Die ersten Zwischenergebnisse der Einschränkungen für das mobile Internet im Land und des Kampfes gegen einige Services bilanzierend, hat die russische IT-Branche nun einen Verlust der Bestimmtheit für die Investitionen signalisiert, was sich in der Zukunft verderblich auf die Digitalisierung auswirken könne. Die IT-Entwickler informierten über die Notwendigkeit, innerhalb eines maximal knappen Zeitraums von den Offiziellen eine klare Antwort darüber zu erhalten, was sich im Land mit dem Internet abspielt und wie lange die Einschränkungen andauern werden. Das entsprechende Business hofft auf eine Normalisierung des Dialogs mit den Behörden, denn in der aktuellen Etappe sei dieser Dialog nach dessen Einschätzungen nicht so effizient, wie man es gern hätte. Als Beispiel für die gestörte Kommunikation führte das IT-Business die Undurchsichtigkeit bei der Erstellung der „weißen Listen“ an, deren Auftauchen bisher eher als ein negativer denn positiver Faktor angesehen wird.
Vertreter der russischen IT-Branche beschreiben ihre Perspektiven in düsteren Tönen. „Unter den Bedingungen einer Instabilität verstehen wir, die IT-Vertreter, nicht, ob es in einem Monat oder in einem halben Jahr das Internet geben wird… Wir müssen verstehen, nach ungefähr welcher Zeit alles (das störungsfreie Funktionieren des Internets und der digitalen Services — „NG“) wiederhergestellt werden kann. Wir müssen einen Kommentar von den Offiziellen erhalten, wünschenswert wäre, direkt jetzt, denn in wenigen Monaten, in einem halben Jahr kann die Branche in Ruinen liegen“, teilte auf einer Pressekonferenz in der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung „Russoft“, Sergej Wotjakow, mit (die Vereinigung repräsentiert, wie auf ihrer Internetseite ausgewiesen wurde, die gesamte Industrie für Software-Entwicklung im Land).
Wotjakow berichtete gleichfalls, dass es unter den entstandenen Bedingungen schwer werde, in neue digitale Produkte zu investieren. Ja und es sei auch problematisch, die alten im erforderlichen Zustand zu halten. Das Risiko, dass das IT-Business beginnen werde, die Investitionen in die Digitalisierung zu reduzieren, sei real. Laut Informationen Wotjakows würden sich die Eigentümer bereits darüber Gedanken machen.
Wie sich aus seinen Erklärungen ergab, rede das Business ungeachtet allen Geredes über die Sicherheit (und das man sie gewährleisten muss, bestreitet keiner; die ganze Frage besteht darin, mit welchen Mitteln dies getan wird und ob sie wirklich helfen) dennoch in einer etwas anderen Sprache – in der Sprache der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit. Die Investitionen in digitale Produkte müssen sich rentieren. Wenn aber viele diese Produkte nicht in vollem Maße nutzen können, wozu dann in sie investieren?
Nach Einschätzungen von IT-Entwicklern sei der Dialog der Offiziellen mit dem entsprechenden Business derzeit „kein so guter, wie man es gern hätte“. Daher sei es wichtig, dass sich dieser Dialog normalisiere und fortsetze. Als Beispiel für eine gestörte Kommunikation führten sie die Situation um die sogenannten „weißen Listen“ an. Es erschien als logisch, dass in diese Listen vor allem die Services, die am meisten gebraucht werden, aufgenommen werden. Doch in der Branche gebe es, wie Wotjakow erzählte, tatsächlich kein klares Verständnis dahingehend, entsprechend welchen Kriterien sie erstellt werden und wie der Algorithmus der Handlungen für eine Aufnahme von Services in diese aussieht. „Man muss die Regeln für eine Aufnahme in diese publizieren, muss sie erklären…Ein umfangreicheres Informieren wäre wünschenswert“, sagte Wotjakow.
Vorerst befürchtet die Branchen-Community, dass solche „weißen Listen“ zu einem beschnittenen Ersatz des Internets werden: es werden nur jene digitalen Ressourcen und Services bleiben, die in das genehmigte Verzeichnis aufgenommen worden sind. Und die übrigen werden sterben.
