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Russlands Logistik erwartet grundlegende Umgestaltung


Die traditionellen Routen für die Lieferungen europäischer Erzeugnisse sind in Russland aufgrund der Sanktionsverbote heute fast gar nicht ausgelastet. Und für die Warenlieferungen unter Umgehung Europas reichen die Transportkapazitäten in Russland offenkundig nicht aus. Der viele Jahre lang diskutierte Nord-Süd-Transportkorridor, der aus Indien bis nach Sankt Petersburg führt, ist heutzutage noch nicht auf eine mehrfache Steigerung des Güterstroms eingestellt. In der russischen Regierung gesteht man ein, dass unser Land eine Neuformatierung der Export- und Import-Korridore braucht.

Die gegen Russland verhängten Sanktionen hätten praktisch die gesamte Logistik in unserem Land kaputtgemacht. Sie seien aber zu einem Stimulus zur Suche nach neuen logistischen Korridoren geworden, erklärte der russische Transportminister Vitalij Saweljew bei einem Besuch im Verwaltungsgebiet Astrachan.

Nach Beginn der Ukraine-Krise haben die größten Container-Firmen und Logistik-Unternehmen sowie die Unternehmen für das Buchen von Schiffen begonnen, Transporte aus Russland oder nach Russland zu blockieren. Die westlichen Länder sperrten den Luftraum für russische Fluggesellschaften.

Als einen der alternativen Korridore bezeichnete Saweljew den internationalen Transportkorridor „Nord-Süd“, der Russland, Aserbaidschan, den Iran und Indien verbinden soll.Dies ist vom Wesen her ein Netzwerk von See-, Bahn- und Autorouten mit einer Länge von 7200 Kilometern. Von russischer Seite aus verläuft die Route über die Häfen Olja, Astrachan und Machatschkala. „Hinsichtlich dieser Häfen, Zufahrten zu den Häfen, der Brücken und Straßen darf es keine Engpässe geben, die uns nicht erlauben würden, sich umzustellen“, sagte Saweljew.

Das Regierungsabkommen über die Schaffung dieses Korridors war von Russland, Indien und dem Iran bereits im Jahr 2000 unterzeichnet worden. Später haben sich ihm noch einige Staaten angeschlossen. Das ursprüngliche Ziel des Projekts bestand in einer Reduzierung des Frachtguttransits aus Indien, aus dem Iran und den Ländern des Persischen Golfs über russisches Territorium nach Europa, da sich im Vergleich zur Seeroute durch den Suez-Kanal die Entfernung um mehr als die Hälfte verringert, was die Transportdauer und -kosten verringern würde. Experten betonen jedoch, dass die Entwicklung der Route sehr langsam erfolge. Und Investitionen sind dafür irgendwie mehrere Jahrzehnte lang nicht geflossen.

Die Wirtschaft hat ein Interesse an der Entwicklung des „Nord-Süd“-Korridors im Rahmen einer Partnerschaft zwischen dem Staat und der privaten Wirtschaft. Er besitze eine Perspektive, aber er brauche nicht nur große Investitionen zur Entwicklung der Infrastruktur, sondern auch eine ernsthafte Arbeit zur Organisierung beispielsweise einer versicherungsseitigen Absicherung der Frachtgüter, sagte der „NG“ der Leiter der Internationalen Logistik-Allianz ACEX Miroslaw Solotarjow, der seine Position bei einem Forum in Machatschkala formulierte.

„Es lohnt nicht, diese Route als eine Alternative für den Frachtguttransport aus Europa anzusehen. Sie könnte aber in der Perspektive zu einer kürzeren Alternative für die Beförderung von Frachtgütern aus Indien und Lateinamerika in unseren europäischen Teil werden, die derzeit über die fernöstlichen Häfen transportiert werden. Man muss jedoch dafür ernsthafte Investitionen vornehmen, die in den letzten zehn Jahren auf einem Null-Niveau waren. Zum Vergleich: Während die Umschlagmengen unserer Häfen im Fernen Osten, in Sankt Petersburg und Noworossijsk im Jahr 2021 200 Millionen Tonnen überstiegen (hinsichtlich einer jeden den Richtungen), so haben alle drei Häfen am Kaspischen Meer ganze sieben Millionen Tonnen umgeschlagen. Das heißt, selbst eine Aufstockung ihrer Kapazitäten um das 2- bis 3fache wird ihnen erlauben, lediglich ein Zehntel des Anteils von den Häfen in den anderen Richtungen zu erreichen“, sagte Solotarjow.

Zur gleichen Zeit könne man nach Aussagen des Experten diese Route „pushen“. „Der Iran investiert derzeit nicht stark in das Vorhaben. Über die Route erfolgen bisher mit Hilfe weniger und kleiner Schiffe Transporte von Getreide und Produkten der Erdölverarbeitung. Wenn aber ernsthafte russische Investitionen für eine Entwicklung des Container-Verkehrs erfolgen und Arbeiten zur Gewährleistung einer internationalen Versicherung der Frachtgüter vorgenommen werden, wird die Route gefragt sein“, ist sich Solotarjow gewiss.

