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Russlands Banknoten erleben einen Nachfrage- und Angebotsboom


Die Verringerung des vom Staat kontrollierten bargeldlosen Zahlungsverkehrs zwischen den Bürgern und kleinen Unternehmen dauert an und beschleunigt sich sogar. Staatsbeamte warnten, dass sie ab kommendem Jahr die Kontrolle des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zwecks Erhöhung der Erfassung von Steuern verstärken werden. Dies wird aber zu einem zusätzlichen Stimulus für einen Übergang der Bürger zu Bargeld-Zahlungen. Bisher kann man zu den Hauptmotiven für eine Nutzung von Rubel in bar für die Bürger die Störungen in den Zahlungssystemen oder die Unterbrechung der Arbeit des mobilen Internets rechnen.

Zu Beginn dieses Jahres ist in der Russischen Föderation eine wichtige qualitative Veränderung fixiert worden: Der langjährige Trend zur Verringerung einer Nutzung von Bargeld ist durch die stabile Tendenz zu einer Zunahme des Anteils der Bargeld-Zahlungen ersetzt worden. Eine massenhafte Rückkehr der Praxis der wilden 90er Jahre, als die Unternehmen unter einander mit Koffern voller Bargeld Rechnungen bezahlten, ist vorerst nicht zu erwarten.

Aber Russlands Bürger und Kleinunternehmen verringern offenkundig ihre bargeldlosen Zahlungen, wobei sie zur Nutzung von Banknoten übergehen. So erweist sich wahrscheinlich das vergangene Jahr als letztes, in dem die Offiziellen für Geldfragen über die Zunahme des bargeldlosen Zahlungsverkehrs im Land Bericht erstatteten.

Die Sberbank beobachtet eine Bewahrung des Trends eines Übergangs zu Zahlungen mit Bargeld. Besonders spürbar sei er im Segment des Kleinunternehmertums und der individuellen Unternehmer, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Finanzdirektor der Sberbank Taras Skworzow am Dienstag. Erstmals hatte Skworzow im April darüber informiert, dass der Anteil des bargeldlosen Zahlungsverkehrs begonnen habe, im Zusammenhang mit den Steueränderungen etwas zurückzugehen. Und die Bevölkerung und das Business hätten begonnen, öfter Bargeld zu nutzen.

„Wir beobachten weiterhin die Tendenz. Sie lässt bisher nicht nach. Wir geben natürlich alle unsere Analytik weiter und erläutern und zeigen sie sowohl der Zentralbank als auch der Regierung. Die Kollegen formieren ständig eine Agenda für ihre Handlungen, für ihre Kommunikation. Ich denke, dass sie dies auch berücksichtigen werden“, sagte Skworzow im Verlauf des Forums „Digitale Industrie des industriellen Russlands – 2026“ in Nischnij Nowgorod.

„Dieses Thema ist ein sehr komplexes. Daher ist hier die Aufmerksamkeit aller notwendig. Denn wir haben uns im Verlauf vieler Jahre daran gewöhnt, dass bei uns ständig der Anteil der bargeldlosen Operationen, der „weißen“ Wirtschaft gewachsen war. Jetzt aber ist dies eine Wene in die entgegengesetzte Richtung. Dies sehen wir besonders im Kleinunternehmertum, im Bereich der individuellen Unternehmer. Dies ist natürlich ein sehr besorgniserregendes Signal. Ich hoffe, dass wir alle zusammen den Trend zu jenem Tempo zurückbringen können, den es bis zu den Jahren 2025/2026 gegeben hatte“, prognostizierte Skworzow.

Freilich werden die Grundlagen für derartige Prognosen immer weniger, da die Regierung verspricht, ein Nachverfolgen der bargeldlosen Zahlungen an natürliche Personen zu beginnen. Durch die Regierung der Russischen Föderation ist ein Gesetzesentwurf vorgelegt worden, der die Banken verpflichten soll, die Steuerbehörden über die Inhaber konkreter Bankkonten zu informieren, aber auch über bargeldlose Überweisungen an natürliche Personen in Kenntnis zu setzen.

Im Erläuterungsschreiben zu der Gesetzesvorlage schlägt man vor, die gegenwärtige Situation zu beheben, in der bargeldlose Überweisungen an Bürger nicht mit Steuern belegt werden. „Gegenwärtig befinden sich die Einkommen der natürlichen Personen, die bargeldlos von anderen natürlichen Personen erhalten werden, außerhalb des „Perimeters“ der Steuerkontrolle, da sie aus der Besteuerung ausgeschlossen sind. Die Steuerämter sind in den Anfragen an Banken in Bezug auf Auszüge zu Konten natürlicher Personen eingeschränkt. Diese Angaben kann man nur bei Vorhandensein von durch den Steuerkodex vorgesehenen Gründen abfragen, deren Liste eine erschöpfende ist“, erläutern die Beamten. „Außerdem sind die Geldmittel, die durch natürliche Personen unentgeltlich (als Geschenk) erhalten wurden, vollkommen von einer Besteuerung befreit worden. Aber hinter dieser Freistellung werden Zahlungen an andere natürliche Personen entsprechend kostenpflichtiger Deals „maskiert““, zählen die Autoren der Gesetzesvorlage zwecks Verstärkung der Kontrolle des bargeldlosen Zahlungsverkehrs auf.

