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• Russlands Atheisten haben mit den Moslems in Koexistenz zu leben


Das üblicherweise zurückhaltende Allrussische Meinungsforschungszentrum (VTsIOM) hat Furore gemacht, indem es eine aktuelle Umfrage zur Haltung der Bürger Russlands zur Religion veröffentlichte. Die Untersuchung ist der Großen Fastenzeit gewidmet. Jedoch ist ihre Thematik weitaus breiter und von größerer Dimension. Ermittelt wurden mehrere Tendenzen, die für das Begreifen der Zukunft des Landes wichtig sind.

Viele haben die Aufmerksamkeit auf die Werte gelenkt, denen zufolge sich im Zeitraum von 2017 bis 2021 der prozentuale Anteil der Nichtgläubigen verdoppelt hat – von 7 bis auf 14 Prozent. Diese Zahlen sehen möglicherweise nicht beeindruckend aus, wenn man nicht die Schlussfolgerung der Soziologen hinzufügt, wonach sich der Un- bzw. Nichtglauben am dynamischsten unter der jungen Bevölkerungsgruppe verbreitet, an die die Fragen der Forscher gerichtet worden waren. Zu den Ungläubigen rechneten sich 22 Prozent der Bürger Russlands im Alter von 18 bis 24 Jahren. Weitere 15 Prozent der jungen Bürger – zu denjenigen, die zwischen Glauben und Unglauben schwanken.

Im ausgewiesenen Zeitraum hat sich der Anteil der sich als orthodoxe Christen Bestimmenden von 75 bis auf 66 Prozent verringert. Dabei haben sich in der jüngsten Generation der an der Befragung teilgenommenen Personen nur 43 Prozent gegenwärtig als orthodoxe Gläubige bezeichnet. Unter dieser Altersgruppe war auch der größte Anteil der sogenannten konfessionell ungebundenen Christen (7 Prozent). Genauso viele junge Menschen teilten mit, dass sie Gottesdienste besuchen würden. Allerdings ist dies kein so geringer Anteil, da die Angaben des Innenministeriums bescheidener sind: Jährlich würden lediglich zwei Prozent Weihnachten und Ostern in einer Kirche verbringen.

Aber selbst bei denen, die ihre Überzeugungen klar als orthodoxe definieren, ermittelte das VTsIOM einen äußerst geringen Wert für die Aktivität hinsichtlich der Gottesdienste und Rituale, aber auch ein schlechtes Niveau bezüglich der Kenntnisse über die Traditionen und den Kirchenkalender. Nur 19 Prozent der Befragten, die sich als orthodoxe Christen bezeichneten, kannten das Datum für den Beginn der Großen Fastenzeit. Mehr als die Hälfte von ihnen (51 Prozent) erklärte, dass sie die Einschränkungen nicht einhalten würden, die durch die Religion für diesen Zeitraum vorgeschrieben werden.

Da die Umfrage auch andere Religionen tangierte, wurden interessante Tendenzen in Bezug auf die Gemeinden ermittelt. Laut den VTsIOM-Angaben ist der Gesamtanteil der Moslems im Jahr 2021 praktisch auf dem Stand von 2017 geblieben. Die 66 Prozent der orthodoxen Christen dominieren offenkundig über den 6 Prozent der Moslems. Ein Vergleich hinsichtlich der Alterskategorien zeigt jedoch ein anderes Verhältnis. In der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre hatten sich, wie bereits gesagt wurde, 43 Prozent der Befragten als Anhänger des orthodoxen Christentums bezeichnet, und des Islams – 12 Prozent. Das heißt, der Unterschied schwankt nur zwischen dem 3- bis 4fachen und erreicht nicht das 10fache, wie bei der alle Altersgruppen betreffenden Umfrage.

Man kann die Schlussfolgerung ziehen, dass die Popularität des Islams nur zunehmen wird, wenn nicht irgendwelche Umstände eintreten werden, die die Situation verändern. Dabei verschwimmen das Bekenntnis der Bürger Russlands zur christlichen Weltanschauung und die Selbstidentifikation hinsichtlich der Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen Strukturen (vor allem der Russischen orthodoxen Kirche). Was bedeutet dies für die Zukunft Russlands? Es verringert sich vor allem die Rolle religiösen Weltanschauung im Leben der Jugendlichen, die bald die älteren Generationen ablösen wird, die unter den Bedingungen der atheistischen Ideologie erzogen worden waren und danach die stürmische Wiedergeburt der Kirche erlebten. Die Stelle der kirchlichen Gebundenheit und des kirchlichen Wesens werden wahrscheinlich andere Werte und eine andere alltägliche Lebensweise einnehmen. Wahrscheinlich wird sich das geistliche Leben um individuellere Formen der Religiosität als das institutionalisierte Christentum gestalten.

Die VTsIOM-Umfrage vermittelt dabei keine Vorstellung von der Dynamik der antiklerikalen Anschauungen. Daher muss in der gegenwärtigen Etappe der indifferente Charakter der Mehrheit der Bürger Russlands in der Zukunft als eine Hypothese angenommen werden. Aber bereits vor dem Hintergrund dieses indifferenten Charakters der Mehrheit ist die Tendenz zur Zunahme des Anteils der überzeugten Moslems auszumachen. Hinsichtlich der jungen Menschen, die sich als Anhänger des Islams bezeichneten, wird die Prophylaxe eines religiösen Extremismus zu einer Frage erstrangiger Wichtigkeit werden. Generell und insgesamt haben die Gesellschaft und der Staat ein System von bürgerlichen Werten zu entwickeln, die sich nicht auf religiöse Institute stützen und dabei aber Vertrauen genießen.