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Russlands neue Weltraumstation – ein nicht auf der Hand liegendes Projekt


Anfang September dieses Jahres kündigte Roskosmos-Chef Dmitrij Rogosin die Pläne an, in fünf bis sechs Jahren einen neuen nationalen bemannten Weltraumkomplex auf einer tiefliegenden Umlaufbahn – die russische orbitale und Dienststation (RUDS) – zu entfalten. Die Sache ist die, dass Spezialisten einen lawinenartigen Ausfall von zahlreichen Elementen an Bord der existierenden Internationalen Raumstation (ISS) nach 2025 prognostizieren. Und die Kosten für ihren Unterhalt würden mit den Kosten der Schaffung einer neuen Station vergleichbare sein.

Die RUDS wird nicht ständig besetzt sein

Die russische orbitale und Dienststation soll zu einem Evolutionsschritt bei der Ausarbeitung eines Programms zur Erforschung und Erschließung des Monds, für Mars-Flüge sowie für die Realisierung innovativer wissenschaftlich-technischer Programme im Kosmos werden. Wie Rogosin betonte, werde die RUDS zu einem Prototyp von Modulen, die nach Jahrzehnten zu anderen Planeten auf den Weg gebracht werden sollen. Dabei werde die Neigung der Umlaufbahn der RUDS 97 bis 98 Grad ausmachen, was den Kosmonauten erlauben werde, das gesamte Territorium Russlands, aber auch die Polargebiete der Erde, darunter ebenfalls die Region des Nördlichen Seeweges zu sehen. Zum Vergleich: Von der Umlaufbahn der ISS aus sind heute nur 20 Prozent des Territoriums unseres Landes zu sehen. Die Starts werden möglicherweise von drei Kosmodromen aus – von Baikonur, Wostotschnyj und Plessezk – mit Hilfe von Raketen des Typs „Sojus.MS“ und „Progress-MS“ oder „Orjol“ der Trägerrakete „Sojus-2“ oder „Angara-A5M“ vorgenommen werden.

Die Ausarbeitung des Reißbrett-Projekts für die Station soll, so plant man, in das Föderale Weltraumprogramm für das Jahr 2025 aufgenommen werden. Und die Schaffung der RUDS direkt im All kann im Jahr 2027 beginnen. Dabei wird Russland im Verlauf der ersten zwei Jahre nach 2025 die Nutzung des russischen ISS-Segments fortsetzen, wenn es gelingt, mit den USA deren kommerzielle Nutzung zu vereinbaren.

Der Raketen- und Weltraumkonzern „Energia“ habe bereits die Gestaltung eines Reißbrett-Projekts für die RUDS begonnen, erklärte der Generalkonstrukteur des Unternehmens, Wladimir Solowjow. Die Finanzierung des Vorhabens beginne nach seinen Worten ab Januar kommenden Jahres. Derzeit werde ein Vorlauf für das Reißbrett-Projekt geschaffen. Gearbeitet werde an der technischen Aufgabenstellung. Und man nehme Anfangsarbeiten vor.

In der Station wird es keine ständige Besatzung geben. Die RUDS wird zu einem Weltraum-Hub für kleine kosmische Apparate. Die Kosmonauten werden periodisch zur RUDS fliegen. Die Station soll so konstruiert werden, dass sie orbitale Apparate bedienen wird. Die aus mehreren Modulen bestehende Station wird entsprechend dem Prinzip einer offenen Architektur und mit einer unbegrenzten Einsatzdauer dank austauschbarer Module errichtet. Insgesamt wird es fünf Module geben. Die Gesamtmasse der neuen Weltraumstation wird rund 60 Tonnen ausmachen.

Auf Module wird gesetzt werden

Zum ersten Modul der neuen Station wird eventuell das Wissenschafts- und Energie-Modul. Früher war es für die ISS bestimmt gewesen. Denn es wird bereits seit 2012 entwickelt. Es sollte ursprünglich die Energie-Unabhängigkeit des russischen Segments der ISS gewährleisten. Gegenwärtig erhält es vom US-amerikanischen Segment elektrischen Strom.

