Seit Jahresbeginn hat sich in Russland der Umfang an Bargeld im Umlauf drastisch erhöht – um mehr als eine Billion Rubel bis auf 20,5 Billionen Rubel. Russlands Bürger sind bestrebt, mehr Bargeld in den Händen zu haben, das bei Abschaltungen des Internets nirgendwohin verschwindet. Zu einer Einlösung bzw. Abhebung von Ersparnissen hatte bis zu einem bestimmten Moment auch die Senkung der Zinsen für Depotkonten nach Verringerung des Leitzinses der Zentralbank veranlasst. Gleichfalls beeilte sich das Business, wieder zum Cash überzugehen, das durch die gestiegenen Steuerzahlungen spürbar getroffen wurde. Aber dem Bankensektor ist es scheinbar leid geworden, dies zu dulden. Im Mai und Juni haben auf einmal die 20 größten Banken des Landes die Bewegung der Zinsen für Depotkonten nach oben umgekehrt. Experten bezeichneten dies als den Versuch, kein Abfließen von Geldern von den Konten zuzulassen. Es gibt aber auch andere Motive.
Im Mai und Juni hat der russische Bankensektor die Bewegung der Zinsen für Depotkonten umgekehrt. Während sie bis dahin nach dem Leitzins der Zentralbank geringer wurden – entsprechend der Logik der monetären Politik -, so erlebten die Zinsen für Spareinlagen jetzt einen Anstieg, wenn auch einen unbedeutenden. Dies ergibt sich aus den Monitoringsdaten der Finanz-Marktplattform „Finuslugi“ (deutsch: „Finanzleistungen“), in denen die Daten zu Rubel-Spareinlagen der 20 größten Vertreter des russischen Bankensektors aggregiert worden sind.
So haben sich im Zeitraum vom 18. Mai bis einschließlich 15. Juni die durchschnittlichen maximalen Zinsen der 20-Top-Banken in Bezug auf Konten mit einer Laufzeit von drei Monaten von 13,27 bis auf 13,44 Jahresprozent – d. h. um 0,17 Prozentpunkte – erhöht.
Die durchschnittlichen maximalen Zinsen für Einlagen mit einer Laufzeit von sechs Monaten stiegen von 12,84 bis auf 12,99 Prozent und mit einer Laufzeit von einem Jahr von 12,17 bis auf 12,32 Prozent. (In beiden Fällen also eine Zunahme um 0,15 Prozentpunkte, wobei jedoch angemerkt werden muss, dass all diese Manöver an konkrete Bedingungen geknüpft sind, die nicht von allen Bankkunden akzeptiert werden. — Anmerkung der Redaktion).
Bei einer Kommentierung dieser Zahlen für die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti teilte der Senior Analytiker des Investitionsunternehmens „BKS Welt der Investitionen“ Artjom Perminow mit, dass die Zunahme der Zinsen mit der zugenommenen Nachfrage nach Bargeld seitens der Bevölkerung in den letzten Monaten zusammenhängen könne. Die Banken könnten situativ die Zinsen für die Spareinlagen anheben, um Kunden zu gewinnen oder zu halten.
Wie danach Perminow der „NG“ sagte, würden höhere Zinssätze Depotkonten attraktiver machen und könnten daher die Kunden stimulieren, keine Bargeldsummen abzuheben oder deren Höhe zu verringern.
„Wenn die Menschen beginnen, aktiver Geld von den Konten abzuheben und es in bar aufbewahren, führt dies dazu, dass sich die Ressourcenbasis der Banken verringert, sich die aktuelle Liquidität verschlechtert und die Banken gezwungen sind, nach einem Ersatz für die abgeflossenen Mittel zu suchen“, erläuterte der „NG“ Maria Jermilowa, Dozentin an der Russischen G.-V.-Plechanow-Wirtschaftsuniversität. „Die Zunahme der Nachfrage nach Bargeld bedeutet ein potenzielles Abfließen von Mitteln von den Konten“. Daher könne eine Anhebung der Zinsen – besonders in Bezug auf Kurzzeit-Depotkonten mit einer Laufzeit von ein bis drei Monaten als ein Instrument angesehen werden, um Gelder innerhalb des Bankensystems zu halten. „Für eine Bank ist dies eine Art „operative Verteidigung““, meint Jermilowa. „Sie kann rasch Gelder der Kunden gewinnen oder zurückholen, ohne hohen Kosten für eine Fondsbildung für ein Jahr und mehr zu fixieren“.
Der Anlass für solch eine Reaktion des Bankensektors ist ein frappierender. Seit Beginn dieses Jahres und mit Stand per 1. Juni hat der Umfang an Bargeld im Umlauf (außerhalb der Bank Russlands; entsprechend der Statistik für die Geldbasis) drastisch zugenommen – gleich um mehr als eine Billion Rubel bis auf ungefähr 20,5 Billionen Rubel. Die hauptsächliche Zunahme erfolgte im April und im Mai.
Wenn man die Statistik der Zentralbank hinsichtlich der analogen Monate der letzten siebeneinhalb Jahre (ab 2019) analysiert, so kann man im Verlauf dieses Zeitraums noch zwei weitere Beispiele finden, die hinsichtlich der Dimensionen der Zunahme der Bargeldmenge im Umlauf vergleichbar sind. Im Jahr 2020, zur Hochzeit der COVID-Pandemie, hatte in den ersten fünf Monaten des Jahres der ausgewiesene Parameter eine Zunahme um 1,4 Billionen Rubel erlebt. Und im Jahr 2023 hatte es in den ersten fünf Monaten eine Zunahme um beinahe eine Billion Rubel gegeben.
