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Russlands Engagement in Afrika verhindert eine „chinesische Mauer“


Russland kann den Warenaustausch mit den afrikanischen Ländern in den nächsten Jahren um ein 4faches erhöhen, wobei es sich auf Erfahrungen stützt, die nach in die Sowjetzeiten zurückreichen. Die Russische Föderation ist bereit, Erfahrungen aus der Förderung von Bodenschätzen zu teilen und noch mehr ihre Positionen als größter Lieferant von Militärerzeugnissen zu verstärken. Am Rande des 2. Gipfels „Russland-Afrika“ sprachen Staatsbeamte und Unternehmer davon, dass die Russische Föderation bereits auch High-Tech-Erzeugnisse anbieten könne. Die Versuche einer „infrastrukturellen“ Erweiterung des Einflusses, unter anderem die Appelle, in afrikanische Häfen zu investieren, können jedoch auf eine „chinesische Mauer“ stoßen. Schließlich investiert die Volksrepublik China aktiver als Russland in Afrika. Und hinsichtlich des Umfangs ihres Warenaustauschs kann sich Russland mit ihr bereits nicht mehr messen.

Russland und Afrika könnten in Bälde den Warenaustausch radikal aufstocken, erklärte der russische Präsident Wladimir Putin am Donnerstag bei der Tagung des Wirtschafts- und humanitären Forums Russland-Afrika, das im Rahmen des gleichnamigen und bereits zweiten Summits erfolgte. Der amtierende Leiter des Föderalen Zolldienstes der Russischen Föderation, Ruslan Dawydow, berichtete, dass im vergangenen Jahr der Anteil der Länder Afrikas am Außenhandelsumsatz Russlands 2,3 Prozent vom gesamten Warenumsatz der Russischen Föderation ausgemacht habe. Und im laufenden Jahr sei er bereits bis auf 3,7 Prozent angestiegen. „Gegenwärtig beläuft sich unser Warenumsatz auf 20 Milliarden Dollar. Und in den bevorstehenden vier Jahren werden ihn Russland und die Länder Afrikas verdoppeln“, erklärte seinerseits der Präsident der Afrikanischen Export- und Import-Bank (Afreximbank), Benedict Okey Oramah.

Die Wirtschaftskontakte mit dem Kontinent können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie war aber keine gleichmäßige. Von 1960 bis einschließlich 1984 hatte sich der Handelsumsatz der UdSSR mit den afrikanischen Ländern um das 13fache erhöht – bis auf 3,5 Milliarden Rubel (zwei Drittel des Handels entfielen auf Nordafrika, davon mehr als die Hälfte – auf Ägypten). Die UdSSR hatte in Ländern des Kontinents über 300 große Investitionsvorhaben realisiert.

Das russische Großbusiness hatte sich bereits in den 90er Jahren in Richtung des Kontinents bewegt. Die Unternehmer interessierten Edelsteine in Angola und Simbabwe, die Erdöllagerstätten in den Ländern Westafrikas und das Bauxit in Guinea. Was den Handel angeht, so machte laut Angaben des Föderalen Zolldienstes von den 17,7 Milliarden Dollar Handelsumsatz im Jahr 2021 der russische Export auf den Kontinent den Löwenanteil aus – 14,7 Milliarden Dollar. (Im vergangenen Jahr belief sich der Handelsumsatz auf 18 Milliarden Dollar. – Anmerkung der Redaktion) Die Russische Föderation kaufte in Afrika Waren für drei Milliarden Dollar ein. In der Struktur des russischen Imports dominieren Lebensmittel und landwirtschaftliche Rohstoffe (64 Prozent), Mangan-Konzentrate und mineralische Produkte sowie Textilien. Russland aber verkauft vor allem Getreide, Waffen und Gefechtstechnik sowie Erdölprodukte (auf diese drei Kategorien entfallen 70 Prozent des Umfangs). Die Hauptmengen des Handels entfielen traditionell auf Ägypten und Algerien (44 Prozent), Marokko, die Republik Südafrika und Senegal.