Seinerseits sagte Valerij Kornejew, der Vorsitzende des Verbands „Digitale Welt“, der in den Behörden die Interessen der digitalen Plattformen vertritt, auf der TASS-Pressekonferenz, dass man jetzt die Aufmerksamkeit in erster Linie auf jene digitale Services lenken müsse, die bei uns bereits existieren. Man müsse deren Arbeit so organisieren, dass für die Bürger und für das Business die Verluste hinsichtlich des Nutzungskomforts als auch aus finanzieller Sicht minimale sind.
Seiner Wortmeldung nach zu urteilen, betrifft dies die Banken-, Transport- und anderen bereits existierenden Services inklusive sozialer Netzwerke.
Die Vertreter der Branche in Gestalt der Assoziation „Russoft“ und des Verbands „Digitale Welt“ haben mehrere – wie man beurteilen kann – Kompromissvorschläge formuliert, die die sozial-ökonomischen Probleme bei der Verstärkung der Cyber-Sicherheit des Landes minimieren sollen.
Der erste Punkt betrifft eine punktuelle Verlangsamung anstelle einer vollständigen Abschaltung von Ressourcen. In diesem Fall wird vorgeschlagen, die Geschwindigkeit nur für einen verdächtigen und schädlichen Traffic zu verringern. Wie IT-Spezialisten meinen, sei dies technisch realisierbar. Und dann werde bei Bewahrung des Zugangs für die gewöhnlichen Nutzer zu den legalen Services die Neuerung die Belastung für die Infrastruktur verringern und das Interesse für ein Umgehen der Restriktionen vermindern.
Der zweite Vorschlag wurde mit dem Titel „Digitaler Komfort für die Bürger“ versehen. Die Position der Branche besteht darin, dass jegliche Restriktionen im Internet nicht die Lebensqualität der gewöhnlichen Nutzer verschlechtern dürfen. Die Aufgabe der IT-Spezialisten sei, eine störungsfreie Arbeit der kritisch wichtigen Services (Medizin, Taxis, staatliche Leistungen, Banken) zu garantieren, bequeme Interfaces zu bewahren und die Unannehmlichkeiten zu minimieren.
Für die Einhaltung dieser Prinzipien wird vorgeschlagen, beim Ministerium für digitale Entwicklung eine Kommission unter Beteiligung von Vertretern der Branche und Abgeordneten für eine operative Ergänzung der Listen durch neue, sozial relevante Services zu bilden.
Der dritte Vorschlag sieht vor, bevollmächtigte VPN anstelle der Verhängung eines totalen Verbots zu nutzen. „Ein vollständiges Verbot von VPN-Services fügt dem Business Schaden zu und verringert den Grad der Cyber-Sicherheit“, warnte man in der IT-Community. „Die Branche schlägt neben sicheren Lösungen, die bereits für den staatlichen Sektor und große Korporationen gebilligt wurden, vor, ein separates Verzeichnis geprüfter VPN-Services für die Subjekte des Kleinunternehmertums und des Mittelstands anzulegen“.
Der vierte Punkt betrifft eine Legalisierung des Zugangs von beim Ministerium für digitale Entwicklung akkreditierten IT-Unternehmen zu internationalen Services vor – zu allen notwendigen Instrumenten für die Entwickler inklusive ausländischer Plattformen, Bibliotheken und Repositorien (verwaltete digitale Speicherorte oder Dokumentenserver, die der langfristigen Aufbewahrung, Strukturierung und Bereitstellung von digitalen Objekten dienen – Anmerkung der Redaktion).
Und schließlich ein fünfter, nicht weniger bedeutsamer Vorschlag: Es sollte ein Moratorium für die Implementierung neuer Systeme, die eine massenhafte Sammlung von Personendaten vorsehen und von störungsfreien mobilen Fernmeldeverbindungen abhängen, verhängt werden.
Dies betreffe laut einer Präzisierung von IT-Spezialisten beispielsweise die Initiative zur Legalisierung des Online-Verkaufs von Alkohol, Energydrinks und Tabakerzeugnissen, die eine Überprüfung der Daten im Real-Time-Regime erfordern.
„Unter den aktuellen Bedingungen muss zu einer Priorität nicht die Verstärkung des Traffics und der Belastungen für die Infrastruktur werden, sondern die Gewährleistung der Stabilität und des Schutzes der bereits arbeitenden kritisch wichtigen Services“, meint man in der Branche.
Geplant ist jetzt, zusammen mit Parlamentariern ein entsprechendes Schreiben vorzubereiten und an die Regierung zu senden.