Das Ende der Geltungsdauer des russisch-amerikanischen Vertrages über strategische Offensivwaffen (New START Vertrag) hält man in Russland für keine Tragödie. Moskau unterstreicht, dass es zu „entschiedenen militärtechnischen Gegenmaßnahmen“ bereit sei, um die potenziellen Gefahren für die nationale Sicherheit zu kupieren. Die Möglichkeit eines Einsatzes der Strategischen Nuklearstreitkräfte (SNS) durch Moskau könne nach Meinung von Experten zu einer der Barrieren für einen Schutz vor dem Auftauchen von NATO-Streitkräften in der Ukraine werden. Doch Russland werde sich, wie der Direktor des Dienstes für Auslandsaufklärung der Russischen Föderation, Sergej Naryschkin, „verantwortungsvoll verhalten“ sowie die Situation und „das Verhalten der anderen Länder, vor allem jener, die Kernwaffen besitzen“, analysieren. Am 5. Februar gab das Europäische Kommando der US-Streitkräfte bekannt, dass sich eine amerikanische und eine russische Delegation in Abu Dhabi geeinigt hätten, den Dialog zwischen den Verteidigungsministerien auf hoher Ebene, der im Herbst 2021 abgebrochen worden war, wiederaufzunehmen.
Die USA und Russland würden planen zu erörtern, wie man den Vertrag über strategische Offensivwaffen modernisieren könne, meldete das amerikanische Nachrichtenportal Axios. Seine Quelle habe betont, dass die Seiten sich anschicken würden, „gewissenhaft zu handeln und Diskussion darüber zu beginnen, wie man den Vertrag modernisieren könne, dessen Gültigkeit am 5. Februar offiziell ausgelaufen ist. Eine andere Quelle unterstrich, dass die USA und Russland vereinbart hätten, die Parameter des New START Vertrag mindestens sechs Monate einzuhalten, solange die Erörterung eines möglichen neuen Abkommens erfolgen werde.
Es sei hervorgehoben, dass NATO-Generalsekretär Mark Rutte jüngst in Kiew erklärt hatte, dass die Allianz vorhabe, in der Ukraine ihre Truppen nach Beendigung des Konflikts zu stationieren. Dabei hatte der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij mitgeteilt, dass die Ukraine nicht vorhabe, den Donbass herzugeben. „Wenn wir von einem eingefrorenen Konflikt und darüber, dass wir unsere entsprechenden Position bewahren, sprechen, so ist dies bereits ein riesiges Zugeständnis unsererseits. Die Russen brauchen eine Pause. Wenn wir von einer demilitarisierten Zone sprechen, so müssen wir die Kontrolle über unseren Teil haben“, sagte Selenskij. Somit gibt es Gründe zur Annahme, dass der Konflikt fortgesetzt werden kann. Selenskij hatte mehrfach erklärt, dass er hoffe, die Russische Föderation auszulaugen und einen Sieg dank der Hilfe des Westens zu erreichen. Dafür können die USA und die NATO, wie Selenskij möchte, Flugzeuge, weitreichende Waffen und Flügelraketen vom Typ „Tomahawk“ zur Verfügung stellen.
Aber die Russische Föderation hat Möglichkeiten, um auf diese Bedrohungen zu antworten. „Im November des Jahres 2024 hat der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, die neue Nukleardoktrin Russlands bestätigt“, erinnerte gegenüber der „NG“ der Militärexperte und Generalleutnant a. D. Jurij Netkatschjow. „Und in ihr wird eine Aggression in Form von Schlägen mit Flügelraketen, Flugzeugen und Drohnen gegen die Russische Föderation seitens eines nichtnuklearen Staates, aber mit Unterstützung von Kernwaffenmächten als deren gemeinsamer Überfall auf Russland angesehen. Und in diesem Fall kann die Russische Föderation gegen ihre Feinde ihre strategischen Nuklearstreitkräfte einsetzen“.