Neben dem Handel gewährt Russland Ländern des Kontinents traditionell wirtschaftliche Hilfe. Russland hat die Verschuldung der afrikanischen Länder entsprechend sowjetischen Krediten über einen Umfang von 20 Milliarden Dollar erlassen. Darunter Angola – 3,5 Milliarden Dollar (1996), Äthiopien – 4,8 Milliarden Dollar (2001), Algerien – 4,3 Milliarden Dollar (2006) und Libyen – 4,5 Milliarden Dollar (2008). Russlands Präsident nannte am 28. Juli beim eingangs erwähnten 2. Gipfeltreffen „Russland – Afrika“ gar die Zahl 23 Milliarden Rubel. (Freilich fanden sich im Land auch Kritiker solch eines Vorgehens, da die seit mehr als zehn Jahren im Raum stehenden Versprechen Putins hinsichtlich einer drastischen Verringerung der Armut in Russland nach wie vor Versprechen geblieben sind. – Anmerkung der Redaktion) Russland leistet Staaten des Kontinents auch im Rahmen solcher internationalen Strukturen wie das UNO-Entwicklungsprogramm und dem Internationalen Lebensmittelprogramm Hilfe. Nach Schätzungen der Organisation für Wirtschaftskooperation und Entwicklung (OECD) hatte die Russische Föderation Ländern Afrikas in den Jahren 2010-2018 insgesamt 270 Millionen Dollar bereitgestellt.

Das Thema russischer Getreidelieferungen für ärmste Länder erklang das ganze Jahr, solange der Getreide-Deal wirkte. Am Donnerstag hat Wladimir Putin erneut bekräftigt, dass Russland bereit sei, unentgeltlich als Hilfe Getreide in die bedürftigsten Länder Afrikas zu liefern. „Wir werden bereit sein, bereits in den nächsten drei, vier Monaten unentgeltlich jeweils 25.000 bis 50.000 Tonnen Getreide Burkina Faso, Simbabwe, Mali, Somalia, der Zentralafrikanischen Republik und Eritrea zur Verfügung zu stellen (umgerechnet ca. 3,5 Kilogramm Getreide pro Einwohner dieser sechs Staaten, wenn man von der Obergrenze der von Putin genannten Menge ausgeht – Anmerkung der Redaktion). Wir werden auch eine kostenlose Lieferung dieser Produkte an die Verbraucher gewährleisten“, erklärte der Kremlchef.

Außerdem erklärte die Russische Föderation die Bereitschaft, unentgeltlich in europäischen Häfen blockierte russische Düngemittel an afrikanische Länder zu liefern. „Wir haben beschlossen, dass wir die fast 300.000 Tonnen Düngemittel, die durch die Europäische Union in ihren Häfen auf Eis gelegt worden sind, an Länder Afrikas liefern werden“, sagte der Chef des Unternehmens „Uralchim“, Dmitrij Konjajew. Nach seinen Worten seien bereits drei Partien verschifft worden. Die letzte Partie sei vor kurzem erst in Kenia eingetroffen. „Die nächsten zwei Auslieferungen erfolgen nach Simbabwe und Nigeria“, sagte er.

Andrej Fursenko, Berater des russischen Staatsoberhauptes, ist sich gewiss, dass Afrika bald auch jene Metamorphose – darunter mit Hilfe Russlands – durchmachen werde, die die Russische Föderation auch selbst durchlaufen und sich buchstäblich vor aller Augen aus einem Netto-Importeur von Lebensmitteln in einen großen internationalen Produzenten dieser Erzeugnisse verwandelt hätte. „In Afrika gibt es riesige unbearbeitete Bodenflächen, auf denen man Produkte anbauen kann. Dafür werden aber neue Technologien, neue Vorgehensweisen gebraucht. Und dafür sind qualifizierte Menschen nötig“, sagte er, wobei er präzisierte, dass Russland bereit sei, in allen Richtungen nicht einfach Unterstützung zu leisten, sondern ein Partner zu sein, damit sich diese wichtigen kritischen Richtungen entwickeln“.

Und „Rosatom“-Chef Alexej Lichatschow blickt noch globaler. Nach seinen Worten sei es Aufgabe der heutigen Generation, so zu handeln, dass bis Mitte des Jahrhunderts die Lebensqualität in Afrika nicht schlechter als auf anderen Kontinenten sei. Nach seinen Worten sei die Kernenergetik für Afrika die Möglichkeit, die Distanz zu verringern und innerhalb weniger Jahrzehnte das zu leisten, wofür für andere Zivilisationen hunderte Jahre ins Land gegangenen sind. Am Donnerstag unterzeichneten Rosatom-Vertreter ein Memorandum über die Teilnahme an Projekten zur Entsalzung, Wasseraufbereitung und Wasserreinigung in Marokko (eine Entsalzungs- und Wasseraufbereitungsanlage, die mit einem Kernkraftwerk gekoppelt ist, wird gegenwärtig im türkischen AKW Akkuyu gebaut). Und am Freitag folgten weitere Ankündigungen für das afrikanische Engagement von Rosatom.