Der geschäftsführende Partner des Unternehmens „Infra Projekte“ Alexej Besborodow verneint nicht, dass in Russlands Logistik viele Probleme zu beobachten seien. Er stimmt aber nicht der Meinung von Minister Saweljew zu, dass die Sanktionen praktisch die gesamte Logistik kaputtgemacht hätten. „Es gibt natürlich viele Probleme. Aber zu sagen, dass alles zerstört sei, dies ist eine offenkundige Übertreibung. Tatsächlich arbeitet das Transportwesen, die Logistik funktioniert, der inländische Versorgungsgrad mit Waren ist ein hoher. Ja, es gibt Restriktionen in der europäischen Richtung. Aber dort ändern sich die Verträge, verändern sich die Routen. Waren treffen ein, wohl außer Bauteile für die Autoindustrie. Es erfolgt eine signifikante Zunahme des Handels mit China. Innerhalb von vier Monaten ist der Import in die Russische Föderation von dort um elf Prozent im Vergleich zum analogen Zeitraum des Vorjahres angestiegen und erreichte 20,2 Milliarden Dollar“, sagte Besborodow. „Was den internationalen Transportkorridor „Nord-Süd“ angeht, dies ist ein absolutes Phantasie-Thema. Außer hinsichtlich der Arbeit hinsichtlich der Bahn an der Westküste des Kaspischen Meeres kann da nichts besonders gesagt werden. Diese Route ist weder mit einer Motivations- noch mit einer infrastrukturellen oder mit einer juristischen Komponente ausgestattet worden. Wenn die Route innerhalb von Jahrzehnten nicht zu funktionieren begonnen hat, so wird sie auch jetzt wohl die Arbeit aufnehmen. Der Iran ist nicht der nötige Transitpartner. Dort gibt es gleichfalls keine notwendige Infrastruktur. Und für die Unversehrtheit der Frachtgüter haftet keiner. Während bei uns die Vertreter der Rechtsschutzorgane oft verdeckte Geschäftsleute sind, so sind sie im Iran offenkundige. Sie besitzen ganze Branchen. Und die russischen Unternehmer haben nach unglücklichen Erfahrungen kein Vertrauen in sie“.

Im März hatte man im Industrie- und Handelsministerium prognostiziert, dass Russland drei bis sechs Monate brauchen würde, um die Ex- und Importkanäle mit den Ländern, die bereit sind, die Zusammenarbeit fortzusetzen, umzugestalten. Den konkreten Vorhaben auf der „Nord-Süd“-Route nach zu urteilen, kann sich die Arbeit jedoch über lange Jahre hinziehen.

In Russland gibt es 313 funktionierende Grenzübergangsstellen, von denen 89 eine Schlüsselbedeutung besitzen. Sie sichern dem Land praktisch 80 Prozent des Umsatzes, berichtete Saweljw. Er teilte mit, dass Karausek an der russisch-kasachischen Grenze einer der entscheidenden am internationalen Transportkorridor „Nord-Süd“ sei. Und er werde zu einer Entwicklung des Korridors bis zum Jahr 2025 bereit sein.

Russland müsse auf neue Art und Weise die Logistik-Fragen bei der Entwicklung des Handels für eine erfolgreiche Wende der russischen Außenwirtschaftstätigkeit gen Asien lösen, erklärte Maxim Reschetnikow, Minister für Wirtschaftsentwicklung, in Thailands Hauptstadt Bangkok, wo ein Treffen der Handelsminister der Teilnehmerländer des Forums für asiatisch-pazifischen Wirtschaftszusammenarbeit erfolgt.

„Die Logistik-Ketten, die es derzeit gibt, eignen sich für einen Handel zum Beispiel von Getreide, für einen Handel mit Erdölprodukten. Was aber beispielsweise die Lieferungen von Düngemitteln angeht, so ergibt sich hier eine kompliziertere Logistik – wohin sollen sie gebracht werden, wie können sie verladen werden“, erläuterte Reschetnikow.

„Befördert man sie über den Nordwesten unseres Landes, ergibt sich ein großer Bogen. Wir entwickeln derzeit beispielsweise den „Nord-Süd“-Korridor unter Verwendung der Infrastruktur unserer südlichen Nachbarn. Auch bestehen Möglichkeiten für eine Ausnutzung der eurasischen Infrastruktur, des Potentials unserer Nachbarn als Transitländer“, meinte er. Nach Aussagen des Ministers erfolge gleichzeitig in Russland eine Erweiterung der Kapazitäten der Häfen im Fernen Osten.