Russland könne nicht nur sein atomares Potenzial aufstocken, sondern auch neue Arten von Waffen, deren Wirkung beispielsweise auf die Verwendung nuklearer Energieanlagen basieren, in seine strategischen Nuklearstreitkräfte integrieren, sagte Netkatschjow. „In den Bestand der potenziellen russischen strategischen Nuklearstreitkräfte sind bereits die „Burewestnik“-Flügelraketen mit einer unbegrenzten Reichweite und der unbemannte Unterwasserapparat „Poseidon“ mit einer nuklearen Energieanlage aufgenommen worden. Die hat kein anderer in der Welt außer der Russischen Föderation“, betonte der Experte. „Die Möglichkeit des Einsatzes strategischer Nuklearstreitkräfte durch Moskau kann zu einer der Barrieren für das Stationieren von Truppen der sogenannten „Koalition der Willigen“ in der Ukraine nach Beendigung des Konflikts werden.“
Dass die strategischen Nuklearstreitkräfte Russlands im Jahr 2026 „die Hauptrolle bei der Zügelung eines Aggressors und der Bewahrung des Kräftegleichgewichts in der Welt spielen werden“, hatte Russlands Präsident Wladimir Putin im Dezember vergangenen Jahres bei der Bilanz ziehenden Tagung des Kollegiums des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation erklärt. Laut Angaben des Verteidigungsministeriums sind zur Erhöhung der Gefechtsmöglichkeiten der strategischen Nuklearstreitkräfte in den Bestand ihrer maritimen Komponente im vergangenen Jahr das Atom-U-Boot der „Borej-A“-Klasse „Fürst Poscharskij“ und die mit entsprechenden Gefechtsköpfen ausgerüsteten Raketen „Bulawa“ (deutsch: „Keule“) aufgenommen worden. Fortgesetzt wird der Bau weiterer zwei U-Boote des genannten Typs. Die Luft- und Kosmos-Streitkräfte erhielten zwei strategische Raketenbomber vom Typ Tu-160M. In den strategischen Raketenstreitkräften wird die Umstellung auf den „Jars“-Raketenkomplex fortgesetzt.
„Für eine garantierte Vernichtung des Feinds können nicht nur Waffen der strategischen Nuklearstreitkräfte eingesetzt werden, sondern auch Vernichtungswaffen mittlerer Reichweite, solche wie beispielsweise der mobile Bodenkomplex „Oreschnik“ (deutsch: „Haselnussbaum“) mit Hyperschallraketen“, sagte Netkatschjow der „NG“. „Bisher sind zwei Fälle deren erfolgreichen Gefechtseinsatzes in der Ukraine gemeldet worden, als die Gefechtsköpfe in einer konventionellen Ausführung waren (also keine nuklearen – Anmerkung der Redaktion). Es können aber auch nukleare Gefechtsköpfe mit einer geringen und extrem geringen Stärke eingesetzt werden. Da werden jeglicher Truppenübungsplatz, jegliches Objekt oder jeglicher Militärstützpunkt bereits mit dem ersten Schlag dem Erdboden gleichgemacht“.
Laut offiziellen Angaben befanden sich zum Zeitpunkt des Auslaufens des New START Vertrages am 5. Februar 2026 „im Bestand der strategischen Nuklearstreitkräfte Russlands 517 dislozierte strategische Trägermittel für Kernwaffen – interkontinentale ballistische Raketen, auf U-Booten stationierte ballistische Raketen und schwere Bombenflugzeuge -, die mit 1420 Kernsprengköpfen bestückt sind“. Dabei beläuft sich die Gesamtzahl der Trägermittel (der dislozierten und nichtdislozierten) für Kernwaffen auf 775 Stück, was der durch den START-3-Vertrag festgelegten Gesamtanzahl der strategischen Offensivwaffen entspricht.
P. S.
Derweil kommen aus den Vereinigten Staaten unterschiedliche Statements über die Entwicklung der Ereignisse nach dem Auslaufen des New START Vertrages. US-Präsident Donald Trump erklärte zum Beispiel am Donnerstag, dass er für ein neues, ein verbessertes langfristiges Abkommen anstelle des Vertrages über strategische Offensivwaffen plädiere. In seinem entsprechenden Post im sozialen Netzwerk Truth Social ging er jedoch nicht auf Details dazu ein. Zur gleichen Zeit versäumte er es nicht, den New START Vertrag erneut zu kritisieren, der für Washington ein unglücklich abgestimmter gewesen sei.
Später erklärte am Donnerstag die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, auf die Frage danach, ob es ein zeitweiliges Abkommen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten gebe, sich an die Bedingungen des New START Vertrags zu halten, solange Verhandlungen zu dieser Frage erfolgen: „Mir ist dazu nichts bekannt“.