Afrika ist nach Eurasien der zweite Kontinent hinsichtlich der Bevölkerungsanzahl. Dort leben über 1,4 Milliarden Menschen. 600 Millionen von ihnen haben aber keinen Zugang zu elektrischem Strom, meint Igbal Gulijew, Mitglied des kremlnahen Valdai-Clubs und stellvertretender Direktor des Internationalen Instituts für Energiepolitik und Diplomatie der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO. Im Vorfeld des Forums hatte Russlands Energieminister Nikolaj Schulginow berichtet, dass es in Afrika bereits Projekte mit einer russischen Beteiligung gebe – in Algerien, Ägypten, im Kongo, in Kamerun und Nigeria. „In einer unterschiedlichen Entwicklungsphase befinden sich derzeit über 30 perspektivreiche Projekte des Brennstoff- und Energiekomplexes mit einer russischen Beteiligung in Bezug auf Erdöl und Erdgas sowie der Elektroenergetik in 16 afrikanischen Ländern. Zu den perspektivreichsten Richtungen unserer Zusammenarbeit können die Erkundung und Erschließung von Kohlenwasserstoffen sowie die Errichtung einer Erdöl- und Gasverarbeitungs- und Öl- und Gastransportinfrastruktur sowie die Modernisierung bereits arbeitender und der Bau neuer Objekte für eine Stromerzeugung in Ländern Afrikas werden“, sagte der Minister.

Laut Angaben des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) ist Russland auch der größte Waffenlieferant nach Afrika. Im Zeitraum 2017-2012 entfielen 44 Prozent des kontinentalen Waffenmarktes auf Russland (auf die USA 17 Prozent, die Volksrepublik China zehn Prozent). Rund 60 Prozent der russischen Militärerzeugnisse sind nach Algerien geliefert worden. Unter den größten Kunden Moskaus sind gleichfalls Ägypten, Angola, der Sudan, Uganda und Äthiopien. Laut Angaben des Föderalen Dienstes für militärtechnische Zusammenarbeit belief sich im Jahr 2021 die Gesamtsumme der Aufträge auf 14 Milliarden Dollar. Die afrikanischen Länder demonstrieren ein nachhaltiges Interesse für russische Luftabwehrmittel mit einer geringen und mittleren Reichweite, unter anderem für die Systeme „Panzir-S1“ und „Tor-M2E“, erklärte am Donnerstag der Direktor des Dienstes, Dmitrij Schugajew. Somit überrascht nicht, dass derzeit 20 Prozent aller Aufträge für russische Militärtechnik und Waffen gerade auf afrikanische Länder entfielen.

Das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung schlägt zur gleichen Zeit vor, aktiver in die Infrastruktur des Kontinents zu investieren. Russland müsse die Investitionen in die Hafen-Infrastruktur der Länder Afrikas verstärken, um den Handel weiterhin zu entwickeln, erklärte Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow am Rande des 2. Gipfels „Russland-Afrika“. Diese Initiative kann jedoch auf ein sehr ernsthaftes Hindernis stoßen. Die Sache ist die, dass China seine Präsenz in Afrika mit der Verabschiedung der Initiative „Ein Gürtel – eine Straße“ aktivierte. Und viele Häfen sowohl an der westlichen als auch an der östlichen Küste von Afrika befinden sich bereits unter chinesischer Kontrolle. Möglicherweise hatte auch dieser Umstand dem Land der Mitte erlaubt, sich so stark von der Russischen Föderation hinsichtlich des Umfangs des Handels mit den Ländern des Kontinents zu lösen und einen Riesenvorsprung zu erreichen.

„China übertrifft um mehr als das 15fache die russisch-afrikanischen Beziehungen im Bereich des Handels. Der Handelsumsatz belief sich im vergangenen Jahr zwischen China und Afrika auf 280 Milliarden Dollar. Sie in Afrika aus der Sicht der Investitionen zu überholen, ist für uns praktisch unmöglich“, schrieb in seinem Telegram-Kanal Alexej Maslow, Direktor des Instituts für die Länder Asiens und Afrikas an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität. Dabei sieht Maslow vorerst kein kritisches Überschneiden der russischen und der chinesischen Interessen in Afrika in solch einer Weise, dass sowohl Russland als auch China Ansprüche auf ein Projekt anmelden. „In der Perspektive ist dies aber nicht ausgeschlossen“, schreibt er.