Das Wissenschafts- und Energie-Modul soll eines der größten Module in der Geschichte der russischen Raumfahrt werden. Das Volumen der hermetischen Sektion beträgt 92 Kubikmeter. Die wird man entsprechend der eigentlichen Zweckbestimmung, aber auch als Lager und als Labor nutzen können. Nun hat man entschieden, das Modul in die RUDS zu integrieren. Gestartet werden soll es mit Hilfe der neuen „Angara“-Trägerrakete. Für die Fertigstellung dieses bereits fertigen Basismoduls für die künftige Station sind rund vier Jahre erforderlich. Nach ihm wird das neue Adapter-Modul „Pritschal“ („Piers“) zur RUDS hinzugefügt werden. Es handelt sich dabei um eine Art Kugel mit sechs Andockstellen. Dieses Modul ist bereits gebaut worden.

Das Schleusenmodul, das dafür erforderlich ist, dass die Kosmonauten in den offenen Weltraum gelangen können, wird das letzte Element der RUDS der ersten Etappe sein. Physisch gibt es dieses noch nicht, doch der Entwurf ist bereits im Raketen- und Weltraumkonzern „Energia“ ausgearbeitet worden.

In der zweiten Etappe der Entfaltung (2030-2035) werden noch eine Reihe von Modulen von den Kosmodromen Plessezk und Wostotschnyj aus gestartet, darunter ein Produktionsmodul, aber auch eine Plattform zur Abfertigung von Kosmos-Apparaten mit einem Ausleger. Auf ihr wird man unterschiedliche automatische Apparate und Satelliten parken können. Dort sollen auch deren Reparatur, Auftankung und das Justieren der Nutzlast vorgenommen werden. Danach sollen sie wieder auf ihre Umlaufbahnen gebracht werden.

Das veränderbare Modul erinnert an Entwicklungen für aufblasbare Module der amerikanischen privaten Firma „Bigelow Aerospace“. Das russische soll jedoch eine erhöhte Funktionalität besitzen und eine größere Beständigkeit gegenüber dem Aufprallen von Weltraum-Müll und Mikrometeoriten aufweisen. Die Startmasse beträgt 4750 Kilogramm. Das veränderbare Modul soll zur hauptsächlichen Wohnzone der Station werden. Sein Start soll laut Plan mit einer Rakete vom Typ „Angara-A5“ oder „Angara-A5W“ vorgenommen werden.

Ein experimentelles veränderbares Modul wird auf der Grundlage von Vorarbeiten hinsichtlich der Gehäuse der ISS-Module entwickelt und wird ein Volumen von 30 Kubikmeter besitzen. Nachdem es in den Weltraum gebracht worden ist, wird seine elastische Hülle bis auf 100 Kubikmeter aufgeblasen. Die Einsatzdauer wird auf fünf Jahre geschätzt.

Was kann die RUDS behindern?

Es muss betont werden, dass die russische orbitale und Dienststation eine kreativ neudurchdachte und technisch vollkommenere Rückkehr zur Idee der „Mir-2“-Station ist. Die Stationierung von „Mir-2“ sollte auch auf hohen Erdumlaufbahnen erfolgen. Dies hätte erlaubt, vollkommen das russische Territorium und aus wirtschaftlicher Sicht besonders interessante Regionen der Arktis zu beobachten.

Andererseits ist eine polare Erdumlaufbahn aus der Sicht des Transports von Nutzlast am unvorteilhaftesten. Den Trägerraketen hilft hier in keiner Weise die Erdrotation. Außerdem ist in den polarnahen Gebieten die kosmische Strahlung am stärksten. Die Strahlungsbelastung für die Kosmonauten wird hier dreimal größer als auf der Umlaufbahn der ISS sein.

Um eine lange Einwirkung der radioaktiven Strahlung auf die Besatzung zu vermeiden (auch für eine Einsparung von Mitteln), wird die neue Station keine bewohnte, sondern eine zeitweilig besetzte sein. Das heißt, die RUDS wird sich zeitweise in einem unbemannten Regime befinden. Folglich wird man wahrscheinlich auch keine Touristen zu ihr bringen werden. Im Ergebnis dessen wird Roskosmos Millionen Dollar weniger einnehmen, die die Beförderung von Touristen zur RUDS beschert hätten.

Nach wie vor gelten US-amerikanische Sanktionen gegen eine Reihe von Roskosmos-Unternehmen, unter denen das Raketen- und Raumfahrtzentrum „Progress“ Samara und das Zentrale Forschungsinstitut für Maschinenbau sind. Dies bedeutet, dass die entsprechenden amerikanischen Unternehmen spezielle Lizenzen für den Export, Reexport oder die Weitergabe von Erzeugnissen an die Firmen der „Schwarzen Liste“ bei der Zusammenarbeit hinsichtlich der RUDS erhalten müssen.

