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Russlands Bürger schieben Entscheidung über erstes Kind auf


Die Russische Föderation erlebt eine neue Tendenz – eine demografische Polarisierung. Für die Menschen wird es immer schwieriger, sich zur Geburt des ersten Kindes zu entschließen. Aber bei der stimulierenden Staatspolitik sind Familien häufiger zu einem dritten und weiteren Kindern bereit. Dies teilten dieser Tage des Gaidar-Institut für Wirtschaftspolitik und die Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst mit. Laut Umfrageergebnissen werden die materiellen Schwierigkeiten zum Anlass, die Geburt eines Kindes aufzuschieben. Die Offiziellen müssen nicht einfach die Auszahlung von Beihilfen sichern, sondern eine Wirtschaftsentwicklung.

Dieses Jahr begann das Land mit der stärksten Verringerung der Anzahl der Geborenen seit den letzten fünf Jahren. Laut Angaben des russischen Statistikamtes machte im Januar der Rückgang auf das Jahr hochgerechnet über zehn Prozent aus.

Bis dahin war die Geburtenrate ebenfalls gefallen. Und in den letzten fünf Jahren lagen die Januar-Werte für den Rückgang zwischen einem und maximal sieben Prozent auf das Jahr hochgerechnet. Dabei erlebt Russland die historisch neue Tendenz einer demografischen Polarisierung: eine gleichzeitige Zunahme der Kinderlosigkeit und eines Kinderreichtums. „Im Jahr 2020 haben sich die „Beiträge“ der Geburten verschiedener Rangfolgen zur gesamten Geburtenrate weiter verändert. Zurückgegangen sind die Geburten erster Kinder, zugenommen haben die von dritten und weiteren Kindern“, wird in einem analytischen Monitoringsbericht des Gaidar-Instituts und der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst mitgeteilt.

Wie Konstantin Kasenin, Direktor des Zentrums für regionale Forschungen und Urbanistik der erwähnten Akademie, erklärte, „war im Verlauf der Sowjetzeit der generelle Vektor die Verringerung der Geburtenrate bei einem geringen Anteil der Frauen (hauptsächlich fünf Prozent), die bis zum Ende der reproduktiven Periode kinderlose blieben“. „In den ersten 15 postsowjetischen Jahren gingen sowohl der Wert für Kinderreichtum als auch der Wert für die Geburten erster Kinder zurück. Aber ab Mitte der 2000er Jahre hat die Geburtenrate bei Kindern aller Rangfolgen zugenommen, einschließlich der ersten und dritten“, zählte der Experte auf. Die Tendenz, die derzeit zu beobachten ist, führt zu einer gewissen demografischen Polarisierung, zu einer zahlenmäßigen Zunahme der Bevölkerungsgruppen, die prinzipiell verschiedene Varianten für ein reproduktives Verhalten gewählt haben: Kinderlosigkeit und Kinderreichtum“.

Kasenin teilte mit, dass ein analoger Trend in den letzten Jahrzehnten in einer Reihe Länder West- und Mitteleuropas beobachtet wurde, „wo die Forscher darüber wie über eine der Erscheinungen der sozialen Modernisierung sprechen, die eine große Variabilität des reproduktiven Verhaltens und eine Ablehnung von irgendwelcher seiner verbindlichen Standards bedeutet“. Jedoch zu behaupten, dass Russland in vollem Maße diese Tendenz wahrgenommen hat, sei verfrüht, warnte der Forscher.

Was für Veränderungen in den Tendenzen werden wir weiter zu sehen bekommen, ist die Frage. Kasenin betonte beispielsweise, dass man im Jahr 2020 auch eine geringe Korrektur der demografischen Polarisierung dank den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen hätte erwarten können. „Laut Gesetz werden ab dem Jahr 2019 den kinderreichen Familien (die mindestens drei Kinder haben) die Beiträge zur Tilgung von Hypotheken-Krediten über eine Summe von bis zu 450.000 Rubel kompensiert. Und im Jahr 2020 hat sich die Möglichkeit ergeben, föderales Mutterschaftskapital bei der Geburt des ersten Kindes zu erhalten“, präzisierte er.

Außerdem ist ab dem Frühjahr vergangenen Jahres die Corona-Pandemie zu einem wesentlichen Faktor im Leben der Bürger Russlands geworden. „Da die Befragungen, die in einer Reihe europäischer Länder durchgeführt wurden, auf die klare Tendenz zur Verschiebung des Kinderkrieges unter den Bedingungen der Zunahme der COVID-19-Erkrankungsrate verwiesen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Effekt des aufgeschobenen Kinderkrieges auch in Russland im Jahr 2021 auswirken wird. Derzeit ist es aber nicht möglich vorauszusagen, die Geburten welcher Kinder hinsichtlich der Rangfolge er am stärksten tangieren wird“, unterstrich Kasenin.

In der Tat, wie beispielsweise die BBC meldete, haben Befragungen, die in einer Reihe europäischer Länder durchgeführt wurden, ermittelt, dass 50 Prozent jener Einwohner Deutschlands und Frankreichs, die ursprünglich geplant hatten, ein Kind im Jahr 2020 zur Welt zu bringen, in der Hochzeit der Pandemie beschlossen, die Geburt von Kindern für unbestimmte Zeit aufzuschieben. Etwa neun Monate nach Ausbruch der Pandemie meldeten Frankreich, Südkorea, Taiwan, Estland, Lettland und Litauen die geringsten Monatswerte für die Geburten seit mehr als 20 Jahren.