Die Steuerbeamten erläutern bereits, welche bargeldlosen Überweisungen sie kontrollieren wollen. Die Fassung des Gesetzentwurfs, der in die Staatsduma eingebracht wurde, sieht den Erhalt von Informationen über die Bürger durch den Föderalen Steuerdienst (FSD) Russlands von der Zentralbank vor, wenn die Operationen hinsichtlich ihrer Konten Merkmale für die Realisierung einer unternehmerischen Tätigkeit oder für den Erhalt von Einkünften durch solche natürlichen Personen von anderen Personen aufweisen, teilte man im FSD mit. Nach Aussagen der Steuerbeamten würden die Kriterien für solche Operationen noch ausgearbeitet und entsprechend den Ergebnissen einer gemeinsamen Arbeit des FSD und der Zentralbank bestätigt werden. Dabei sei vorgesehen, dass die Summe der Überweisungen, die auf ein Konten eingehen, lediglich eines der Merkmal für „riskante“ Operationen sein werde.

Im FSD betonte man, dass zum Ausgangspunkt für eine Kontrolle das Überschreiten eines Limits für die jährlichen nichtdeklarierten Einkünfte von 2,4 Millionen Rubel werde. „Zum heutigen Tag betrifft dies drei Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung. Die Maßnahme wird lediglich jenen Teil der Bürger tangieren, die ihr Einkommen entsprechend der Gesetzgebung nicht deklarieren“, teilte man im Steuerdienst mit. Die Steuerbeamten fügten hinzu, dass die Bürger, die vollkommen die erhaltenen Einkommen deklarieren und auf diese Steuern zahlen, mit keiner zusätzlichen Kontrolle konfrontiert werden würden.

Heutzutage gibt es viele tausende Bürger mit nichtdeklarierten Einkommen von über 200.000 Rubel im Monat, die sie entsprechend bargeldloser Zahlungen erhalten. Ein Teil solcher Bürger stimmt zu, die Einkommen zu deklarieren, die sie über bargeldlose Überweisungen erhalten. Die übrigen aber werden probieren, zumindest einen Teil ihrer Einkünfte in Bargeldzahlungen zu transferieren, die weder die Zentralbank noch der FSD nachverfolgen können.

Während das Gesetz über eine Kontrolle der Geldüberweisungen noch nicht verabschiedet worden ist, rechnet man zu den Hauptgründen für einen Verzicht auf bargeldlose Zahlungen die Blockierungen von Internet-Services und die generelle Erhöhung der steuerlichen Belastung.

Im April dieses Jahres wurden rund 30 Prozent aller Zahlungen in Russland mithilfe von Bargeld abgewickelt, teilte des analytische Zentrum „Kassenbon Index“ eines der Bearbeiter von Steuerdaten mit. Der Anteil der Barzahlungen hat um ungefähr fünf Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Am meisten kauft man für Bargeld Nahrungsmittel, Materialien für Bauarbeiten und Renovierungen, Möbel und Waren für PKW, sagten die Analytiker.

Derweil hatten noch im vergangenen Jahr die Beamten der Zentralbank über einen hohen Anteil der bargeldlosen Zahlungen und eine große „Reife des Finanzmarktes“ Bericht erstattet. „Es gibt da solch einen integralen Parameter für die Reife des Finanzmarktes wie der Anteil an den bargeldlosen Zahlungen. Ja, und der liegt jetzt bei uns bei 87,5 Prozent. Dies ist ein sehr hoher Wert. In dessen Hinsicht gehören wir zu den Top-5 der Länder“, erläuterte stolz im vergangenen Jahr die Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina. Im Juli vergangenen Jahres versprach die Leiterin des Zentralbank-Departments für das nationale Zahlungssystem Alla Bakina, dass entsprechend den Ergebnissen des Jahres 2025 der Anteil der bargeldlosen Zahlungen sich bis 90 Prozent erhöhen werde.

P. S. der Redaktion «NG Deutschland» 

Viele Prognosen aus dem Schoße der russischen Regierung sind nicht aufgegangen und gehen auch weiterhin nicht auf. Das Haushaltsdefizit liegt schon jetzt weit, weit über dem für das gesamte Jahr geplanten Wert. Die Rede ist derzeit von etwa zwei Billionen Rubel über dem Zielwert.

Und die Versuche, die Haushaltslöcher mit aller Kraft durch Steuererhöhungen zu stopfen, scheitern aus noch einem Grund, der bisher wenig diskutiert wird. Russlands Bürger protestieren gegen die gegenwärtige Haushaltspolitik mit Passivität oder einem aktiven Suchen nach Wege, um Ersparnisse und Einkommen zu bewahren. Sie sehen dabei auch im tagtäglichen Leben, wie schwer es für die Inhaber von Läden um die Ecke, für Handwerker und andere Dienstleister wird. Aus Solidarität mit ihnen und um sie bei deren Überlebenskampf zu unterstützen, schlagen immer mehr Bürger Russlands ihnen vor, in bar für Dienstleistungen und Waren zu zahlen, zumal selbst die Operationen mit Zahlungsterminals an der Kasse für deren Inhaber teurer geworden sind.