Dabei hatten früher Experten das ganze Jahr 2023 aus der Sicht des Bedarfs an Bargeld als ein besonderes bezeichnet und dies mit mehreren Faktoren erklärt: durch die Wiedervereinigung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk sowie die Verwaltungsgebiete Saporoschje und Cherson mit Russland, was objektiv den Bedarf an Banknoten erhöhte, durch die Zahlungen an die Teilnehmer der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine und später aufgrund solcher einmaligen Ereignisse wie den Aufstandsversuch der privaten Militärfirma „Wagner“.
„In etwa 15 Regionen des Landes wurde eine Zunahme der Nachfrage festgestellt. Im Durchschnitt machte sie um die 30 Prozent aus. Aber die aktivste Nachfrage nach Bargeld wurde in südlichen Regionen – in den Verwaltungsgebieten Woronesch, Rostow und Lipezk, aber auch in Großstädten – registriert. Dort hat die Nachfrage um ungefähr 70 bis 80 Prozent zugenommen“, vermeldete Ende Juni des Jahres 2023 Andrej Belousow, der zu jener Zeit das Amt des 1. Vizepremiers bekleidet hatte (inzwischen ist er Russlands Verteidigungsminister – Anmerkung der Redaktion).
In der Zentralbank bestätigt man die neue Zunahme der Nachfrage nach Bargeld im laufenden Jahr, aber mit einigen Vorbehalten. „Die Zunahme von Bargeld in absoluten Zahlen hat sich seit Jahresbeginn als eine größere im Vergleich zum analogen Zeitraum der Jahre 2024 und 2025 erwiesen. Sie ist aber überhaupt keine beispiellose. Hinsichtlich ihrer Dynamik entspricht sie eher dem Beginn des Jahres 2023“, hatte zuvor in einem Interview für die Moskauer Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ der stellvertretende ZB-Chef Alexej Sabotkin mitgeteilt.
Eine bedeutende Rolle habe nach seinen Worten der Faktor der instabilen Arbeit der elektronischen Bezahlungsformen gespielt. „Es gibt Situationen, in denen man in einem Geschäft oder Café nur mit Bargeld aufgrund Störungen mit dem mobilen Internet oder der Arbeit von Terminals zahlen kann“.
Daneben bedient Bargeld teilweise den Schattensektor der Wirtschaft. „Jedoch schafft nicht Bargeld Risiken für eine Ausdehnung der Schattenwirtschaft. Aber die Vergrößerung des Schattensektors führt neben anderen Umständen zu einer Zunahme der Nachfrage nach Bargeld“, fuhr Sabotkin fort, wobei er jedoch präzisierte, dass die Zunahme der Menge an Bargeld an und für sich gerade eine normale Erscheinung sei.
Noch milder äußerte sich über die heutige Situation der Chef des Unternehmens Goznak Arkadij Tratschuk: „Ich würde nicht sagen, dass ich eine fundamentale Rückkehr zum Bargeld sehe. Ja, die Bank Russlands hat in der letzten Zeit eine Zunahme der Nachfrage nach Banknoten registriert. Aber meines Erachtens sind dies natürliche Schwankungen“. Nach seinen Worten würden solche Schwankungen möglicherweise mit der jüngsten Senkung der Zinssätze in den Banken zusammenhängen. Irgendwer würde es vorziehen, das Geld zu Hause aufzubewahren. Als noch einen Faktor nannte Tratschuk die Zunahme der Verrechnungen des Business mit Bargeld.
Zur gleichen Zeit erläuterte ein Teil der von der „NG“ befragten Experten die jetzt geschehene Anhebung der Zinsen für Depotkonten nicht nur mit der Nachfrage der Bevölkerung und eines Teils des Business nach Bargeld. Es gebe auch andere Motive.
„Das Abfließen von Bargeld aus dem System erfolgt auf einer regelmäßigen Grundlage seit Februar. Und die Anhebung der Zinsen für Spareinlagen ist nur in der letzten Zeit spürbar geworden. Daher wirkt als Hauptfaktor für eine Korrektur der Zinsen eher die Verschlechterung der Erwartungen in Bezug auf die Geld- und Kreditpolitik“, meint Jurij Krawtschenko, Abteilungsleiter im Finanzunternehmen „Veles Capital“.
Der Experte lenkte die Aufmerksamkeit darauf, dass in der letzten Zeit eine generelle Zunahme der Rentabilität der staatlichen Schuldverschreibungen zu beobachten gewesen sei. Nach seinen Worten hänge die Zunahme der Rentabilität mit einer Verstärkung der Erwartungen des Marktes hinsichtlich eines längeren Zeitraums für eine Verringerung des Leitzins der Zentralbank zusammen. Unter den Hauptfaktoren, die solche negativen Erwartungen nähren, sei die Inflationsrisiken seitens des Staatshaushalts.
Darüber sprach auch der Analytiker des Unternehmens „Finam“ Igor Dodonow. Nach seiner Meinung belege die Anhebung der Zinsen für Depotkonten im letzten Monat, dass die Banken nicht mit einer Beschleunigung der Lockerung der monetären Politik rechnen und gar eine mögliche Pause in diesem Prozess nicht ausschließen würden. Die Banken würden es vorziehen, eine abwartende Haltung einzunehmen.