übertragung des Virus werden.
Im vergangenen Jahr wurde in Russland eine seit 15 Jahren maximale Anzahl von Herden parenteraler Infektionen (bei der die Krankheitserreger unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts direkt in den Körper – meist in die Blutbahn oder das Gewebe – gelangen – Anmerkung der Redaktion) registriert, deren Erreger über Blut bei der Gewährung medizinischer Hilfe übertragen wurden. Laut Angaben der Leiterin der Verwaltung für epidemiologisches Wohlergehen der Bevölkerung in der Behörde Rospotrebnadzor, Jelena Igonina, dominierten in der Russischen Föderation Herde von Hepatitis C und HIV, meldete die Zeitschrift „Medvestnik“. In diesem Jahr dauert die Untersuchung von elf Ansteckungsherden auf dem Territorium von zehn Subjekten der Russischen Föderation an, wo eine Verbreitung von HIV und Hepatitis in medizinischen Einrichtungen vermutet wird. Außerdem hat man im laufenden Jahr erstmals seit sechs Jahren zwei Fälle einer HIV-Ansteckung durch die Transfusion von Blutkomponenten ermittelt.
Als Hauptursache für eine Ansteckung in medizinischen Einrichtungen nennen Experten systematische und grobe Verstöße gegen das sanitär-epidemiologische Regime, darunter die Verwendung individueller Katheter und Blutzuckermessgeräte für mehrere Patienten. Eine wenig wirksame Kontrolle der Einhaltung der Sanitär-Anforderungen führt zum Auftreten von Infektionen, die durch Rospotrebnadzor, das Untersuchungskomitee und die Staatsanwaltschaft untersucht werden.
So wurden Anfang dieses Jahres bei einer 11jährigen Schülerin aus dem Verwaltungsgebiet Rostow HIV und Hepatitis C festgestellt. Das Mädchen hatte man nie operiert, nie ihr Blut übertragen. Das einzige Mal im Leben hatte sie vor anderthalb Jahren in einem Krankenhaus gelegen – vier Tage in der Infektionsabteilung des einheimischen Krankenhauses mit einer Darminfektion. Rospotrebnadzor führte eine epidemiologische Untersuchung durch und ermittelte, dass die Ansteckung gerade in dem Krankenhaus durch eine andere Patientin erfolgte, die zu jener Zeit mit einem Kind im gleichen Krankenzimmer gelegen hatte, informierte die einheimische Presse.
Die örtlichen Behörden versuchen, eine HIV-Verbreitung in den Regionen auch durch zusätzliche Test-Maßnahmen einzuschränken. So hat der Klerus Inguschetiens die Initiative zur Verhängung eines Verbots einer Heirat ohne Zertifikate über das Nichtvorliegen einer HIV-Infektion und über Blutanalysen unterstützt. Dies hatte man der russischen Nachrichtenagentur Interfax im Pressedienst des Ältestenrates beim Oberhaupt dieser russischen Teilrepublik mitgeteilt.
Die Idee über obligatorische Zertifikate hatte die Chefärztin des republikanischen Zentrums für AIDS-Prophylaxe und -Bekämpfung, Luisa Bekmursijewa, unterbreitet. „Per 15. September 2026 sind in unserem Zentrum 1695 Menschen, die an AIDS erkrankt sind, erfasst worden. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation müsse man diese Zahl um das 3fache erhöhen“, sagte die Chefärztin. Somit liege der Verbreitungsgrad von HIV in der Region bei rund einem Prozent, was nicht der höchste Wert in der Russischen Föderation ist. So kann in vielen russischen Regionen der Verbreitungsgrad mehr als zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Zu den problematischsten Gebieten in Bezug auf die Verbreitung von HIV rechnet man unter anderem die Verwaltungsgebiete Kemerowo, Irkutsk und Swerdlowsk.