Die meisten Bürger Russlands stehen Korruption negativ gegenüber. Zu ihren Folgen rechnen die Bürger eine Zuspitzung der sozialen Probleme, eine ineffiziente Nutzung der Haushaltsausgaben und eine soziale Ungleichheit. Für die russischen jungen Menschen ist aber die Wahrnehmung von Korruption als eine Norm des Lebens charakteristisch. Und Soziologen sprechen von eine Krise des Vertrauens der jungen Russen gegenüber den staatlichen und gesellschaftlichen Instituten. Und sie heben bei den jungen Menschen ein „Einbrechen“ der Werte des Dienens für den Staat und die Gesellschaft hervor.
Nach dem Auftauchen (und der regelmäßigen Aktualisierung) der nationalen Pläne für eine Korruptionsbekämpfung veröffentlichen viele Institutionen, Regionen und Einrichtungen in der Russischen Föderation gleichfalls ihre eigenen Pläne zur Korruptionsbekämpfung. Gleichzeitig damit versuchen russische Wissenschaftler, die Haltung unterschiedlicher Schichten unserer Bevölkerung zu Korruptionsschemen einzuschätzen.
Die russische Jugend im Alter von 18 bis 23 Jahren demonstriere eine größere Bereitschaft zu einer Teilnahme an Korruptionsschemen, wird in einer neuen Arbeit der Mitarbeiterin des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften Jana Ardeljanowa hervorgehoben.
„Je älter die Befragten, desto kategorischer nehmen sie die Korruption negativ wahr. Menschen mit einem Alter über dem Durchschnittsalter halten gleichfalls die Ausnutzung persönlicher Beziehungen für eine Form von Korruption. Die Haltung zur Korruption als eine Lebensnorm ist eher für Menschen des jungen Alters (24 bis 39 Jahre) charakteristisch“, schreibt die Forscherin. Und am häufigsten stehen die Befragten im Alter von 18 bis 23 Jahren der Korruption neutral gegenüber.
Nach Aussagen der Soziologin seien die russischen jungen Menschen eine besondere Risikogruppe hinsichtlich einer Involvierung oder neutralen Haltung gegenüber Korruptionsschemen. Die große sozial-ökonomische Aktivität (Beginn eines Hochschulstudiums, die Beschaffung eines Arbeitsplatzes sowie das Aufsuchen medizinischer Einrichtungen) erhöhe die Wahrscheinlichkeit einer Involvierung der jungen Generation in Korruptionspraktiken, meint die Wissenschaftlerin. Dabei befinde sich nach Aussagen der Expertin das Wertesystem der Jugendlichen im Stadium einer Herausbildung.
Dennoch hebt die Soziologin ein offenkundiges Einbrechen der Werte der russischen Jugendlichen hinsichtlich eines Dienens für den Staat und die Gesellschaft hervor. Die Ergebnisse der Untersuchung demonstrieren eine Krise des Vertrauens in staatliche und gesellschaftliche Institute. Die Soziologin betont einen spürbareren Einfluss des digitalen Umfeld, in dem informelle Führungskräfte (Blogger) den Einfluss offizieller Persönlichkeiten und Einrichtungen verdrängen. Solche Schlussfolgerungen zieht die Soziologin „nach einem sorgfältigen Studium der Materialien einer großangelegten Untersuchung der Werte-Orientierungen der heutigen jungen Menschen“.
Die persönlichen Erfahrungen aus einer Erpressung seien der stärkste Faktor, sagen die Soziologen. Diejenigen, die mit Nötigung konfrontiert wurden, besitzen größere Chancen, zur Zahlung von Bestechungen bereit zu sein. Dies bestätigt die Hypothese, wonach negative Erfahrungen keine Ablehnung von Korruption ausprägen, sondern im Gegenteil sie als eine Form des Zusammenwirkens mit Institutionen normalisiert.
Die Haltung der Gesellschaft zu Erscheinungen von Korruption fixieren verschiedenartige soziologische Befragungen. „Nach Meinung von 20 Prozent der Befragten nehme der Grad der Korruption in der Russischen Föderation ab. Doch 35 Prozent der Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage sind dagegen der Auffassung, dass er zunehme“, kommentieren Spezialisten der Stiftung „Öffentliche Meinung“ die Daten eigener Umfrage. Rund 21 Prozent der Befragten sind der Annahme, dass sich im Land fast nichts hinsichtlich der Verbreitung von Korruption verändere. Dabei glauben 43 Prozent der Befragten an die Möglichkeit, die Korruption in Russland zu besiegen, während 47 Prozent davon überzeugt sind, dass sie nicht zu überwinden sei. Die Anteile jener, die an die Möglichkeit einer Verringerung des Grads der Korruption in Russland glauben oder nicht glauben, decken sich (41 Prozent).
In den Antworten auf die offene Frage danach, wie sich die Formen der Korruption in der letzten Zeit verändert haben, betonten die Befragten das „Auftauchen neuer Formen für eine Übergabe von Geldern (Kryptowährungen, elektronische Überweisungen)“, eine „Zunahme der Bestechungssummen“, eine „große Offenheit der Korruptionsgeschäfte bei einer gleichzeitigen Zunahme der Vorsicht der Beteiligten“ und eine „Institutionalisierung der Korruption als eine selbstverständliche Erscheinung“.
Zu Tatsachen einer zu verachtenden Korruption rechnen die Befragten Handlungen, die man als grobe Verletzung der bestehenden Ordnung oder widerrechtliche Handlungen von Amtspersonen qualifizieren kann – der Erhalt von Fahrerlaubnissen ohne Absolvierung der Prüfungsprozeduren, die Beendigung eines Strafverfahrens, die Beeinflussung eines positiven Ausgangs eines Verfahrens. Der Erwerb eines Krankenscheins oder die Bezahlung einer Zwischenprüfung auf Initiative eines Studenten werde mit weniger verurteilenden Bewertungen wahrgenommen und gerate in den Graubereich der Korruption, wird in einer gemeinsamen Arbeit von Spezialisten der in Moskau ansässigen Wirtschaftshochschule, der Petersburger staatlichen Universität und der Gesellschaft „Znanije“ (deutsch: „Wissen“) betont.
Soziologen verweisen auch auf offene Widersprüche in der Haltung von Russlands Bürgern zur Korruption. Bei einem hohen Grad an Verurteilung eines korrupten Verhaltens und der Anerkennung strenger Bestrafungen für korrupte Personen als effektivste Maßnahmen sind die Bürger Russlands praktisch nicht bereit, bei der Unterbindung von Korruptionshandlungen zu helfen. Die Soziologen schlagen vor, eine Erklärung für solch einen Widerspruch „in dem Gemeinschaftscharakter des traditionellen Bewusstseins, in den historischen Erinnerungen und in der gesellschaftlichen Verurteilung von Denunziantentum“ zu suchen.
Ein großer Teil der Korruptionspraktiken (solcher wie Schenkungen, ein freiwilliges Zahlen von Bestechungen, gegenseitige Leistungen, Geschäftsvereinbarungen, die Prämierung für die Gewährung vorteilhafterer Bedingungen u. a.) befinde sich im Graubereich der Korruption, der von Russlands Bürgern als zivilisierte partnerschaftliche Beziehungen wahrgenommen wird, gestehen die Forscher ein.