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Russlands Behörden erhalten verzerrte Angaben über die wirtschaftlichen Aktivitäten der Bürger


Viele wichtige staatliche Entscheidungen werden in der Russischen Föderation auf der Grundlage falscher, ungenauer oder verzerrter Daten über die Bevölkerung und über die wirtschaftlichen Aktivitäten der Bürger oder Unternehmen getroffe. Solch ein Fazit ergibt sich aus einer neuen Untersuchung des Instituts für volkswirtschaftliche Prognostizierung der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Die Ortswechsel der arbeitenden Bürger aus einer Region in eine andere verzerren stark die Werte für die finanzielle Absicherung durch den Haushalt oder für die sozialen Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung. Die formelle Klassifizierung der Wirtschaftsaktivitäten in den russischen Städten könne gleichfalls ein inadäquates Bild von der räumlichen Entwicklung des Landes und seiner einzelnen Territorien vermitteln, betonen die Experten. Die Entstellungen des tatsächlichen Bildes der Besiedlung oder der wirtschaftlichen Aktivitäten könnten auch die Realisierung der neuen „Strategie der räumlichen Entwicklung des Landes bis zum Jahr 2030“ der Regierung beeinflussen. Quellen für eine Verzerrung seien die neuen Formen der Ansiedlung oder des Business, die von der traditionellen Statistik nicht widergespiegelt werden, erläutert Olga Kusnezowa aus dem Institut für volkswirtschaftliche Prognostizierung der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Nach ihren Worten sei in der Russischen Föderation die Aufgabe der Formierung eines realen Bildes der Ermittlung der Wohn- und Arbeitsorte der Menschen unter Berücksichtigung der heutigen Realitäten herangereift. Ein Teil der Bürger habe de facto zwei und mehr ständige Wohnsitze, es erfolge eine Entwicklung der Online-Tätigkeit, es gebe vielfältige Formen einer zeitweiligen mobilen Arbeitstätigkeit, weit verbreitet sei die Nichtübereinstimmung von Rechtsanschriften und den realen Tätigkeitsorten von Unternehmen.

Das komplizierte Anmeldesystem für die Bürger nehme dem Staat faktisch adäquate Informationen über die tatsächliche Bevölkerungszahl in der einen oder anderen Ortschaft. Viele Bürger Russlands, die in Mietwohnen leben, sind an anderen Orten offiziell gemeldet. Mitunter wollen die Besitzer von Mietwohnungen nicht offiziell die Mieter am tatsächlichen Wohnort anmelden. Und manchmal wollen Russlands Bürger nicht die Anmeldung aufgrund kommunaler oder regionaler Vergünstigungen und Vorteile ändern. „Das markanteste Beispiel in diesem Fall sind Moskau und das Moskauer Gebiet, wobei sich die Sache wahrscheinlich nicht nur darauf beschränkt. Gut bekannt ist, dass die zusätzlichen Zahlungen für Rentner und die Möglichkeiten für eine medizinische Hilfe in Moskau größer sind. Daher gibt es ein Heer von Bürgern, die ständig (gerade ständig) im Moskauer Gebiet wohnen, aber die Moskauer Registrierung in der Wohnung bewahren, in der ihre Kinder wohnen oder die ganz und gar vermietet wird“, unterstreicht die Forscherin.

Für einige Regionen ist die Arbeitsmigration sehr bedeutsam. Aus Baschkirien gehen über acht Prozent aller Beschäftigten in andere Regionen, um dort zu arbeiten. Aus Adygeja (eine kleine russische Teilrepublik im Nordkaukasus – Anmerkung der Redaktion) gehen beinahe 23 Prozent der Berufstätigen in andere Regionen, um in diesen zu arbeiten. Aus dem Moskauer Verwaltungsgebiet arbeiten fast 18 Prozent aller Berufstätigen in anderen Regionen, und aus dem Leningrader Verwaltungsgebiet – etwa 19 Prozent von allen Beschäftigten. Beinahe elf Prozent aller Berufstätigen Tschuwaschiens sind in anderen Regionen tätig.

Noch eine Ursache für die inkorrekte Identifizierung der Wohnorte der Menschen hängt mit dem Vorhandensein von de facto mehr als einem ständigen Wohnort der Bürger zusammen. Im Land hat sich eine Schicht von Menschen herausgebildet, die gleichzeitig in mehreren Städten arbeiten. Solche Bürger haben eigenen Wohnraum in einigen Städten, zwischen denen sie sich oft zusammen mit den Familien bewegen. Diese Berufstätigen kann man nicht formell zu den Arbeitsmigranten oder „Abgängern“ rechnen. Als Beispiel führte Olga Kusnezowa Forscher an, die gleichzeitig in Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen unterschiedlicher Regionen tätig sind, ebenso Führungskräfte und Topmanager, die zwischen den Hauptquartieren von Unternehmen und deren Filialen unterwegs sind.

Die Differenzierung der Regionen entsprechend den Dimensionen der Online-Beschäftigung wird durch die offizielle Statistik nicht erfasst. Und insgesamt kann der Maßstab der Online- bzw. Ferntätigkeit in der Russischen Föderation als zu gering ausgewiesen werden. Die staatliche Statistikbehörde Rosstat fixierte einen Anteil der Beschäftigten, die nicht unmittelbar an einem festen Arbeitsplatz gebunden sind, an der Gesamtzahl der berufstätigen Bevölkerung mit einem festen Hauptarbeitsplatz von 1,7 Prozent (1,8 Prozent in den Städten und 1,1 Prozent in ländlichen Gebieten). Dies entspricht 1,238 Millionen Menschen, von denen 420.000 alle Tage der regulären Arbeitswoche tätig waren. Noch eine Ursache für inadäquate Daten ist die falschen Anbindung der unternehmerischen Tätigkeit an das jeweilige Territorium inklusive der Beschäftigungszahlen. Der Grund für die mangelnde Qualität dieser Informationen hängt mit der Fernbeschäftigung und mit den Besonderheiten der Klassifizierung des Business zusammen.