In der Liste mit einer drastisch eingebrochenen Geburtenrate sind gleichfalls die USA, Italien und Spanien. Allerdings sind die Forscher im Fall der USA der Auffassung, dass die negative Wirkung bis zum August dieses Jahres anhalten werde. Der Einfluss werde stärker sein als nach der Rezession von 2008. Experten des deutschen Max-Planck-Institutes für demografische Forschung erläuterten, dass in der Regel in Zeiten eines Wirtschaftsrückgangs und von Epidemien die Geburtenrate zuerst sinkt, sich dann aber wiederherstellt. Ihrer Meinung nach können die Menschen aber dieses Mal sehr lange auf einen geeigneten Moment warten. Und irgendwer wird möglicherweise vom Prinzip her entscheiden, sich keine Kinder zuzulegen. Und je weiter eine Familie die Geburt des ersten Kindes hinausschiebt, desto geringer werden die Chancen dafür, dass diese Familie zu einer kinderreichen wird.

Die Szenarios in Bezug auf Russland sind direkt entgegengesetzte – von einem aufgeschobenen Baby-Boom bis zu einer neuen demografischen Grube. Allerdings haben russische Wissenschaftler bereits ganz zu Beginn der Corona-Pandemie auf die hohe Wahrscheinlichkeit des zweiten Szenarios hingewiesen. „Die aktuelle sozial-epidemiologische Krise, ausgelöst durch die Coronavirus-Pandemie, wird vorrangig einen negativen Einfluss auf das reproduktive Verhalten der Bevölkerung durch den sozialen Stress und die begleitende Wirtschaftskrise ausüben“, warnte man in der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst.

Die Perspektive, die versäumten Geburten wieder wettzumachen, wird allem nach zu urteilen stark von Wirtschaftsfaktoren abhängen. Ende vergangenen Jahres teilte des Allrussische Meinungsforschungszentrum VTsIOM mit, dass 49 Prozent von 1600 befragten Bürgern Russlands in den nächsten drei Jahren die Geburt von Kindern planen würden, 46 Prozent aber eher nicht. Und diejenigen, die keine planen, nannten meistens als Ursachen materielle Probleme (39 Prozent der Befragten) und Wohnungsprobleme (30 Prozent).

Danach haben die Soziologen die Befragten mit der Frage konfrontiert, ob sie Kinder haben wollen und wie viele in dem Fall, dass – wenn man hypothetisch annimmt – ihnen dafür ideale Bedingungen geschaffen werden. Im Ergebnis erklärten 37 Prozent, dass sie zwei Kinder zur Welt bringen würden. Rund 32 Prozent würden gern drei Kinder in der Familie haben. Vier und mehr zu haben, träumten 15 Prozent der Befragten. Nur ein Kind – acht Prozent. Und nur vier Prozent der Befragten präzisierten, dass sie selbst unter idealen Bedingungen dennoch keine Kinder haben wollten, da sie diesbezüglich keinerlei besonderes Bedürfnis verspüren würden.

Also denn: Für eine Erhöhung der Geburtenrate in der Russischen Föderation muss man die gesamte Wirtschaftspolitik ändern, wobei man sie auf eine sozial-ökonomische Entwicklung ausrichtet und nicht einfach die Auszahlung von Beihilfen gewährleistet. Gebraucht werden hochbezahlte Arbeitsplätze, stabil steigende Einkommen, wirklich erschwinglicher und komfortabler Wohnraum und soziale Garantien.

Jelena Jegorowa, Laborleiterin der Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität, fügte hinzu: „Die instabile Wirtschaftssituation beeinflusst recht stark das Treffen der Entscheidung über die Geburt von Kindern und deren Anzahl. Wenn sich aber die Anzahl der Frauen im reproduktiven Alter verringert, werden selbst die Maßnahmen einer staatlichen Unterstützung stets ineffektiv sein“, betonte die Expertin. „Außerdem nehmen die Menschen recht schnell neue Varianten einer Unterstützung an. Und bereits nach einigen Jahren nimmt man sie als eine Norm wahr, wobei man weitere erwartet. So etwas passiert in allen entwickelten Ländern der Welt, die eine demografische Politik zur Erhöhung der Geburtenrate verabschieden“.

Der Generaldirektor des Instituts für Regionalprobleme Dmitrij Shurawljow warnt dabei davor, dass zu einer Folge der demografischen Polarisierung auch eine soziale Polarisierung nach einer Armut mit vielen Kindern (das, was bereits auf Schritt und Tritt anzutreffen ist) und nach einer relativ satten Einsamkeit werden könne. „Dies bringt einen unterschiedlichen Lebensstil hervor, eine unterschiedliche Kultur, deren Vertreter sich mit Misstrauen zueinander verhalten werden, was sowohl die soziale Stabilität als auch das Wirtschaftswachstum treffen wird“, schließt der Experte nicht aus.

Aufgrund des potenziellen Konfliktcharakters müsse der Staat nach Aussagen Shurawljows diesem Aufmerksamkeit schenken, wobei er den kinderreichen Unterstützung gewährt, aber auch insgesamt ein komfortables Umfeld für die Familien gestaltet, indem er ein System von Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen sowie einer kostenlosen und qualitätsgerechten Medizin entwickelt und dann Arbeitsplätze für die Jugend schafft.