Was das Wissenschafts- und Energie-Modul angeht, dass der Raketen- und Weltraumkonzern „Energia“ fast zehn Jahre lang für die ISS baute, so hat es einen wesentlichen Mangel: Es hat nur einen aktiven Ankopplungsstutzen. Und sein Hinterteil, an dem die Solarzellen, das Kühlsystem, die Antriebsaggregate und Treibstofftanks montiert sind, ist nicht hermetisch. Daher wird das Modul mit zwei Kajüten für Kosmonauten nachgerüstet, ausgetaucht wird der aktiven Ankopplungsstutzen durch einen passiven. Überarbeitet werden gleichfalls die Systeme zur Steuerung der Bewegung und Navigation, zur Lenkung, für die Telemetrie, die Nachrichtenverbindungen und zur Gewährleistung des Wärmeregimes. Im Modul sind Bordfenster vorgesehen, was seine Festigkeit und Stabilität verringern kann. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass in dem Wissenschafts- und Energie-Modul nicht auch jegliche Defekte auftreten werden, wie dies beim „Nauka“-Modul der Fall war, das jüngst an der ISS angekoppelt worden ist.

Am 23. April 2021 teilte Dmitrij Rogosin mit, dass der Start des Moduls Ende des Jahres 2025 erfolgen werden. Oder auch nicht. Die Sache ist die, dass im gegenwärtigen Föderalen Kosmos-Programm keine Finanzierung für das Wissenschafts- und Energie-Modul in den Jahren 2022-2023 vorgesehen worden ist. Derzeit erfolgen alle Arbeiten mit diesem Modul nur im Rahmen der früher für den Konzern „Energia“ bereitgestellten Mittel. Im Jahr 2012 waren für die Entwicklung und den Bau des Wissenschafts- und Energie-Modul 15,15 Milliarden Rubel aus dem föderalen Haushalt bereitgestellt worden. Es ist aber unbekannt, ob von dieser Summe etwas übriggeblieben ist. Und wenn die früher dem „Energia“-Konzern bereitgestellten Mittel ausgehen, so wird man für die Fortsetzung der Arbeiten an dem neuen Modul nirgends neue Gelder auftreiben können.

Derzeit steht im Raketen- und Weltraumkonzern „Energia“ nur das Gehäuse eines Flugexemplars des Wissenschafts- und Energie-Moduls, das im Raketen- und Weltraumzentrum „Progress“ angefertigt wurde. Verlegt werden Rohrleitungen für das System der Wärmeregulierung, vorbereitet werden dynamische Modell für Tests. Außerdem muss man das bestehende Modul aus einem Lager und Labor in ein Steuerzentrum der künftigen Station verwandeln, es zu einem für das Leben der Kosmonauten geeigneten machen. Und da kommt man ohne eine sanitäre Schlammeindickungsanlage – oder salopp gesagt: ohne eine Toilette – nicht aus.

Und das Wichtigste: Den Vorschlag zum Bau einer RUDS ist durch Russlands Präsidenten Wladimir Putin noch nicht gebilligt worden. Und wenn er dies nicht absegnet, wird sich dieses Vorhaben als ein erneutes phantastisches Projekt der russischen Staatsbeamten erweisen.

Außerdem billigen nicht alle Experten den Bau einer russischen orbitalen und Dienststation. So bekundete das korrespondierende Mitglied der Russischen K.-E.-Ziolkowskij-Akademie für Raumfahrt Andrej Ionin die Meinung, dass die Schaffung einer eigenen Raumstation durch Russland ungeachtet des vorhandenen technischen Vorlaufs kein praktisches Ziel habe und lediglich zu ungerechtfertigten Ausgaben führe. Der Bau einer nationalen Station könne insgesamt bis zum Jahr 2030 fünf bis sechs Milliarden Dollar kosten.

Wie Wladimir Solowjow erklärte, werde zur Hauptaufgabe der russischen Orbitalstation „die Durchführung medizinisch-physiologischer Experimente in Gebieten mit dem geringsten Schutz vor dem aggressiven kosmischen Umfeld“. Und dies bedeutet, dass die russischen Kosmonauten wieder einem erhöhten Risiko mit einem unvorhersehbaren Ergebnis ausgesetzt werden. Folglich weiß keiner, ob der Bau der RUDS ein Bluff ist oder zur letzten Hoffnung Russlands im Kosmos wird.