Entsprechend der Gesetzgebung der Russischen Föderation müssen Rechtspersonen am Standort ihrer ständig wirkenden Führungsorgane registriert werden. Und außerdem unterliegen alle territorial separaten Filialen von Unternehmen einer Registrierung. Jedoch stimmt der faktische Sitz von Rechtspersonen nicht immer mit dem Ort ihrer Anmeldung überein. Überdies können Filialen keine eigenständige Buchhaltung besitzen. Und dementsprechend wird in der Statistik deren Erlös nicht ausgewiesen, während die Einkommenssteuer gemäß dem tatsächlichen Arbeitsort der Beschäftigten gezahlt wird. Eine markante Illustrierung ist die Situation der Kernkraftwerke, die Filialen des Staatskonzerns Rosenergoatom sind. Wenn man sich an den Angaben hinsichtlich der entsprechenden Art der Wirtschaftstätigkeit orientiert, wird ersichtlich, dass die AKW einen wesentlichen Teil der Beschäftigungsrate und des Lohnfonds ausmachen, während sie in der Statistik zum Erlös keinen Niederschlag finden, betonte die Expertin.

Die Dislozierung der Hauptquartiere von Unternehmen mit einer Geschäftstätigkeit im ganzen Land verursacht ebenfalls ein inadäquates Bild von den wirtschaftlichen Aktivitäten. Ein gutes Beispiel für solch einen inadäquaten Charakter ist die Wissenschaftsstadt Tschernogolowka. Laut der offiziellen Statistik sind fast 58 Prozent der Beschäftigten dieser Wissenschaftsstadt im Groß- und Einzelhandel tätig. Gerade der Handel erbringt in der Wissenschaftsstadt Tschernogolowka beinahe 83 Prozent des gesamten Erlöses. Grund für das Dominieren des Groß- und Einzelhandels in dieser Wissenschaftsstadt ist die Dislozierung von Hauptquartieren mehrere Handelsunternehmen in dieser Stadt, die aber in ganz Russland wirtschaftlich tätig sind.

Ein anderer Fall für eine bedingte Anbindung der Tätigkeit von Unternehmen an ein Territorium ist das Bauwesen. Große Bauunternehmen (besonders auf dem Gebiet der Errichtung von Infrastruktur-Objekten), die unter irgendeiner Rechtsanschrift gemeldet sind und sogar unter diesen Anschriften reale Büros haben, arbeiten in verschiedenen Regionen und können sowohl Schichtarbeit mit Beschäftigten, die für jeweils bestimmte Zeiträume zu den Baustellen kommen, als auch vor Ort gewonnene einheimische Arbeitskräfte nutzen.

Noch schwieriger sei es nach Meinung der Forscher, Online-Händler, darunter auch E-Commerce-Plattformen an konkrete Territorien zu koppeln. Die E-Commerce-Plattformen seien ein Beispiel dafür, dass die Schaffung neuer Formen für eine statistische Berichterstattung hinter dem Entstehen neuer Formen in der Wirtschaft hinterherhinke. Im Fall der E-Commerce-Plattformen könne man die Beschäftigung noch korrekt an das jeweilige Territorium anbinden, während der Erlös zu einem recht vagen Parameter werde.

Für eine Verringerung des Grades der Verzerrungen schlägt man im Institut für volkswirtschaftliche Prognostizierung der Russischen Akademie der Wissenschaften vor, neue Daten-Quellen zu nutzen. Die Möglichkeit eines Sich-stützen auf unterschiedliche zusätzliche Daten zur offiziellen Statistik belegen unter anderem Studien zur rückkehrenden Arbeitsmobilität der Bürger. Eine genauere Beurteilung der räumlichen Mobilität der Bürger sei auf der Grundlage von Daten der Betreiber mobiler Telefonnetze möglich.

Als eine der Quellen für Big-Data könnten entpersonifizierte Daten zu Bank-Transaktionen sowohl natürlicher Personen als auch von Unternehmern dienen. Diese Daten erlauben, nicht nur die Struktur der bargeldlosen Zahlungen zu sehen, sondern auch die Orte ihrer Vornahme, die Geografie der Zahlungen und eine Reihe anderer Parameter, meint Kusnezowa. Einen nicht geringen Beitrag zur Schaffung eines realitätsnahen räumlichen Bildes der Bevölkerungs- und Beschäftigungsgeografie könne die Nutzung von Primärdaten staatlicher Institutionen, vor allem des Föderalen Steuerdienstes leisten. Dabei halten Experten eine Erweiterung der formellen Berichterstattung der Unternehmen für Rosstat für wenig wahrscheinlich.

Unter den Bedingungen des Aufkommens neuer Quellen von Big-Data macht es unseres Erachtens keinen besonderen Sinn, von einer wesentlichen Erweiterung der statistischen Beobachtungen in der Tätigkeit von Rosstat zu sprechen“, erklärt die Forscherin. Eine Erweiterung der Berichterstattung verlange nicht nur eine Erhöhung der Haushaltsausgaben für das Funktionieren des Statistikamtes an sich, sondern führe in den meisten Fällen auch zu einer Zunahme der Belastung für die Unternehmer mit Blick auf die Berichterstattung.