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Russland und Putin nach den Wahlen – beispiellose Herausforderungen


Die neue, die fünfte Präsidentenamtszeit von Wladimir Putin wird mit einer angespannten Suche nach einem neuen Entwicklungsmodell verlaufen. Einem neuen sowohl im Vergleich zu den vorangegangenen inkl. der drei postsowjetischen Dezennien als auch im Vergleich mit den zwei Jahren nach Beginn der militärischen Sonderoperation.

Die Entwicklung des Landes seit dem Zeitpunkt des Zusammenbruchs der UdSSR eröffnete schrittweise Möglichkeiten für eine Orientierung auf Exporte mit einer Konvertierung der Devisenerlöse in Konsumgüter für die Bevölkerung, Autos, Anlagen und Ausrüstungen, Technologien sowie Managementpraktiken für das Business. Je höher die Exportpreise für Rohstoffe waren, desto vielfältiger wurden die nach Russland eingeführten ausländischen Neuheiten – von Baumaterialien und Haushaltstechnik bis zu Stadien und Tunnel-Verschalungen, Privatflugzeugen sowie überaus komplizierter medizinischer und High-Tech-Anlagen. Es prägte sich ein neuer Qualitätsstandard für Waren und Leistungen auf dem Gebiet der Produktion und Freizeitgestaltung aus.

Jetzt, da das Brechen mit dem Westen einen historisch langen Charakter trägt und die Wende gen Osten eine widersprüchliche und sich dahin schlängelnde ist, hat sich Russland vor der Notwendigkeit wiedergefunden, eigenständig technisch-technologische und Finanzaufgaben zu lösen.

Das Beispiel mit der Ausrichtung des Verkaufs von Erdöl nach Indien und die entstandenen Schwierigkeiten mit der Konvertierung der eingenommenen Rupien in etwas Nützliches für Russland wurden zu einer bezeichnenden Illustrierung des Weges, der überhaupt kein geradliniger ist.

Es nimmt der Sanktionsdruck des US-Finanzministeriums auf die russischen Partner in den Emiraten, der Türkei, in China und den GUS-Ländern (Kasachstan) hinsichtlich eines Verbots von Lieferungen von Mikroelektronik, Halbleitern, Software und entsprechenden Anlagen, Computertechnik sowie Waren mit einer dualen Zweckbestimmung in die Russische Föderation zu. Härter unterbunden werden Finanzströme aus dem Export von Erdöl und Erdölprodukten, beobachtet werden Unternehmen und Tanker, blockiert werden ihre Entlade-Operationen in den Umschlagshäfen.

Bekanntlich wird das gesamte Jahr 2024 durch den Westen einer Verschärfung des Regimes zur Implementierung der bereits verhängen Sanktionen sowie der Verhinderung ihres Umgehens bzw. Unterlaufens gewidmet. Eingeführt wird eine strafrechtliche Ahndung (bis zu fünf Jahren) für die Bürger der europäischen Länder, die eine Verletzung des Sanktionsregimes unterstützen. Es muss angenommen werden, dass innerhalb von ein, zwei Jahren eine „eiserner Sanktionsvorhang“ um Russland in seinen wesentlichen Konstruktionselementen geschaffen wird.

Unter solchen Bedingungen wird Putin gezwungen sein, von der Regierung eine beschleunigte Neuerrichtung der weggebrochenen Konstruktionen der Reproduktionskette zur Schaffung des nationalen Produktes. Es muss berücksichtigt werden, dass beispielsweise viele komplizierte Waren und Flugzeuge zu 100 Prozent aus einheimischen Bauteilen gefertigt werden sollen. Geschaffen wurden bereits 30 Engineering-Zentren, weitere 20 werden im laufenden Jahr eröffnet. Eine andere Rolle als früher wird dabei den großen privaten Unternehmensuniversitäten zukommen. Jetzt wird von ihnen wahrscheinlich die Ausbildung von Fachkräften für die gesamte Wirtschaft und nicht nur für die eigenen Bedürfnisse gefordert.

Die Orientierung auf die eigenen Kräfte sieht im 21. Jahrhundert exotisch aus. Dies ist die Folge eines realen Herausschneidens Russlands aus den früheren Lieferketten. Eine gewisse Revolution.

Selbst in den 1930er Jahren erfolgte die Industrialisierung in der UdSSR bei einer massiven technologischen und technischen Unterstützung seitens der entwickelten Länder.

Nachdem Genosse Stalin bei einer Beratung mit Wirtschaftsvertretern Anfang 1931 gesagte hatte: „Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt“ (auf der Unionskonferenz der Funktionäre der sowjetischen Industrie am 4. Februar 1931 – Anmerkung der Redaktion), verwandelte sich die Gewinnung ausländischen Kapitals für den Aufbau der sowjetischen Industrie zu einer Priorität der Arbeit der Regierung.

Bis 1940 hatten Ausländer, vor allem Amerikaner, die Schaffung der Chemie-, der Flugzeug-, der elektrotechnischen und Erdölindustrie, des Bergbaus, der Kohle- und der metallurgischen Industrie in der UdSSR, der europaweit größten Werke für den Bau von Autos, Traktoren und Flugzeugtriebwerken unterstützt. Man baute sowohl in der UdSSR als auch in den USA. Man hatte zum Beispiel das berühmte Stalingrader Traktorenwerk in den USA gebaut, auseinandergenommen, mit 100 Schiffen über den Atlantik gebracht und in der UdSSR aufs Neue errichtet. Das Dnepr-Wasserkraftwerk wurde mit einer spürbaren Beteiligung der US-Firma Cooper Engineering Company und des deutschen SIEMENS-Konzerns gebaut. Das Gorki-Autowerk wurde mit Hilfe von Ford angefahren, das Moskauer KIM-Automontagewerk – ebenfalls. Das berühmte Metallurgie-Kombinat Magnitka ist eine genaue Kopie des Metallurgie-Unternehmens in der Stadt Gary, im US-Bundesstaat Indiana. Die Firma Albert Kahn Inc. projektierte 500 sowjetische Betriebe. Gerade sie schuf in der UdSSR eine Schule für fortgeschrittene Industrie-Entwicklung. Rund 200.000 amerikanische Ingenieure und Techniker waren damals zu uns gekommen. Innerhalb weniger Jahre errichteten sie in der UdSSR mit einem enormen Tempo über 500 Betriebe. Laut einigen Schätzungen kostete dies der Sowjetunion zwei Milliarden Dollar (entsprechend dem heutigen Kurs – fast 250 Milliarden Dollar).

Heute ist solch ein Modell für eine Industrialisierung aufgrund geopolitischer Erwägungen unmöglich. Gebraucht wird ein neues.

Und dies ist eine beispiellose Herausforderung sowohl für Russland als auch persönlich für Wladimir Putin. Erforderlich ist eine Verbindung verschiedenartiger Faktoren: staatlicher und privater Investitionsgelder, begabter alter und noch begabterer neuer Manager, der Wissenschaft – und besonders die Implementierung ihrer Ergebnisse -, einer moralischen und materiellen Motivation, des Enthusiasmus der Bürger und des Optimismus des Volkes, der Qualität der Waren und Leistungen auf dem Verbrauchermarkt, des Vorhandenseins real funktionierender sozialer Aufstiegsmöglichkeiten, einer Freizeitgestaltung mit einer wiederherstellenden Wirkung, einer starken nationalen Währung sowie einer würdigen Kaufkraft des Rubels.

Dabei ist es wünschenswert, dass alles synchron erfolgt. Derart ist die Bedingung für einen Erfolg.